16.01.2012

ESSAY Lieber nicht

Junge Frauen klagen über die Verweichlichung einer Generation junger Männer. Selber schuld.
Ein neues Hassobjekt wird gerade an die Öffentlichkeit gezerrt. Das Hassobjekt ist der weinerliche Mann. Der weinerliche Mann ist satt von Selbstmitleid, schlurft melancholisch in Röhrenhosen durch die Innenstädte und weigert sich schmollend, so zu werden, wie es Frauen neuerdings angeblich schätzen: stark, entschlossen, cowboyhaft. Er ist das Gegenteil des Anpackers. Ein Anti-Desperado.
Zuletzt beschwerte sich die Journalistin Nina Pauer im Feuilleton der "Zeit" über die neuen "Schmerzensmänner", die Mädchenmusik hören und in der Birne weich geworden sind, seitdem sie ihr Leben unablässig reflektieren. Dabei habe sich der junge Mann auf einer Metaebene verheddert, von der er nicht herunterkomme. Das Ergebnis ist ein Waschlappen, ein moderner Werther. Tragisch ist vor allem, dass er offenbar nicht mehr weiß, wann es Zeit ist, eine Frau zu küssen. Er denkt nur darüber nach. Für viele Frauen sind Männer Ende zwanzig, Anfang dreißig zu schüchternen Kuschel-Wesen mit Strickjacke und Hornbrille mutiert, die allem Weiblichen, das sich ihnen entgegenwirft, aus Verzweiflung die gute Freundschaft anbieten.
Als Resultat hat sich unter jungen Frauen der starke Wunsch nach einem Typen verbreitet, dem sie "sich flammend an seine starke Brust" werfen können, wie Pauer schreibt. Daraus spricht eine gewisse Sehnsucht nach dem Macho, die sich seit einiger Zeit immer verzweifelter äußert. Bereits Mitte der nuller Jahre forderte die Autorin Wäis Kiani in ihrer Abrechnung "Stirb, Susi!" den Abgang der "männlichen Susi", der Memme.
Das überrascht insofern, als der Mann Anfang dreißig bislang glaubte, Frauen hielten das brennende Interesse des anderen Geschlechts an ihren Anliegen für eine zivilisatorische Errungenschaft. Auch deshalb ist seit Beginn der Neunziger jede Generation pubertierender Jungs damit beschäftigt, sich das Vokabular femininer Problemkommunikation anzueignen.
Die Sehnsucht nach dem Macho aber kokettiert mit Rollenklischees, die sogar wir Männer für glücklich überwunden hielten. Das Problem liegt darin, dass wir irgendwann im 20. Jahrhundert die Lust verloren haben, möglichst früh und möglichst schnell eine Familie zu gründen. Das ist neu. Denn noch im 19. Jahrhundert sei Männlichkeit wesentlich durch Leidenschaft und den Willen zur Bindung definiert gewesen, sagt die israelische Soziologin Eva Illouz. Der Abstieg des Mackers ist daher eng verknüpft mit dem Strukturwandel der Männlichkeit. Aber auch das ist nur eine Hälfte der Erklärung.
Die zweite Hälfte sitzt in einem Hamburger Restaurant vor Weißweingläsern: eine PR-Beraterin und eine Journalistin, 29 und 33 Jahre alt. Auch sie klagen, wie so viele, über die seltsame Verweichlichung der Männer.
Ihnen ist die Gelassenheit abhandengekommen, sagt die Journalistin. Die jungen Männer wollen sich nie festlegen.
Aber weshalb nur fühlen sie sich dauernd unter Druck gesetzt, fragt die PR-Beraterin, warum fangen sie an zu schwitzen, wenn man vorschlägt, eine gemeinsame Küche auszusuchen? Warum, zum Teufel, diese Angst?
Sie sind wie Peter Pan, entgegnet die Journalistin, der Junge von der Insel Nimmerland, der nie erwachsen wurde. Und wie verkorkste Peter Pans wollen die jungen Männer bis ans Lebensende an Bars lehnen, durch Clubs ziehen und mit ihrem Kumpel Frauen gucken, die sie aber nur ansprechen, wenn sie selbst betrunken sind. Der junge Mann ist vom Hai zum Aal degeneriert. Binden will er sich nicht.
Beide, die PR-Beraterin wie die Journalistin, haben in den vergangenen Jahren viele Erfahrungen mit vom Selbstzweifel zernagten Gestalten machen dürfen. Sie haben sie in die Arme geschlossen und getröstet wie Kinder. Sie wurden zu Therapeutinnen. Wir sind in diese Rolle hineingedrängt worden, sagt die Journalistin. Seufzend, aber doch bereitwillig haben sie diese Herausforderung akzeptiert, wie sie jede Herausforderung akzeptieren. Das wiederum hat ihre Männer noch tiefer in Verzweiflung gestürzt. Opfer wollten sie auch nicht sein.
