17.12.2011

Verführerischer Kredit

Von Dahlkamp, Jürgen; Feldenkirchen, Markus; Fröhlingsdorf, Michael; Kurbjuweit, Dirk; Müller, Peter; Röbel, Sven; Schwennicke, Christoph

Ist Präsident Wulff ein Täuscher? Vieles spricht dafür, dass er ein Darlehen von einem befreundeten Unternehmer bekommen hat und nicht von dessen Gattin. Der Hang zu Glamour könnte Wulff sein Amt kosten.

In besseren Zeiten, also vor etwa zehn Tagen, erlaubte sich der Präsident der Republik, ein bisschen über seine Zukunft nachzudenken, und er sah für sich eine große Zukunft. Er habe sich unlängst mit Roman Herzog getroffen, sagte er im kleinen Kreis am Rande einer Reise. Es war gerade gemütlich, und Christian Wulff war zufrieden, mit sich und der Welt.

Herzog, einst Bundespräsident und davor Richter am Bundesverfassungsgericht, habe ihn bei dem Treffen gefragt, ob er wisse, dass ein Bundespräsident in Deutschland drei Amtszeiten absolvieren könne. In Artikel 54 des Grundgesetzes sei zwar festgelegt, dass er nur zweimal fünf Jahre am Stück dem Land präsidieren dürfe. Aus juristischen Kommentaren aber lasse sich ableiten, was kaum einer wisse: dass nach einer Pause noch einmal fünf Jahre möglich seien. 15 Jahre Bundespräsident mit fünf Jahren Pause dazwischen - es war schwer auszumachen, was Wulff mehr genoss: die unverhoffte Aussicht oder das Erstaunen seiner Zuhörer.

Eine Woche später ist die Frage nicht mehr, ob Christian Wulff mit der Methode Putin in 18 Jahren noch Bundespräsident sein wird. Nun geht es darum, ob er nicht schon bald zurücktreten muss.

Nach SPIEGEL-Informationen hat er als Ministerpräsident von Niedersachsen den Landtag getäuscht. Im Februar 2010 wurde er von den Grünen gefragt, ob er geschäftliche Beziehungen zu seinem Freund Egon Geerkens unterhalte. Nein, ließ Wulff ausrichten. Aber plausibel ist diese Behauptung heute nicht mehr.

Wulff hat offiziell von Geerkens' Frau Edith einen Kredit über 500 000 Euro bekommen. In Wahrheit stammt das Geld jedoch von Egon Geerkens. Damit hat der heutige Bundespräsident als Ministerpräsident sein Parlament getäuscht. Ist das erträglich für dieses Land?

Der Bundespräsident hat eine moralische Instanz zu sein, und das ist seine Aufgabe: den Bürgern Halt und Orientierung zu geben. Er kann Politik auf eine schöne Art und Weise machen, ohne Machtkämpfe, ohne von den Menschen Opfer zu verlangen. Wenn er glaubwürdig und unbescholten ist, kann er eine gute, versöhnende Rolle spielen im System der Politik. Wenn er das nicht ist, zerstört er Vertrauen wie kein anderer.

Gerade vor der Wahl Wulffs im Juni 2010 wurde diskutiert, was ein Bundespräsident sein soll. Gegenkandidat von SPD und Grünen war damals der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck, ein Nichtpolitiker. "Der bessere Präsident" titelte der SPIEGEL (23/2010). Gauck galt als Mann, der frei war von den Verstrickungen und Deformationen, die das Leben eines Berufspolitikers mit sich bringen kann.

Aber Angela Merkel (CDU) entschied sich für den Parteifreund Wulff, entschied sich für klassische Politik. Nun bringt sie eine klassische Politikaffäre in die Klemme: Kungelei. Der Bundespräsident Wulff ist ein Produkt von Schwarz-Gelb, seine Krise ist damit eine Krise dieser Regierung, die ohnehin schwer gebeutelt ist durch die umstrittene Euro-Politik und nun auch noch durch den Rücktritt von FDP-Generalsekretär Christian Lindner (siehe Seite 32) .

Schon Merkels erster Bundespräsident kam ihr abhanden. Horst Köhler trat zurück, weil er die Kritik an seinen Einlassungen zu Afghanistan für unerträglich hielt. Ein glückliches Händchen hat die Bundeskanzlerin nicht mit ihren Präsidenten.

Die Affäre fällt ausgerechnet in eine Zeit, in der die Bundesregierung ganz Europa auf eine seriöse Schuldenpolitik verpflichten will. Rund um den Großkredit des eigenen Staatsoberhaupts wurde aber getrickst. Man kann da leicht zum Gespött der ganzen Welt werden. Der deutschen Glaubwürdigkeit hilft es jedenfalls nicht.

Es gab schon vor dieser Affäre Zweifel an Wulff. Er hat zunächst keine wirksamen Reden halten und der Politik keine Impulse geben können. Er hat auch schon in anderen Fällen ein zweifelhaftes Verhältnis zu Geldangelegenheiten an den Tag gelegt. Bislang war er kein besonders guter Präsident, aber nun erweist er sich auch als der falsche.

