23.12.2011

KATHOLIKENOccupy St. Norbert

Statt friedlich Weihnachten zu feiern, besetzen Gläubige im Ruhrbistum eine Kirche und rebellieren gegen ihren Bischof. Benachbarte Muslime unterstützen sie dabei.
Damit hatten die aufgebrachten Katholiken im Duisburger Norden nicht gerechnet: "Ihr habt uns beim Bau unserer Moschee geholfen, jetzt helfen wir euch beim Kampf um eure Kirchen!" So versprachen es Ende vergangener Woche muslimische Schüler und Eltern aus der Nachbarschaft, dann gingen sie mit den Christen bei eisigem Wind und Regen demonstrieren.
Gemeinsam machten sie sich kurz vor Weihnachten für Kirchen wie St. Barbara, St. Norbert oder St. Peter und Paul stark; drei von mehreren Gotteshäusern, die das Ruhrbistum demnächst schließen will.
Rund 100 Kirchen im Revier hat die Diözese in den vergangenen Jahren bereits auf die Streichliste gesetzt, nun beginnt der nächste Kahlschlag. Auch bundesweit wird es nicht bei den bisher bekannten 700 Fällen bleiben. In den Bistümern gibt es sogar Pläne, die das Zusperren von bis zu 2000 weiteren Kirchen vorsehen.
Die Bischöfe ziehen sich aus der Fläche zurück. Teils jahrhundertealte Gebäude werden deshalb entweiht und anschließend einem weltlichen Schicksal überlassen - manche enden als Museum, andere als Restaurant oder Wellnesstempel.
"Strukturwandel" heißt die Begründung für diesen Prozess in den Verwaltungen der Bistümer, den Ordinariaten. Viele Bischöfe sehen angesichts des verschärften Priestermangels keinen anderen Weg. Doch ihr Sparprogramm bedeutet weit mehr als die Stilllegung von Kirchen: Mit den Gotteshäusern verschwinden auch Kindergärten und Suppenküchen, ebenso Treffpunkte für Jugendliche, Mütter und Senioren - alles Einrichtungen, die auch für den sozialen Zusammenhalt in Dörfern und Stadtvierteln stehen.
Deshalb verstärkt sich an der Basis nun der Protest, viele Gläubige wollen nicht länger hinnehmen, dass es zum Kahlschlag angeblich keine Alternative gibt. So kommt es in diesem Winter in Duisburg zu einem besonderen Weihnachtsmärchen: Katholiken und Muslime beteuern einander ihre Freundschaft, Lokalpolitiker setzen sich mit leidenschaftlichen Appellen für den Erhalt von Kirchen ein. Nur der Bischof spielt nicht mit.
Die Gemeinde St. Peter und Paul im Duisburger Norden steht im Zentrum eines besonderen Konflikts. Noch vor fünf Jahren setzte sich Pfarrer Michael Kemper hier für einen Treffpunkt der muslimischen Gemeinde ein. Wenig später entstand direkt gegenüber von seiner Kirche Deutschlands größte Moschee.
Jetzt sind es die Katholiken, denen bald wohl ein Treffpunkt fehlt. Mitglieder der Pfarrei fürchten schon, dass sie sich demnächst - wie einst ihre muslimischen Nachbarn - in Hinterzimmern und Garagen versammeln müssen.
In einem Brandbrief mahnte der Vorstand der Merkez-Moschee deshalb den Essener Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck zur Besinnung. "Wir können uns ein Miteinander im Stadtteil ohne den Beitrag der katholischen Gemeinde nicht vorstellen", heißt es darin. Duisburg sei ein Ort, der "beispielhaft ist für ein gelungenes Miteinander von Christen und Muslimen in Deutschland", dies müsse schlichtweg so bleiben. Alles andere wäre "eine falsche Entscheidung".
Auch in der Kommunalpolitik regt sich Widerstand. Im Auftrag aller Fraktionen von Duisburg-Hamborn schickte Bezirksbürgermeister Uwe Heider ebenfalls einen Brief an "Seine Exzellenz", den Bischof von Essen. Die Kommune befürchte - bei allem Respekt vor der Trennung von Staat und Kirche - angesichts des Rückzugs der Kirche "soziale Unruhe", eine "Zerstörung sozialer Netzwerke" und große Ängste in der Bevölkerung vor dem "Alleingelassenwerden".
Der Adressat, Franz-Josef Overbeck, gehört zu den jungen Konservativen in der Deutschen Bischofskonferenz. Nach nur zwei Jahren im Amt hat sich der 47-Jährige bereits als Hoffnungsträger des Traditionsflügels seiner Kirche und möglicher Nachfolger des einflussreichen Kölner Kardinals Joachim Meisner profiliert, etwa durch Ausfälle gegen Homosexuelle in der Talkshow "Anne Will".
