17.12.2011

Es war einmal die Revolution

Von Smoltczyk, Alexander

Eine politische Reise quer durch den aufgewühlten Maghreb, vom Atlantik aus in Richtung Orient.

Der Dakar-Kairo-Highway führt 8636 Kilometer quer durch Afrika, vom Atlantik bis an den Nil. Der Abschnitt entlang der Mittelmeerküste wird "Transmaghrébine" genannt.

Teile der Transmaghrébine liegen bereits breitspurig im Land, mit Mautstellen versehen und beleuchtet. Anderswo ist sie eine Baustelle, wieder anderswo bricht sie plötzlich ab und verschwindet im Sand. Hier stehen noch die Bunker des deutschen Generalfeldmarschalls, dort rosten die ausgebombten Panzer von Muammar al-Gaddafi. Manche Staaten haben mit dem Bau erst angefangen, in anderen ist der neue Asphalt aufgerissen, und der alte Belag kommt wieder hervor.

Es heißt, die Transmaghrébine sei ein historischer Bau, Beleg einer Zeitenwende für Nordafrika und die arabische Welt. Andere meinen, das Projekt sei zum Scheitern verurteilt, weil sich im Maghreb nie etwas zum Guten ändern könne.

Eine Straße ist noch kein Beweis für Bewegung. Natürlich nicht. Doch wer sich der Transmaghrébine in diesen Wochen anvertraut, merkt schnell, dass er nicht allein ist.

Viele sind unterwegs, noch mehr warten am Straßenrand. Und die Straße zwischen Rabat und Kairo wird zum Querschnitt durch die Rebellionen, zum Panoptikum von Revolutionen in ihren diversen Aggregatzuständen, mal heiß, mal erkaltet, mal schon wieder verflüchtigt.

Also los. "Auf nach Benghasi" (Antoine de Saint-Exupéry).

KILOMETER 0:Rabat, Festung Rottembourg

Autobahnen sind wie Revolutionen. Niemand weiß genau, wo sie anfangen und wie sie enden. Im äußersten Westen von Rabat, so nah am Atlantik, dass die Gischt auf den Lippen zu schmecken ist, steht die Festung, wie ein Wall, rostzerfressen der Kruppstahl, die zwei Eisendome über dem Gefechtsstand. Ein deutscher Ingenieur hat das Fort gebaut, für den Sultan vor über hundert Jahren, und keiner hat die Mauern je eingenommen.

Bis auf Saber, den Clown.

Saber Abderrahmane wohnt hier mit seiner Mutter, seiner Familie, hat sich hier niedergelassen und Tomaten gepflanzt. Er rollt die Augen hinter der dicken Brille. Dann zieht er die Brauen hoch und hält eine Hand hinters Ohr.

Krieg. Man hört das Stampfen von Stiefeln, Fanfaren, Schüsse, eine Explosion. Jemand brüllt Befehle, Sirenen, Tieffliegeralarm, taktaktaktak, Krächzen von Funkgeräten, dann wieder das Kreischen der Stukas.

Es ist ein Schlachtengemälde, das Saber der Clown nur mit dem Mund entwirft. Als Kind haben sie ihm einen Tumor aus dem Kopf geschnitten. Seither kann Saber jedes Geräusch nachmachen. Das Gehörte kommt wie ein Echo zwischen seinen Lippen heraus. Er könnte auftreten, im Fernsehen sogar. Aber niemanden interessiert es in Rabat.

Er steht in seiner Festung, 33 Jahre alt, das T-Shirt überm Bauch gespannt und mit einer Aufschrift versehen: "Mouvement Populaire" - Volksbewegung. Ein Werbegeschenk. Was hält ein Clown von all den Rebellionen ringsumher? Saber spitzt den Mund zu einem dunklen Käuzchenruf.

Ein kleiner Mann gesellt sich hinzu, nickt, hört zu und lächelt.

Saber hat aufgegeben, etwas zu erhoffen. Was wird sich ändern? Nichts. Was gibt es zu tun? Nicht viel mehr als nichts.

Saber pfeift gerade ein Vogel-Echo, da kommt, aus dem Nichts, ein Polizist, in scharf gebügelter Uniform. Man habe ihn alarmiert. Er verlangt: "Was machst du?"

"Ich pfeife."

