17.12.2011

FAMILIENDer verlorene Sohn

Ein Mann im Krieg mit der Bundesrepublik: Olivier Karrer hilft Ausländern, ihre Kinder nach einer Scheidung aus Deutschland zu entführen. Er arbeitet im Auftrag von Müttern und Vätern, denen im Kampf um das Sorgerecht jedes Mittel recht ist.
Das Leben des Olivier Karrer passt in eine Reisetasche und drei kleine Rollkoffer. In einem stecken die paar Hemden, Hosen, Socken, die er hat. Der Rest aber ist vollgestopft mit Akten, Büchern, einem Laptop. Den Dingen, mit denen er glaubt, alles erklären zu können. Die ganze Welt.
Karrer, 51, sitzt im Wohnzimmer eines Bekannten und raucht, Winston Blue, eine nach der anderen. Seine Haut sieht fahl aus, er hat Falten, die nicht vom Lachen kommen, sein ganzes Gesicht hat etwas Gequältes, trotzdem sagt er: "Ich bin ein glücklicher Mensch." Denn Olivier Karrer hat eine Aufgabe, eine Mission, er denkt an nichts anderes.
Karrer entführt in Deutschland Kinder von Ausländern, deren Ehe kaputtgegangen ist - die Ehe mit einem deutschen Partner. Mal ist Karrer der Kidnapper, mal erklärt er, wie es geht. Er glaubt, dass er damit für Gerechtigkeit sorgt.
Allein bei zwei spektakulären Fällen, die zurzeit die Gerichte beschäftigen, spielt sein Name eine Rolle. Beata P., die mit Greiftrupp und Tränengaspistole nach Düsseldorf fuhr, um ihr Kind nach Polen zu entführen, und Marinella Colombo, die ihre Söhne gleich mehrmals nach Italien verschleppte (SPIEGEL 1/2011) - beide hatten Karrers Unterstützung. So wie vermutlich viele Mütter und Väter, die ihr Kind aus Deutschland herausholen wollten. Karrer versteht sich als ihr Retter. Als Rächer. Als Rebell. Wer aber sein Kind durch ihn verliert, sieht etwas ganz anderes in ihm: den Rechtsbrecher. Auch wenn bisher alle Ermittlungen gegen ihn zu nichts geführt haben.
Dass Eltern ihre Töchter und Söhne ins Ausland entführen oder dort zurückhalten, kommt immer wieder vor. Die Zentrale Behörde für internationale Sorgerechtskonflikte, angesiedelt beim Bundesamt für Justiz, verbuchte allein 2010 mehr als 160 solcher Fälle. Und die Zahl wird künftig wohl noch steigen. Denn der Anteil der Ehen zwischen Ausländern und Deutschen hat sich in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt, er stieg von drei auf sieben Prozent.
Deshalb gibt es natürlich auch längst internationale Übereinkommen, die bestimmen, wo Scheidungskinder aus solchen Ehen leben sollen, bis ein Gericht über ihren Fall entscheidet. Aber schon wenn es um die Auslegung geht, scheren manche Länder aus. Und erst recht können sich viele Eltern nicht mit diesen Regeln abfinden, wenn es um etwas geht, was für sie über jedem Gesetz steht: die Liebe zu ihrem Kind. Also werden immer wieder Kinder entführt, um den Fall vor einem Gericht in Polen, Italien oder der Türkei zu klären. Oder um das Kind als Waffe in einem Rosenkrieg zu benutzen.
Die Straßburger Wohnung, die Karrer als Treffpunkt angegeben hat, gehört einem Franzosen, der seit Jahren seine Kinder nicht mehr gesehen hat; sie leben bei der Mutter, in Deutschland. Karrer bereitet in Straßburg Petitionen vor, in denen er behauptet, Deutschland klaue Ausländern die Kinder. Er will die Traktate beim Europaparlament einreichen und damit auch den "Conseil Européen des Enfants du Divorce" (CEED) bekannter machen, seinen Verein, den er vor zehn Jahren gegründet hat. Karrers Bett ist die Couch im Wohnzimmer, sein Arbeitsplatz der runde Tisch davor.