Er ist ein Aufsteiger, ein Mann, der seiner bescheidenen Herkunft in schnellen Schritten enteilt ist. Ein Spitzenpolitiker verkehrt in Kreisen, in denen das Gehalt eines Ministerpräsidenten oder das eines Bundespräsidenten mickrig wirkt. Manchen macht das nichts aus, andere wollen auch leben, was ihnen in diesen Kreisen vorgelebt wird.

Wulff hat sich verführbar gezeigt, er machte Urlaub in den Villen von Freunden, er wollte etwas von dem Luxus genießen, den sein Gehalt nicht hergibt. Freunde konnten ihm dazu verhelfen, Amigos, steinreich und hoch interessiert an der Nähe zur Politik.

Die Ministerpräsidenten Lothar Späth, Max Streibl und Gerhard Glogowski mussten zurücktreten, weil sie sich von Amigos hatten begünstigen lassen, genauso die Bundespolitiker Rudolf Scharping

und Cem Özdemir. Der Amigo ist der gefährliche Freund der Politik.

Wulff wusste das, konnte aber nicht widerstehen. Günstige Hauskredite sind eine große Verführung. Die Finanzkrise wurde von scheinbar günstigen Hauskrediten ausgelöst. Nun gilt dies auch für die Krise des Bundespräsidenten. Ein Hauskredit schafft Abhängigkeit, er kann eine ständige Sorge sein, da es meist um eine hohe Summe geht. Ein Politiker könnte geneigt sein, sich seinen Gläubigern gegenüber als dankbar zu erweisen. Deshalb ist ein Privatkredit bei einem Geschäftsmann eine Sache, die Politiker befangen machen kann.

Es geht im Fall Wulff nicht um eine Luxusvilla, es geht um ein Haus aus gelbem Klinker mit blauen Fensterrahmen in Großburgwedel bei Hannover, Baujahr 1987. Es wirkt eher wie ein Hort der Bürgerlichkeit, ein bisschen Platz, ein Garten für die Kinder, Eigentum, Sicherheit. Aber auch ein Haus wie dieses ist eine Statuserhöhung. Hauseigentümer sein - das zählt schon was. Wulff ging dafür den Amigo-Weg.

Dieser Weg begann spätestens im Jahr 1988. Wulff, damals Ratsmitglied der CDU im Osnabrücker Rathaus, hatte wenig Geld, dafür aber einen guten Freund, einen väterlichen Freund, Egon Geerkens, der in Osnabrück gerade eine Ladenpassage gebaut hatte. Geerkens als Freund zu haben war damals schon das Geld wert, das Wulff selbst nicht hatte: die Hochzeit wurde in Geerkens' Luxus-Penthouse gefeiert.

Geerkens, heute 67, war ein Freund von Wulffs Vater Rudolf und eine schillernde Persönlichkeit. Der gelernte Elektriker reparierte teure Unfallautos und handelte mit Antiquitäten, er verdiente viel Geld mit seinem Juwelierladen, noch mehr Geld mit Gewerbeimmobilien. Er war reich und zeigte es gern. Noch heute redet man in Osnabrück darüber, dass seine Badewanne, ein Riesending, mit einem Kran in das Penthouse über den Dächern der Stadt gehievt werden musste.

Geerkens war beeindruckt von dem jungen Wulff, der in die Politik ging und mehr sein wollte als ein Mitläufer. "Das fand ich einfach toll." Angeblich nur deshalb hatte Geerkens die Idee, Wulff für dessen Hochzeit das Penthouse zu überlassen, damit der Junge nicht in ein teures Lokal gehen musste. Dass Geerkens in der Stadt seine Geschäfte machte und Wulff damit als Stadtrat gelegentlich zu tun haben könnte, störte den jungen Aufsteiger offenbar nicht. Er nahm nicht nur Geerkens' Penthouse, sondern auch Geerkens als Trauzeugen.

Die Hochzeitsparty sei recht "dezent und stilvoll" abgelaufen, erinnert sich Geerkens' damalige Frau heute. Es seien Freunde und Familienangehörige gekommen. Mit dabei gewesen sein sollen der heutige CDU-Bundestagsabgeordnete Mathias Middelberg und Beate Baumann, die heutige Büroleiterin von Angela Merkel. Wer damals für Speisen und Getränke aufkam, will Egon Geerkens nach so langer Zeit nicht mehr sagen können.

Sein Gedächtnis wird ohnehin schwach, wenn es darum geht, ob er Wulff manchmal finanziell geholfen hat. "Nach 30 Jahren erinnere ich mich natürlich nicht mehr im Detail, ob ich ihm mal einen Orangensaft ausgegeben habe", wiegelt er ab. "Ich wäre aber immer da gewesen, wenn er mich gebraucht hätte."

Der Kontakt zwischen den beiden riss auch nicht ab, als Geerkens 2003 in die Schweiz zog und Wulff mehr und mehr in Hannover wohnte. 2008 begleitete Geerkens seinen Ziehsohn, der nun zum Ministerpräsidenten aufgestiegen war, auf einer Dienstreise nach Indien und China.