Ein idealer Mann sähe für die beiden Frauen so aus: selbstbewusst, lässig, ironisch und, wieder dieses Wort, ein Macker. Allerdings kein Arschloch. Verständnisvoll, achtsam, unzynisch, lustig und größer als sie selbst, ab 1,80 Meter aufwärts. Einen kreativen, ab und an rotzigen Sympathen, hart und gleichzeitig weich, eine Kreuzung aus Johnny Depp und Rocky Balboa. Aber mehr wie Johnny Depp. Und das ist die erste gute Nachricht: Die jungen Frauen wissen auch nicht, was sie wollen.
Sie wissen nur, was sie nicht wollen. Sie sind genauso ratlos ins 21. Jahrhundert gestolpert wie wir Männer, mit dem Unterschied, dass sich für sie viel mehr verändert hat. Sie haben mehr Möglichkeiten, im Beruf aufzusteigen, sie haben auch mehr Geld und tendenziell mehr Macht als früher. Das ist schon die zweite gute Nachricht: Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit gab es in den westlichen Metropolen derart viele schlaue, gebildete, zielstrebige, selbstbewusste Frauen Ende zwanzig, Anfang dreißig. Niemand, der halbwegs bei Verstand ist, würde das jemals rückgängig machen wollen.
Diese Frauen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von ihren weiblichen Vorfahren. Sie wollen nicht mehr die großen Kämpfe mit einer maskulin dominierten Gesellschaft fechten, die ihre Mütter oder zum Teil ihre Großmütter begonnen haben. Die jungen Frauen haben sich zu Pragmatikerinnen entwickelt, die nichts und niemandem im Weg stehen, schon gar nicht ihren hohen Ansprüchen an sich selbst. Die Pose der Kämpferin ist ihnen fremd. Sie verfolgen stattdessen eine Karriere als Unternehmerin, Designerin und Anwältin, wobei ihnen, wie den meisten Männern, dabei erst die Leichtigkeit und dann die Selbstironie abhandenkommt. Einige von ihnen befinden sich auf dem besten Weg, zu Langweilern zu mutieren, auch dieses Schicksal teilen sie mit vielen Männern. Es kann nicht nur am Alter liegen, wenn selbst junge Frauen nach einem Abendessen im Kreis von Freunden den Bewirtungsbeleg in ihre Handtasche gleiten lassen und nach einer sechs Euro teuren Taxifahrt um die Quittung bitten, vermutlich aus steuerlichen Gründen. Ihre SMS beenden sie mit "LG", was für "Liebe Grüße" steht. Das spart Zeit.
Sie sind die Optimier-Frauen.
Die Optimier-Frau will alles und jeden optimieren, wie ein außer Kontrolle geratener Ingenieur. Sie verlässt auch zunächst nicht ihren in sich gekehrten, melancholischen Lebensgefährten (was schlauer wäre), weil sie die Hoffnung nicht aufgibt, auch ihn eines Tages zu verbessern. Sie ist hyperwach. Sie lebt ihren Ehrgeiz im Beruf aus, wobei sie darauf achtgibt, davon innerlich nicht aufgefressen zu werden. Sie weiß, dass ihr nur ein paar Jahre bleiben, wenn sie Kinder will. Sie hat nicht viel Zeit. Sie will ihren auf Kleinstadtgröße aufgeblähten Bekanntenkreis nicht vernachlässigen und trotzdem eine fleißige Chefin und Mitarbeiterin sein. Vor allem ist sie Tag und Nacht damit befasst, nicht kompliziert zu wirken, das ist das Tragische an ihr.
Sie investiert einen erheblichen Teil ihres Einkommens in Massagen, Ayurvedakuren und ähnliche Formen von Wellness, um ihren heißgelaufenen Kopf ein wenig abzukühlen. Sie will Urlaub in einem angemessen interessanten Land. Sie will Spaß. Sie will Sex. Natürlich will sie Kinder. Ihre Lieblingswörter heißen "ja" und "alles". Dabei hat sie den Anspruch, irre entspannt zu bleiben. Man muss sich die zehn Jahre zwischen Ende zwanzig und Ende dreißig für die Optimier-Frau als die heikelsten ihres Lebens vorstellen.