"Für Ausländer? Hast du eine Genehmigung?"

Nein. Also Schluss mit dem Pfeifen. Es wird nicht gepfiffen. Marokko hat seine Revolution noch nicht gesehen. Aber sie liegt so nah und ist so unerreichbar wie die Küste Gibraltars.

KILOMETER 3:Rabat, Königspalast

Der kleine Lächler gehört zu jenem Netz von Zuträgern, mit dem in Marokko der Palast das Land kontrolliert. Das sind die zerlumpten Parkwächter und Hausmeister, all die Eckensteher, Blockwarte, Kaffeehausbesucher.

Denn der Souverän herrscht auf zwei Arten, schrieb Alexis de Tocqueville: "Den einen Teil der Bürger lenkt er durch ihre Furcht vor seinen Beamten, den anderen durch die Hoffnung, seine Beamten zu werden."

"Le Palais" ist die Macht. Der Palast steht mitten in Rabat, eine Art Campus mit gestutzten Spalierbäumen und dem Collège für die Königskinder. Der offizielle Name für die Anlage ist Dar al-Makhsen, zu übersetzen etwa mit "Haus der Macht". Es heißt, Mohammed VI. ("M6") habe nie sonderlich Lust aufs Amt gehabt, würde lieber mit seinen Autos spielen oder nach Paris jetten. Das ist natürlich Unsinn, staatsfeindlicher Unsinn.

M6 herrscht souverän, auch wenn in den Straßen selten Bilder von ihm zu sehen sind. Jedes amtlich gesprochene Wort des Königs wird notiert und hat Gesetzeskraft. Um den Herrscher haben sich mehrere Zirkel gebildet, drei sollen es sein, vielleicht auch vier. Ein gutes Dutzend enger Berater, die das Land steuern. Sie sind in Frankreich ausgebildet worden, versehen mit vollendeten Manieren und dem festen Vorsatz, die Macht zu behalten.

In Marokko herrscht die Dreieinigkeit "Gott, Vaterland, König". Und wenn ein junger Fußballfan meint, "Dieu, Patrie, Barça!" an eine Wand pinseln zu können, dann muss er eingesperrt werden.

Nachdem sich, vor einem Jahr, in Tunesien ein junger Obsthändler verbrannt hat, ist das Haus der Macht nervös geworden. Es hatte Proteste gegeben, am 20. Februar. Zehntausende hatten, in strömendem Regen, die Absetzung der Regierung verlangt, Reformen, Arbeit. Am liebsten eine Monarchie wie in Spanien. Sie nennen sich "Mouvement du 20. Février", kurz: "M20".

So wurden schnell neue Sicherheitsleute rekrutiert, und den alten wurde mehr Präsenz befohlen. Provokateure tauchten auf, um die Bürger- und Jugendbewegung als Krawallmacher zu diskreditieren. 30 Millionen Euro soll es gekostet haben, die Revolution in Marokko zu unterbinden.

Le Palais ist für alles zuständig, auch für etwaige Revolutionen. "Ich will diese Reform", erklärte König Mohammed ernst und steif bei seiner TV-Ansprache am 9. März und gab sogleich eine neue Verfassung in Auftrag. Und schon am 14. Juli konnte der Verfassungsrat bekanntgeben: 98,47 Prozent hätten sich im Referendum für die neue Verfassung ausgesprochen. Der Text hängt an den Kiosken aus. Der Premier wird jetzt aus der stärksten Fraktion ernannt, nicht mehr nach Gutdünken. Artikel 46 allerdings lautet: "Die Person des Königs ist unverletzlich, und Ihm ist Respekt geschuldet."

Driss Ksikes sitzt im Weimar-Café des örtlichen Goethe-Instituts, einem Freiraum mit Alkohollizenz, der von Künstlern, Spitzeln, Hofbeamten gleichermaßen gern besucht wird. Ksikes ist Dramaturg, Autor, Soziologe. Anfang 2007 wurde er wegen "Islam-Verhöhnung" verurteilt. Er hatte eine Publikation über den Witz in Marokko herausgegeben.

"Der König glaubte, Autokratie sei besser als Islamismus, und er glaubte, mit seinen Großprojekten das Volk zu beruhigen", ruft er olivenkauend durch den Lärm. "Beides ist schiefgegangen. Denn beides hat nur die Korruption verstärkt."

