05.12.2011

ARCHÄOLOGIEPuzzle im Schutt

Ausgräber haben bislang unbekannte Bruchstücke des „Löwenmenschen“ entdeckt. Verkörpert die 35 000 Jahre alte Statue in Wahrheit eine Schamanin mit drallen Brüsten?
Mit einer Handhacke wühlte sich der Geologe Otto Völzing am 25. August 1939 bei Schummerlicht durch die Kulturschichten tief im Innern der Stadelhöhle (Schwäbische Alb). Er stieß auf Flintsteine und Essensreste von Urmenschen.
Plötzlich schlug er auf Hartes - eine Statuette zersplitterte.
Eilig wurden die Trümmer in eine Kiste verpackt und die - von der SS finanzierten - Arbeiten noch am selben Tag beendet. Alles musste schnell gehen. Völzing hatte seine Einberufung erhalten. Der Zweite Weltkrieg stand bevor.
30 Jahre lang lagen die Teile unbeachtet herum. Dann fügte man sie zu einer der eindrucksvollsten Skulpturen der Altsteinzeit zusammen.
Der "Löwenmensch", hergestellt aus dem Stoßzahn eines Mammuts, ist knapp 30 Zentimeter hoch. Sein Schöpfer polierte ihn mit Spucke und Leder. Ein Archäo-Experiment erbrachte, dass die Schnitzerei etwa 320 Stunden dauerte.
Kopien des berühmten Kleinods aus der Eiszeit stehen heute in New York und Tokio. Das Original ist allerdings schwer beschädigt, niemand kennt sein genaues Aussehen.
Der Grund: Wegen des eiligen Abbruchs der Vorkriegsgrabung wurden viele Splitter in der Höhle übersehen. Ihre jetzige Gestalt erhielt die Plastik im Jahr 1988. Sie besteht aus 220 Teilen. Rund 30 Prozent des Korpus aber fehlen. Die Oberfläche ist großflächig abgeplatzt.
Dadurch wurde vieles ins Rätselhafte entrückt: Ist hier ein Fabelwesen dargestellt? Oder ein Zauberer, der sich unter einem Fell versteckt? Die sechs Streifen am linken Oberarm werden als wulstige Ziernarben oder Kennzeichen gedeutet. Nur, was stand auf dem rechten, fehlenden Arm?
Auch das Geschlecht ist unkenntlich geworden. Der Prähistoriker Joachim Hahn deutete das Plättchen am Unterleib als "Penis in hängender Lage". Die Paläontologin Elisabeth Schmid stufte es als Schamdreieck ein.
Damit eröffnete die Forschung in den achtziger Jahren eine erbitterte Balgerei um das Geschlecht des kleinen Götzen, die bis heute anhält. Die Statue sei zu einer "Ikone der Frauenbewegung" aufgeplustert worden, klagt Kurt Wehrberger vom Ulmer Museum, dem Eigentümer der Kostbarkeit.
Für die Damenriege steht fest: Die Urzeit war ein Matriarchat und Eva eine Amazone. Statt artig am Grill zu stehen und die Kinder zu hüten, hätten die Frauen Mammuts gejagt und auch in Sachen Kult und Priestertum den Ton angegeben. Nur, stimmt das auch?
Entschieden ist die Debatte bis heute nicht. Doch das könnte sich ändern: Es sind neue Trümmer vom "Löwenmenschen" aufgetaucht.
Gezielt wurde der Abraum in der Stadelhöhle noch einmal durchstöbert. Der gesamte Altschutt von 1939 sei "durchgesiebt" worden, erklärt der Ausgräber Claus-Joachim Kind. Dabei habe man sensationelle Beute gemacht: "Wir fanden rund tausend Teile, die mutmaßlich zur Statue gehören."
Fitzelchen sind darunter, nur wenige Quadratmillimeter groß, aber auch fingerlange Fragmente.
In den nächsten Wochen wird die Figur ins Landesdenkmalamt nach Esslingen gebracht und komplett zergliedert. Die alten Klebestellen werden gelöst und die als Platzhalter dienende Füllmasse aus Bienenwachs und Kreide entfernt.
Sodann beginnt eine mit Spannung erwartete Pusselei. Kind hofft: "Das geheimnisvollste Kunstwerk aus Baden-Württemberg wird uns bald in seinem ursprünglichen Erscheinungsbild gegenübertreten."
