09.01.2012

Im Schurkenstaat

Von Beier, Lars-Olav

FILMKRITIK: David Fincher verfilmt Stieg Larssons Bestseller "Verblendung".

Es gab Zeiten, da lasen die Amerikaner als Kinder die Bücher von Astrid Lindgren, hörten später die Musik von Abba und schauten sich Schwedenpornos an, um zu lernen, wie Sex geht. Die Amerikaner hielten Schweden für ein schönes Land, aus dem viel Gutes kam. Den Menschen, die das immer noch glauben, entgegnet David Fincher nun: alles nur Verblendung.

In seinem neuen Film zeigt der US-Regisseur ("Fight Club", "Der seltsame Fall des Benjamin Button") Schweden als Staat, in dem vergewaltigt und gefoltert wird, in dem Serienkiller morden und Nazis viel Macht haben.

Finchers Film be-ruht auf dem Bestseller des 2004 verstorbenen Schriftstellers Stieg Larsson. Von der "Millennium"-Trilogie des früheren Journalisten wurden weltweit rund 62 Millionen Bücher verkauft, 2008 wurde sie vom schwedischen Fernsehen verfilmt. In einigen Ländern, auch in Deutschland, liefen die Filme im Kino.

Der Erfolg der Romane und der Filme beruht vor allem auf der Popularität ihrer weiblichen Hauptfigur Lisbeth Salander, einer tätowierten, gepiercten Hackerin, die wegen asozialen Verhaltens und gewalttätiger Ausbrüche unter staatlicher Vormundschaft steht.

In seiner 90 Millionen Dollar teuren Neuverfilmung des Romans hat Fincher die Salander-Rolle mit der Schauspielerin Rooney Mara besetzt, der er in seinem vorherigen Film "The Social Network" einen Kurzauftritt als Ex-Freundin von Mark Zuckerberg gegeben hatte.

Wie eine Fee aus der Unterwelt erscheint Mara in "Verblendung", so bleich und so transparent, als könnte man durch sie hindurchschauen, scheu und mädchenhaft, doch ihre Augen wirken wie die Mündung einer doppelläufigen Flinte.

Mara ist ein kleines Wunder, sie ist perfekt für die Rolle der Kindfrau, über die Larsson schrieb: "Sie war vierundzwanzig, sah aber aus wie vierzehn." In der schwedischen Fassung schien Noomi Rapace als Salander erwachsener. Leider besteht Finchers Film nicht nur aus Mara.

Der Regisseur folgt weitgehend der werkgetreuen schwedischen Erstverfilmung und kann sich wie diese nie von der umständlichen Dramaturgie des Romans freimachen, die ursprünglich für die Lektüre an langen schwedischen Winterabenden gedacht war. Ein wild mäandernder, träger Erzählfluss führt Salander erst nach rund einer Stunde mit der zweiten Hauptfigur zusammen, mit dem investigativen Journalisten Mikael Blomkvist. Daniel Craig spielt ihn redlich, doch der durchtrainierte Star wirkt als Reporter, der alles ist, bloß kein Mann der Tat, wie im falschen Film. Als Blomkvist eine tote Katze findet, kämpft er gegen seinen Brechreiz. 007 wird beim Anblick einer toten Katze schlecht?

Amerikanische, englische, kanadische und sogar ein paar schwedische Schauspieler kämpfen sich durch ein Land, in dem der Schnee nur dazu da ist, den Schmutz zu überdecken. Schon der Autor Larsson konnte Schweden wenig abgewinnen. In der Tradition der großen Kriminalromane von Maj Sjöwall und Per Wahlöö attackierte er die Bigotterie und die Brutalität in einem selbstgerechten Sozialstaat. Fincher entzieht diesem Land nun endgültig jede Farbe und Freude.

Auf einen Parkplatz stellt er nur graue, weiße oder schwarze Wagen. Fährt er auf einer Rolltreppe aus der U-Bahn hoch, hängen an den Wänden nur schwarzweiße Plakate.

Fincher war früher Werbefilmer, er weiß, wie man die Dinge schönfilmt. Nun hat er viel Geld verwendet, um Schweden ganz besonders trübe erscheinen zu lassen. In diesem Grau wirkt dann selbst eine Coca-Cola-Dose wie die Verheißung einer besseren Welt: Amerika.

"Wollen wir einen europäischen Wohlfahrtsstaat?", fragte kürzlich der republikanische Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney.

Diesen Wohlfahrtsstaat hält Fincher den Zuschauern nun wie ein Schreckbild vor Augen: Was passiert, wenn der Staat zu viel Macht über den Einzelnen gewinnt - Salan-der wird von ihrem Vormund vergewaltigt. Auch mit der Pressefreiheit ist es nicht weit her: Mikael Blomkvist muss wegen seiner Recherchen vor Gericht. Von den hohen Steuern ganz zu schweigen.

Bislang galt Fincher als Experte für die Nachtseiten der USA, für die Ängste, die Psychosen und den Wahnsinn der Amerikaner. Zum ersten Mal hat er nun einen Film gedreht, der in einem anderen Land spielt, und diese Auslandsreise geriet, so schrieb das US-Branchenblatt "Variety", zur "Erste-Klasse-Fahrt durch zunehmend düster werdende Höllenkreise".

In seinem Film "Sieben" (1995) erzählte Fincher von einem Amerikaner, der mordete, um die Menschen an die Todsünden zu erinnern und sie moralisch zu bessern. Der Killer in "Verblendung" dagegen tötet nur aus schierer Lust am Leiden anderer.

Der schwedische Serienkiller denkt nur an sich selbst, der amerikanische ans Gemeinwesen. Tröstet das?

Kinostart: 12. Januar.

DER SPIEGEL 2/2012
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