Hier erzählt er von gebrochenen Kinderherzen, gequälten Eltern und am liebsten von gehässigen Mitarbeitern deutscher Jugendämter, die das alles angerichtet haben sollen. Es geht dann um Fälle wie den von Joumana Gebara, einer gebürtigen Libanesin, alleinerziehend, aus Nordrhein-Westfalen. Das Jugendamt hatte ihr die beiden Söhne weggenommen, als Gebara mit ihnen nach Italien ziehen wollte. Sie sah nur einen Ausweg: die Söhne dorthin zu entführen. In dem Buch "Nicht ohne meine Kinder" beschreibt die Autorin Karin Jäckel den Fall. Und Karrers Anziehungskraft auf Frauen wie Gebara.
"Olivier wusste, wie ich mich fühlte. Er verstand meinen Kampf um meine Kinder und gegen das Jugendamt … Im Gegensatz zu Olivier, der Mut und Tatkraft zeigte, schien mir mein Anwalt mit seinen Schweigegeboten ein Angsthase." Beide Söhne wollte Gebara mit Karrers Hilfe entführen. Er hielt ihre Hand, steuerte den Wagen, half beim Überfall auf den Vater, hielt ihn im Schwitzkasten, als die Mutter versuchte, ihren Jüngsten ins Auto zu ziehen. Zunächst noch ohne Erfolg. Beim älteren Sohn klappte es später.
Das Buch kam im Februar 2006 heraus. Kurz vorher hatte Karrer der Autorin noch mal schriftlich bestätigt, dass ihm das Risiko bewusst sei, mit seinem vollen Namen im Buch beschrieben zu werden.
Für Joumana Gebara war Olivier "mein Held" oder "der Retter in der Not, der Heilige Christophorus meiner Kinder". Karrer hat viele solcher Anhänger, überzeugte Jünger, überwiegend Frauen. Auf Facebook gibt es in seiner Freundesliste zahlreiche Personen, die sich alle Karrer nennen, nur mit anderen Vornamen. Diese "Karrers" sind der harte Kern seines Vereins CEED. Ist Karrer nicht im Internet unterwegs, reist er zu Gerichtsverhandlungen, Sorgerechtsstreitigkeiten, an denen CEED-Mitglieder beteiligt sind. Er filmt dann mit versteckter Kamera, rennt Damen vom Jugendamt hinterher, stellt Fragen, auf die er keine Antworten bekommt. Er wertet das als Schuldeingeständnis. Später schneidet er das Material für YouTube zusammen.
Karrer könnte stunden- und tagelang davon erzählen, was er seine "Arbeit" nennt, seine Antworten werden dann zu Monologen, zu Predigten, er redet und redet, nur über eine Geschichte möchte er eigentlich nicht reden: seine eigene, als Vater. Es ist die Geschichte eines verlorenen Sohnes, den Karrers Ex-Frau nach Deutschland mitnahm.
"Ich habe zwei Leben", sagt Karrer schließlich doch und zieht an seiner Zigarette. Zum ersten gehörten Hund, Haus, Frau und Kind. Ein schnelles Auto. Ein Job als Manager bei einer Gewürzfirma. Alltag und Einöde in einem besseren Vorort von Paris. Sein Sohn war drei Jahre alt, als ihn Karrers deutsche Frau in den Ferien 1998 in ihre alte Heimat Hamburg mitnahm. Die Ehe kriselte schon lange, am Telefon sagte Anja Karrer, dass sie und ihr Sohn nicht zurückkämen.
Karrers zweites Leben begann: das des Kindesentführers. Das eines Mannes, der sich ungerecht behandelt fühlte und beschloss, dass er sich nun auch nicht mehr an Recht und Gesetz halten müsse.
Nach dem Haager Kindesentführungsübereinkommen (HKÜ), das 1990 in Deutschland in Kraft getreten ist, hätte Karrers Junge sofort wieder nach Frankreich zurückkehren müssen. Denn nach der Trennung der Eltern sollen Kinder erst mal bleiben, wo sie bis dahin gelebt haben. Zumindest bis geklärt ist, wer das Sorgerecht bekommt.
