23.12.2011

MOBBINGVielfache Qual

Die Bloßstellungen von Jugendlichen im Internet nehmen zu: Meist stecken Mitschüler oder Bekannte dahinter.
Für einen Neuntklässler ist der Junge klein und eher ungelenk, in der Klasse hat er einen schweren Stand. Vielleicht spielt er gerade deshalb mit, als ihn Mitschüler dazu auffordern, eine Tanz- und Zappeleinlage zu geben; die wollen sie mit dem Handy aufnehmen.
Eine böse Falle. Denn die Klassenkameraden stellen den vermeintlichen Spaß als "Spastie-Video" auf YouTube ins Netz, unterlegt mit Musik und kommentiert mit höhnischen Bemerkungen. Fortan wird der Außenseiter auch auf dem Schulhof zum Gespött, er wird beworfen mit Stiften, Papierkugeln, Essensresten.
Für eine Forschergruppe der Technischen Universität Berlin ist das Martyrium des Oberschülers ein typischer, wenn auch schwerwiegender Fall. Die Wissenschaftler vom Fach Pädagogische Psychologie haben in der Hauptstadt 13- bis 17-Jährige nach Mobbing mittels moderner Kommunikationskanäle wie Foren, Chats oder sozialer Netzwerke befragt.
Die im Januar erscheinende Studie beleuchtet ein Problem, das inzwischen auch von der Politik aufgegriffen wurde: So forderte Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann zuletzt, "die jungen Menschen sensibel zu machen für die Gefahren". Laut Polizeistatistik stieg in seinem Bundesland die Zahl sogenannter Cybermobbing-Fälle in fünf Jahren von 37 auf 1321.
Das Phänomen, unlängst auch Thema des ARD-Fernsehfilms "Homevideo", ist überall dort zu beobachten, wo sich Heranwachsende in der digitalen Welt tummeln. In den USA rief das Teenager-Idol Lady Gaga per Twitter Präsident Barack Obama zum Handeln auf, nachdem sich ein 14-jähriger Fan der Pop-Ikone wegen dauernder Online-Peinigungen das Leben genommen hatte. "Es ist ein Verbrechen aus Hass", so Lady Gaga. "Unsere Generation hat die Macht, es zu beenden."
Doch bislang scheint vielen Jugendlichen nicht bewusst zu sein, welches Leid sie anderen mit solchen Schmähungen oder Kränkungen zufügen - obwohl die Täter in der Regel aus dem Kreis der Bekannten oder Mitschüler stammen. "Zwischen Opfern und Tätern ist oft schon vorher eine soziale Beziehung da", sagt Jan Pfetsch, Psychologe an der TU Berlin. Nach seinen Erkenntnissen
‣ dauern Cybermobbing-Schikanen häufig fort, weil die Angreifer zunächst nicht mitbekommen, was sie anrichten;
‣ vervielfacht sich die Qual der Opfer durch das große Publikum, das entwürdigende Einträge an jedem Ort und zu jeder Tageszeit ansehen kann;
‣ zielen Beleidigungen oft auf die Sexualität: Mädchen werden gern als "Schlampen" oder "Huren" diffamiert, bei Jungen gelten die Begriffe "schwul" oder "Schwuchtel" als Synonyme für mangelnde Wehrhaftigkeit;
‣ greifen Mobbingzeugen nur selten mäßigend ein, obwohl sie Einfluss hätten;
‣ treten Online-Attacken häufig mit Mobbing außerhalb des Internets auf.
In einer Befragung von Schülern aus NRW durch Forscher der Universität Münster gaben 22 Prozent an, schon einmal Drohungen, Beleidigungen oder andere verletzende Nachrichten erhalten zu haben (siehe Grafik). Und je vielseitiger die technischen Geräte sind, berichten Wissenschaftler und Jugendarbeiter, desto dramatischer können sich Mobbingangriffe auswirken. So ermöglichen es internetfähige Mobiltelefone, innerhalb von Sekunden ein Foto um die Welt zu schicken.
In Hessen etwa montierten Gymnasiasten das Porträt einer Mitschülerin in eine Pornoszene hinein, luden die Montage auf eine in Russland beheimatete Website und priesen anschließend per Link die "Hobby-Hure" auf deutschen Sexportalen an, mit echter Adresse und Telefonnummer.
"So eine Tat geschieht nicht aus einer Laune heraus, dazu muss man sich schon Gedanken machen", sagt Angelika Beranek, die an der Universität Mainz über soziale Netzwerke und Cybermobbing ihre Doktorarbeit schreibt. Die Pädagogin leitet eine städtische Informationsstelle in Neu-Isenburg bei Frankfurt. Dort versucht sie, Jugendlichen den verantwortungsvollen Umgang mit dem Netz zu vermitteln - dass sich etwa Web-Einträge kaum mehr löschen lassen oder dass man die eigenen Passwörter nicht als Freundschaftsbeweis austauschen sollte.
Die Errungenschaften der digitalen Technik gänzlich zu meiden, dazu rät indes keiner der Experten. "Ein Online-Verbot käme für die meisten Jugendlichen dem sozialen Tod gleich", sagt der Oberhausener Gymnasiallehrer Marco Fileccia, der an der Universität Duisburg-Essen das Pilotprojekt "Medienscouts NRW" betreut. Der Pädagoge warnt vor Alarmismus und setzt auf Prävention. "Der beste Schutz ist, wenn in den Freundeskreisen der Jugendlichen ein umsichtiger Umgang mit Medien als Wert gilt. Das hilft mehr als jede Verteufelung."
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 52/2011
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