Wulff ließ ihn auch 2009 als Mitglied der Wirtschaftsdelegation mitreisen, als es nach Japan und in die USA ging. Und das, obwohl sich Geerkens damals immer mehr aus dem Geschäftsleben zurückzog. 2007 hatte er wegen einer schweren Erkrankung sein Schmuckgeschäft in Osnabrück geschlossen und die meisten Immobilien verkauft. Die Reisen, sagt Geerkens, habe er selbst bezahlt.

Ende 2010 kamen in Niedersachsen Gerüchte auf, wonach Wulff und seine zweite Ehefrau Bettina ihr neues Eigenheim in Großburgwedel zu Schnäppchenkonditionen ergattert hatten. Verkauft habe ihnen das Haus ein "mit Wulff befreundeter Unternehmer" - allerdings nicht Geerkens.

Der SPIEGEL beantragte daraufhin am 14. Dezember 2010 beim Amtsgericht Burgwedel die Einsicht ins Grundbuch, um zu klären, "ob beim Verkauf des Grundstücks marktgerechte Konditionen vereinbart worden sind und / oder ob die sonstigen Umstände des Erwerbsvorgangs Anlass geben, an der Seriosität des Geschäfts zu zweifeln", wie es in dem Antrag hieß.

Nur zwei Tage später verweigerte das Grundbuchamt Burgwedel die Akteneinsicht. Damit scherte sich das Amt nicht weiter um eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2000. Das hatte festgestellt, dass Journalisten in Grundbücher schauen dürfen, wenn sie in einem Fall von öffentlichem Interesse recherchieren. So wie hier.

Nach einer Beschwerde des SPIEGEL gegen eine Entscheidung des Amtsgerichts landete der Vorgang beim Oberlandesgericht Celle, das am 19. Januar 2011 den Beschluss teilweise aufhob und insgesamt sechs Zeilen aus dem Grundbuch übermittelte: Auf der Immobilie laste eine Grundschuld für die Eigentümer Christian Wulff und Bettina Wulff, "zu je einem halben Anteil". Weitere Angaben - etwa zur Höhe der Eigentümergrundschuld, zum Verkäufer des Hauses oder zum Kaufpreis - machte das Gericht nicht. Die "Privatsphäre der betroffenen Eigentümer" habe Vorrang.

Nun legte der SPIEGEL Beschwerde beim Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe ein, und der beendete die Blockade. Am 17. August wies der 5. Zivilsenat des BGH das Grundbuchamt Burgwedel an, dem Antragsteller "Einsicht in das Grundbuch und die Grundakten" zu gestatten - ganz so, wie es das Bundesverfassungsgericht vorgegeben hatte.

Dennoch sollte es bis zum 20. Oktober dauern, bis der SPIEGEL die Akte im Amtsgericht Burgwedel einsehen konnte. Die Informationen waren spärlich: Aus der Akte ging lediglich die Höhe der Eigentümergrundschuld hervor, 500 000 Euro. Außerdem liefert das Dokument Indizien für eine Finanzierung der 415 000 Euro teuren Immobilie durch die Stuttgarter BW-Bank. Anders als es gerüchteweise hieß, handelte es sich bei dem Verkäufer auch nicht um einen mit Wulff befreundeten Unternehmer. Der Name Geerkens tauchte nirgendwo auf. Der Kauf schien sauber abgelaufen zu sein.

Durch das vom SPIEGEL erstrittene Einsichtsrecht hatten natürlich auch andere Medien Zugriff auf die Akte. Die "Bild"-Zeitung fragte bei Wulff nach, wer den Grundstückskauf finanziert habe. Das Präsidialamt lüftete am vorvergangenen Donnerstag den Schleier: Edith Geerkens, die Gattin von Wulffs Freund.

Das neue Haus in Großburgwedel sollte 2008 die Heimat für das neue Leben des Christian Wulff werden. Er hatte seine Frau Christiane verlassen und war mit seiner neuen Liebe Bettina Körner ins Philosophenviertel in Hannover gezogen, allerdings nur in eine Mietwohnung. Die Scheidung von seiner Frau, die während der Ehejahre nicht in ihrem Beruf als Rechtsanwältin gearbeitet hatte, war teuer. Entsprechend knapp war das Eigenkapital für ein neues Haus. Zwar besitzt Wulff eine Tankstelle in Westerkappeln, die zur "Westfalen"-Kette gehört; die hat er von seinem Vater geerbt, und er hätte sie nun verkaufen können. Andererseits bringt sie gutes Geld, angeblich um die tausend Euro im Monat. Das hätte wehgetan.

Da hatte das Ehepaar Geerkens eine Idee, von der beide Seiten profitieren könnten. Die Geerkens suchten eine sichere Geldanlage, was 2008 nicht so einfach war. Die Bankenkrise schwelte bereits, im September ging Lehman Brothers pleite. Damals wusste man "doch nicht, wem man eigentlich noch Geld leihen konnte", erinnert sich Geerkens.