In Marokko ist der Wahlerfolg der Islampartei "Gerechtigkeit und Entwicklung" (PJD) als Schicksal hingenommen worden. Hassan II., Vater von M6, hatte in den siebziger Jahren viele Geisteswissenschaften verboten, aus Angst um seine Macht, und stattdessen Koranlehrer aus Ägypten importiert. So wurden zwei ganze Generationen geistig ausgetrocknet.

Der Erfolg der Frommen und der Frömmler ist die späte Folge davon. Ähnlich wie in Tunesien und Ägypten haben sie das Vertrauen der Bildungsfernen und der Landbewohner, jener, die von der Modernisierung ausgeschlossen sind.

Autor Ksikes erwartet jetzt ein Bündnis zwischen der Islampartei und anderen Konservativen: "Das hieße etwas weniger Korruption, dafür mehr Haushaltsdisziplin. Mehr Gleichheit, weniger Freiheit." Die Scharia ist in Marokko Grundlage des Rechtssystems. Jetzt werde sie wohl etwas strenger ausgelegt.

Dem König sind die Islamisten durchaus suspekt. Er ahnt eine andere Macht hinter ihnen, die sich nicht leicht durch Geld aufsaugen lässt. Aber Le Palais wird sich mit ihnen arrangieren.

Egal, sagt Driss Ksikes. Die Bewegung vom 20. Februar habe gezeigt, dass es in Marokko nicht nur Untertanen gibt, sondern auch Citoyens: "Eine Bresche hat sich aufgetan. Sie wird sich vergrößern. Vielleicht dauert es fünf Jahre, vielleicht zehn. Die Revolution ist nur vertagt."

Die Intellektuellen im Land richten sich auf einen Winterschlaf ein. "Der islamistische Totalitarismus" möge nur eine Etappe auf dem Weg zur Demokratie sein, schrieb das unabhängige Wochenmagazin "Telquel": "Eine Nacht, die durchquert werden muss, bevor man das Tageslicht sieht."

Es ist ein eisiger Regen. Die Nationalstraße 6 Richtung Osten führt durch Salé, einen tristen Vorort von Rabat. Hier wurde 1627 die erste Republik auf afrikanischem Boden ausgerufen: die freie Seeräuber-Kommune Bou Regreg. Heute ist die Stadt eine Festung der strenggläubigen Salafisten und wird von Sicherheitsleuten beargwöhnt, als wären die Freibeuter wieder zurück.

Junge Männer bieten in Plastikbechern Nüsse an. Das war die erste Reaktion des Palastes auf die Nachricht, dass sich in Tunesien ein Straßenhändler selbst verbrannt hatte: Jedem Untertan wurde das Recht gegeben, auf dem Pflaster eine Pappe auszubreiten und Dinge zu verhökern. Und seien es gebrauchte Schuhe oder Nüsse.

Hunderte Kilometer weit kein Baum, nur Buschwerk und Lehmhütten. Die Straße führt durch fahlgelbe, ausgewaschene Ebenen immer weiter nach Osten, Richtung Orient. Auch die Proteste haben diese Richtung genommen.

Der arabische Frühling hat dem Volk die Angst genommen zu sagen, was es denkt. Und weil sich keiner dem Willen des Volkes in den Weg stellen mag, ist aus dem arabischen ein islamischer Frühling geworden. Das wird die Erfahrung sein auf dieser Reise, an jeder Etappe der Transmaghrébine, in Tunis, Tripolis, Bengasi, Alexandria.

Überall wird die gleiche Sprache gesprochen, werden dieselben Sender gesehen, überall zeigt sich, nachdem die Autokraten ihre Chance vertan haben, eine Rückversicherung zur islamisch-arabischen Identität. Es ist ein neuer Raum entstanden. Europa wird sich darauf einstellen müssen.

KILOMETER 516:Oujda, Grenzposten vor Algerien

Die Transmaghrébine endet an einigen auszementierten Öltonnen, hinter denen sich ein Hund hervorschleppt. Die Wechselstube ist geschlossen. Es gibt nichts zu wechseln. Die Grenze ist seit 1963 immer wieder gesperrt worden, mal wegen eines Grenzkonflikts, mal wegen der Befreiungsbewegung Polisario, zuletzt wegen eines Attentats in Marrakesch.

