09.01.2012

RELIGIONIm Namen der Tugend

Verschleierte Frauen, radikale Rabbis, Geschlechtertrennung: Israel ist ein Land zwischen Demokratie und Glaube, Hightech und Sittsamkeitsterror.
Draußen ist die Judäische Wüste, am Horizont glänzt das Tote Meer, und drinnen, in ihrem selbstgezimmerten Haus, sitzt Naomi Machfud und träumt davon, die Welt verschwinden zu lassen. Sie möchte ihr Gesicht verhüllen, sagt sie, mit einem Tuch, das Mund, Nase, Augen bedeckt. Einem schwarzen Schleier, ohne Sehschlitz, der jeden Blick schluckt und die Welt in Dunkelheit taucht. Der Schleier, das wäre der Höhepunkt von Zniut, der Sittsamkeit, die maximale Annäherung an Gott. Aber, seufzt sie: "So weit bin ich leider noch nicht."
Doch bereits jetzt hat Machfud, 30 Jahre, sechs Kinder, zwischen sich und die Welt eine Isolierschicht aus Stoff gezogen. Sie trägt: einen Wollumhang, eine Schürze, eine Bluse, drei bodenlange Cordröcke, einen schwarzen Rock, eine Hose. Sie hat ein schwarzes Wolltuch lose um den Kopf gewickelt, darunter sitzt ein enges, schwarzes Tuch, darunter ein blassrosa Kopftuch. Kein Haar schaut hervor, nur ein Paar Ohrringe, aber die nimmt sie ab, wenn sie das Haus verlässt.
Machfud ist Jüdin, mit einem Juden verheiratet und wohnt in einer Siedlung im Westjordanland. Aber sie kleidet sich, als würde sie in Afghanistan leben. "Taliban", so werden die Verschleierten in Israel genannt, sie selbst nennen sich Tuchfrauen. Machfud behauptet, sie seien Tausende, wahrscheinlicher ist, dass es ein paar Hundert dieser Frauen gibt, man sieht sie vor allem im ultraorthodoxen Stadtviertel Mea Schearim in Jerusalem, schwarze, unförmige Gestalten, an den Händen die Töchter, Miniaturausgaben ihrer selbst.
Man kann sie verrückt nennen, man kann sie aber auch als Produkt einer religiösen Gemeinschaft sehen, die immer extremistischer wird.
Überall im Nahen Osten gewinnen die Religiösen an Macht, und auch in Israel wird der Einfluss radikaler Rabbis größer. Das wird besonders deutlich, wenn es um die Frauen geht. Ausgerechnet hier, wo mit Golda Meïr schon in den siebziger Jahren eine Frau regierte und Frauen Kampfjets fliegen, versuchen jüdische Fundamentalisten, die Trennung der Geschlechter in der Öffentlichkeit durchzusetzen, bei Wahlen, in Bussen und auf der Straße, im Namen der gottgefälligen Tugendhaftigkeit. Bislang ist das vor allem in Jerusalem zu beobachten, in Beit Schemesch und Bnei Brak bei Tel Aviv, den ultraorthodoxen Herzkammern des Landes, aber zunehmend auch dort, wo säkulare Israelis leben.
Inzwischen warnt sogar ein ehemaliger Mossad-Chef, die Ultraorthodoxen seien für das Land eine größere Gefahr als das iranische Atomprogramm. Und US-Außenministerin Hillary Clinton sagte kürzlich, sie fühle sich angesichts der Verhältnisse in Jerusalem an Iran erinnert.
Lange war das merkwürdige Nebeneinander von Religion und Demokratie im jüdischen Staat kein Problem. Aber nun zeigen sich die Folgen, Ermüdungserscheinungen eines überstrapazierten Landes. Eines Landes, das einerseits eine Demokratie ist, andererseits eine Besatzungsmacht, das Hightech-Nation ist, aber auch ein Land, in dem ein Teil der Bevölkerung wie im 19. Jahrhundert lebt, das Einwanderer aus der ganzen Welt aufnimmt, wenn sie Juden sind, und gleichzeitig Flüchtlinge gnadenlos abschiebt. So ist auf der einen Seite der messianische Nationalismus der Siedler gewachsen, auf der anderen der staatsfeindliche Fundamentalismus der Ultraorthodoxen.