Karrer hätte dafür einen Antrag auf Rückführung stellen müssen. Doch er nahm die Sache selbst in die Hand: mietete sich ein Auto, setzte sich eine Sonnenbrille auf, schnappte sich das Kind und fuhr nach Hause.
Seine Frau erstattete Anzeige wegen Kindesentziehung, in Deutschland. Danach schien sich der Streit eine Zeitlang zu beruhigen; der Junge lebte mal bei ihr, mal bei ihm. Bis ihn Karrer eines Tages nicht mehr gehen ließ, weil er vor einem französischen Gericht um das Sorgerecht streiten wollte. Da beantragte seine Frau in Hamburg das alleinige Sorgerecht, erinnerte an die alte Entführung, die Strafanzeige, und bekam, was sie wollte. Der Sohn wurde zu ihr gebracht, Karrer nicht mal angehört.
2001 trat Karrer mit anderen Vätern und Müttern aus binationalen Ehen auf dem Berliner Alexanderplatz in Hungerstreik. Ein Jahr später dann der nächste Entführungsversuch. Diesmal scheiterte Karrer. Und verlor nach dem Sorgerecht auch das Umgangsrecht. Seinen Sohn hat er seitdem nie wiedergesehen.
Karrers Frau sagt dazu heute nur, dass es nicht so gewesen sei, wie Karrer erzählt; mehr nicht. Aber vermutlich gibt es in solchen Fällen ohnehin so viele Wahrheiten, dass die Suche nach der einen Wahrheit erfolglos bleiben muss. Fest steht: Es ist der Verlust eines Sohnes, die unerfüllte Liebe eines Vaters, die Karrer danach so rigoros werden ließ, so hart - und auch: blind für alles, was nicht in sein Bild von Gut und Böse passt.
Heute sitzt er in Straßburg und erklärt, er sehe sich in der "Rolle eines Schindlers, der Eltern und Kinder vor deutscher Grausamkeit verstecken muss". Er vergleicht sich mit Oskar Schindler, dem Judenretter; zehn Jahre Kampf aus dem Koffer haben ihn jedes Augenmaß verlieren lassen. Er sagt auch, irgendwann, nachdem sein Sohn weg war, habe es einen Punkt gegeben, "an dem ich alles verstanden habe". Damals hatte Karrer das Buch "Lebensborn e. V. - Im Namen der Rasse" der französischen Journalisten Marc Hillel und Clarissa Henry gelesen. Sie beschreiben die SS-Organisation Lebensborn, die Idee der Nazis, Frauen zu Gebärmaschinen arischer Übermenschen zu machen. Karrer sagt, er habe darin endlich "die Erklärung für meinen Fall gefunden. Die Erklärung für alle Fälle".
Kinder ausländischer Eltern würden in Deutschland systematisch "beschlagnahmt" und anschließend "germanisiert", glaubt Karrer seitdem. Er redet von einer "organisierten Hetzjagd" auf Ausländer und davon, dass es heute in Deutschland genauso zugehe wie im "Dritten Reich". Und warum? Weil Deutschland aussterbe. "Die Deutschen fahren lieber BMW, anstatt Kinder zu kriegen." Mit dem Kinderklau kämpfe das Land gegen den Bevölkerungsschwund.
Die Behörde des Bösen sei dabei das Jugendamt, es sei 1933 gegründet worden und die "geheimste und größte staatlich organisierte Kinderklauorganisation der Welt". Flink zeichnet Karrer Organigramme auf, die beweisen sollen, dass das Jugendamt dem Innenministerium und damit direkt der Polizei unterstellt sei.
Natürlich sind das alles nur Verschwörungstheorien, leicht zu widerlegen. Weder ist das Jugendamt eine Erfindung der Nazis, Jugendämter gab es schon 1910, noch untersteht es der Polizei. Man könnte diesen Mann also einfach nicht ernst nehmen. Das Problem ist nur, dass er es eben nicht bei Theorien belässt. Er ist ein Aktivist, ein radikaler noch dazu. Denn Karrer sagt: "Mit friedlichen Mitteln haben wir nichts erreicht."
