23.12.2011

Wanderlust und Schadenfreude

Global Village: Wie ein Lektor in den USA seit 20 Jahren die amerikanische Sprache um deutsche Wörter erweitert
Ganz hinten, in einer Schublade, liegt die vergilbte Karteikarte, auf der nur ein Wort steht. Ein deutsches Wort. Die Karte ist 116 Jahre alt, älter als der Aktenschrank, in dem sie lagert, älter als das Gebäude in Springfield, Massachusetts, in dem der Schrank steht. Sie ist Teil des Merriam-Webster-Archivs, des ältesten Wörterbuch-Verlags für amerikanisches Englisch.
Manchmal sucht Peter Sokolowski, 41, die Karte heraus, trägt sie zu seinem Computer und gibt dieses Wort in die digitale Version des Wörterbuchs ein: "Schadenfreude" bedeutet "enjoyment obtained from the troubles of others", steht dann da. Es setzt sich aus den deutschen Wörtern für "damage" und "joy" zusammen. 2011 war es das meistgesuchte englische Wort mit deutschen Wurzeln.
Lektor Sokolowski aktualisiert hauptberuflich die Bedeutung von Wörtern. Er ist beim Merriam-Webster-Archiv, das seit Jahrzehnten das führende Lexikon der englischen Sprache in den USA herausbringt, dafür zuständig, neue Wörter in Zeitungen, im Fernsehen und im Internet aufzuspüren, sie auf eine Liste zu setzen und so lange zu verfolgen, bis er sich sicher ist, dass sie Teil der Alltagsprache geworden sind. Erst dann bekommen sie einen Eintrag.
Er muss Geduld haben mit den neuen Wörtern, genau beobachten, wie sie sich entwickeln, ob sie sich "einleben in die amerikanische Sprache", so nennt er das. Mindestens vier Jahre dauert dieser Prozess in der Regel, es kann aber auch, wenn es nicht so gut läuft, bis zu fünfzig Jahre brauchen, bis ein deutsches Wort wirklich angekommen ist in den USA. Jedes neue Wort ist für Sokolowski daher wie ein Kind.
"Schadenfreude" etwa. Es war ein Wort, das vor Sokolowskis Zeit in den Webster kam, aber er nimmt es gern als Beispiel, um zu erklären, wie lange es manchmal gehen kann. 1895 wurde es erstmals schriftlich im Englischen festgehalten, aber erst 1973, fast ein Jahrhundert später, in die Hochschulausgabe aufgenommen. Seither gehört es zu den vielen deutschen Wörtern, die aus dem amerikanischen Alltag nicht mehr wegzudenken sind. "Kindergarten" zählt dazu ebenso wie "Angst", "Poltergeist", "Wanderlust", "Pumpernickel", "Fräulein", "Bildungsroman" und "Lederhosen" - es sind Vokabeln, so deutsch, dass man sie erst gar nicht übersetzt.
Sokolowski führt auch eine Liste von Wörtern, die neu in den Webster aufgenommen werden könnten. "Ostalgie" oder besser gesagt "Ostalgia" ist eines davon. Es kam in Deutschland nach dem Mauerfall in den neunziger Jahren auf, der Duden beschreibt es als "Sehnsucht nach der DDR". 1993 entdeckte der Lektor es erstmals in einer Ausgabe der "International Herald Tribune".
Seitdem taucht "Ostalgia" immer wieder mal auf: in der "New York Times", in der "Los Angeles Times", mittlerweile hat es sogar eine eigene Facebook-Seite. Und als im Juli 2011 ein New Yorker Museum die Ausstellung "Ostalgia" eröffnete, wurde es in einen neuen Kontext gestellt: Es gilt nun als generelle Bezeichnung für die Sehnsucht nach dem Leben in kommunistischen Systemen.
Täglich googelt Sokolowski das Wort, er erzielt mittlerweile 129 000 Treffer, aber überzeugt ist er nicht von dem Neuzugang. "Ostalgia wird immer nur in Anführungszeichen veröffentlicht", sagt er. "Die Autoren müssen noch den deutschen Ursprung erklären, wenn sie es benutzen." Erst wenn ein Wort selbstverständlich geworden sei, könne er es zulassen.
Einmal die Woche sitzt Sokolowski in seinem Büro in Springfield vor einem beeindruckenden Bücherregal und nimmt sein Video-Blog "Frag den Lektor" auf. Er hat ein freundliches Gesicht und trägt Hemden mit gestärktem Kragen. Er sieht aus wie jemand, dem man glauben kann, was er sagt.
In seinem Blog erklärt er den Amerikanern, wie und warum neue Wörter in den Webster aufgenommen werden, wie sie ausgesprochen werden, etwa "parkour", und warum sich Sprache mit fremden Wörtern weiterentwickelt. Mittlerweile hat er eine kleine Fan-Gemeinde, die sich bei seinen Live-Auftritten in Buchläden trifft und seine Videos online austauscht.
Von jedem Land könne man lernen, sagt Sokolowski. Frankreich führt, von dort kommen die meisten neuen Wörter, aber am liebsten mag er die deutschen, weil sie so komisch klingen: "Grundsätzlich zu lang, häufig Zungenbrecher, aber sie passen meistens perfekt." So wie die Deutschen eben sind. Neben deutschen Klassikern wie "verboten" und "kaput" hätten vor allem sprachliche Kuriositäten aus den Bereichen Essen, Hundezucht und Kriegführung überlebt.
Zum deutschen Trendwort des Jahres allerdings wurde "Schadenfreude": Als im Juni das hochfavorisierte Basketballteam von Miami im Finale gegen die Dallas Mavericks mit dem Deutschen Dirk Nowitzki verlor, gab es offenbar keine treffendere Bewertung der unerwarteten Niederlage. Denn zuvor hatten sich die Miami-Spieler über den Deutschen Nowitzki lustig gemacht. Zwei Wochen lang führte "Schadenfreude" daraufhin die Liste der am häufigsten nachgeschlagenen Wörter an, "damage" und "joy" lagen in dieser Zeit sehr nah beieinander.
Von Alina Reichardt

DER SPIEGEL 52/2011
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