09.01.2012

BIOGRAFIENDas Phantom

Alan Turing war ein Pionier des Computerzeitalters. Zu seinem 100. Geburtstag soll eine Ausstellung das unter tragischen Umständen umgekommene Mathematik-Genie enträtseln.
"Fest steht, dass er nie eine Zeitung gelesen hat; dass er sich seine Handschuhe selber strickte; dass er fortwährend Koffer, Bücher, Mäntel verlor; und dass er, sofern er bei Tisch sein hartnäckiges Schweigen brach, in ein schrilles Gestotter verfiel oder krähend lachte."
Hans Magnus Enzensberger über Alan Turing in "Mausoleum"
Zu den meisten seiner Mitmenschen hatte Alan Turing zeitlebens ein gestörtes Verhältnis; sein Zutrauen galt den Maschinen.
Turings Idee: Wenn es ein Computer schaffe, sich im Dialog mit Menschen als einer von ihnen zu tarnen, sei seine Intelligenz bewiesen. Bis zum Jahr 2000 werde es solche Rechner geben, sagte der britische Mathematiker voraus.
Zwar lässt dieser Rechner auf sich warten - dennoch war Turings scheinbar versponnener Test aus dem Jahr 1950 der Beginn eines völlig neuen Konzepts: der Künstlichen Intelligenz.
Doch Turing fiel nicht nur als kühner Visionär auf. In weniger lichten Momenten kettete der schräge Denker seinen Kaffeebecher aus Angst vor Diebstahl an die Heizung oder suchte Halt bei einem Plüschbären.
Abseits der Arbeit verwandelte sich der nägelkauende Eigenbrötler in ein Phantom. Bis heute sind nur eine Handvoll Schwarzweißfotos von Turing bekannt, die aber kaum Einblick in sein Privatleben geben. Sie zeigen einen leicht verschämt dreinblickenden, jungenhaften Mann mit strenggezogenem Scheitel.
Sein Ende schien sich nahtlos ins Bild zu fügen: Der große Exzentriker biss 1954 als 41-Jähriger in einen vergifteten Apfel und erwies damit seinem Lieblingsfilm, dem Disney-Klassiker "Schneewittchen und die sieben Zwerge", eine Reverenz.
In diesem Jahr wäre der Überflieger 100 Jahre alt geworden. Das Heinz-Nixdorf-Museumsforum (HNF) in Paderborn übernimmt die beschwerliche Aufgabe, das Schaffen des von Rätseln Umrankten für ein von mathematischen Kenntnissen weitgehend unbehelligtes Publikum aufzubereiten.
Erst vor zwei Jahren widmeten die Ostwestfalen dem ebenfalls hochbegabten Computerpionier und Turing-Verehrer Claude Shannon eine eigene Schau - ein vergleichsweise leichtes Unterfangen, denn Shannon hinterließ eine Vielzahl selbstgebastelter Maschinen und Automaten, die auch Laien gern bestaunen.
Turings überschaubarer Nachlass indes besteht aus einem Kompendium kleinerer und größerer Schriften, die Nichteingeweihte beim besten Willen kaum zu deuten wissen.
Zum ersten Mal verblüffte er die Fachwelt schon mit 24, im Jahr 1936. In dem Aufsatz "Über berechenbare Zahlen" schuf er die theoretische Grundlage für ein elektronisches Gehirn, das alle lösbaren Aufgaben berechnen kann: Die Idee des Computers war geboren. Doch wie erklärt man, dass dieses Werk ähnlich bedeutend ist wie Konrad Zuses etwa zur selben Zeit im Laubsägeverfahren gebauter Riesenrechner Z1?
Der Mangel an sinnlichem Material trieb die Museumsleute zunächst in Not. Entsprechend verlegt sich die am 11. Januar beginnende HNF-Schau "Genial & Geheim" vorwiegend darauf, das kuriose Leben Turings zu erzählen.
Umstände und Zeitgeist verwandelten seine zunächst vielversprechende Karriere in eine Tragödie. Einen frühen Höhepunkt erreichte der Lebenslauf des erst 27-Jährigen, als ihn die britische Regierung 1939 für das verschworene Codeknacker-Team auf dem Landsitz Bletchley Park verpflichtete. Fast im Alleingang enträtselte Turing die sagenumwobene Verschlüsselungsmaschine "Enigma" der deutschen Wehrmacht.
In dem illustren Kreis von Schachgrößen und Rätselkünstlern stach die Sonderbegabung Turing besonders heraus. "Er war Erster unter Gleichen", resümiert HNF-Chef Norbert Ryska. Mitarbeiter nannten ihn respektvoll "The Prof".
