02.01.2012

ENZENSBERGERS PANOPTIKUMSumme der Entgeltpunkte

Vierte Lieferung: Warum wir die Altersgrenzen abschaffen müssen
Niemand hat mich, was die Rente betrifft, nach meiner Meinung gefragt. In den labyrinthischen Windungen des Dienst-, Tarif-, Arbeits- und Besoldungsrechts kenne ich mich nicht aus. Das hat damit zu tun, dass ich zu jener winzigen Minderheit gehöre, die niemand in den Ruhestand schicken kann. Solchen Leuten fehlt der "Arbeitgeber" im Sinne des Gesetzes. Wer nie eingestellt worden ist, kann logischerweise auch nicht vor die Tür gesetzt werden.
Warum also mische ich mich in eine Diskussion ein, die mich, streng genommen, nichts angeht, weil ich weder zu den "Betroffenen" gehöre noch zu jenen Experten, welche die Rentenformel: Rentemtl = E×Z×R×A ersonnen haben. Ich habe mir sagen lassen, dass Rentemtl die monatliche Bruttorente in Euro darstellt, E die erreichte Summe der Entgeltpunkte, Z den Zugangsfaktor, R den Rentenartfaktor und A den aktuell gültigen Rentenwert in Euro. Was Entgeltpunkte sind, wüsste ich nicht zu sagen; noch ratloser stimmt mich die Rentenanpassungsformel.
Damit zumindest stehe ich nicht vereinzelt da; Millionen meiner Mitbürger dürften ebenso wie ich vor einem Rätsel stehen. Das lässt nur einen Schluss zu: Die kompakte Majorität ist in einem dichten Netz von Regelungen gefangen, die sie nicht durchschaut. Diese Bestimmungen begegnen ihr als objektive Gewalt.
Erfreulich ist das nicht. Aber es gibt Schlimmeres. Zu befürchten ist, dass ziemlich viele Leute die Arbeit hassen, mit der sie jahrzehntelang tagaus, tagein beschäftigt sind. Niemand weiß, auf wie viele der bizarrerweise sogenannten Arbeitnehmer das zutrifft. In diesem Punkt versagt die Statistik. Wer sich an Umfragen halten wollte, müsste darauf gefasst sein, dass die Befragten meistens lügen.
Fest steht nur, dass viele, vielleicht sogar die meisten Jobs - von Berufen zu sprechen wäre übertrieben - ziemlich öde, repetitiv und ohne Perspektive sind. In den Akten der Krankenkassen hinterlässt das Spuren. Sie wissen von Depression und Burnout, von Mobbing und Bürointrigen zu berichten.
All dessen ungeachtet gilt der sichere Arbeitsplatz jedoch als Schutz vor Deklassierung und Armut; er ist also zugleich wertvoll und verhasst. Die Aussicht, der Firma, der Behörde, der Fabrik oder dem Büro endlich den Rücken zu kehren, stellt für viele müde Menschen eine unwiderstehliche Verlockung dar. Sie freuen sich auf den Tag, an dem die Rente oder die Pension fällig wird, obwohl das, was ihnen im Ruhestand zusteht, oft schäbig genug aussieht und obwohl niemand, der bei Sinnen ist, mehr an das märchenhafte Versprechen glaubt, die Rente sei sicher.
Eine Regierung, die von den Erwerbstätigen verlangt, sie sollten über die gesetzlichen Sozialbeiträge hinaus "private Vorsorge" treffen, und die ihnen außerdem noch zumutet, sie sollten ein paar Jahre länger arbeiten, stößt begreiflicherweise auf taube Ohren. Wer so etwas fordert, betritt also ein politisches Minenfeld. Vor langer Zeit, es mag in den sechziger Jahren gewesen sein, stellten sich hoffnungsfrohe Vorstellungen ein, wenn von Reformen die Rede war. Heute ahnt jeder, dass es sich um Drohungen handelt.
Wer sie offen ausspricht, riskiert seine Wiederwahl. Er wird gut daran tun, seine Ankündigungen mit Hüllfloskeln und Kautelen zu versehen und die Wirkung seiner Beschlüsse auf jene ferne Zeit zu vertagen, zu der er nicht mehr im Amt sein wird. Das heißt natürlich nicht, dass Gründe, die ihn zum Handeln zwingen, aus der Luft gegriffen wären. Sie sind ganz im Gegenteil seit Jahrzehnten bekannt.
Das System der gesetzlichen Altersversorgung beruht nämlich auf den demografischen Voraussetzungen der fünfziger Jahre. Alle grundlegenden Regeln stammen aus dieser Zeit. Damals lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland für Frauen bei 71 und für Männer bei 66 Jahren. Heute rechnet man mit 83 und 78 Jahren, und selbst diese hohen Durchschnittswerte verharmlosen noch das Bild. Heute kann sich ein 65-Jähriger darauf freuen, dass ihm noch 17 bis 18 Jahre bevorstehen, bevor er das Zeitliche segnet. Das hat viele Gründe. Krieg, Vertreibung, Gefangenschaft und Hunger sind seiner Kohorte erspart geblieben; die medizinische Versorgung hat sich entscheidend verbessert; an die Stelle der Unter- ist inzwischen die Überernährung getreten; die Arbeitszeit ist geschrumpft, die Freizeit hat zugenommen; man treibt Sport, man nimmt Urlaub, kümmert sich um Vorsorgeuntersuchungen, Fitness und Diät; und man nimmt, wenn alle Stricke reißen, die Dienste eines Therapeuten in Anspruch.
