DER SPIEGEL



Shoppen ohne Sanktionen

Von Mittelstaedt, Juliane von

Global Village: Wie ein Inder im Sultanat Oman den Iran mit Flachbildschirmen und Coca-Cola versorgt

Man möge ihn bitte nicht einen Schmuggler nennen, sagt Arwind Lalee. Er sei Logistikunternehmer, Bereich Import/Export, spezialisiert auf Kunstlederschuhe aus China, auf Hochzeitskleider, Stoffbahnen, Satellitenempfänger. Gern handelt er aber auch mit Kühlschränken, Autoteilen, Coca-Cola. "Was immer in Iran gerade gebraucht wird", sagt Lalee, 39, ein höflicher Mann im Poloshirt. Gebraucht wird viel, vor allem seit es die Sanktionen gibt und der Westen mit Iran nur eingeschränkt Geschäfte macht. Gerade ist er dabei, den Boykott noch zu verschärfen.

Der Inder sitzt in einem Verschlag hinter seinem Lager und schreibt in einem dicken Auftragsbuch mit blauem Schutzumschlag. Es gibt einiges zu schreiben, das Geschäft läuft gut. Lalee hat 150 Kunden, er hat sich hochgearbeitet, vom Schwarzmarkt-Zigarettenverkäufer zum richtigen Unternehmer, mit einem Betonpool im Hinterhof, an dem er am Wochenende mit seiner Familie picknickt.

Vor über 17 Jahren kam Arwind Lalee aus dem indischen Punjab nach Chasab, das damals auch nicht viel anders aussah als heute: ein karstiger, sonnenverbrannter Wurmfortsatz im Norden des Sultanats Oman. Ein paar tausend Häuser im Nichts, eingerahmt von nacktem Fels. Auf dem Kreisverkehr stehen gekreuzte Äxte, wie man sie bei festlichen Anlässen am Gürtel trägt. Ziegen trippeln durch die Straßen. Zweimal am Tag landet ein Flugzeug mitten im Ort. Wer kein Taxi bestellt hat, muss laufen. Chasab scheint kein Platz für florierenden Import/Export zu sein.

Aber durch den Ort brummen die Laster, sie kommen vor allem aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. "Unsere Kunden reisen nach Dubai und geben dort Bestellungen auf. Die Einkäufe werden per Lastwagen zu uns geschickt, wir leiten sie weiter", sagt Lalee. Weiterleiten bedeutet: Er lädt die Waren vom Lastwagen ab. Dann lädt er sie auf Boote. Die Boote fahren hinüber nach Iran. Das ist die omanische Version von Duty-free.

Der Iraner shoppe gern in Dubai, sagt Lalee. Er liebe schillernde Stoffe, südkoreanische Flachbildfernseher, finnische Mobiltelefone. Er kaufe chinesische Satellitenempfänger, denn die sind in Iran verboten. Er trinke gern Mangosaft aus den Emiraten und Coca-Cola. Lalee findet, der Iraner habe ein Recht auf ein bisschen Luxus, Sanktionen hin oder her. Und er hilft gern. Auch der Schmuggel braucht schließlich Logistik.

Chasabs einziger Vorteil ist, dass es an der Spitze der Halbinsel Musandam liegt, die wie ein Daumen in die Straße von Hormus ragt, die Meerenge zwischen Iran und der arabischen Küste. Die Portugiesen gründeten einst den Hafen, um sich vor ihren Eroberungszügen mit Datteln zu versorgen. Heute fallen hier jeden Morgen Dutzende Schnellboote wie ein Wespenschwarm ein. Wendige kleine Nussschalen, in Tarnfarben gestrichen, zwei Motoren, 400 PS. Etwa fünfmal am Tag schaffen die iranischen Schmuggler die 85 Kilometer zwischen Chasab und der iranischen Insel Keschm. Oft ist es gefährlich. Der Wind ist ein Problem, die Wellen sind es auch, ebenso die Tanker, die jeden Tag gut 16 Millionen Barrel Erdöl durch die Meerenge schaffen, noch mehr aber die iranischen Revolutionswächter, die den Schmuggel kontrollieren. 40 Euro koste eine Fuhre, sagen die Männer im Hafen. Wer nicht zahlt, wird festgenommen.

Eigentlich wurde hier schon immer gehandelt, aber so richtig begann der kleine Grenzverkehr nach der Revolution in Iran, 1997 nahm er weiter zu, denn seither gibt es eine Asphaltstraße, in zwei Stunden ist man in Dubai. Anfangs ging es darum, Zölle und Steuern zu umgehen. Dann kamen 2006 die Uno-Sanktionen. Seitdem wurde der offizielle Handel eingeschränkt, Lalees Geschäft wuchs weiter.

Vor ein paar Jahren hieß es, in Chasab werde jeden Tag Ware im Wert von einer halben Million Dollar umgeschlagen, mindestens. Inzwischen dürfte es weitaus mehr sein. "Ein bisschen Sanktionen sind gut, dann steigen die Preise", sagt der Inder. "Aber zu viele Sanktionen sind schlecht für unser Geschäft." Dann würde die Welt vielleicht genauer auf Chasab gucken, so wie sie seit einer Weile auf Dubai blickt, von wo aus lange Zeit ein Großteil der Waren nach Iran verschifft wurde.

Niemand habe je versucht, den Handel zu stoppen, sagt Lalee; er legt großen Wert darauf, dass sein Geschäft legal ist, was die Formalitäten in Oman anbelangt. Tatsächlich, die Iraner kommen mit Tagesvisum, im Hafen gibt es eine Zollstation. Da füllen sie Formulare aus, sie notieren die Fracht, aber nur selten guckt jemand nach, ob da vielleicht was Verbotenes unter den Planen steckt.

Dennoch ist offensichtlich, dass hier geschmuggelt wird: Die lokale Tourismusagentur hat den Warentausch der besonderen Art sogar zum Teil des Besichtigungsprogramms gemacht. Wer sich aber zu sehr dafür interessiert, landet schnell auf dem Polizeirevier. Denn die Schmuggler kommen selten mit leeren Booten, sie bringen nicht nur Ziegen in den Oman, sondern auch Heroin und illegale Einwanderer. Aber das ist genauso ein Tabuthema wie das Privatleben des Sultans.

Niemand will am einträglichen Geschäft etwas ändern, schließlich leben alle davon. Im Ort stehen rosafarbene Villen und eine nagelneue Moschee. Die omanischen Fischer sind jetzt Spediteure. Die eingewanderten Inder machen den Import/Export. "Wir verdienen das Geld", sagt Lalee, "die Omaner genießen das Leben."


DER SPIEGEL 3/2012
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