Der Primus leistete sich freilich auch außergewöhnliche Marotten: Unter seinem Trenchcoat trug Turing mit Vorliebe nur einen Pyjama. Und Anfang Juni sah man den unter Heuschnupfen Leidenden häufig mit einer Gasmaske vor dem Gesicht durch die Landschaft radeln.
Nirgendwo hielt es Turing lange aus. "Wie ein Gehetzter" sei er von Ort zu Ort gehastet, berichtet Stefan Stein, einer der Kuratoren der Ausstellung. Selten wartete Turing die praktische Umsetzung seiner Ideen ab. Schlag auf Schlag produzierte er Novitäten: Turing schuf nicht nur die theoretische Grundlage für moderne Computer, er entwarf auch einen Röhrenrechner, mit schnellem Speicher für digitale Daten. 1950 schließlich formulierte Turing dann sein Konzept Künstlicher Intelligenz.
"Die spannende Frage wäre gewesen: Was kommt als Nächstes von ihm?", sagt der Informatiker Rainer Glaschick, der die Paderborner Ausstellungsmacher beraten hat. Doch die Quelle versiegte jäh.
Ein Hausangestellter fand Turing mittags tot in seinem Bett, mit Schaum in den Mundwinkeln - ein Hinweis auf eine Zyankalivergiftung. War der erste große Held des Informatikzeitalters nach Jahren der explosiven Schaffenskraft früh ausgebrannt?
Eine andere Erklärung erscheint plausibler: Der homosexuelle Turing hatte sich mit einem zwielichtigen Burschen eingelassen und war dadurch in Schwierigkeiten geraten; unversehens wurde seine Neigung zu Männern Gegenstand eines Gerichtsverfahrens.
Turing, der Kriegsheld, der unvergleichliche Neuerer, sah sich von der britischen Obrigkeit plötzlich in beispielloser Weise drangsaliert. Er stand vor der Wahl: ein Jahr Gefängnis oder eine Behandlung mit dem weiblichen Hormon Östrogen, die seinen vermeintlich widernatürlichen Sextrieb einschläfern sollte.
Turing wählte Letzteres und scherzte über die Oberweite, die er nun entwickelte. Tatsächlich aber verfiel der gestählte Sportler (Marathonbestzeit 2:46 Stunden) wegen der einsetzenden Verweiblichung in tiefe Depressionen.
Jetzt hat Hollywood in dem Leben des Tragöden den Stoff für einen Blockbuster erkannt. Verkörpert werden soll der homosexuelle Turing von Frauenschwarm Leonardo DiCaprio.
Eine technikvernarrte Zeit, die Steve Jobs wie einen Popstar verehrt, weist auch dem Ahnherrn der digitalen Welt seinen gebührenden Platz zu. Wäre Turing in der weitaus liberaleren Gegenwart womöglich selbst zu einem Giganten im Rechner-Business aufgerückt?
"Nein", urteilt HNF-Berater Rainer Glaschick, "er wäre bestimmt nicht reich geworden." Zwischen Planung und Verwirklichung von Alan Turings Projekten sei meist zu viel Zeit verstrichen. Patentrechte sicherten sich oft geschäftstüchtigere Kollegen.
Sein Platz, glauben die HNF-Experten, sei am Schreibtisch und in der Welt der Gedanken gewesen.
Besondere Aufmerksamkeit schenken die Paderborner denn auch einem Schatz, den sie im Keller der Universität Münster gehoben haben: Es sind Sonderdrucke zweier Aufsätze von Turing, die der Autor einst auf Anfrage eines münsterschen Professors ins Westfälische sandte.
Da sich die Arbeiten Turings im Original kaum erhalten haben, gelten diese Schriftstücke als äußerst wertvoll - insbesondere da eines der Papiere "getrüffelt" ist, wie es Kenner von derlei Raritäten ausdrücken. Turing hatte den Druck handschriftlich "mit freundlicher Empfehlung des Autors" und der Bitte um Nachsicht für die Verschmutzung des Deckblatts geadelt: "Das ist wohl mein letztes Exemplar".
Die um Turings Nachruhm bemühten Institutionen in England sitzen indes weitgehend auf dem Trockenen, wenn es um stoffliche Überbleibsel des postum Gepriesenen geht. Das King's College in Cambridge etwa, wo der junge Turing in den frühen dreißiger Jahren Mathematik studierte, musste dem HNF die Unterstützung versagen.
Wohl ging man auf die Suche nach Stücken, die mit dem famosen Mathematiker in Verbindung hätten gebracht werden können - doch mit bescheidenem Ertrag. Die Ausbeute der Inventur: ein Löffel.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 2/2012
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