Die Justiz, erklärt er, bewege sich langsam, eine Kindheit gehe dagegen schnell vorbei. Wer also Olivier Karrer fragt, ob er tatsächlich geholfen hat, Kinder aus Deutschland herauszuholen, bekommt als Antwort: "Die Frage erübrigt sich fast. Wenn es überhaupt jemanden gibt, der das macht, dann bin das ich natürlich."
Denkpause. Nun ja, vielleicht müsse er das etwas vorsichtiger formulieren. Also: "Natürlich bin ich überall dabei. Jetzt können Sie sich ausdenken, was das bedeutet. Helfen heißt mit Sicherheit nicht, den Antrag an das Gericht zu schicken. Da kann man lange warten, bis man seine Kinder wiederhat. Um die Unterstützung der ausländischen Behörden zu bekommen, müssen wir die Kinder ins Ausland verbringen, auch wenn es den Deutschen nicht gefällt."
In wie vielen Fällen er aktiv Hilfe geleistet habe? "Etliche. Es sind viele Kinder."
Wer nicht zu seiner Fan-Szene gehört, beobachtet das mit Erschrecken. Gabriele Scholz, Leiterin des Internationalen Sozialdienstes in Berlin, bearbeitet mit ihrem Team im Jahr mehr als 500 Anfragen zu Sorgerechtsfällen, bei denen die Eltern verschiedene Pässe haben. Auch sie weiß, dass die juristische Seite kompliziert ist, die Verunsicherung groß, die Verzweiflung oft noch größer. Aber gerade deswegen sagt sie: "Ich finde das, was dort geschieht, gefährlich. Man müsste Herrn Karrer fragen, ob es ihm um die Kinder geht. Oder um einen Machtkampf auf dem Rücken der Kinder."
Anfang des Jahres hatte sich der französische EU-Abgeordnete Philippe Boulland mit Karrer getroffen. Boulland, Mitglied des Petitionsausschusses, leitet eine Arbeitsgruppe für internationale Sorgerechtsstreitigkeiten; in den vergangenen fünf Jahren landeten bei ihm 120 Petitionen, die sich gegen deutsche Jugendämter richteten. Anfangs war er von Karrer beeindruckt, wie gut er sich auszukennen schien in solchen Dingen. Erst nach dem Treffen sah er, welche Verschwörungstheorien Karrer im Internet verbreitet. "Er ist hier mittlerweile Persona non grata", lässt Boullands Assistent ausrichten. "Wer mit dem ,Dritten Reich' argumentiert, bringt alle berechtigten Klagen gegen das Jugendamt in Misskredit. Dem hört im Europäischen Parlament niemand zu."
Umso gläubiger hängen Väter und Mütter an Karrers Lippen. Der wohl bekannteste Ausländer, der auf seiner verzweifelten Suche nach Gerechtigkeit an Karrer geriet, ist der Franzose André Bamberski. Eigentlich ein Fall, der zunächst nicht ins Bild zu passen scheint, weil das Kind lange tot war und stattdessen ein Erwachsener entführt wurde. Andererseits ein typischer Karrer-Fall, denn wieder ging es um einen Ausländer, den die Deutschen um sein Recht gebracht haben sollten.
Bamberski fühlte sich von der deutschen Justiz betrogen, weil sie den Tod seiner 14-jährigen Tochter Kalinka im Jahr 1982 nicht aufklären konnte. Aus Bamberskis Sicht: nicht aufklären wollte. Es gab viele Indizien, die Kalinkas Stiefvater belasteten, den deutschen Arzt Dieter Krombach. 1987 wurde der Fall dennoch zu den Akten gelegt, ohne Prozess. Bamberski nahm 2009 das Recht in die eigene Hand und ließ Krombach nach Frankreich entführen. Ein Pariser Gericht verurteilte den Deutschen vor acht Wochen in erster Instanz tatsächlich zu 15 Jahren Freiheitsstrafe wegen Körperverletzung mit Todesfolge - eines der umstrittensten Urteile der europäischen Rechtsgeschichte, wegen der Entführung, die den Prozess erst möglich gemacht hatte.
