09.01.2012

TRENDSPORTNeben der Spur

Der Schweizer Skiort Laax ist das Labor einer neuen Wintersportgeneration. Snowboarder und Skiprofis fahren dort nicht mehr nur auf Pisten, sondern in Hindernisparcours mit Schanzen und Rampen. Die Besten haben das Ziel Olympia.
Es hat geschneit in Laax, die Pistenraupen präparieren die Hänge, aber Andrew, 21, geht zum Skifahren lieber in die Halle. Er steht am Anlauf einer Sprungschanze in der Freestyle Academy in Laax, einem Trainingszentrum für Wintersportartisten in der Nähe der Gondelbahn. Andrew trägt ein T-Shirt und blaue Shorts. Er fährt die Schanze hinunter, hebt ab, in der Luft dreht er sich zweieinhalbmal um seine Körperachse, kreuzt dabei die Ski zu einem X, er sieht aus wie ein Hubschrauber. Dann landet Andrew weich in der sogenannten Schnitzelgrube, einem Becken, das mit Tausenden Schaumstoffwürfeln gefüllt ist.
Die anderen Sportler, die in der Halle trainieren, applaudieren. Andrew klettert aus der Grube, packt seine Ski auf die Schulter und geht wieder hinauf zum Anlauf. Nächster Versuch.
Das Schweizer Bergdorf Laax im Kanton Graubünden, 1500 Einwohner, ist einer der traditionsreichsten Skiorte in den Alpen. Eine Nobeldestination wie das nahe St. Moritz, mit Edelrestaurants und Luxushotels. In den vergangenen Jahren hat Laax jedoch ein neues Gesicht bekommen.
Das Skigebiet ist zum Labor einer neuen Wintersportgeneration geworden. In Laax treffen sich Snowboarder und Skiläufer, die keine gewalzten Pisten mehr brauchen. "Freestyle" ist für sie das Schlagwort. Sie fahren lieber neben der Spur, abseits der markierten Routen, oder in speziell angelegten Parcours, mit Schanzen und Rampen. Es ist eine junge Sportbewegung, mit neuen Idealen und einer eigenen Sprache. Slopestyle, so heißt ihr Stil, wenn sie mit speziellen Ski den Berg hinunterbrettern, vorwärts und rückwärts, und über künstliche Hindernisse hinweggleiten. Es ist die Zukunft des Wintersports.
Mittwochmittag in Laax, die Freestyle Academy ist gut gefüllt. Eine Schulklasse aus Davos ist zu Gast. Auf einem Trampolin übt ein junger Kerl Schrauben und Salti. "Wow, Dude", ruft er im Flug. "Du bist echt der Pro", schreit sein Kumpel, der mit einer Handykamera filmt. Von der Decke baumeln Kronleuchter aus Plastikglas, es läuft Punk aus den siebziger Jahren. "Absolutely yes you can", hat jemand an eine Wand gepinselt.
Vor einem Jahr wurde die Halle eröffnet, 1100 Quadratmeter, zwei Millionen Schweizer Franken hat das Projekt gekostet. Die Betreiberfirma des Skiresorts hat den Bau finanziert, auch der Getränkehersteller Red Bull, seit Jahren das Schmiermittel für neue Formen des Sports, ist als Sponsor eingestiegen.
Die Academy in Laax ist die einzige Übungshalle für Freestyle-Sportler in Europa. Hobbyathleten und Profis studieren hier neue Sprünge, Überschläge und Pirouetten ein, die sie später oben auf dem Berg vorführen werden.
Die Tür öffnet sich, aus dem Schneegestöber tritt Iouri Podladtchikov ein. Er trägt enge Jeans und hat ein Tuch um seinen Lockenkopf gebunden. Hinter sich zieht er eine Tasche, die aussieht wie ein kleiner Sarg, darin liegt sein Snowboard.
Podladtchikov, 23, den alle nur "I-Pod" nennen, hat schon Medaillen bei den X Games gewonnen, der wichtigsten Actionsport-Veranstaltung der Welt. Bei Olympia 2010 in Vancouver wurde er in der Halfpipe Vierter. Im Oktober vergangenen Jahres gelang Podladtchikov der bislang schwierigste Sprung der Snowboard-Geschichte, der Switch Backside Double Cork 1260, ein rückwärts gesprungener Doppelsalto mit Dreifachschraube. Mit diesem Trick könnte er 2014 bei den Winterspielen im russischen Sotschi die Goldmedaille gewinnen.