Bundesweit brachte ihn das zwar in Verruf, in der Hierarchie jedoch machte er schnell Karriere. Overbeck wurde Militärbischof und soll als Mitglied einer Steuerungsgruppe der Bischofskonferenz im ganzen Land den Dialogprozess zwischen Bischöfen und Basis leiten. Vor der eigenen Tür aber bereitet ihm die Basis an der Ruhr eine unfriedliche Weihnachtszeit. Mal gibt es Protestläuten der Kirchenglocken, mal werden Kirchen schwarz verhüllt, auf den Weihnachtsmärkten verkaufen Katholiken T-Shirts, die zur Rettung von Gotteshäusern aufrufen.
Selbst bei einer Pfarrkonferenz im Essener Ordinariat ging es kürzlich ganz und gar nicht besinnlich zu. Wutkatholiken, die sich über Facebook organisiert hatten, lärmten so lange vor Türen und Fenstern, bis sich Overbeck nach einer Stunde vor seine Schäflein wagte. Der Hirte wurde mit Fragen überschüttet, Antworten hatte er nicht parat. "Ich verspreche Ihnen, mir die Lage vor Ort genauer anzuschauen", sagte er matt.
Das Vertrauen in die Bischöfe ist geschwunden. "Er hat doch nur Worthülsen abgesondert", beklagte sich die Gemeinderatsvorsitzende Angelika Hoffmann, 59, nach Overbecks Auftritt. Rebellierende Katholiken zogen deshalb an einem Adventswochenende mit Schlafsäcken ausgerüstet in die Kirche St. Barbara - zur Besetzung des Gotteshauses durch die eigene Gemeinde.
Der betagten Küsterin wurde es angesichts so ungewohnt radikalkatholischen Aufruhrs mulmig. Während die Gläubigen vor dem Altar ihre Isomatten ausrollten, entnahm sie vorsichtshalber das sogenannte Allerheiligste aus dem Tabernakel und gab dem "Leib Christi", der geweihten Hostie, über Nacht in der Sakristei eine provisorische Bleibe.
Akademikerinnen, Verkäuferinnen, Mütter, die Gemeinschaft der überwiegend weiblichen Kirchenbesetzer ist bunt. "Viele unserer Eltern", erklärt die 36-jährige Religionslehrerin Alexandra Brans ihr Engagement für St. Barbara, "haben nach dem Krieg die Steine geklopft und eigenhändig diese Kirche aufgebaut."
Weitreichenden Einschnitten hatten die Gemeindemitglieder schon zugestimmt, trotzdem beharrte das Bistum auf seinem Kurs. "Monatelang haben wir über Sparmaßnahmen diskutiert, und am Ende sind die Absprachen nichts wert. So eine Kirche wollen wir nicht", klagt Stefanie Vukancic, 30, die für ein Modehaus arbeitet. Leute wie sie fühlen sich durch die autoritären, nichttransparenten Direktiven der Kirchenhierarchie verprellt.
Dass es nicht wie bisher weitergehen kann, das ahnen viele der Gläubigen. Rund 870 000 Katholiken leben im Ruhrbistum, aber nur ein Bruchteil von ihnen erscheint regelmäßig zu den Gottesdiensten. Die Kosten steigen, die Einnahmen sinken, darauf muss die Diözese reagieren.
"Das Problem kommt mit voller Wucht auf die gesamte Kirche zu", sagt Klaus Pfeffer. Der Personalchef des Essener Bistums spricht von "dramatischen Einschnitten" und "einem unglaublichen Umbruch", der in allen Bistümern bevorstehe. Von derzeit 311 Priestern in seinem Bistum werden im Jahr 2030 nur noch 141 aktiv sein, hat er berechnet. Alle im Land würden "immer noch glauben, es ginge irgendwie so weiter" in der katholischen Kirche. Pfeffer: "Aber es geht nicht mehr so weiter!"
Bischof Overbeck hat seine Konsequenzen daraus gezogen. Am Rande einer Pfarrkonferenz kurz vor Weihnachten bereitete er seine Priester in der betroffenen Region auf eine traurige Zukunft vor: "Es gibt Sterbeprozesse, die müssen Sie als meine Mitarbeiter einfach begleiten."
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 52/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KATHOLIKEN:
Occupy St. Norbert

  • Das Brexit-Cover-Wunder: "Three Lions" und eine schräge Stimme
  • US-Amateurvideos: Schneeballgroße Hagelkörner ängstigen Hausbewohner
  • Brexit: Das Drama in Shakespeares Geburtsstadt
  • Brexit: Parlament erzwingt Abstimmung über Alternativen