Olivier Karrer gibt seiner Stimme einen verschwörerischen Klang, wenn er von seiner ersten Begegnung mit Bamberski erzählt: "Bamberski kam 2005 zu einem Treffen des CEED in Toulouse und sagte: Olivier, kann ich dich morgen zum Essen einladen? Da sagte er dann zu mir: Ich werde Krombach töten. Da sagte ich: Nein, das machst du nicht. Er hat deine Tochter umgebracht. Warum willst du ihn erlösen und du ins Gefängnis gehen?"
Karrer behauptet, er habe Bamberski auf die Idee gebracht, Krombach nach Frankreich zu entführen, um ihn dort verurteilen zu lassen. War Karrer also auch in diesem spektakulären Entführungsfall der entscheidende Hintermann?
Bamberski bezeichnet Karrer als seinen "Freund". Karrer habe ihn als Übersetzer bei mehreren Reisen nach Deutschland unterstützt. Er half ihm demnach, mit Krombachs Nachbarn zu reden, ein Auto zu mieten und sich zurechtzufinden. Mehr angeblich nicht. Schon gar nicht habe Bamberski erklärt, er werde Krombach töten. Schützt Bamberski Karrer? Wegen der Entführung läuft immerhin ein Ermittlungsverfahren gegen Bamberski; gegen Karrer läuft in dieser Sache nichts.
Abgesehen von seinem eigenen Fall stand Karrer noch nie wegen einer Kindesentführung vor einem deutschen Gericht. Auch die Entführung der Gebara-Kinder, die Karin Jäckel in ihrem Buch so detailgenau beschrieben hatte, blieb ohne Folgen. Eine Kindesentziehung ist in Deutschland ein Antragsdelikt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nur, wenn der Partner, dem das Kind weggenommen wurde, Strafantrag stellt. Oder wenn ein besonderes öffentliches Interesse an der Strafverfolgung besteht.
Anders sähe es aus, wenn der Täter für den Kinderklau auf Bestellung Geld nähme. Karrer geht keiner geregelten Arbeit nach, angeblich laviert er am Existenzminimum. Wovon also lebt er? Es stimmt, CEED-Mitglieder lassen ihn bei sich wohnen, ihr Kühlschrank ist sein Kühlschrank. Aber ansonsten? Lässt er sich für Entführungen bezahlen? Karrer springt von seinem Stuhl und empört sich: "Ich werde mich hüten, auch nur einen Cent zu nehmen. Ich würde so angreifbar in meiner politischen Arbeit. Da werde ich mich niemals erwischen lassen."
Tobias Ritter, Vater zweier Söhne aus Unterhaching, behauptet dagegen, seine Ex-Frau Marinella Colombo habe Karrer 10 000 Euro gezahlt - Geld für das Kidnapping der Kinder nach Italien. Alles Lüge, sagt Karrer. Üble Verleumdungen.
Dass Karrer aber auch an der Entführung der Ritter-Kinder direkt beteiligt war, daran besteht kaum ein Zweifel. Weil ihr deutsche Gerichte den Umzug mit den Kindern nach Italien zunächst verwehrt hatten, nahm Marinella Colombo die Jungen das erste Mal 2008 eigenmächtig mit. Ritter stellte einen HKÜ-Antrag auf Rückführung. Erfolgreich, die italienische Polizei brachte Nicolò und Leonardo zum Vater zurück. Doch 2010 entführte Colombo sie noch mal. Diesmal versteckte sie beide mehr als ein Jahr lang.
Wieder griff die italienische Polizei zu. Sie hatte Colombo überwacht. Als sie mit anderen CEED-Aktivisten zu ihren Söhnen fuhr, stoppten die Fahnder den Konvoi. Am Steuer eines Autos, so ein CEED-Insider, habe Karrer gesessen, und auf seinem Laptop hätten die Ermittler dann Hinweise auf ein Versteck der Kinder in Slowenien gefunden, außerdem Papiere, die darauf hingedeutet hätten, dass man sie bald in den Libanon bringen wolle. Karrer sagt dazu nichts. So wie die Staatsanwaltschaft Mailand, die aber wenigstens bestätigt, dass gegen drei Mittäter von Colombo noch Ermittlungen laufen. Auch gegen Karrer? Kein Kommentar.