Sie fühle sich gut mit dem Kopftuch und all den Röcken, sagt Naomi Machfud. So gut, dass sie nicht mal im Sommer schwitze, bei 45 Grad. Sie kauert auf einem verschlissenen Sofa und versucht zu erklären, wie es anfing, mit ihr und dem Tuch. Es ist eine Geschichte aus Bruchstücken und Andeutungen, sie beginnt mit einem jüdischen Mädchen aus New York, das sich auf der Straße herumtreibt, sich leer fühlt, mit 15 nach Israel geht, in ein orthodoxes Seminar. Das gläubig wird und, von den Rabbis ermuntert, immer mehr Kleidung anlegt.
Wieso und warum, das sollte eigentlich ihr Rabbi erklären, aber er hat in letzter Sekunde abgesagt. Es ist derzeit nicht gut, sich öffentlich zu den Taliban-Frauen zu bekennen, denn einige Ultraorthodoxe haben gerade einen Bann über sie verhängt, den sie auf Wandzeitungen bekanntgeben: "Du darfst dich nicht in abartige und sonderliche Kleidung hüllen, inklusive Schleier, vor allem wenn der Ehemann dagegen ist."
Naomi Machfud lächelt ein Mona-Lisa-Lächeln. "Manche Männer mögen uns nicht. Plötzlich sind wir religiöser als sie." Deshalb versucht sie es mit der Erklärung nun selbst, sie hat dazu ein zerfleddertes Buch auf den Tisch gelegt. "Welt der Reinheit" steht auf dem Titel, es ist ein Bestseller in der ultraorthodoxen Gemeinde. Sie blättert durch Bilder von Frauen aus den vergangenen Jahrhunderten, meistens Jüdinnen, aus dem Jemen, aus Marokko, aus Griechenland, aber auch Amish-Frauen und Araberinnen, die alle eines gemeinsam haben: weite, dunkle Gewänder, oft haben sie ihr Gesicht verschleiert. So war es früher, sagt Machfud, und so sollte es heute wieder sein.
Strenggläubige Jüdinnen tragen langärmelige Blusen, Röcke und bedecken ihr Haar. Aber Machfud geht das nicht weit genug. Sie sieht zu viel modische Kleidung, zu eng, zu hübsch, zu unsittlich. Die Frauen zögen Blicke auf sich, die dem Ehemann vorbehalten seien. Das führe zu Sünde, und solange es Sünde gebe, könne der Messias nicht erscheinen.
"Würde man auf dem Markt einen Diamanten tragen? Nein, man würde ihn zu Hause verstecken", ergänzt Revital Schapira, 46, acht Kinder, die neben ihr sitzt, gehüllt in bodenlange Röcke, Umhänge, Kopftücher, alles in Schwarz.
Auch Schapira kam spät zur Religion, sie studierte Literaturwissenschaften und wurde erst zur Taliban-Frau, nachdem sie einen autistischen Sohn und ein herzkrankes Mädchen geboren hatte. So unterschiedlich sie sind, Machfud sanft und hübsch, Schapira ideologisch und verquer, wünschen sich beide doch eine Welt, in der Frauen die Hausarbeit machen, Kinder bekommen und ihre Wohnung möglichst nicht verlassen. Eine Welt ohne Computer und Waschmaschinen, mit Bio-Essen und selbstgenähter Kleidung, eine Mischung aus "Unsere kleine Farm" und Saudi-Arabien.
"Die Frau soll aus der Öffentlichkeit verschwinden, sie soll nicht rausgehen, nicht auf der Straße mit Fremden sprechen", sagt Schapira. "Leider versteht die Mehrheit der Israelis das nicht, deswegen bauen wir ein paralleles System auf." Die beiden Frauen reden nicht mit Männern, sie verlassen den Raum, wenn ein Fremder ihn betritt. Und sie setzen alles daran, dass auch ihre Töchter ihnen folgen: "Wir bauen in den Kindern den Willen auf, dass sie das wollen", sagt Machfud.