Sie will beschützt werden, obwohl ein Blinder sieht, dass sie keinen Schutz benötigt. Sie will nicht länger als schwächliches Geschöpf betrachtet werden, was richtig und verständlich ist, beklagt aber gleichzeitig den Niedergang des Gentleman. Sie übersieht dabei, dass der klassische Gentleman seine Hilfsbereitschaft nur entfalten kann, wenn es jemanden gibt, der seiner Hilfe bedarf. Während ihres angestrengten Strebens, stark zu sein und bloß nicht aufs Weibliche reduziert zu werden, ist die Optimier-Frau übers Ziel hinausgeschossen. Bei der einen oder anderen gewinnt man den Eindruck, sie will gar keine Frau mehr sein, sondern Indiana Jones mit einem iPhone.
Wenn man Liebe als ein von Sekunde zu Sekunde umschlagendes Spiel aus Nähe und Sich-Entfernen begreift, aus wechselseitiger Dominanz und Unterwerfung, ist die Lage seit einigen Jahren schwieriger geworden. Denn Dominanz beherrscht die Optimier-Frau perfekt, weil sie gelernt hat, die Herausforderungen des Lebens als Aufgaben zu begreifen, die sie durch geschicktes Terminieren lösen kann. Man muss sie dafür bewundern, es geht nicht anders. Es ist aber gut möglich, dass sie beim Jonglieren ihrer vielen Rollen und Aufgaben vergessen hat, was es bedeutet, Geliebte zu sein. Warum sonst würde sie so häufig betonen, dass sie jederzeit bereit sei, in die Arme ihres Lovers zu sinken? Sie wolle sich fallen lassen, sagt sie, hat aber verlernt, wie das funktioniert. Diese Erfahrung kann jeder Mann bestätigen, der in den vergangenen Jahren einen mit Alphamädchen gefüllten Tangokurs belegt hat. Man spürt das Ringen um die Führungsrolle meistens am Tag danach, am Muskelkater in den Armen.
Für den jungen, unverheirateten Mann setzt ungefähr ab dem 30. Geburtstag die Lebensphase ein, in der er, wenn es gut läuft, endlich genug verdient, um seine Jungsträume auszuleben. Es ist eine anstrengende, aber grundsätzlich nicht unangenehme Zeit. Er deckt sich mit Unterhaltungselektronik ein, geht in teuren Anzügen essen und plant mit seinem Kumpel, der ebenfalls Single ist, einen Urlaub in Indien. Mit Nachwuchs kann er sich später befassen. Er hat Zeit. Er denkt, er könne für immer Peter Pan bleiben, weil ihn niemand dazu treibt, erwachsen zu werden. Außer den Frauen. Der Lieber-nicht-Mann ist nicht unglücklich über den Verlust der Bindung, obwohl er ihre warmen Seiten vermisst. Dafür darf er glauben, er sei frei. In ihm grübelt, nagt und hadert es dennoch weiter. Ist sein Leben wirklich das beste? Jede Zelle in ihm sträubt sich gegen die Sesshaftigkeit, gegen den Gedanken an Verantwortung. Weil er aber an Harmoniesucht leidet und gleichzeitig der Annahme verfallen ist, dass er Frauen unbequeme Wahrheiten nur im Gewand des Büßers überbringen kann, kleidet er seine als Freiheitsdrang getarnte Unentschlossenheit in Larmoyanz.
Die Verweigerung von Eindeutigkeit ist die Stunde des grauhaarigen Gentleman, der hier und da noch existiert. Ihm liegt plötzlich ein riesiges Reservoir enttäuschter junger Frauen zu Füßen, derer er sich annehmen kann. Auf lange Sicht ist der alternde Bohemien, nicht der Macho, der Profiteur der Schluffi-Krise. Für die jungen Männer ist das seltsam, aber im Grunde wenig ärgerlich, weil ohnehin genügend Frauen übrig bleiben.
Beide Gestalten, die Optimier-Frau und der Lieber-nicht-Mann, sind zugleich tragische wie komische Figuren der Gegenwart. Tragisch, weil sie sich mit ihrer Verbesserungssucht und Entscheidungsunlust so lange gegenseitig quälen, bis sie zusammenbrechen vor Erschöpfung. Komisch, weil sie trotzdem nicht voneinander lassen können. Immerhin gibt es erste Anzeichen für eine Wende zum Besseren, was den unschlüssigen Mann angeht. Schließlich ist mit Michael Jackson, einem Pionier in vielen Dingen, der größte Peter Pan des 20. Jahrhunderts verschwunden. Und das wäre die dritte gute Nachricht, auch wenn sie ein bisschen traurig macht. ◆
Von Scheuermann, Christoph

DER SPIEGEL 3/2012
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