I-Pod trainiert regelmäßig in der Laaxer Talentschmiede. Zum Aufwärmen fährt er ein bisschen Skateboard, danach macht er Bodenturnen und Koordinationsübungen auf dem Trampolin. Der Snowboard-Profi hält sich nicht an einen festen Trainingsplan. "Ich habe keinen Alltag, das gibt es bei mir nicht", sagt er.
Podladtchikov ist das Paradebeispiel eines Freestyle-Sportlers. Er hat keinen Trainer, keinen Masseur. Kürzlich tauchte in den Schweizer Boulevardzeitungen ein Bild von ihm auf, wie er nachts in einer Tankstelle bezahlt, splitternackt. Seine Kumpels standen draußen und lachten.
Podladtchikov findet so etwas cool. Die Jugendlichen verehren ihn, weil er nach seinen eigenen Regeln lebt - und dennoch gut von seinem Sport leben kann. I-Pod fährt Porsche, verdient eine viertel Million Euro im Jahr.
Nun ist er auch noch berühmt. Wegen des Switch Backside Double Cork 1260. Ein Jahr hatte er den Trick geübt, auch in der Academy. Es gehören Wille und Mut dazu, so einen Sprung zu wagen.
Lange Zeit waren es vor allem die Snowboarder, die abseits der Pisten nach Herausforderungen suchten, in der Halfpipe, auf Klippen und Schanzen. In Laax erleben jetzt auch die Skiläufer ihre Evolution.
In den vergangenen Jahren waren die extrem taillierten Carvingski der Trend auf den Pisten. In Laax sind die Bretter schon wieder out. In der größten Verleihstation werden sie nicht mehr angeboten. Die Kunden wollen sogenannte Freeski, mit denen man in jedem Gelände fahren kann. Fast jeder vierte verkaufte Ski weltweit ist bereits ein Freeski. Vor allem Twintips sind beliebt, breite, kurze Modelle, die leicht zur Seite drehbar sind und auch an den Enden aufgebogene Spitzen haben - zum Rückwärtsfahren.
Die meisten Skipisten in Laax sind noch auf die Bedürfnisse der Carver ausgelegt. Es sind Autobahnen, perfekt präpariert, nach links und rechts abgesichert. Aber es werden weniger.
Roger Heid, 29, Dreitagebart und auf dem Kopf eine Wollmütze, ist der Parkmanager in Laax. Er erfindet die Skipisten der Zukunft. Vier Snowparks gibt es in Laax, mit 90 Hindernissen, dazu zwei Halfpipes, 150 und 100 Meter lang. "Wir wollen, dass die Leute hier neue Bewegungen probieren, sich neu erfinden, eine andere Richtung einschlagen", sagt Heid. Sein Team hat zwölf Mitarbeiter, sie werden "Shaper" genannt. Sie entwerfen die Parcours. "Auf einer guten Piste spürst du den Flow", sagt Heid, "da fährst du nicht einfach runter, man cruist."
Einer seiner Parks liegt auf 2200 Meter Höhe, bombastischer Blick auf die Signina-Berggruppe. Ein Skifahrer rutscht einbeinig über ein grasgrün angemaltes Hindernis, eine Box aus Holz und Stahl. Ein Snowboarder springt auf ein Treppengeländer, das mitten im Hang steht, gleitet darauf hinunter, fährt dann weiter zu einer Rampe und hüpft über ein kleines Stahlgerüst, das an eine Bierbankgarnitur erinnert.
In Laax stehen Wasserrohre aus Hartgummi auf dem Berg oder dicke schwarze Stahlkugeln, die man überspringt und in der Luft mit den Ski oder dem Board berühren soll. Freestyle eben. Es gibt Hindernisse, die "Dogbox" heißen, eine Art Zelt, das an eine Hundehütte erinnert und auf dessen Dach die Slopestyler entlangschlittern.
Immer mehr Pisten in Laax sehen nicht mehr aus wie Autobahnen, sondern wie Autobahnbaustellen. Deswegen kommt es oft zu Streit mit den normalen Skiläufern. Die wollen nicht, dass Heid und seine Leute die Highways versauen. Sätze wie "Räumt diesen Dreck aus dem Weg" hört er ständig. Aber es ist ihm egal. "Es schimpfen immer nur die Alten, die vergessen, dass ihre Kinder diese neue Art des Skifahrens geil finden."
Voriges Jahr wurde Slopestyle ins Olympiaprogramm aufgenommen. Die alten Herren im IOC mussten darüber nicht lange debattieren. 2014 in Sotschi kommt es zur Premiere. Olympia will die Zukunft nicht verpassen.