"Seit Jahrzehnten reden die männlichen Anführer der Ultraorthodoxen von nichts anderem als Sittsamkeit", sagt die Soziologin Tamar El Or von der Hebräischen Universität. "Worum es auch geht, immer werden die Frauen über Moral belehrt, selbst die Frömmsten müssen sich morgens, mittags und abends anhören, wie sie mit ihrer Weiblichkeit die Sünde über die Männer bringen." Die Länge der Röcke wurde zum Goldstandard, und jede Extralage Stoff galt als Annährung an Gott. "Manche Frauen haben angefangen, es exzessiv zu betreiben. Das ist wie beim Schlankheitswahn." Die Tugendobsession sei gleichzeitig auch eine Rebellion gegen die Ehemänner und Rabbis, die Frauen definierten ihren Körper und ihre Gläubigkeit selbst.
Am weitesten getrieben hat es Bruria Keren, am Ende trug sie 27 Lagen Stoff. Israel nennt sie "Mama Taliban", sie ist eine der Anführerinnen der Tuchfrauen. Geboren im Kibbuz, von ihrem Vater missbraucht, dann religiös geworden, eine typische Biografie. Während sie immer sittsamer wurde, schlug sie ihre Kinder, zwang sie zum Gebet, schnitt ihnen zur Strafe die Haare, deswegen sitzt sie im Gefängnis, verurteilt zu vier Jahren Haft.
"Es fing an mit einem Mantel, dann waren es drei, Hosen kamen dazu, ein Rock darüber, am Ende waren es zehn Röcke und zehn Mäntel und Handschuhe", erzählt ihr Sohn, dessen Name nicht genannt werden soll. "Vor acht Jahren hat sie ihr Gesicht mit einem Schleier bedeckt, zuerst nur draußen, dann auch zu Hause, am Ende sogar beim Duschen. Seitdem habe ich ihr Gesicht nicht mehr gesehen. Sie hat im Bad ein Zelt errichtet, selbst die Wände durften sie nicht nackt sehen." Auch gesprochen hat sie nicht mehr, sie machte Gesten oder schrieb.
Und während seine Mutter immer tugendhafter wurde, hatte der Sohn mit seiner Schwester im Nebenzimmer Sex. Er war 15, sie war 12.
Es war ein kaputtes Leben, sagt der Sohn, der heute 30 ist und sich noch immer kaum unter Menschen traut. Tagsüber arbeitet er jetzt als Hilfsarbeiter, nachts rennt er gegen seine Vergangenheit an, er ist inzwischen einer der schnellsten Läufer des Landes.
"Wäre meine Mutter nicht religiös gewesen, sie wäre sofort in die Psychiatrie eingewiesen worden", sagt er. Stattdessen schützte die ultraorthodoxe Gemeinde sie, niemand schritt ein, man löst Probleme lieber allein, ohne den Staat. "Und die Anhängerinnen meiner Mutter haben mir gesagt, dass sie eine Heilige sei."
Der Anwalt Jair Nehorai hat den Sohn wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs vor Gericht vertreten und ein Buch veröffentlicht, das auf dessen Geschichte basiert. Nehorai ist nicht religiös, aber er hat einen prominenten Rabbi im Stammbaum, das macht ihn vertrauenswürdig. Er vertritt fast alle Religiösen, die Probleme mit der Staatsgewalt haben. Da ist der Fromme, der eine Soldatin, die vorn bei den Männern im Bus saß, als "Hure" beschimpft haben soll. Da sind die Jeschiva-Studenten aus Beit Schemesch, die Schlagzeilen damit machten, dass sie Schülerinnen einer religiösen Mädchenschule anspuckten, weil ihre Röcke nur knapp über das Knie reichten. Oder die Sikrikim genannten Moralwächter, die so lange einen Buchladen mit Fäkalien beschmissen, bis er sich ihrem Sittendiktat unterwarf.
So viel wie derzeit hatte der Anwalt noch nie zu tun. "Es gibt einen extremistischen Trend in der ultraorthodoxen Gemeinde", sagt er. "Früher waren diese Radikalen eine sehr kleine Gruppe, jetzt werden sie wichtiger." Viele Religiöse seien zwar gegen den Tugendterror der Eiferer, aber die wenigsten trauten sich, öffentlich dagegen aufzubegehren.