Deshalb seien sie sich schnell mit Wulff einig geworden: ein Privatkredit, vier Prozent Zinsen, Laufzeit fünf Jahre, ohne Zweckbindung. Die Geerkens hatten damit einen verlässlichen Schuldner und bekamen mehr Zinsen als für Festgeld bei der Bank. Wulff konnte sich über günstigere Konditionen als bei den Banken freuen, sogar ohne eine Sicherheit stellen zu müssen. Auf dem Markt waren damals für vergleichbare Kredite mehr als fünf Prozent Jahreszins üblich. Ende Oktober unterschrieben Wulff und seine Ehefrau den Darlehensvertrag; von den Geerkens zeichnete nur Edith, nicht Egon.

Aber macht das einen großen Unterschied? Als Egon Geerkens Anfang der Neunziger die 18 Jahre jüngere Kauffrau Edith in seinem Schmuckgeschäft einstellte, war er schon ein reicher Mann. Kurz danach begann eine Beziehung zwischen den beiden, sie wurde schwanger und seine neue Ehefrau. Ein nennenswertes Vermögen brachte sie nicht in die Partnerschaft ein, Gütertrennung wurde vereinbart. Vieles spricht dafür, dass der eigentliche Kreditgeber doch der Ehemann war. Wie Egon Geerkens bei den Transaktionen seiner Frau Regie führt, zeigt ein anderes Immobiliengeschäft des Paares. Im Januar 2008 kaufte Edith Geerkens für knapp eine Million Dollar ein Haus in Coral Springs in Florida. Doch das Geld dafür hatte ihr Egon Geerkens vorher geliehen, verbrieft durch einen notariellen Darlehensvertrag in der Schweiz.

Dreimal sprach der SPIEGEL in dieser Woche ausführlich mit Egon Geerkens, und eigentlich, so Geerkens, wolle er zu seinen Vermögensverhältnissen und denen seiner Frau nichts sagen. Um es dann aber doch zu tun. Er bestreitet, dass es im Fall Wulff genauso gelaufen sei wie bei dem Haus in Florida. Nein, kein Darlehen an seine Frau, das die dann an Wulff weitergereicht hätte. Mit dem Geld für Wulff habe er nichts zu tun. "Das stammt von meiner Frau", versichert er.

Andererseits sagt Geerkens auch, dass man in der Schweiz ganz einfach Geld vom eigenen Konto auf ein anderes schieben könne. "Da ist eine Vermögensübertragung unter Ehepartnern ohne steuerliche Auswirkungen möglich." Gehörte das Geld anfangs also doch ihm, und er hat es seiner Frau geschenkt, damit sie Wulff ein Darlehen geben konnte? Denn woher sonst hätte seine Frau eine solche Summe haben sollen?

Wenn Egon Geerkens in den verschiedenen Gesprächen mit dem SPIEGEL von der Wulff-Transaktion sprach, sagte er nie "meine Frau", immer nur "ich". "Ich habe mit Wulff verhandelt", "ich habe mir überlegt, wie das Geschäft abgewickelt werden könnte", "ich bin der Freund von Wulff". Nein, seine Frau sei keine direkte Freundin von Wulff, sie sei in seiner Freundschaft zu Wulff eher familiärer Anhang.

Wie es zur Geldübergabe kam, unterschied sich von Gespräch zu Gespräch, in Nuancen allerdings nur. Beim ersten Mal betonte Geerkens, seine Frau habe das Geld aus der Schweiz auf sein eigenes Konto bei der Stadtsparkasse Osnabrück überwiesen. Später korrigierte er die Darstellung und behauptete, seine Frau habe das Geld auf ihr Konto in Osnabrück eingezahlt. Entscheidend ist das alles nicht, da Geerkens einräumt: Beide Ehepartner besitzen bei all ihren Konten uneingeschränkte Vollmacht, also auch er für Edith Geerkens' Konto in Osnabrück.

Verschiedene Varianten lieferte er auch zu der Frage, wie das Geld letztlich zu den Wulffs gelangt sei. Er - nicht seine Frau - habe die Bank veranlasst, einen Bundesbankscheck über die Kreditsumme auszustellen, sagte er zunächst. Den habe er Wulff persönlich überbracht. In einem späteren Gespräch wollte er sich nicht mehr daran erinnern können, wer letztlich veranlasst habe, den Scheck auszustellen. Vielleicht sei er auch mit der Post an Wulff geschickt und nicht übergeben worden.

Eindeutig ist immerhin, weshalb überhaupt das Geld per Scheck ausgehändigt wurde. Auf dem Papier sind weder Geldgeber noch Empfänger zu sehen: "Wulff und ich sind beide sehr bekannt in Osnabrück. Und ich wollte nicht, dass irgendein Bank-Azubi sieht, dass so viel Geld von mir an Wulff fließt." Von mir. Nicht von Edith.

Im Februar 2010 wurde Christian Wulff, damals noch Ministerpräsident, im Landtag von Niedersachsen gefragt, ob er mit Egon Geerkens oder "irgendeiner Firma, an der Herr Geerkens als Gesellschafter beteiligt" war, eine Geschäftsbeziehung unterhalte. "Nein", war die Antwort, die das zuständige Fachreferat in der Staatskanzlei ausgefertigt und er abgenickt hatte.