Marokko und Algerien sind verfeindete Bruderstaaten.

Ein "Café l'Etape" betreibt an einem Sandwall unmittelbar an der Staatsgrenze eine Kart-Rennbahn. "Weiter im Norden gibt es eine Stelle, wo wir uns zuwinken können", sagt die Wirtstochter. Sie hat Familie auf der anderen Seite. "Sonst fahren wir nach Casablanca und fliegen von dort nach Oran. C'est normal." Es ist die Normalität Berlins vor dem Mauerfall.

In Oujda, der Grenzstadt, gibt es einen modernen Flughafen und eine städtische Kunstgalerie, in der ein Foto des Königs hängt. Die Ampeln sind in französischem Design, die Cafés voll. Alles ist bereit. Oujda wartet auf die Öffnung. Oder auf den Zusammenbruch der Regierung, auf der anderen Seite.

Drüben, jenseits der Grenze, glaubt das Regime, seine Umstürze schon hinter sich zu haben. "Revolution" ist etwas für Militärparaden und Ansprachen steifhüftiger Führer, kein Begriff der Gegenwart. Die ehemaligen Unabhängigkeitskämpfer gegen Frankreich sind sehr reich geworden. Sie wissen, was sie zu verlieren haben. Sie wissen auch, wie man ein Regime zu Fall bringt. Und passen deshalb auf.

Schon Anfang Januar hat es überall im Land einen Aufstand gegeben. Gegen die Teuerung zuerst, dann schnell gegen das System. Das System musste gepanzerte Fahrzeuge gegen die Barrikaden der Jugendlichen auffahren, es gab Tote. Dann wurden die Preiserhöhungen zurückgenommen.

Das Land jenseits der Grenze hat viel Blut gesehen. Im Befreiungskrieg bis 1962, bei den Brotaufständen 1988, im Bürgerkrieg in den neunziger Jahren. Algerien hat als einziges Maghreb-Land auch früh schon Erfahrungen mit Wahlen gemacht, bei denen sich eine Mehrheit für Islamisten abzeichnete. Daraufhin übernahm das Militär die Macht.

"Algerien hat einen hohen Preis gezahlt, mit Tausenden Toten, und hat sich von dieser Situation noch nicht vollständig erholt. Was will die algerische Gesellschaft? Stufe um Stufe in die Hölle hinabsteigen?" Das sagte der Premierminister, Ahmed Ouyahia, im Wissen, wie lebendig die Erfahrung des Bürgerkriegs noch ist.

Jenseits der Grenzstation, hinter Olivenbäumen und einer Schafherde, ragt aus dem Nichts heraus eine frischasphaltierte Autobahn, am Rande abgerissen, doch komplett mit Randstreifen und Hinweisschildern. Es ist die Transmaghrébine, einladend und unzugänglich, und wie zum Trotz um einige hundert Meter versetzt zum marokkanischen Stück.

In der Botschaft Algeriens gab es, "leider, Monsieur, vielleicht später einmal", auch kein Visum, weil die Berufsbezeichnung Journalist im Pass vermerkt war. Die Reise überspringt also, trotz breit asphaltierter Straße, Oran, Algier und Annaba, die Orte des Albert Camus. Das ist schade. Auch die Rebellionen im Frühling haben das Land ausgespart.

Vielleicht bis später einmal.

KILOMETER 1944:Tunis, "Quartier de la Révolution"

Die gelernte Chefsekretärin Latifa Charny wurde vor 49 Jahren in St. Etienne an der Loire geboren, verliebte sich in einen Jungen und wurde deshalb von der Familie zurückverheiratet nach Tunesien. Sie wehrte sich nicht, sondern lernte die arabischen Wörter für Ziege und Wasser und Mann.

Jetzt, sieben Kinder, 32 Jahre und viele Gebete später, steht sie an einer Einfallsstraße vor Tunis, nordwestlich der Stadt: "Regardez, schauen Sie nur", sagt Latifa Charny.

Auf flachem steinigem Feld stehen einige Dutzend Behausungen, zusammengefügt aus Blech, Paletten, Ziegeln und Plastik. Die Bewohner sind im Durcheinander der Rebellion vom Vermieter aus ihren Wohnungen geworfen worden. Keiner fühlt sich seither zuständig.

