17.12.2011

INTERNET

Der Mega-Macher

Von Lischka, Konrad und Rosenbach, Marcel

Eine der schillernden Figuren der New Economy ist wieder da: Kim Schmitz outet sich als Kopf hinter dem Online-Speicher "Megaupload" - einem Hauptumschlagplatz für Raubkopien.

Die Sängerin Alicia Keys ist begeistert, die Rapper Snoop Dogg, P Diddy und Kanye West lieben es, Tennis-Wunder Serena Williams ist ein ganz großer Fan. Sie und andere Prominente schwärmen in höchsten Tönen von der Firma Megaupload und deren digitalen Dienstleistungen.

Aus dem Lob der Stars hat Megaupload ein professionelles Musikvideo schneiden lassen, von einem Produzenten der Black Eyed Peas. Der "Mega Song" verbreitete sich in Windeseile über das Netz und schaffte es in die internationalen Charts der meisterwähnten Themen bei Twitter.

Normalerweise könnten sich jetzt alle Beteiligten über einen der gelungensten PR-Stunts der jüngeren Internetgeschichte freuen. Stattdessen gibt es Stress - denn manche Stars wussten womöglich nicht genau, was sie da bewarben und was aus ihren Sprüchen einmal werden würde. Verantwortlich für die Aufregung ist ein Mann, der schon früher gern für Wirbel sorgte: Kim Schmitz.

Eine der schillernden Gestalten der New Economy kehrt in die Öffentlich-keit zurück. Mit einer Vorliebe für bunte Sonnenbrillen, schnelle Autos, sogenannte Teppich-Luder und grenzwertige Geschäftsideen hatte Schmitz bereits um die Jahrtausendwende eher im Boulevardbereich als in der seriösen Wirtschaft reüssiert.

Nun katapultiert er sich ins Zentrum eines weltweiten Streits um Urheberrechte, um Raubkopien von Filmen oder Musikstücken. Für solche und andere Inhalte, die für den E-Mail-Versand oft zu groß sind, hält Megaupload riesige digitale Speicherhallen bereit. Jeder kann dort Dateien umsonst hoch- und herunterladen. 50 Millionen Menschen nutzen laut Eigenwerbung täglich dieses "Mega"-Angebot.

Es ist ein unkompliziertes Geschäft, solange es um legale Inhalte geht. Schwierig wird es, wenn urheberrechtlich geschützte Werke ins Spiel kommen. Kostenlos, sofort und illegal konnten Nutzer vorige Woche etwa aktuelle Kinofilme wie "Der gestiefelte Kater" oder "Die Abenteuer von Tim und Struppi" abrufen.

Lange Zeit war es ungewohnt still geworden um Schmitz, der sich früher auch "Dr. Kimble" nannte, nach einer Figur aus der TV-Serie "Auf der Flucht". Der Beiname erwies sich fast als prophetisch, jedenfalls hatte sich seine Spur verloren, als aus dem versprochenen "Kimpire" nichts zu werden schien.

Jetzt kommt er auf die große Bühne zurück, mit neuem offiziellem Namen, neuem Wohnort, neuem Geschäftsmodell. Aus Kim Schmitz, 1974 in Kiel geboren, wurde zunächst "Kim Vestor" mit Wohnsitz im finnischen Turku. Dann tauchte er als "Kim Dotcom" in Neuseeland auf, bezog mit seiner Familie ein Multimillionen-Anwesen bei Auckland, wo er, wie einst in Deutschland, den großen Auftritt pflegt. Das Feuerwerk, das er der Stadt zum vergangenen Silvesterfest spendierte, war farbenfroh, spektakulär - und kostete angeblich einen sechsstelligen Dollarbetrag.

Gerüchte, er sei der Mann hinter "Mega", hatte es schon zuvor gegeben. Immerhin passten Angebote wie "Megacar" und "Megarotic" verdächtig gut zu seinen früheren Vorlieben.

Doch aus dem Schatten trat Schmitz alias Kim Dotcom erst jetzt, als er gutgelaunt in seinem prominent besetzten Werbeclip auftauchte und zweimal "It's a hit!" ins Mikrofon schmetterte. Es dürfte ein Comeback nach seinem Geschmack gewesen sein, neben internationalen Stars und Sternchen, ein Zeichen, dass er hinter den Kulissen weiter an seiner Karriere gebastelt, ja dass er es endlich geschafft hatte - jedenfalls aus seiner Sicht.

Lange hatten Firmensprecher behauptet, der Mann aus Deutschland sei zwar einer der Gründer, aber im Tagesgeschäft nicht aktiv. Dagegen sprach allerdings schon die aktuelle Meldung für das Handelsregister in Hongkong, die als Geschäftsführer niemand anderen als eben Kim Dotcom ausweist.

Derlei Versteckspielchen hält Schmitz offenbar nicht mehr für nötig. Jetzt darf auf der Website sogar ein Fratz namens "Kim Junior" über seinen Papa plappern, den Mega-Macher. Kim Dotcom scheint sich seiner Sache sicher zu sein. Das könnte täuschen, denn er hat mächtige Gegner - und die haben ihn längst im Visier.

