02.01.2012

Sex and the City

Ortstermin: In Berlin erforscht eine Delegation aus dem Libanon die Jugendsexualität.
Das Jahr geht zu Ende, als der Arabische Frühling Berlin-Neukölln erreicht. Er erscheint in der Gestalt von vier jungen Libanesinnen, die sich eine Woche lang auf Einladung des Goethe-Instituts über Jugendsexualität in Deutschland informieren.
Draußen fällt fieser Dezemberregen aus einem tiefliegenden Berliner Himmel, der Tisch im Hinterzimmer des deutsch-arabischen Zentrums in Neukölln ist mit Kerzen geschmückt. Es gibt Lebkuchen. Die meisten Experten des Zentrums für Bildung und Integration sind Männer. Ihre Frauen tragen Kopftuch und kochen im Sekretariat Kaffee. Vorn im Präsidium sitzt Ali Maarouf, auf dessen Visitenkarte steht: Interkultureller Erziehungslotse.
Die Konferenzsprachen sind Deutsch, Arabisch und Englisch, oft alles zugleich. Es geht um ungewollte Schwangerschaften junger Musliminnen, traumatisierte irakische Kinder, die mit Musiktherapie behandelt werden, um Islamophobie, Homophobie, Ehrenmorde und die Schwierigkeit, in den festen Verbund einer traditionellen arabischen Familie einzudringen. Manchmal klingelt ein Handy von einem der Männer, in verschiedenen Klingeltönen, immer in voller Lautstärke, und immer nehmen die Männer den Anruf entgegen.
Dr. Sandrine Atallah, eine Sexologin, die im libanesischen Fernsehen eine Sendung moderiert, und die anderen drei Frauen sind jetzt seit drei Tagen in Berlin und haben bereits mit Sexologen, Transsexuellen, Sozialarbeitern und Beamten an verschiedenen Konferenztischen gesessen, meist gab es Broschüren und Lebkuchen. Alle vier Frauen sind im Besitz eines Leinenbeutels der Berliner Senatsinitiative für "Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt", auf dem steht: "Berlin l(i)ebt". Abends saßen sie mit einer Psychologin zusammen, die im Auftrag des Goethe-Instituts herausfinden soll, wie nachhaltig die Informationen wirken, die sie auf ihrer Reise bekommen. Sie hat vor allem bemerkt, dass die vier Frauen aufgeschlossener sind als viele der Gesprächspartner, die sie in Berlin trafen. Sie arbeiten in Beirut alle an Institutionen, die sich mit sexueller Aufklärung beschäftigen. Sie tragen auch kein Kopftuch. Die Gäste haben der Psychologin gestanden, dass sie sich etwas unterfordert fühlen.
Das dürfte sich heute Vormittag nicht ändern.
"Wir haben so viele Experten am Tisch, wir sollten uns vielleicht auf ein Thema konzentrieren, um irgendetwas aus der Runde mitzunehmen", schlägt die Psychologin vor.
Rola Yasmin, die an einem Beiruter Krankenhaus sexuell übertragbare Krankheiten erforscht, sagt ihr: "Das ist eine arabische Sache. Alle reden durcheinander, bis sich irgendwann ein gemeinsamer Punkt ergibt. Oder auch nicht."
Dr. Sandrine Atallah fragt die Männer auf der anderen Seite des Tischs, wie sie es denn schaffen, dass junge muslimische Mädchen in ihr Zentrum kommen, wenn sie Probleme haben.
"Sie kommen ja nicht", sagt Ali Maarouf, der Erziehungslotse. "Dafür gibt es andere Institutionen."
"Vielleicht ist es etwas abschreckend, dass in Ihrem Zentrum überwiegend Männer arbeiten", sagt Rola Yasmin.
Daraufhin entwickelt sich ein tumultartiger Disput zwischen den Männern am anderen Ende des Tischs, der auf Arabisch abgehalten wird. Rola Yasmin lächelt. Einer der Männer, ein Iraker, verlässt den Raum, wenig später kommt ein anderer, ein Libanese mit einem brikettgroßen Schnurrbart. Er schaut ahnungslos in die Runde. Ali Maarouf, der Lotse, scheint die Orientierung verloren zu haben.
Am Ende hält Rola Yasmin eine Art Plädoyer. "Wir haben zu Hause eine von Männern bestimmte Gesellschaft. Und dann komme ich hierher, und da sitzen wieder nur Männer und erklären mir die Welt. Deswegen bin ich eigentlich nicht nach Deutschland geflogen."
Die Psychologin des Goethe-Instituts schüttelt ihre Haare, als hätte sich ein Vogel darin verfangen. Das ganze Konzept der Bildungsreise steht in Flammen. Die Idee des Goethe-Instituts war ja, mit Restmitteln aus dem Etat den Arabischen Frühling mit ein wenig deutschem Know-how zu unterfüttern. Dies ist nur eine von mehreren Reisegruppen aus dem arabischen Raum, die momentan in Deutschland unterwegs sind. Statt deutscher Bomben gibt es deutsches Wissen.
Und nun sagt die TV-Sexologin Atallah: "Hier fühle ich mich wieder wie eine Feministin. Wahrscheinlich bin ich das, aber zu Hause in Beirut ist mir das gar nicht so bewusst."
Die Männer auf der anderen Seite des Tischs starren sie an. Draußen regnet es unaufhörlich. Die Welt ist komplizierter, als man denkt.
Im Sekretariat des Zentrums warten kopftuchtragende Neuköllnerinnen auf ihre Männer, und als die jungen Frauen aus Beirut zum Abschied an ihnen vorbeilaufen, wirken sie wie die vier Freundinnen aus der US-Serie "Sex and the City".
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 1/2012
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