Sie haben ihr Bidonville "Thaura" genannt, Revolution, im Glauben, dass sich dann schneller etwas ändern muss. Elf Monate später ist der Gouverneur ausgewechselt, das Rathaus umbesetzt, nur sie hocken noch auf dieser rötlichen Brache. Strom gibt es nicht, das Wasser kaufen sie bei einer Baustelle und schleppen es in Eimern heran. Unter der Petroleumfunzel in einem Bretterverschlag liegt ein Neugeborenes auf der Matratze. Es ist drei Tage alt.

Die Tunesier waren die Pioniere des arabischen Frühlings. Sie sind die Ersten, die eine frei gewählte Regierung haben, einen Menschenrechtler als neuen Präsidenten. Sie sind da, wo die Menschen in Libyen, Algerien, Marokko und Ägypten erst noch ankommen wollen.

Für wen mag eine Frau gestimmt haben, die mit 17 Jahren von der eigenen Familie zum Ziegenhüten entführt worden ist und jetzt mit ihrem lungenkranken Mann und sieben Kindern in einer Bretterbude haust?

"Ich?", fragt Latifa Charny, "ich habe für den Islam gestimmt."

Also für dessen weltlichen Ausdruck, die jahrelang verbotene Nahda-Bewegung. Als Einzige seien sie im "Thaura"-Viertel vorbeigekommen: "Sie geben uns Hoffnung."

37 Prozent für die Nahda-Partei in Tunesien, 27 Prozent für die PJD in Marokko, etwa 40 Prozent für die Muslimbruderschaft bei ersten Teilwahlen in Ägypten. Es ist ein Islamismus, der auf Wahlen setzt, weil er sie nicht verlieren kann.

Dialektik der Aufklärung: In allen Maghreb-Staaten ist der arabische Frühling zur Erntezeit der Islamisten geworden, nicht zur Blüte westlicher Zivilgesellschaft.

Aber Revolutionen können sich lang hinstrecken. Zhou Enlai, der Gefährte von Mao, wurde 1971 von US-Präsident Richard Nixon gefragt, wie die Französische Revolution den Westen verändert habe. Als Antwort von Zhou wird kolportiert: "Es ist noch zu früh für ein Urteil."

KILOMETER 1980:Karthago, "Villa Didon"

"Die Revolution ist wie ein Kind. Du wartest jahrelang, bis es endlich klappt. Dann wird es geboren, und du merkst, es ist behindert, hat das Down-Syndrom. Erst bist du verzweifelt. Und dann liebst du es trotzdem. Weil es so voller Leben ist."

Die Schauspielerin Nadia Boussetta hat das Profil der Göttin Athene und ist sehr wütend. Ihr Satz über das Kind Revolution kommt am Ende eines Abends, hoch oben über der Bucht von Karthago, im schicksten Treff der Stadt, am Ende eines langen zornigen Monologs über das Ancien Régime, die Unfähigkeit der Linken und die Manipulationen des Systems.

Ihre Eltern haben an Nasser geglaubt und an die arabische Einheit. Sie macht ihnen den Vorwurf, nicht gemerkt zu haben, wie die Bevölkerung in Armut feststeckte. "Wir wussten nichts vom Volk", sagt sie und ist in die erste Person Plural gerutscht.

Mehr als hundert neue Parteien sind entstanden, darunter etliche, die kaum mehr als Ein-Mann-Bewegungen sind. Ein Exil-Tunesier, Hachemi Hamdi, machte von London aus Wahlkampf, mit Hilfe seines eigenen Fernsehsenders. Er war ein Freund des gestürzten Alleinherrschers Ben Ali. Jetzt ist er Freund der Islampartei. Man nennt ihn "la girouette", den Wetterhahn. Aber seine Fraktion ist die drittstärkste im neuen Parlament.

"Wie kann das sein?" Boussetta hat vom ersten Tag an mitdemonstriert. Sie hat ein Dossier über die Folterkeller herausgegeben. Sie ist bei jeder Frauendemo dabei, wenn es darum geht, gegen die barbus anzugehen. Leider haben die Bärtigen die Wahl gewonnen.