Schon jetzt ist klar, dass das Idol um einige Zentimeter wachsen wird - das zeigen neue Trümmer vom Hals. Das Loch am Rücken kann gestopft werden, der rechte Arm liegt in Gänze vor. Sicher ist auch: Auf der Figur prangten einst weitere Punkte und seltsame Striche.
Damit gewinnt die Vorstellungswelt jenes Ur-Künstlers an Schärfe, der das Bildnis vor rund 35 000 Jahren schuf. Seine Vorfahren waren kurz zuvor nach Europa eingewandert - bis dahin ein Herrschaftsgebiet der Neandertaler.
Die Statue lag neben Feuerspuren in einer Nische 27 Meter vom Höhleneingang entfernt. Kind fand dort einen verzierten Hirschzahn, Beißer vom Eisfuchs sowie Elfenbeinperlen. Es könnten Reste eines Schmuckgewands sein. Vielleicht war die Nische die Umkleidekabine eines Schamanen.
Dass sich in der Urzeit Zauberer mit Fellen kostümierten, um am Lagerfeuer Riten zu feiern, gilt als wahrscheinlich. Mischwesen aus Tier und Mensch sind auch von Felszeichnungen in Frankreich bekannt.
Die Magier schlüpften offenbar bevorzugt unter die Haut von gefährlichen Vertretern der Eiszeitfauna. Der Höhlenlöwe wog über 250 Kilo. Ein Prankenhieb - und Fred Feuerstein war ein Fall für den
Wunderheiler. In einer Höhle am Fuße
der Pyrenäen ist ein Mensch mit einer Art Musikinstrument abgebildet. Er hat sich das Fell eines Bisons übergeworfen. Auch mit diesem 800-Kilo-Koloss war nicht zu spaßen. Womöglich wollten sich die Jäger die Stärke der Tiere aneignen und sich durch Maskerade und Tanz ihrer Seele bemächtigen.
Wie derlei Tamtam ablief, lassen alte Berichte über sibirische Naturvölker erahnen. Deren Schamanen trugen noch bis in die Neuzeit Geweihe auf dem Kopf. Ähnliches ist von den Schwarzfuß-Indianern überliefert. Ihre Heiler hüpften zu Trommelklang berauscht unter Bärenhäuten umher.
Der "Löwenmensch" steht auf Zehenspitzen. Auch er scheint zu tanzen.
Nur, wer steckt unter dem Umhang? Seit je gilt der Leu als Sinnbild für Mut und Kraft - Tugenden des Mannes. Im Amazonasgebiet oder in Australien gibt es bis heute Schamanen. Meist sind es Kerle.
Andererseits weist die Statuette Merkmale auf, die stutzig machen. Der Nabel, ein Symbol für Geburt und Gebären, ist überdeutlich zu sehen. Über den Unterleib verläuft eine quere Bauchfalte, typisch weiblich.
Die Vorgeschichtlerin Schmid ging davon aus, dass die Figur einst Brüste hatte, die abplatzten; auch der Übergang von den Oberschenkeln zum Po deute auf einen Frauenkörper hin. Auf eigene Faust bastelte sie ein Modell aus Plastilin, das heute im Panzerschrank in Ulm liegt. Es zeigt den "Löwenmenschen" mit üppiger Oberweite.
Zwar lehnten viele Gelehrte den schrillen Nachbau damals als unsinnig ab. Doch zumindest einen Beleg gibt es. In der spanischen Grotte von Las Caldas kam das Bildnis eines 14 000 Jahre alten Tiermenschen zutage, der eindeutig weiblich ist. Oben sieht er aus wie ein Steinbock, unten hat er eine Vulva.
Gab es einst also doch Schamaninnen? Lag die Religion unserer Urahnen in der Hand der Frauen? Die neuen Funde können das Problem endlich lösen. Hunderte Elfenbein-Splitter gilt es zusammenzufügen. Am Ende, so die Schätzung, wird die Statue 20 Prozent mehr Originalmasse besitzen.
Und auch im Bereich der Genitalien sieht der Trümmerbestand gut aus, wie einer der Ausgräber versichert: "Das Geschlecht kriegen wir raus."
(*) Nachbau der Paläontologin Elisabeth Schmid.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 49/2011
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