12.12.2011

Kiffende Kampfmaschinen

BUCHKRITIK: Der US-Schriftsteller Don Winslow erzählt in dem Thriller „Zeit des Zorns“ die Geschichte von drei Dealern in Amerika.
Der erste Satz von "Zeit des Zorns", des neuen Romans des amerikanischen Thriller-Autors Don Winslow, hat nur zwei Worte: "Fickt euch." Der Rest der Seite ist weiß, man muss umblättern, um zu erfahren, wie es weitergeht.
Ein Angeberanfang, völlig klar. Hier wird nicht nur der Ton für die kommende Geschichte vorgegeben. Mit diesen zwei Worten sagt ein Autor auch: Ich kann das. Diese großspurige Lakonie, diese atemlos-aggressive Coolness? Ich kann sie durchhalten, einen ganzen Roman lang. Macht euch auf was gefasst. Dieses Buch wird euch umhauen.
Und so ist es dann auch.
"Zeit des Zorns" handelt von Ben, Chon und O, zwei Jungs und ei-nem Mädchen, die zusammen den Marihua-namarkt des südkalifornischen San Diego beherrschen. So nahe der Grenze kann das natürlich nicht gutgehen, ein mexikanisches Drogenkartell, das in den Norden expandieren will, macht ein Übernahmeangebot; als Ben und Chon ablehnen, wird O entführt, dann sprechen die Waffen.
Aber dieses Buch ist weit mehr als die Geschichte dreier Dealer, die eine Menge Geld gemacht haben und nun versuchen davonzukommen. Es ist amerikanischer Traum und Alptraum, zu gleichen Teilen Heldengesang und Geschichtsbuch.
Don Winslow, 58, ist einer der neuen Stars unter den amerikanischen Thriller-Autoren. Er hat auch eine dieser Biografien, die sich lesen, als seien sie erfunden: Privatdetektiv in New York, Touristenführer in China, Geldschmuggler in Südafrika. Heute lebt er eine Stunde von San Diego entfernt und schreibt.
Dort spielen auch viele seiner Romane. Es ist immer wieder die gleiche Szenerie, die er ausleuchtet: die mexikanische Drogenmafia, die ihre Finger nach Norden ausstreckt, das hedonistische Strandleben des weißen Kalifornien mit seinen Surfern und Slackern, die paranoiden Sicherheitsapparate der USA und der heißdrehende Immobilienmarkt, der sich um die wenigen schönen Strandgrundstücke am Pazifik entwickelt hat.
Winslow ist ein manischer Schreiber, mindestens einmal pro Jahr kommt ein neues Buch heraus, der Suhrkamp Verlag hat gerade die Rechte an seiner gesamten Backlist erworben, alle 15 Bücher werden auf Deutsch erscheinen. Mit "Tage der Toten" ist er im vergangenen Jahr auch in Deutschland bekannt geworden, einem fast 700-seitigen Meisterwerk über den sogenannten War on Drugs und seinen monströsen Preis.
Krieg ist in diesem Fall für Winslow mehr als nur eine Metapher, viele seiner Heldenfiguren haben eine Vergangenheit beim Militär, sind Ex-Soldaten verschiedenster Spezialeinheiten, die viel zu viele unverarbeitete Erinnerungen mit sich herumtragen.
In "Zeit des Zorns" ist es Chon, der im Krieg war, in Afghanistan, erst als Elitesoldat, dann als Angestellter einer privaten Sicherheitsfirma. Fast noch beunruhigender als die Dinge, die Chon dort erlebt hat, ist der Umstand, dass ihn keinerlei Gewissensbisse quälen. Was ihn nicht umbringen konnte, hat ihn nur effizienter gemacht: Chon ist eine kiffende Kampfmaschine, jedermanns Alptraum.
O, die eigentlich Ophelia heißt, entstammt dem neureichen südkalifornischen Taugenichtsmilieu und interessiert sich eigentlich für nichts anderes als Shoppen und Sex.
Ben, der Dritte im Bund, ist ein Hippie, der seine naturwissenschaftliche Begabung in die Erforschung und Züchtung ultrapotenter Marihuanasorten steckt und mit den Gewinnen aus dem Verkauf in Afrika Brunnen bauen lässt.
"Zeit des Zorns" wird gerade verfilmt, mit Uma Thurman, Salma Hayek und John Travolta, Regie führt Oliver Stone.
Was gut passt: Dieses Buch erzählt eine kaputte amerikanische Heldengeschichte. Ein Nerd, ein Veteran, ein Partygirl - das ist das Personal des modernen Amerika, es erzählt von der Selbstbezogenheit dieses Landes, aber auch von seiner Kreativität und seinem Willen, rücksichtslos Gutes tun zu wollen. Ein Land, dessen Menschen einen Hang haben, einfache Lösungen für komplexe Probleme zu suchen. Und am Ende liegen eine Menge Leichen in der Wüste.
Und doch lebt das Buch von der Coolness seiner Sprache. Immer wieder hackt Winslow Absätze in seinen Text, als seien die normalen Buchzeilen zu langsam für seinen rasenden Erzählfluss. Immer wieder springt er von Stimme zu Stimme. Immer wieder schafft er es, den Abkürzungs-Slang des Militärs zur Poesie zu erheben. Ein One-Liner folgt dem anderen.
"Fickt euch", so geht es los. "Wunderwunderschöne Wilde", so endet dieser Thriller.
Don Winslow: "Zeit des Zorns". Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch. Suhrkamp Verlag, Berlin; 352 Seiten; 14,95 Euro.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 50/2011
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