Hollywood-Studios und die internationale Musikindustrie stören sich schon länger an Megaupload. Über ihre Lobbyverbände kritisieren sie die Plattform als eine der übelsten "Schurken-Seiten" im ganzen Netz.

Der Statistik-Webdienst Alexa listete die Seite am Mittwoch auf Platz 74 der meistbesuchten Websites weltweit, nach eigenen Angaben mache Megaupload "vier Prozent des Internets" aus; gemeint ist damit wohl das Datenvolumen. Geld verdient die in Hongkong registrierte Firma mit Werbung und Abos, die unter anderem mehr Speicherplatz und schnellere Ladezeiten garantieren.

Eine Studie für die US-Handelskammer nennt Megaupload in einem Atemzug mit Rapidshare, einem Unternehmen, das wegen Urheberrechtsproblemen ebenfalls im Streit mit der Musikindustrie liegt. Zusammen mit Rapidshare kommen Megaupload und Megavideo danach auf jährlich rund 21 Milliarden Visits. Die Studie bezeichnet sie als die "Top drei" der digitalen Piraterie, die Firmen wiesen den Vorwurf zurück.

In Deutschland beobachtet die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) die Firma. Wie man jetzt sehe, sei "der Betreiber dick im Geschäft", so deren Chef Matthias Leonardy. "Aus GVU-Sicht ist er ein ,Pate' in der Szene der digitalen Hehler."

Im Zuge der Klage eines US-Porno-Anbieters kam eine amerikanische Richterin schon im Sommer zu dem Schluss, Megaupload sei deutlich mehr als nur ein harmloser Online-Speicher. "Es ermutigt und bezahlt seine Nutzer in einigen Fällen dafür, riesige Mengen populärer Medieninhalte hochzuladen", schrieb sie. Doch die Klage endete glimpflich, man einigte sich auf einen Vergleich.

Tatsächlich ist Megaupload juristisch schwer beizukommen, das Angebot wirkt clever gestrickt. Vom Unternehmenssitz Hongkong aus kann die Seite gar nicht erst abgerufen werden. Man respektiere internationale Copyright-Abkommen und arbeite mit Rechteinhabern zusammen, behauptet die Firma auf ihrer Website; sie nennt den Vorwurf, die Seite existiere nur zum Zweck der massenhaften Urheberrechtsverletzung, "grotesk übertrieben".

Tatsächlich gibt es dort Formulare, mit denen Urheber rechtswidrig veröffentlichte Inhalte melden können, und tatsächlich werden auch Inhalte gesperrt. Natürlich werden die Lücken schnell wieder durch neue gefüllt.

Das neue "Mega"-Werbevideo ist aus Sicht der internationalen Film- und Musikindustrie deshalb eine Provokation. Die Universal Music Group sorgte umgehend dafür, dass der Song wegen mutmaßlicher Copyright-Verletzung auf YouTube gesperrt wurde; zumindest einige der angeblichen "Mega"-Stars hätten der Verwendung nicht zugestimmt, erklärte der Musikkonzern.

Kim Dotcom und Co. scheinen auf diese Reaktion nur gewartet zu haben, jedenfalls wettert Megaupload in einer Erklärung gegen diese angebliche Zensur und reichte umgehend Klage gegen Universal Music ein. Selbstverständlich, heißt es darin, sei man von allen auftretenden Künstlern autorisiert, deren Zitate zu nutzen. Als Beleg präsentierte die Firma eine Vereinbarung mit dem Rapper Will.i.am.

Was Schmitz bewogen haben mag, sich nach Jahren wieder in die Öffentlichkeit zu wagen, muss sich noch zeigen. Auf diverse SPIEGEL-Anfragen reagierte er mit vulgären Drohungen, die er aber nicht veröffentlicht wissen will; außerdem verwies er auf die offiziellen Erklärungen von Megaupload.

In Neuseeland hatte Schmitz zwar mit seinem Feuerwerk und einer größeren Spende für einen Erdbebenhilfsfonds zunächst guten Eindruck gemacht. Doch inzwischen scheinen auch dort die Zweifel zu wachsen.

So berichtete der "New Zealand Herald" kürzlich, dass Mr. Dotcom das von ihm bewohnte Anwesen nicht kaufen dürfe - weil er die "Good Character"-Kriterien nicht erfülle, die von Ausländern beim Landerwerb auf der Insel verlangt würden.

Auch darauf hatte der Mann eine Antwort parat. Das Silvesterfeuerwerk von Auckland werde in diesem Jahr eine Nummer kleiner ausfallen, sagte er dem "Herald". Im Übrigen, hatte er an anderer Stelle bereits betont, handle es sich bei dem 24-Hektar-Anwesen ohnehin nur um ein Ferienhaus.


DER SPIEGEL 51/2011
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