Synagogen und religiöse Schulen sind schon lange nach Geschlechtern getrennt. Aber vor einigen Jahren fing es in den Bussen an. Zunächst war eine Buslinie "koscher", bald saßen auf über 60 Strecken Männer vorn und Frauen hinten. Der Staat tat nichts, bis eine Frauenorganisation vor den Obersten Gerichtshof zog. Der entschied vor einem Jahr, die Sitzordnung sei nur erlaubt, wenn sie freiwillig sei. Ein Urteil, dem man den Unwillen anmerkt, im Konflikt zwischen Religiösen und Säkularen eindeutig Stellung zu beziehen.
Öfter als früher sind in orthodoxen Vierteln auch Supermarktkassen, Klinik-warteräume und Hochzeitsfeiern getrennt - freiwillig, und doch die Norm. Aber die Geschlechtertrennung bleibt nicht in den Vierteln der Haredim, der Gottesfürchtigen, sie breitet sich aus.
In Jerusalem sind die Frauen von den Werbeplakaten verschwunden. Schwimmbecken an der Universität haben getrennte Öffnungszeiten. Beerdigungsinstitute verbieten Frauen, Trauerreden zu halten. Bei einer Preisverleihung des Gesundheitsministeriums durften die ausgezeichneten Forscherinnen nicht auf die Bühne, der Vizeminister ist ultraorthodox.
Es gibt jetzt Aktionen gegen die Haredisierung der Öffentlichkeit: Frauen singen auf der Straße, sie weigern sich, im Bus hinten zu sitzen. Zu einer Demonstration gegen die Radikalen von Beit Schemesch kamen einige tausend Menschen. Aber es ist unwahrscheinlich, dass all das den Trend umkehren kann.
Denn es geht um einen Kulturkampf, der seit der Staatsgründung gärt, weil bis heute ungeklärt ist, was Israel eigentlich sein soll: eine Theokratie für Juden? Oder ein demokratischer Nationalstaat? Es sieht so aus, als könnten die Orthodoxen diesen Grundsatzstreit für sich entscheiden.
Sie sind zwar mit einem Bevölkerungsanteil von rund zehn Prozent eine Minderheit, aber ihre Geburtenrate ist fast dreimal so hoch wie die der Säkularen. Bleibt das so, werden die Haredim in weniger als 50 Jahren ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. Ein Viertel der jüdischen Erstklässler ist bereits ultraorthodox. Außerdem stellen sie 40 Prozent der Abgeordneten der Regierungskoalition und 40 Prozent der neuen Armeeoffiziere und der Soldaten in Kampfeinheiten. Damit haben sie überproportional viel Einfluss. Sie nutzen ihn.
Selbst in der Armee werden Frauen jetzt seltener in Einheiten mit Frommen versetzt. Vor einigen Monaten verließen religiöse Offiziersanwärter eine Feier, bei der Frauen sangen, weil das zu unreinen Gedanken führen könne. Ein einflussreicher Rabbi sagte danach, er würde lieber vor einem Erschießungskommando stehen, als eine Frau singen zu hören.
Seitdem haben sich Abgeordnete, Generäle und Geistliche mit dem weiblichen Gesang beschäftigt. Israels Oberrabbiner hat ein achtseitiges Religionsgutachten vorgelegt, dem zufolge die Armee das Singen von Frauen verbieten müsse, wenn religiöse Soldaten zuhörten. Ein Abgeordneter der "Partei der sephardischen Tora-Wächter", kurz Schas, will künftig religiösen Soldaten Ohrstöpsel zur Verfügung stellen.
Die Schas-Partei wird angeführt von dem 91-jährigen Rabbi Ovadia Josef, der seine Sätze gern mit Ohrfeigen unterstreicht. Sein Sohn, ebenfalls Rabbi, ist ernsthaft der Ansicht, Frauen dürften nicht Auto fahren. Der Schas-Führer ist kein Außenseiter, er ist einer der mächtigsten Männer Israels und seine Partei seit zwei Jahrzehnten an fast jeder Regierung beteiligt, auch an der derzeitigen. Premierminister bücken sich vor ihm, wenn sie seine Zustimmung zu Krieg und Frieden einholen.