Kurz darauf besorgte Wulff sich einen Kredit bei der BW-Bank und zahlte den Geerkens das Geld zurück. Laut Egon Geerkens auf ein Konto, das wiederum ihm und seiner Frau gemeinsam gehört.

Heute sieht es so aus, als habe es Wulff damals mit der Angst zu tun bekommen. Am Donnerstag allerdings, nachdem er tagelang geschwiegen hatte, widersprach er diesem Eindruck. In einer schriftlichen Erklärung behauptete der Bundespräsident, er habe schon "im Dezember 2009 - also vor den Anfragen im niedersächsischen Landtag - Gespräche mit einem Privatkundenberater der BW-Bank aufgenommen".

Wulff räumte zwar ein, dass bei der Beantwortung der Anfrage ein "falscher Eindruck" habe entstehen können. "Ich bedauere das", so Wulff, es wäre besser gewesen, wenn er "auch diesen privaten Vertrag mit Frau Geerkens erwähnt hätte". In der Sache habe er aber "nichts zu verbergen". Dass er den Kredit "bei Frau Edith Geerkens" aufgenommen habe, begründete Wulff mit "einer langjährigen und persönlichen Freundschaft" zu ihr.

Seine Glaubwürdigkeit rettet das nicht. Wulff kannte die Geerkens so gut, dass ihm nicht entgangen sein kann, woher das Geld nach aller Lebenserfahrung gekommen sein muss. Und ein Kredit ist eine geschäftliche Beziehung. Wulff hat das Parlament also getäuscht.

Ein günstiger Kredit von einem guten Freund passt zu Wulffs sonstigem Gebaren. Im Weihnachtsurlaub 2009 war er mit seiner Familie nach Florida geflogen, ins Haus der Geerkens in Coral Springs. Wie der SPIEGEL kurz darauf berichtete, hatte Wulff ein kostenloses Upgrade in die Businessclass bekommen. Das hatte der damalige Air-Berlin-Chef Joachim Hunold persönlich abgesegnet: "Festpreis ok lt. J. Hunold". Hunold hatte die Wulffs zuvor bei mehreren Gelegenheiten getroffen. Wulff erklärte damals, sein Büro sei drei Tage vor dem Abflugtermin am 20. Dezember von Air Berlin über ein kostenloses Upgrade unterrichtet worden. Er selbst habe aber erst am Abflugtag davon erfahren, zu spät, um noch etwas zu ändern.

Als der SPIEGEL Wulff zu seinem Upgrade befragte, räumte er seinen Fehler schnell ein. Er erstattete 3056 Euro an die Fluggesellschaft, die Differenz zwischen Economy- und Business-Tickets.

Doch es dauerte nicht lange, bis klar war, dass Wulff zwar gestanden, aber nichts verstanden hatte. Denn schon den ersten Fauxpas als Bundespräsident leistete er sich wieder mit einer Urlaubsreise, nach Mallorca, in eine Villa bei Port d'Andratx. Wulff hatte sein Domizil für den Familienurlaub im Sommer 2010 auch diesmal nicht über ein Reisebüro buchen lassen; stattdessen galt für ihn wieder, dass ein Freund, ein guter Freund, das Beste ist, was es gibt auf der Welt.

Vom 15. bis zum 26. Juli residierte er mit Frau und Sohn in einem Appartement, das zum Luxus-Anwesen von Carsten Maschmeyer gehört, dem Gründer des Finanzdienstleisters AWD. Mit ihm und dessen Lebensgefährtin, der Schauspielerin Veronica Ferres, ist das Ehepaar Wulff seit einigen Jahren eng verbandelt. Schon dass sich Wulff bei seinem Freund Maschmeyer einquartierte, ließ erkennen, wie wenig ihn offenbar kümmert, was ein Spitzenpolitiker besser tut und besser lässt. Denn Maschmeyer ist umstritten; bevor er seine Firma schrittweise verkaufte, galt der Multimillionär als Einpeitscher eines Strukturvertriebs, der mitunter die eigenen Provisionen mehr im Blick gehabt haben soll als das Wohl der Anleger.

Nun stellt sich auch noch die Frage, ob Wulff für den Fünf-Sterne-Urlaub ursprünglich gar nichts zahlen wollte. Denn Maschmeyer, so berichtete es die "Süddeutsche Zeitung", habe später herumerzählt, er selbst sei es gewesen, der Wulff geraten habe, dafür etwas zu überweisen - um sich nicht angreifbar zu machen. Wulffs Sprecher Olaf Glaeseker weist das als falsch zurück.

Aufgefallen ist Präsident Wulff zudem bei den Haushältern im Bundestag. Schon der Haushalt 2011, der erste, den Wulff als Präsident mitzuverantworten hat, enthielt einige Posten, die für Aufsehen sorgten. So wurde deutlich mehr Geld als vor Wulffs Amtszeit für den Erwerb von Gegenständen für die Amtswohnungen und Repräsentationsräume eingeplant. Zum Beispiel wurden neues Silbergeschirr und neue Tischwäsche bestellt, zudem Teppiche für die Salons Luise und Ferdinand im Schloss Bellevue. Gesamtwert: 150 000 Euro. Da der Haushalt jedoch auch von dem zurückgetretenen Horst Köhler mitbestimmt wurde, sind diese Kosten Wulff nicht eindeutig zuzuordnen.

