16.01.2012

„Irrsinn beenden“

Unionsfraktionsvize Michael Fuchs, 62, über die Fehler der bundesdeutschen Solarförderung
SPIEGEL: Eigentlich wollten Union und FDP die Förderung von Solarstrom drastisch reduzieren. Im Dezember aber erlebte der Bau von Solaranlagen einen neuen Rekord. Was lief da schief?
Fuchs: Solaranlagen sind noch immer ein risikoloses Geschäft auf Kosten der Stromkunden. Die Preise für Solarzellen sinken viel schneller, als wir bei den Subventionen bislang gekürzt haben. Das ist ein Riesenfehler. Umweltminister Norbert Röttgen hätte längst gegensteuern müssen. Ich verstehe nicht, warum bis jetzt nichts getan wurde, um zu verhindern, dass der Strompreis durch die erneuerbaren Energien für Bürger und Unternehmen kräftig steigt.
SPIEGEL: Sie hätten sich bei der Energiewende doch gegen Röttgen durchsetzen können.
Fuchs: Der Bundesumweltminister hat die Situation völlig falsch eingeschätzt. Es war ein Fehler, dass wir keine Obergrenze für die Förderungen von Solaranlagen festgelegt haben. Jetzt sind allein im Dezember fast so viele Solaranlagen ans Netz gegangen, wie Röttgen für das ganze Jahr erwartet hatte. Über diese Jahresend-rallye mögen sich Umweltpolitiker freuen, am Ende zahlen aber die Verbraucher und die Industrie.
SPIEGEL: Der Plan der Koalition war, den Ökostromaufschlag bei der Stromrechnung auf 3,5 Cent pro Kilowattstunde zu begrenzen. Bleibt es dabei?
Fuchs: Diese Zusage halte ich aufgrund der Entwicklung für utopisch. Ich befürchte einen weiteren Anstieg. Röttgen muss jetzt schnell Maßnahmen ergreifen, um explodierende Strompreise zu verhindern. Ich erwarte vom Umweltminister, dass er uns sagt, wie das gehen soll.
SPIEGEL: Haben Sie einen Vorschlag?
Fuchs: Wir müssen den Ausbau beim Solarstrom begrenzen. 500 bis maximal 1000 Megawatt im Jahr tun es auch. Sonst wird der Strom unbezahlbar. Wir erleben gerade eine Umverteilung von unten nach oben: Hartz-IV-Empfänger oder Mieter zahlen die Solaranlagen von wohlhabenden Hausbesitzern und all denen, die ein Dach haben, auf das sie eine Photovoltaikanlage setzen können.
SPIEGEL: Nicht nur Röttgen, auch die CSU will an der Solarförderung festhalten.
Fuchs: Kein Wunder, denn Bayern holt auch am meisten Geld aus dem Fördersystem, sozusagen als Kompensation des Länderfinanzausgleichs.
SPIEGEL: Wenn Sie die Förderung der erneuerbaren Energien so drastisch kürzen, wie wollen Sie dann aus der Atomkraft aussteigen?
Fuchs: Ich bin ein Freund erneuerbarer Energien. Ohne sie ist die Energiewende nicht zu schaffen. Aber es kann nicht sein, dass über 50 Prozent der Fördermittel in die Solarenergie gehen, die rund drei Prozent zur Stromherstellung beiträgt. Herr Röttgen muss diesen Irrsinn beenden.
Von Peter Müller und Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 3/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 3/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Irrsinn beenden“

Video 01:24

Gezeitenflut am Qiantang-Fluss Die perfekte, gefährliche Welle

  • Video "Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle" Video 01:24
    Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle
  • Video "Fast: Gigantisches Radioteleskop in Betrieb" Video 00:53
    "Fast": Gigantisches Radioteleskop in Betrieb
  • Video "Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen" Video 00:52
    Marinevideos veröffentlicht: Öltanker in Flammen
  • Video "Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show" Video 01:04
    Royals in Kanada: Prinz George stiehlt allen die Show
  • Video "Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen" Video 00:58
    Tödliche Schüsse in Charlotte: Polizei veröffentlicht Videoaufnahmen
  • Video "Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart" Video 00:53
    Premierentor für Midtjylland: Ein typischer van der Vaart
  • Video "Video zu Legal Highs: Psychotrips aus der Chemie-Küche" Video 03:29
    Video zu "Legal Highs": Psychotrips aus der Chemie-Küche
  • Video "Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen" Video 00:55
    Video zu BrangeliNumbers: Hollywoods Powerpaar in Zahlen
  • Video "Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale" Video 03:41
    Webvideos der Woche: Beinahe-Katastrophen und sportliche Buckelwale
  • Video "Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home" Video 01:50
    Cybersec: Angriff auf ein Smart-Home
  • Video "Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los" Video 01:24
    Fahrrad fährt 144 km/h: Auf dem Highway ist die Hülle los
  • Video "Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe" Video 01:24
    Tödliche Polizeischüsse in Charlotte: "Nicht schießen, nicht schießen. Er hat keine Waffe"
  • Video "Nobelpreis für VW: Wer den Schaden hat..." Video 00:59
    "Nobelpreis" für VW: Wer den Schaden hat...
  • Video "Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte" Video 01:36
    Wütende Wahlkämpfer in Georgien: Politiker prügeln sich in TV-Debatte
  • Video "Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste" Video 00:53
    Griechenland: Kampfhubschrauber-Absturz vor der Küste