12.12.2011

EXTREMISMUS

Schwarze Flecken

Von Brandt, Andrea; Dahlkamp, Jürgen; Popp, Maximilian; Ucta, Ufuk

Jahrelang wurden Angehörige der Opfer des Neonazi-Terrors zu Unrecht verdächtigt. Noch immer kämpfen sie um Anerkennung, einige wollen nun Deutschland verlassen.

Sie sagten, der Vater sei krank. Er habe Streit gehabt mit Kunden und sei nun im Krankenhaus. Semiya Şimşek glaubte den Verwandten nicht. Der Vater war ein lieber Mann, er hatte nie Streit. Der Vater, sagt sie, war auch ein starker Mann, er war nie krank.

Semiya Şimşek erinnert sich, wie sie damals als 14-Jährige durch den Flur im Nürnberger Krankenhaus irrte, um ihren Vater zu suchen, der auf der Intensivstation lag, bewusstlos, nachdem ihm wenige Stunden zuvor zwei Fremde Kugeln in den Kopf gejagt hatten. Ein Polizist hielt sie fest. Sie dürfe jetzt nicht zu ihrem Vater, zunächst müsse er sie vernehmen. "Wurde dein Vater bedroht?", fragte er. "Besaß er Waffen?" Şimşek schüttelte den Kopf. Er hatte ein Messer, um die Blumen zu schneiden, Feinde habe er nie gehabt.

Zur gleichen Zeit wurde Adile Şimşek, Semiyas Mutter, mehrere Stunden auf der Polizeistation verhört. Die Beamten wollten wissen, ob sie Ärger mit ihrem Mann gehabt habe, ob sie von einer Geliebten wisse. Die Frau brach in Tränen aus. Ihr Ehemann lag im Sterben, doch die Polizisten ließen sie nicht zu ihm, weil sie die Türkin des Mordes verdächtigten. Sie soll gemeinsam mit einem Onkel ihren Ehemann aus Habgier erschossen haben. Ausgerechnet sie, die ihr ganzes Leben an der Seite dieses Mannes verbracht hatte, die ihn noch immer so liebte wie an dem Tag, als sie sich in einem Dorf im Süden der Türkei kennengelernt hatten.

Semiya Şimşek sitzt in der Küche ihrer Wohnung im hessischen Friedberg. Aus dem Mädchen von damals ist eine junge Frau geworden. Elf Jahre sind vergangen, seit ihr Vater hingerichtet wurde. Genauso lange hat es gedauert, bis die Polizei vor fünf Wochen durch einen Zufall die Täter ermittelte. Nicht die Ehefrau hatte ihn ermordet, auch kein türkischer Drogendealer, wie die Fahnder zwischenzeitlich mutmaßten. Enver Şimşek, Blumenhändler, Vater zweier Kinder, bei seinem Tod 38 Jahre alt, fiel am 9. September 2000 einer neonazistischen Killer-Bande zum Opfer.

Jahrelang zogen die Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos mordend durch Deutschland, ohne dass sie entdeckt wurden. Enver Şimşek war ihr erstes Opfer. Neun weitere folgten. Bis sich die beiden Neonazis am 4. November 2011 das Leben nahmen. Über die Täter hat Deutschland seither viel erfahren, über die Opfer zu wenig.

Semiya Şimşeks Hände zittern. "Ihr alle habt uns schuldig gesprochen: Polizei, Medien, Gesellschaft." Anderthalb Jahre lang verdächtigten die Ermittler Semiyas Mutter. Sie vernahmen Nachbarn, fragten Verwandte aus. Die Eltern des Opfers brachen den Kontakt zur Familie ab. Sie misstrauten der Schwiegertochter.

Im Juni 2001 wurden zwei weitere Türken ermordet, in Nürnberg und in Hamburg. Wie schon bei dem ersten Anschlag benutzten die Täter auch dieses Mal eine Ceska-Pistole. Die Ermittler schlossen daraus, dass zwischen den Morden ein Zusammenhang bestehen müsse. Womöglich ein Milieuverbrechen.

Polizisten durchsuchten die Wohnung der Şimşeks nach Waffen. Enver kaufte jede Woche in Holland Blumen. Die Fahnder vermuteten, er könne das als Vorwand benutzt haben, um Drogen zu schmuggeln. Sie rückten mit Spürhunden an. Die Nachbarn begannen, über die Şimşeks zu reden. In der Schule hieß es, Semiya sei die Tochter eines Dealers. "Die Polizisten wissen gar nicht, was sie meiner Familie angetan haben", klagt sie.

Anhaltspunkte für eine Beziehung mancher Opfer zu türkischen Gangstern gab es nur wenige. Haben sich die Ermittler von Vorurteilen über Deutschtürken leiten lassen? Viele Medien, auch der SPIEGEL, vermuteten türkische Kriminelle hinter den Taten.