Vor knapp zwei Monaten begann der Prozess gegen Colombo in Mailand. Deshalb wird es für Karrer langsam eng. Eines der Kinder sagte vor italienischen Behörden aus, Karrer habe den Wagen gefahren, mit dem sie bei ihrer zweiten Entführung nach Italien gebracht wurden; unklar allerdings, wie belastbar diese Aussage ist. Auch der Verdacht, Karrer nehme Geld, bekam neue Nahrung: Eine deutsche Zeugin sagte im Prozess aus, Karrer habe in ihrem Fall sogar 50 000 Euro verlangt.
Karrer gefällt der Prozess dennoch. Auf Facebook schrieb er zum Auftakt: "Endlich erfährt der CEED die Aufmerksamkeit, die er verdient."
Karrer will den öffentlichen Skandal. Die Opfer bringen andere. Mütter, denen wie im Fall Colombo hohe Strafen drohen. Mütter, die schuldig gesprochen werden. So wie Beata P. Im Mai 2010 verurteilte das Amtsgericht Düsseldorf die Polin zu 14 Monaten auf Bewährung wegen Kindesentziehung, Körperverletzung und Freiheitsberaubung. Sie hatte noch Glück, es war ein mildes Urteil. Trotzdem ging sie in Berufung.
Beata P. hatte im Oktober 2008 nach einem langen Rechtsstreit mit ihrem deutschen Ex-Mann den Sohn entführt. Mit drei Helfern überfiel sie die Stiefmutter des Jungen; sie schoss mit Tränengas auf die Frau, an deren Hand der Kleine durch Düsseldorf spazierte. In Polen hielt sie den Jungen monatelang versteckt. Mit Karrers Hilfe trat sie vor polnischen Journalisten auf und beklagte, dass ihr Deutschland das Kind wegnehmen wolle. Sogar der damalige Staatspräsident Lech Kaczyński hörte sie an.
Im Internet findet sich ein Video, in dem Karrer Beata P. interviewt. Es muss kurz vor der Entführung entstanden sein. Eigentlich ist es kein Interview, sondern das Dokument einer Gehirnwäsche. Nach einer Stunde und 38 Minuten sagt Karrer: "Also gut: Den Rechtsweg bist du gegangen. Es hat nichts gebracht. Was ist für dich nun die Alternative, um deinen Sohn zu sehen, bevor er 18 wird?"
Beata: "Das frage ich mich auch. Ich weiß es nicht."
Karrer: "Scheinbar ist es so, dass uns die deutschen Behörden zu gewalttätigen Durchgriffen bringen wollen."
Beata: "Wir Eltern könnten uns zusammentun."
Karrer: "Aber würden die Deutschen uns zuhören?"
Beata: "Natürlich nicht."
Karrer: "Also, was müssen wir machen?"
Beata spricht kaum hörbar: "Wir müssen zur Tat übergehen."
Karrer: "Und das bedeutet?"
Beata: "Die Kinder holen."
Am Ende bittet Karrer die völlig aufgelöste Beata, so zu tun, als würde sie gerade in einem deutschen Gefängnis sitzen. Offenbar für den Fall, dass die geplante Entführung schiefgehen und Beata in Untersuchungshaft kommen würde. Beata heult und sagt mit brüchiger Stimme: "Mein lieber Sohn, ich bin im Gefängnis, weil ich dich sehen wollte." Karrer spricht ihr kaum hörbar vor: "Weil ich dich liebe." Beata: "Weil ich dich liebe. Und weil du wissen sollst: Du hast eine Mutter."
Olivier Karrers Sohn wird nächstes Jahr 18. Er kann dann selbst entscheiden, ob er zu seinem Vater zurückkehren will.
Von Jürgen Dahlkamp, Anna Kistner und Conny Neumann

DER SPIEGEL 51/2011
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