Trotzdem: Da lässt einer einen gewaltigen Hang zum Luxus erkennen. Und Luxus war ihm nicht in die Wiege gelegt.

Wulffs Jugend im Osnabrücker Stadtteil Atter war keine, nach der sich Kinder sehnen. Seine Mutter machte zweimal schlechte Erfahrungen mit ihren Männern. Von Christian Wulffs leiblichem Vater trennte sie sich, als der Sohn zwei Jahre alt war. Später ließ sie ihr zweiter Mann we-

gen ihrer Multiplen Sklerose im Stich. Als 14-Jähriger musste Wulff seine Mutter pflegen und sich um die Erziehung seiner jüngeren Schwester Natascha kümmern. In der Schule blieb er sitzen, kämpfte mit schlechten Noten. Er sei stolz, es aus diesen Verhältnissen herausgeschafft zu haben, sagte Wulff später über seine Jugend.

Was von der Jugend übrigblieb, widmete er der CDU, sein politisches

Engagement war auch eine Flucht vor der Tristesse zu Hause. Mit 15 trat er in die Partei ein, mit 19 wurde er Vorsitzender der Schüler-Union. Nach Abitur und Jurastudium, beides in seiner Heimat Osnabrück, arbeitete Wulff nur für kurze Zeit als Anwalt, im Grunde ging er nach der Ausbildung gleich zum Berufspolitiker über. So kandidierte er im Alter von nur 33 Jahren erstmals für das Amt des Ministerpräsidenten. Zweimal, 1994 und 1998, verlor er gegen Gerhard Schröder (SPD). Bei Schröder, auch ein Kind aus schwierigen Verhältnissen, konnte er studieren, wie angenehm es sein kann, mit reichen Männern befreundet zu sein.

Bei der Wahl 2003 schaffte er es dann und wurde Ministerpräsident. Während der Regierungsjahre in Hannover wandelte sich Wulff. Setzte er anfangs einen rigorosen Sparkurs und die Neuorganisation der Landesverwaltung durch, gingen mit der Dauer der Amtszeit immer weniger politische Initiativen von ihm aus. Wulff inszenierte sich als freundlicher Landesvater, der über den täglichen Auseinandersetzungen der Parteien steht. "Ich erzeuge bei den Leuten keine Aggressionen", sagte er 2008 über sich.

Nachdem er 2008 Bettina Körner geheiratet hatte, häuften sich Artikel und Interviews in der "Bunten". Wulffs erste Frau Christiane scheute öffentliche Auftritte, ihre Nachfolgerin drängt es in die Medien. Für die "Bild"-Zeitung wurden die Wulffs zu einem Glamourpaar, vor allem weil sie sich offenbar mit einem anderen Paar so gut verstanden: der Schauspielerin Veronica Ferres und dem Unternehmer Carsten Maschmeyer. Gern gesehen waren sie auch bei Manfred Schmidt, einem Party-Manager der High Society. Kein Wunder, dass Wulff seine Wahl zum Bundespräsidenten in der "Residenz" Schmidts am Pariser Platz feierte.

Bei Dienstreisen ins Ausland flog Wulff als Ministerpräsident schon mal in der ersten Klasse. Und vor einer Hauptversammlung des Autobauers VW in Hamburg ließ sich Aufsichtsrat Wulff in der teuersten Suite des Edelhotels Atlantic einquartieren. Die VW-Verbindung konnte auch bei anderen Reisen angenehme Nebeneffekte haben. Ob in China oder in Bosnien-Herzegowina, in der Regel stattete Wulff bei seinen Auslandsreisen den Autowerken des Konzerns einen Besuch ab. Zufall oder nicht, nicht selten stand ein Firmenjet des Autobauers auf dem Rollfeld. Und weil es vertrauliche Aufsichtsratsangelegenheiten zu besprechen gab, bot sich für Wulff bei der Weiterreise mehr als einmal die Gelegenheit, seine Reise im Firmenjet fortzusetzen.

Es gibt zwei Seiten dieses Mannes. Da ist der Hang zu Glamour und Geld. Und da ist der Politiker, der als ein wenig langweilig gilt, als pflichtbewusst, verlässlich und bescheiden. Wulff sagte im Sommer 2008 über sich selbst, er sei kein Alphatier, weshalb er sich etwa das Amt des Bundeskanzlers nicht zutraue. Das repräsentative Amt des Bundespräsidenten wollte er aber unbedingt haben.

Im Prinzip hat er es Oskar Lafontaine zu verdanken. Es war die graue Eminenz der Linkspartei, die nach zwei für Wulff fehlgeschlagenen Wahlgängen in der Bundesversammlung der Kanzlerin persönlich vermeldete, die Linke werde sich im dritten Wahlgang nicht dem Kandidaten von Rot-Grün, Joachim Gauck, anschließen. Wulff gewann schließlich im letzten Versuch gegen seinen populären Herausforderer.