Eine halbe Million Übernachtungsgäste hat Laax im Jahr. Ein Drittel der Wintersportler kommt mittlerweile wegen der Snowparks. Auch für die Sportverbände ist die neue Bewegung ein Glücksfall. Stefan Brütsch, Marketingchef beim Schweizer Skiverband, spricht von einer "riesigen Chance, um sich jünger zu positionieren und wieder mehr Jugendliche zum Schneesport zu bringen".
Die Freestyle-Szene ist an die Lebenswelt der Generation Facebook angedockt, auch das macht sie für viele so attraktiv. Man braucht keinen Verein, um mitmachen zu können, kein Team, keinen Manager mit Sponsorenkontakten, um vom Sport leben zu können. Man braucht nur Courage - und einen Internetanschluss.
Elias Ambühl, 19, steht in der Tür des Bauernhauses seiner Eltern in Masein, einem Dorf 17 Kilometer südlich von Laax. Er trägt am linken Fuß eine weiße Socke, am rechten eine schwarze. Es ist noch früh am Morgen. Gestern kam er von einem Wettkampf zurück. Die Reise war anstrengend. Flugzeug verpasst. Koffer verloren, Klamotten weg.
Auch Ambühl trainiert in der Freestyle Academy. 2010 wurde er zum "Breakthrough Athlete of the Year" bei der Dew-Tour in den USA gekürt, der wichtigsten Freestyle-Serie. Übersetzt heißt das: Er ist wirklich gut. In dieser Saison gewann er bereits vier große Wettbewerbe in Europa.
Sein Vater war früher ein erfolgreicher Abfahrtsläufer, er startete im Weltcup. Eigentlich sollte auch aus Elias ein Rennskifahrer werden. Mit 13 Jahren trainierte er dreimal in der Woche, fuhr bei den Schweizer Nachwuchsmeisterschaften. Aber irgendwie war die Hundertstelsekundenjagd zwischen Torstangen nichts für ihn. "Ich habe früh kapiert, dass es viel braucht, um Rennfahrer zu werden. So viel Aufwand und Zeit, bis man erfolgreich ist. Ich war immer ein Mensch, der schnell etwas erreichen will."
Sein älterer Bruder nahm ihn mit zum Tiefschneefahren. Sie fuhren, wo sie wollten. Mittlerweile ist Ambühl Freeski-Profi. Er hat noch einen Flaum auf der Oberlippe, aber schon fünf Sponsoren, drei schnelle Autos und eine Motocross-Maschine in seiner Garage.
Auch Ambühl hat keinen Trainer, sein wichtigster Partner ist sein Kameramann. Sie drehen kleine Filme über sein Leben als Skiprofi und stellen diese auf seine Homepage. Zu sehen sind spektakuläre Bilder von Skiausflügen in Aspen, Sprüngen von 20 Meter hohen Klippen in Saas-Fee, aber auch Szenen bei Madame Tussauds in London oder im Nachtleben von Stockholm. Eine Mischung aus Wahnsinn und Trash.
Sein neuer Film wurde 52 000-mal angeklickt. "Unser Sport ist ein Internetsport", sagt Ambühl, "dort erreichen wir mehr Leute als bei Wettbewerben."
Seitenaufrufe, Klicks und Likes bei Facebook sind die Währung im FreestyleKosmos. Sie entscheiden über die Relevanz der Athleten in der Szene. Alle Profis vermarkten sich im Internet über Fotos und Filme. Die Sponsoren, Getränkehersteller, Ski- und Snowboard-Firmen bezahlen die Produktionen. Je mehr Fans die Web-Seiten der Fahrer besuchen, desto interessanter wird es für die Unternehmen.
Ambühls Filme haben Kinoqualität. Das Schweizer Fernsehen hat schon zwei ausgestrahlt. Auch er lebt gut von seinem Sport. Aber jetzt lockt ein neues Ziel.
In einem Jahr beginnt die Qualifikation für die Winterspiele 2014 in Sotschi. Im Wettkampf muss er einer Jury eine Kür darbieten, über Hindernisse gleiten, mindestens drei Sprünge über große Schanzen zeigen. Ambühls Flüge gehen jetzt schon über 30 Meter weit. Aber er will noch weiter, noch höher kommen.
Er will zu Olympia, "das ist das absolut Größte für mich", sagt er. Deshalb trainiert er nun so oft es geht in der Freestyle Academy in Laax und oben auf dem Berg.
Neulich machte Ambühl sogar etwas, was er sich bis vor kurzem nicht einmal hätte vorstellen könne, worüber sie in der Slopestyle-Szene einfach nur den Kopf schütteln werden.
Er engagierte einen Konditionstrainer. Der Mann soll ihn fit machen für die Olympischen Spiele.
Von Lukas Eberle

DER SPIEGEL 2/2012
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