17.12.2011

Mondkuchen

Von Gantenbrink, Nora

Ortstermin: Chinesische Tourismusexperten überprüfen den Nürnberger Christkindlesmarkt.

Kauft der Chinese Nürnberger Blechspielzeug? Schmeckt ihm Lebkuchen? Interessiert er sich für Rostbratwürste?

Zhang Jun, 35, sucht Antworten auf diese Fragen, darum ist er nach Nürnberg gekommen. Er wiegt den Kopf und macht ein fachmännisches Gesicht. Zhang arbeitet bei der Deutschen Zentrale für Tourismus in China. Er hat, im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland, eine neunköpfige Gruppe von Tourismusexperten aus Shanghai zusammengestellt und führt sie jetzt gemeinsam mit Claudia Radtke, Stadtführerin der Stadt Nürnberg, sehr eilig über den Christkindlesmarkt.

Nürnberg hat die Chinesen eingeladen, weil es sich Hoffnung macht. China ist wichtig, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Die Chinesen sollen Amerika retten und womöglich auch Europa.

Man weiß: Chinesen reisen gern nach Europa. Wenn alles gutläuft, werden die neun Tourismusexperten künftig winterliche Pauschalreisen nach Deutschland anbieten, mit Besichtigung verschiedener Weihnachtsmärkte. Das wäre ein deutsches Weihnachtsmärchen.

Man weiß allerdings auch: Weihnachten ist in China kein besonderer Tag. Die Mehrheit der Chinesen ist buddhistisch oder gar nichts. Sie haben zwar Schriftzeichen für Weihnachten. Aber eben kein Gefühl dabei.

"Weihnachtsreisen nach Deutschland können wir in China schwer anbieten, besser wir nennen sie Winterreisen mit Märkten", sagt Zhang Jun, der nach elf Stunden Flug frierend auf dem Nürnberger Hauptmarkt steht.

"Das hier ist unser berühmtes Christkind", sagt Stadtführerin Claudia Radtke auf Chinesisch und hält ein Foto in die Luft. Die Chinesen stehen im Halbkreis um sie herum, reiben sich die Hände aneinander, schweigen.

Nürnberg hat nicht den ältesten, nicht den größten Weihnachtsmarkt Deutschlands, aber den berühmtesten, mit zwei Millionen Besuchern pro Jahr. Normalerweise kommen die Besucher des Christkindlesmarkts aus: Italien (Platz 1), USA (Platz 2), Österreich (Platz 3). Vergleichsweise wenige kommen bisher aus China (Platz 13). Das soll sich ändern.

"Die Chinesen haben viel Geld", sagt die Verkehrsdirektorin der Stadt Nürnberg. "Sie könnten es hier ausgeben."

Weihnachten verstehe nicht jeder in China, sagt Zhang Jun. Nur in den Metropolen, dort hat man Weihnachten als Konsumfest importiert. Ungefähr so, wie die Deutschen Halloween importiert haben.

Was gut ankomme bei Chinesen, sagt Zhang, sei die Kombination von Deutschland und Shopping. Er zählt Läden auf: Prada, Hugo Boss, Rolex, Thomas Sabo. Schöne Sachen, und nichts ist gefälscht. Nur der Winter sei ein Problem und vielleicht, dass Nürnberg nicht Berlin sei. Und dass Weihnachten eben ein christliches Fest sei. Mit Shoppen locke man die Chinesen auf jeden Fall eher als mit Skifahren.

An einem Lebkuchenstand verschenkt eine Verkäuferin Elisenlebkuchen. "Das schmeckt ungefähr wie chinesischer Mondkuchen", sagt Claudia Radtke. Der Mondkuchen wird in China zum Mondfest gereicht, einem Feiertag im Herbst. Die Chinesen kauen den Nürnberger Lebkuchen lange. Eine Chinesin spuckt ihn aufs historische Buckelpflaster. Niemand kauft eine Tüte.

Ein Rauschgoldengel? Würde ein Rauschgoldengel Interesse finden bei Chinesen? "So etwas taugt als Souvenir", sagt Zhang Jun höflich.

"Kennt hier jemand Martin Luther?", fragt Claudia Radtke auf Chinesisch. Nein. Die Stadtführerin sagt, die Feinheiten der Reformation seien manchmal schwer zu verstehen, für chinesische Gäste. Ebenso das Heilige Römische Reich, sie sagt: "Das ist in etwa so wie Europa!" Albrecht Dürer, der Sohn der Stadt, muss erwähnt werden. Die Reisegruppe schweigt. Dann fotografiert sie Senfgläser und die Auslagen eines Juweliergeschäfts.

Claudia Radtke glaubt trotzdem, dass das Weihnachtsfest und die Chinesen zusammenfinden können. Etwa 20 000 Übernachtungen von Chinesen waren es im Jahr 2010 in Nürnberg. Claudia Radtke hatte in diesem Jahr mindestens doppelt so viele chinesische Führungen wie im vergangenen Jahr. Es sieht so aus, als wachse mit dem Wohlstand das Interesse an Weihnachten.

Die Teilnehmer um Zhang Jun halten jetzt ihren ersten Glühwein in den Händen, pressen die Lippen zusammen und versuchen, ein "Prost" nachzusprechen, aber es klingt mehr nach einem Räuspern. Eine Teilnehmerin fragt die Stadtführerin, wo hier ein deutsches Uhrengeschäft sei.

Vor der Frauenkirche singt ein Kinderchor. Ein chinesischer Manager vergleicht seine Kamera mit der des SPIEGEL-Fotografen.

Der Chinese inspiziert sehr genau, dann zeigt er seine. Eine Canon EOS 5D. Er lacht: Sie sei besser, sagt er.


DER SPIEGEL 51/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 51/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon sonntags ab 8 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Mondkuchen