Im neuen Amt wirkte Wulff in den ersten Monaten ängstlich, verzagt, unsicher. Er machte Fehler, mischte sich mit einer unbedachten Äußerung in den Streit zwischen der Bundesbank und ihrem missliebigen Vorstandsmitglied Thilo Sarrazin ein. "Ich glaube, dass jetzt der Vorstand der Deutschen Bundesbank schon einiges tun kann, damit die Diskussion Deutschland nicht schadet - vor allem auch international."

Die Fehltritte der ersten Monate versetzten den Präsidenten in Agonie. Er tastete sich durchs Amt, stets auf der Hut, nicht anzuecken.

Aber es wurde besser mit der Zeit. Wulff erklärte in seiner Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit den Islam als zu Deutschland gehörig und kurz darauf beim Staatsbesuch das Christentum zum kulturellen Bestandteil der Türkei. Da zeigte sich ein Projekt.

Die Meldungen über die jahrelang unentdeckten Nazi-Morde trieben ihn um, seine Weihnachtsansprache sollte davon handeln, er lud die Angehörigen der Opfer ins Schloss Bellevue, er lässt eine Rede ausarbeiten, die er am 23. Februar bei einer Trauerfeier halten möchte. Die Reaktionen der Bundesregierung auf diese erschütternden Erkenntnisse hält er für unzureichend und unbeholfen.

Zur Euro-Krise allerdings fiel ihm wenig ein, er schaffte es nicht, den Bürgern in dieser dramatischen Krise Orientierung

zu geben. Und künftig dürfte er vor allem ein großes Grinsen ernten, wenn er über die Schuldenkrise sprechen sollte.

Das Bundespräsidialamt ist nun vor allem damit beschäftigt, nach einer Erklärung für Wulffs Kredit zu suchen. Das Amt sieht von außen aus wie ein schwarzes Ei, drinnen wie ein Ausstellungspavillon, ein fast leergefegter allerdings. In kleinen Nischen, eingelassen in die Wände im Erdgeschoss, stehen die Büsten der bisherigen Präsidenten. Seit Montag fragen sich die Mitarbeiter des Amts, ob demnächst eine Nische hinzukommt - eine für Christian Wulff.

Rund 180 Mitarbeiter arbeiten für den Bundespräsidenten, die meisten in dem Verwaltungsgebäude, nur Wulffs persönliches Büro ist im Schloss Bellevue untergebracht. Im Büro des Schlosses agieren Wulffs Vertraute, viele Niedersachsen darunter. Im Bürogebäude arbeiten vor allem die Altgedienten. Normalerweise verstehen sich die beiden Gruppen gut miteinander, aber seit wenigen Tagen nicht mehr. Wulffs Niedersachsen halten zu ihrem Mann, die anderen haben ihre Zweifel.

Als Wulff antrat, kehrte Ruhe ein im Präsidialamt. Endlich einer, der politisch tickt, einer, der kommuniziert, Erleichterung herrschte im Beamtenapparat. Was für ein Unterschied: Köhler hatte manchmal gebrüllt. Wulff kam in die Kantine, hörte freundlich zu. Vermerke kamen mit präzisen Nachfragen zurück. Wulff beherrscht das Zauberwort der deutschen Sprache: "bitte".

Da war nur immer wieder diese eine Sache, die bei den Altgedienten für Stirnrunzeln sorgte: Was hatte Wulff für einen Umgang? Von wem kamen die vielen SMS-Nachrichten? Einige kannten noch die Intellektuellen, mit denen sich Richard von Weizsäcker getroffen hatte. Und nun kamen da Leute wie Maschmeyer.

Im Wahlkampf um das höchste Staatsamt hatte Wulff viel versprochen. Eine Denkfabrik werde er aus dem Amt machen. Er wolle dafür eintreten, die Ruhebezüge für den Präsidenten zu senken. Eine Abteilung Integration solle entstehen. Aber es passierte nichts. Bewerbungen für die "Denkfabrik" wurden abgelehnt, die Abteilung Integration gibt es bislang nicht.

Im Präsidialamt registrierten sie, wie Wulff Prioritäten setzte. Er liebt Bildtermine, die Presseabteilung wuchs, die Termine von Frau Wulff wurden wichtiger. Im Januar-Heft der Frauenzeitschrift "emotion" ist sie auf der Titelseite, eine Frau mit hohen roten Stiefeln und einem kurzen roten Kleid, eine Frau, die sich glamourös inszenieren lässt, aber sagt: "Ich möchte meinen Alltag so gut wie möglich weiterleben." Das kann sie vielleicht bald tun, ohne große Probleme zu haben.

Bis zum vergangenen Donnerstag gab es allerdings noch keinen politischen Druck auf Wulff zurückzutreten. Die Spitzen der Union flüchteten sich in Solidaritätsbekundungen. "Es gibt nichts, was irgendwie zu kritisieren wäre", sagte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt. "Ich kann kein juristisches Fehlverhalten erkennen", sagte auch Peter Altmaier, der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsbundestagsfraktion. Zu diesem Zeitpunkt wussten die Befragten allerdings noch nicht, dass der umstrittene Kredit de facto wohl von dem Unternehmerfreund selbst gewährt worden war.