"Ich kämpfe", sagt sie und zieht an einer langen Zigarettenspitze. "Wenn meine sechsjährige Tochter später einmal nicht das Recht auf die Pille, auf Abtreibung, auf Scheidung haben würde, würde ich mich schämen."

Und wenn ihre Tochter in einigen Jahren den Schleier tragen möchte?

"Das. Wird. Nicht. Passieren."

KILOMETER 1991:Tunis, Kasbah-Viertel

In den Rinnsteinen der Altstadt steht noch rot das Blut, mit Zigarettenkippen darin, auf den Plätzen kleben Blut und Haarreste, Schädel und Klauen kokeln auf selbstgebastelten Rosten, manchmal nur mit Müll befeuert. Es ist der Tag nach dem Opferfest. Die Straßen sind voll von dem Gestank verbrannten Fleisches.

Die Wahlplakate sind wieder entfernt und an den Mauern nur die schwarzen Raster zurückgeblieben. Wie eine Reihe von Kreuzen sieht es aus. Wahlen sind die Friedhöfe der Revolutionen. Könnte Che Guevara gesagt haben.

Entlang der Straße sind mehr Fußball-Graffiti zu sehen als Polit-Parolen. Jemand erzählt, die Rebellion habe in den Stadien begonnen, vor zwei Jahren bereits. Die Prügeleien der Fans mit der Polizei waren das Vorzeichen, das Ausbuhen der Staatsvertreter. Auch die Netzwerke im Internet, die Verabredungen über Facebook. Alles war schon da, in der Fanszene.

In einem der Cafés an der Kasbah steht, an einen Tisch angeleint, ein Kampfhammel mit gewaltigen Testikeln. Junge Männer necken ihn aus Langeweile, wackeln mit dem Unterleib wie Matadore. Eine junge Frau geht vorbei, stolz, mit Sonnenbrille und offenem Haar. Ob sie das in ein paar Jahren noch tun können wird?

"Nein."

Najmeddin Mokhrani würde es ihr nicht verbieten, aber: "Die Gesellschaft wird eine andere sein. Diese Frau wird sich freiwillig anders kleiden."

Mokhrani weiß vielleicht mehr über die Zukunft als andere. Nicht, weil er "den Weg" gefunden hat. Sondern weil ihm die Zukunft gehört. Seine Leute haben die Wahlen gewonnen. Mokhrani ist Islamist, und das sei auch gut so.

"Der Islam ist eine Stimme, keine Ideologie, keine Politik."

Mokhrani ist ein 30-Jähriger mit Lachfalten um die Augen, früher, sagt er, sei er einmal der Obergauner des Viertels gewesen. Er kennt Europa, war mit einer Holländerin verheiratet, in Amsterdam: "Die Schwiegermutter wollte mich nicht." Obwohl er damals noch keinen Bart trug.

Sein Idealland, sagt er, wäre Katar. Oder Malaysia. Nicht die verwestlichte Türkei, nicht Dubai.

Während der 30-Jährige gut gelaunt über die Scharia plaudert, über das Verbot von Alkohol, das sich bald durchsetzen werde, wird ein Gast am Nebentisch zunehmend nervös. Offenbar ein Jugendfreund, aus demselben Viertel. Schließlich hält er es nicht mehr aus und mischt sich ein: "Okay, Najmeddin, und was ist mit Steinigungen? Würdest du da auch mitmachen?"

"Nein."

"Gut, aber wärst du dafür?"

"Ich kann nicht dagegen sein. So steht es geschrieben."

Mokhrani gehört zur Nahda-Partei, die im Westen als Vertreter eines gemäßigten Islamismus gilt.

KILOMETER 2217:Sfax, Abzweigung nach Sidi Bouzid

Sfax ist eine Hafenstadt, in deren Hotels italienische Geschäftemacher, Matrosen, Schmuggelbarone und heimatlose Gaddafi-Anhänger vor ihrem Bier sitzen. Aus irgendwelchen Gründen ist Sfax auch die Partnerstadt von Marburg in Mittelhessen. Eine Marmortafel erinnert daran, feierlich, deutsch und mit mangelhafter Orthografie.

Von Sfax aus führt eine schmale Landstraße an den üblichen Reifenshops vorbei Richtung Sidi Bouzid: Werkstätten, grobgemauerte Lagerhallen und trostlose Cafés.