Wenn in diesem Land tatsächlich der Eindruck herrsche, die Türken seien ein so barbarisches Volk, dass sie sich gegenseitig einfach so ermorden, sagt der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu im SPIEGEL-Interview, ja dass sie das wegen eines Döner-Geschäfts oder eines Drogendeals gewohnheitsmäßig machen, dann sei dieses Vorurteil gefährlicher als jeder rassistische Terrorist.

Ali Taşköprü war gerade in der Türkei, am Sterbebett seiner Mutter, als die Nachricht kam, auf die er so lange gewartet hatte: Es waren Neonazis, die seinen Sohn Süleyman am 27. Juni 2001 in einem Hamburger Gemüseladen ermordet hatten. Nach zehn Jahren hatte er nun die Gewissheit, aber die Meldung wühlte alles noch einmal in ihm auf: wie sich die Familie gegen Gerüchte zur Wehr gesetzt hatte. Wie dieser Schatten über ihr gehangen hatte. Jetzt endlich löste der Schatten sich auf. Es waren die Rechten. Als Alis Mutter das hörte, lächelte sie; zwei Stunden später war sie tot.

Die drei Schüsse auf Süleyman haben Alis Leben zerstört, haben es durchsetzt mit Misstrauen, Angst, Enttäuschungen, haben es zersetzt. Am Tag, als der Mord passierte, kam ein Streifenpolizist in den Laden. Er trank einen Kaffee mit Süleyman, dann sagte der Polizist noch, er solle doch den Wagen draußen wegfahren, der sei falsch geparkt. Also nahm der Vater das Auto, er musste ohnehin noch ein paar Dinge für das Geschäft besorgen. Nur 20, 30 Minuten.

Als er zurückkam, sah er einen schwarzen Fleck auf dem Boden. Vielleicht, dachte er, war da ein Glas heruntergefallen, ausgelaufen. Dann sah er Süleyman und begriff, dass der schwarze Fleck eine Blutlache war. Ali Taşköprü drückte seinen Sohn an die Brust, Süleyman sah ihn an, er lebte noch, er wollte noch etwas sagen, aber er konnte nicht mehr sprechen. Kurz danach starb er im Alter von 31 Jahren.

Ali Taşköprü stand unter Schock, trotzdem musste er sofort mit auf die Polizeiwache kommen, wurde stundenlang vernommen. Später wollten die Beamten wissen, ob sein Sohn in kriminelle Machenschaften verwickelt war. Taşköprü fühlte sich als doppeltes Opfer: erst den Sohn verloren, jetzt auch noch die Ehre der Familie beschmutzt.

Andere Türken, gute Freunde der Taşköprüs, fragten immer wieder nach. Ob da nicht doch etwas gewesen sei, bei Süleyman, die Zeitungen schrieben das doch immer. Bis Vater Ali die Verbindung abbrach. "Diese Leute haben mir nicht geglaubt. Ich werde mich deshalb mit ihnen nie wieder an einen Tisch setzen, nie wieder ein Wort mit ihnen reden."

Die Neonazi-Morde haben neues Misstrauen geschaffen. "Es gibt so viele offene Fragen", sagt Semiya Şimşek, die Tochter des ersten Opfers. Als sie beim Bundeskriminalamt anrief, um mehr zu erfahren, antworteten die Beamten, sie möge Zeitung lesen.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe immerhin hat den Familien psychologische Betreuung versprochen. Şimşek arbeitet als Erzieherin in Frankfurt am Main. Im Sommer will sie wie ihre Mutter in die Türkei auswandern. Sie sagt, sie fühle sich in Deutschland nicht mehr wohl. Zwar hätten sich inzwischen Bekannte für die Verdächtigungen entschuldigt. Doch über ihre Gefühle könne sie nur mit wenigen reden.

Sie telefoniert nun häufig mit Gamze Kubasik, einer Pharmazie-Studentin aus Dortmund. Die beiden Frauen kennen sich kaum, doch etwas verbindet sie: Auch Kubasiks Vater Mehmet wurde von den Zwickauer Neonazis ermordet. Auch sie musste lange mit falschen Anschuldigungen leben. Am Tag nach dem Mord wurde Gamze Kubasik acht oder neun Stunden lang vernommen. Sie und ihre Geschwister mussten Speichelproben und Fingerabdrücke abgeben. "Wir fühlten uns wie Verbrecher", sagt sie.

Ihre Mutter Elif, die im selben Haus wie die Tochter wohnt, hat die Tragödie um ihre Familie bis heute nicht verwunden. Seit im Fernsehen die Bilder der Mörder zu sehen sind, kann sie nur noch mit Hilfe von Tabletten schlafen. Sie versucht sich abzulenken, indem sie die Wohnung putzt, immer wieder. Sie schrubbt das Parkett, poliert die Lampen. Doch sie kann die dunklen Gedanken nicht wegwischen wie Staub. Hätten die Beamten genauer ermittelt, glaubt sie, hätten sie also einen rechtsradikalen Hintergrund sorgfältiger geprüft, wäre Mehmet noch am Leben. "Deutschland hat meinen Mann umgebracht."


DER SPIEGEL 50/2011
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