Hinter vorgehaltener Hand wurde jedoch schon zu diesem Zeitpunkt eifrig gelästert. "Fassungslos", "bestürzend", "unsensibel", sagten Unionspolitiker in Hintergrundgesprächen. Wulff habe sich als Bundespräsident unmöglich gemacht. Seine erste Reaktion auf die Vorwürfe, seine Verteidigung mit formalen Argumenten, fand niemand überzeugend. Und manch einem an der Unionsspitze schwante bereits, dass noch andere Vorwürfe gegen Wulff publik werden könnten. "Es gibt ein großes Unwohlgefühl: Wir können die Dinge nicht kontrollieren."

Im Präsidialamt wurde um die richtige Verteidigungsstrategie gerungen. Zwei Denkschulen konkurrierten. Die einen sagten, Wulff solle bei der juristischen Verteidigungslinie bleiben. Die anderen drängten darauf, eine menschliche Erklärung hinzuzufügen. Wulff hätte sagen können, dass er nach seiner Scheidung bei der Gründung einer neuen Familie finanziell in Schwierigkeiten gekommen sei und sich Geld habe leihen müssen. Aber so weit wollte er nicht gehen.

Für den Fall, dass Christian Wulff zurücktreten muss, werden bereits Namen möglicher Nachfolger gehandelt. An erster Stelle steht Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, ausgerechnet jener CDU-Politiker, dem Bundeskanzlerin Angela Merkel schon einmal in Absprache mit den Freien Demokraten den Aufstieg ins höchste Staatsamt verweigert hatte.

"Ich weiß gar nicht, ob ich als Bundespräsident so glücklich geworden wäre", sagt Schäuble in einem SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 34) zurückblickend auf das Jahr 2004. "Es belastet mich heute jedenfalls nicht, dass ich nicht Präsident geworden bin." Auf Fragen, ob er zu einem zweiten Anlauf bereit wäre, verweigerte er jede Reaktion.

Die Union kann sich gegenwärtig nicht mal sicher sein, einen eigenen Nachfolger für Wulff durch die Bundesversammlung zu bekommen. Schon Wulff brauchte drei Anläufe - unter ungleich besseren Voraussetzungen als den aktuellen. Denn die Mehrheit von Schwarz-Gelb ist nach den Ergebnissen mehrerer Landtagswahlen weiter geschrumpft und beträgt bis zu 4 Stimmen. 2010 waren es 22. Angesichts des rapiden Verfalls der FDP will sich in der Union darauf keiner verlassen.

Vor allem aber ist mit Widerstand aus der Union selbst zu rechnen. Schon bei Wulffs Wahl war ein Teil der Opposition aus den eigenen Reihen gar nicht gegen ihn, sondern gegen Kanzlerin Merkel gerichtet - als Quittung für den miserablen Start ihrer schwarz-gelben Regierung. "Da sich die Regierungsarbeit nicht wesentlich verbessert hat, würden diese Kritiker uns erneut eine schwere Wahl bescheren", heißt es in der Fraktionsspitze. Das gilt vor allem für den Fall, dass sich SPD und Grüne wiederum auf Joachim Gauck einigen. Er könnte dann doch noch der bessere Präsident werden. Aber dafür müsste Wulff einsehen, dass er dem Land schadet, wenn er im Amt bleibt.

Vom Bundespräsidenten muss das Bild von der guten Politik kommen. Er muss die Gegenexistenz sein zu Leuten wie Michael Braun (CDU), der wegen dubiosen Verhaltens als Notar nur elf Tage lang Berliner Justizsenator bleiben konnte, wie Stefan Mappus, der als Ministerpräsident für das Land Baden-Württemberg EnBW-Aktien am Parlament vorbei gekauft hat, oder wie Karl-Theodor zu Guttenberg, der bei seiner Doktorarbeit schwer getrickst hatte und das mit seiner Schusseligkeit erklärt.

Wulff steht jetzt in einer Reihe mit diesen Leuten. Das ist ein schwerer Schaden für sein Amt. Deshalb ist er der falsche Bundespräsident. Dafür hat er selbst ein starkes Argument geliefert. Das war 2000.

Damals musste sich Bundespräsident Johannes Rau fragen lassen, ob er sich als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Privatflüge von der Landesbank WestLB habe bezahlen lassen. Chef der Bank war Raus Freund Friedel Neuber.

Rau dementierte und überstand die Affäre, wurde aber scharf kritisiert, auch von einem jungen Politiker aus Niedersachsen, der den Rücktritt des Bundespräsidenten forderte: "Es ist tragisch, dass Deutschland in dieser schwierigen Zeit keinen unbefangenen Bundespräsidenten hat, der seine Stimme mit Autorität erheben kann." Dies sei eine "Belastung des Amtes". Christian Wulff hat diese Worte vor elf Jahren gesagt. Sie passen auch in den Dezember 2011.

(*1) Auf dem Sommerfest des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue in Berlin am 1. Juli.(*2) Nach dem erfolgreichen dritten Wahlgang bei Wulffs Wahl zum Bundespräsidenten am 30. Juni 2010.

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