Das alles hat nicht genügt, den alten biblischen Fluch außer Kraft zu setzen. Es ist kein Wunder, dass sich viele darauf freuen, die Flucht aus der sogenannten Arbeitswelt anzutreten - viele, aber keineswegs alle. Denn für jeden Kumpel, Streifenpolizisten oder Dachdecker, der seinen Beruf satt hat, gibt es einen Masseur, einen Schreiner, einen Ingenieur, der partout nicht einsehen will, warum er gezwungen sein soll, seinen Beruf an den Nagel zu hängen, nur weil er das Pech hat, eine Altersgrenze zu überschreiten. So seltsam es in den Ohren von Funktionären und Ausschussvorsitzenden klingen mag, es gibt Leute, die keine Lust haben, den Rest ihres Lebens im Schrebergarten, auf Golfplätzen oder in einem spanischen Rentnerghetto zuzubringen.
Die aufsässige Putzfrau, die mit 70 weiterputzen will, um ihrer Einzimmerwohnung zu entrinnen und ihre Hungerrente mit Schwarzarbeit aufzubessern, sprengt ebenso den Rahmen der geltenden Regelwerke wie der Krebsforscher, der mit 65 nach Norwegen oder in die USA emigriert, weil ihm die deutsche Universität den Stuhl vor die Tür setzt.
Das sind merkwürdige Leute, denen ihr Beruf gefällt! Die einfach nicht aufhören wollen! Die sich an ihre Arbeit klammern! Auf der einen Seite stören sie den Betrieb, verstoßen gegen 50 Jahre alte Vorschriften und setzen sich dem Vorwurf aus, sie blockierten Arbeitsplätze, die den Jüngeren zuständen. Auf der anderen Seite muss man von den Vertretern der "Wirtschaft" hören, dass sie händeringend nach Fachkräften suchen und um Einwanderer aus den entferntesten Erdteilen flehen, weil der Nachwuchs angeblich kaum lesen, schreiben und rechnen kann.
Was den gereizten Debatten um den Ruhestand fehlt, wenn man mich fragt - aber wer käme auf die Idee, ausgerechnet mich zu fragen! -, ist ein Minimum von Common Sense. Die normale Erwerbsbiografie, von der die Gremien träumen, ist ein Phantom, eine leere Behauptung. Die geltenden Altersregeln führen in die Irre. Es ist höchste Zeit, sie abzuschaffen, auch wenn das den Sozialpolitikern, die sie verwalten, schlaflose Nächte bereiten sollte.
Nun gilt bekanntlich in der Politik ein Erfahrungssatz, demzufolge ein Vorschlag umso schwerer durchzusetzen ist, je einfacher und vernünftiger er klingt. An Beispielen für diese Form der Sabotage fehlt es nicht. Es hat jahrzehntelang gedauert, bis das völlig unsinnige Ladenschlussgesetz endlich aus der Welt geschafft werden konnte. Ob es je dazu kommen wird, mit dem Aberwitz des deutschen Steuersystems aufzuräumen, steht dahin. Jede Regung, die auf etwas Derartiges abzielt, wird von Kassenwarten, Subventionsempfängern und Interessenverbänden sofort und einvernehmlich abgewürgt.
Somit ist es äußerst unwahrscheinlich, dass eine der im Bundestag vertretenen Parteien sich zu einer Lösung durchringen wird, die Arbeitsflüchtern und Arbeitsanhängern gleichermaßen gerecht würde. Ein solches Rezept hat nämlich den Nachteil, dass es auf einen Bierdeckel passt. Es lässt sich in zwei Halbsätzen beschreiben: erstens, Abschaffung aller gesetzlichen und korporativ vereinbarten Altersgrenzen, und zweitens, Rückkehr zur Vertragsfreiheit.
Jeder könnte auf diese Weise, ganz ohne Rücksicht auf sein Geburtsdatum, so lange arbeiten, wie er will, vorausgesetzt, dass die unmittelbar Beteiligten, und nur sie, damit einverstanden sind.
Der sprichwörtliche Dachdecker müsste also nicht, wie es manchen Zahlenkünstlern vorschwebt, arbeiten, bis er mit 67, 69 oder 70 Jahren in der Unfallklinik landet; und ebenso dürfte der unaufhaltsame, energiegeladene Workaholic seinen Stuhl so lange verteidigen, wie seine Chefs und seine Mitarbeiter bereit sind, ihn zu ertragen, und solange er das, wofür er bezahlt wird, leisten kann.
Ein solches Verfahren setzt natürlich die Einsicht voraus, dass Menschen sich auf schwer begreifliche Weise voneinander unterscheiden - eine Einsicht, die systemwidrig und deshalb jeder Verwaltung der Misere fremd ist. Dessen ungeachtet dürfte die Rückkehr zu den Verhältnissen von 1950 ein schöner Traum bleiben. Damals waren die Leute weniger widerspenstig. Klaglos dienten sie in der Fabrik, im Amt, in der Firma; klaglos gingen sie nach Hause, wenn man sie nicht mehr haben wollte; und vor allem taten sie dem Rentensystem den Gefallen, beizeiten in die Grube zu fahren. ◆
Von Hans Magnus Enzensberger

DER SPIEGEL 1/2012
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