Und überall diese jungen Männer mit ihrer übergroßen Sonnenbrille, ihrer billigen Lederjacke und der Fußballerfrisur. Sie lehnen an Bäumen, hängen auf den schmutzigen Plastikstühlen an der Straße, stehen reglos rauchend auf den Plätzen. Giacomettihafte Gestalten. Dutzende, Tausende. Sie gehören zum Landschaftsbild. Sie stehen da in Fès und in Tunis und Misurata, und sie stehen immer noch da in Bengasi und den elenden Vororten von Kairo. Sie warten und haben darüber vergessen, worauf. Etwas müsste passieren. Aber auch das Umwälzendste, was passieren könnte, ist schon passiert, die Revolution, und sie stehen immer noch da.

Unter den ersten Bäumen sind schon Planen ausgebreitet. Bald ist wieder Olivenernte, wie damals, am Nachmittag des 17. Dezember 2010, als Mohammed Bouazizis Mutter auf dem Feld war und die Nachricht bekam, ihr Sohn sei mit schwersten Verbrennungen ins Krankenhaus von Sfax gebracht worden.

"Der Märtyrer Mohammed Bouazizi, geboren am 29. 3. 1984, gestorben am 4. 1. 2011". Das steht auf dem Grabstein, 20 Kilometer außerhalb der Stadt. Daneben ein leerer Fahnenhalter. Hier fing alles an. Hier endete es, jedenfalls für den damals 26-jährigen Mohammed Bouazizi.

Ein Jahr danach sagt jeder in Sidi Bouzid, dass es eigentlich nur "ein verdammter Unfall" war: Rochdi etwa kannte den Obsthändler. "Mohammed war nicht depressiv, er kam gut über die Runden. Es war nur so ungerecht, dass man ihm seine Waage und die Waren weggenommen hatte."

Das sagt Rochdi, ein 35-Jähriger, der lange in Lausanne gelebt hat und sich wie ein Verdurstender auf jeden Fremden stürzt.

Mohammed Bouazizi hatte mit dem Gouverneur reden wollen. Er kippte sich Benzin über den Kopf und hielt ein Feuerzeug in die Luft. Vielleicht hat er nur gedankenlos mit dem Reibrad gespielt. Jedenfalls stand er plötzlich in Flammen.

Rochdi und zwei Freunde stellten einen Clip auf Facebook. Jemand wusste von einer Ohrfeige durch eine Frau vom Ordnungsamt, jemand erklärte, Bouazizi sei eigentlich Akademiker, wie viele in seiner Situation. "Na ja", sagt Rochdi. "Es stimmte so nicht." Aber es wirkte. Funke ist Funke. Und diesmal war die Entzündung gewollt.

Die gelb-roten Gehwegfliesen vor dem Gouverneurssitz zeigen keine Brandspuren mehr, keine Tafel erinnert an den Märtyrer, nur ein paar Graffiti feiern den "Platz Bouazizi". Und alle Straßenlaternen der Hauptstraße sind zertrümmert. Aber das war schon die erste postrevolutionäre Rebellion, als nach den Wahlen einige tausend Enragés die Polizeistation angriffen und den Sitz der Islampartei.

Es war ein regionalistischer Protest: "Viele fürchten, dass jetzt die guten Posten wieder an die Politiker in Tunis und an der Küste gehen. Und uns wieder nichts bleibt."

Die Leute in Sidi Bouzid hungern nicht. Der Boden ist fruchtbar. Aber es ist nicht in Ordnung, dass die Oliven und Trockentomaten für einige Cent nach Sizilien verramscht werden, um sich dort in italienische Antipasti zu verwandeln. Es ist nicht in Ordnung, dass diplomierte Menschen auf den Olivenfeldern ackern müssen.

Was wollt ihr?

"Unsere Würde", sagt Rochdi.

Konkret?

"Eine asphaltierte Zufahrtsstraße, eine neue Konservenfabrik und die korrekte Erfassung der Parzellen durch das Katasteramt."

Revolutionen mögen manchmal dumme Veranstaltungen sein. Noch dümmer sind diejenigen, die es zu Revolutionen kommen lassen.

Im nächsten Heft:

Von Tripolis über Sirte nach Bengasi: Überlebende, Kämpfer und Märtyrer im befreiten Libyen


DER SPIEGEL 51/2011
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