Israel ähnelt in vielem schon jetzt mehr Iran als Europa. Es ist ein Land, in dem es keine Zivilehe gibt, wo Rabbis über Hochzeit und Scheidung bestimmen. Wo strenggläubige Schüler weder Mathematik noch Englisch lernen. Wo jeder Kindergarten und jedes Kampfbataillon einen Rabbi hat. Ein Land, wo ein Infrastrukturminister die Kraftwerke des Landes unter die Oberaufsicht der Rabbiner stellen will, damit auch der Strom den göttlichen Reinheitsgeboten folgt.
Das alles gibt es seit Jahrzehnten, aber immer öfter sind es jetzt radikale Fromme, die entscheidende Positionen besetzen und damit der säkularen Mehrheit ihren Stempel aufdrücken.
Die Politiker taten lange nichts. Sie gaben den religiösen Koalitionspartnern stetig mehr Geld und Wohnungen für deren ultraorthodoxe Klientel. Ansonsten überließen sie die Frommen sich selbst - und damit den Extremisten.
Deswegen geben jetzt Männer wie Joelisch Kraus, 38, den Ton an. Kraus gehört zu den Israelhassern der Neturei Karta. Er wohnt in Mea Schearim, mitten in Jerusalem, und doch in einer Parallelgesellschaft des 19. Jahrhunderts. Er saß nie vor einem Fernseher, besitzt keinen Ausweis, spricht Jiddisch, und wenn er Bus fährt, dann nur mit einem, der nicht zur staatlichen Firma Egged gehört. Das einzige Problem ist der Müll. Joelisch Kraus hat es gelöst, indem er seinen Müll in die Tonne des Nachbarn wirft. So ist er unabhängig vom Staat und der Staat von ihm, er zersetzt ihn langsam von innen, indem er ihm seine Beteiligung entzieht. So soll es sein, findet er, denn bis Gott den Messias schickt, sollten Juden im Heiligen Land nicht herrschen.
Es ist früher Abend, Kraus ist gerade vom Torastudium zurückgekehrt. Sein Sohn springt ihm auf den Schoß und zieht an seinen Schläfenlocken; seine Frau kehrt mit einem riesigen Besen den Müll des Tages in der Zweizimmerwohnung zusammen. Sie haben 13 Kinder. 7 schlafen im Elternbett, 2 auf der Fensterbank, die anderen auf dem Boden.
Was sind die Aufgaben einer Frau? Er blickt ratlos. "Nun ja, sie soll zu Hause sein, all das tun, was eben getan werden muss, Kinder bekommen, sie erziehen, die Wäsche machen. Das ist ihre Rolle", erklärt Kraus mit der sanften Freundlichkeit des Grundsatztäters. Und sonst? "Das ist alles."
Damit das so bleibt, betreibt Kraus seinen Feldzug gegen die Moderne, damit die Frauen nicht eines Tages Bildung und Arbeit anstreben - und die Welt der Religiösen aus dem Gleichgewicht bringen. Es ist kein Zufall, dass der Kulturkampf gerade jetzt ausgefochten wird, wo immer mehr Fromme teilnehmen an Armee und Arbeitsleben, trotz aller Verbote der Rabbis.
Mea Schearim ähnelt in diesen Wochen dem gallischen Dorf, das sich gegen die Römer wehrt, und Joelisch Kraus ist der Asterix. Die Römer, das sind die Vertreter des Staates und die Säkularen. Joelisch Kraus und seine Glaubensbrüder teilen bei religiösen Festen die Straßen auf, eine Seite für Frauen, eine für Männer, sie würden das am liebsten auch im Alltag tun. Sie haben so lange die nichtsegregierten Busse in Mea Schearim mit Steinen beworfen, bis Egged den Verkehr einstellte, über ein Jahr lang. Jetzt fahren sie wieder, mit Polizeieskorte.
"Die Nichtreligiösen haben Jerusalem längst verloren. Sie haben zwar einen säkularen Bürgermeister, aber sie bilden sich nur ein, dass sie regieren." Kraus lacht, er hat Zeit, er kennt die Geburtenstatistik. Er sagt: "Wir regieren Jerusalem."
Von Juliane von Mittelstaedt

DER SPIEGEL 2/2012
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