23.01.2012

SPIEGEL-STREITGESPRÄCH „Man muss auch mal Eier haben“

Marina Weisband, Geschäftsführerin der Piratenpartei, und Peter Altmaier, Geschäftsführer der Unionsfraktion, über die Tücken des Twitterns, den Nutzen von Schwarmintelligenz und die Bedeutung des Aussehens in der Politik
Altmaier hat in seine Altbauwohnung im Berliner Westen geladen. Kein führender Unionspolitiker hat sich den neuen Medien so verschrieben wie er, inzwischen hat er 6600 Follower auf Twitter. Als Altmaier, 53, kürzlich in einem nächtlichen Tweet Bundespräsident Christian Wulff kritisierte, schlug das Wellen bis ins Kanzleramt. Weisband, 24, folgen 17 000 Fans, sie lebt mit dem Internet, seit sie zwölf war, und wurde in den vergangenen Monaten zum Gesicht der Piratenpartei. Nachdem Altmaier stolz durch seine Wohnung geführt hat, bietet er Schätze aus seinem Weinkeller an. Weisband lässt sich gern einschenken. "Ich brauche das", sagt sie, "ich bin nervös."
SPIEGEL: Frau Weisband, neulich twitterten Sie die Frage: "Ab welchem prozentualen Verhältnis zwischen Medikamenten und Frühstück wird es bedenklich?" Welches Problem hatten Sie da genau?
Weisband: Ich war erkältet und hatte einen Haufen Pillen vor mir liegen. Ich fühlte mich wie eine 80-jährige Frau. Meine Follower haben dann aber diskutiert, ob ein Politiker von seinem Medikamentenkonsum berichten sollte oder nicht.
SPIEGEL: Eine berechtigte Frage. Warum muss die Welt das wissen?
Weisband: Ich habe mir einen Twitter-Account angelegt, um mit meinen Freunden Informationen zu teilen, aber auch Humorvolles. Als ich dann politische Geschäftsführerin der Piraten wurde, wollte ich daran nichts ändern, auch aus einer Trotzreaktion heraus: Nein, ich werde jetzt nicht zum Politiker! Ich bleibe Marina Weisband und sehe, wie weit ich damit in der Politik komme.
SPIEGEL: Was genau hat Ihre Twitter-Gemeinde an dem Tweet gestört?
Weisband: Einige meinten, sie wollten von ihrem Arzt auch nicht wissen, ob er abends Alkohol trinkt. Aber warum eigentlich nicht? Er trinkt ja trotzdem. Ich finde, ein Vertrauen, das auf Nichtwissen beruht, ist ein komisches Vertrauen.
SPIEGEL: Herr Altmaier, würden Sie twittern, wenn Sie nach einer durchzechten Nacht einen Kater haben?
Altmaier: Ich glaube, meine Follower interessiert nicht, ob ich rote Socken trage oder wie viel Gläser Wein ich trinke.
SPIEGEL: Wie viele Gläser Wein hatten Sie intus, als Sie neulich in der Nacht twitterten: "Ich mache mich jetzt vom Acker. Wünsche mir, dass Christian seine Anwälte an die Leine legt und die Fragen/Antworten ins Netz stellt."?
Altmaier: Das lag nicht am Wein. Die Formel "Ich mach mich jetzt vom Acker" verwende ich immer am Ende eines langen Tages, um den Followern zu sagen, dass ich ins Bett gehe. Meine Bemerkung zum Bundespräsidenten ist etwas salopp ausgefallen. Das war ein Fehler. Beim nächsten Mal würde ich meine Kritik sachlicher formulieren und den Präsidenten nicht in der Öffentlichkeit duzen.
SPIEGEL: Ihr Tweet hat zu heftigen Reaktionen geführt. Viele Parteifreunde glaubten, Sie sprächen im Namen der Kanzlerin. Sie hätten beinahe den Bundespräsidenten weggetwittert. War das der Plan?
Altmaier: Blödsinn. Wenn ich twittere, dann twittert der Politiker Peter Altmaier, der weder für die Fraktion noch für die Partei spricht. Das mache ich auch durch die Wortwahl deutlich. Insofern war ich überrascht, welche Dynamik die öffentliche Kommentierung dieses Tweets bekommen hat.
SPIEGEL: Wo waren Sie, als Sie diesen Tweet um 0.31 Uhr abgesetzt haben?
Altmaier: In meiner Wohnung, vor meinem Computer. Die Reaktion hat mich auch deshalb so überrascht, weil die meisten Twitter-Fans nach Mitternacht schon im Bett sind.
Weisband: Ach, echt? Meine nicht.
Altmaier: Ich hätte diesen großen Erfolg jedenfalls gern mit einem anderen Tweet erzielt. Aber was man einmal getwittert hat, lässt sich nicht mehr zurückholen. Das ist dann in der Welt.
Weisband: Also, ich fand den Tweet echt gut. Das war wenigstens mal ein klarer, ehrlicher Gedanke, und er wurde genau so formuliert, wie es Twitter erfordert: ohne Hintergedanken. Ich mag es, wenn spontane Gedankenfürze getwittert werden. Das macht es authentischer, weniger kontrolliert.
SPIEGEL: Sie werben für das Konzept des "offenen Politikers". Was soll das heißen?
Weisband: Ich finde es gut, wenn der Politiker ausspricht, was er denkt, und seinen Alltag über die neuen Medien dokumentiert. Dass ich jetzt in Herrn Altmaiers Wohnung sitze, wissen meine Follower zum Beispiel. Das führt dazu, dass man Einblick bekommt in den politischen Prozess, dass man versteht, wie Politiker denken, was sie antreibt und mit welchen Realitäten sie sich konfrontiert sehen.
Altmaier: Ich habe, nachdem ich bei Twitter eingestiegen bin, von vielen Parteifreunden gehört, was für ein problematisches Medium das sei. Aber wir können uns das doch gar nicht aussuchen. Die Erfindung des Rades wurde ebenso wenig von Politikern entschieden wie die Einführung des Internets.
Weisband: Ich hab ganz großen Respekt vor Herrn Altmaier, weil er da so offen ist. Das hatte ich von einem wie ihm nicht erwartet, auch wenn ich selbst das Medium unreflektierter nutze und mehr auf Kontrollverlust bedacht bin. Damit werde ich entweder fies auf die Schnauze fallen, oder es wird sich durchsetzen. Wichtig ist, dass wir beide rumexperimentieren.
Altmaier: Wenn ich früher in einer Rede eine Sachbehauptung aufgestellt habe, konnte die in aller Regel niemand widerlegen. Wenn Sie heute eine falsche Zahl zur Arbeitslosigkeit oder zur Staatsverschuldung über Twitter oder Facebook verbreiten, werden Sie innerhalb von Minuten korrigiert. Und zwar so, dass es alle mitbekommen. Das heißt, es gibt eine wesentlich stärkere inhaltliche Kontrolle, aber es gibt auch einen enormen qualitativen Gewinn bei inhaltlichen Debatten.
SPIEGEL: Wie viele Tweets schreiben Sie pro Tag?
Weisband: Zwischen 10 und 50.
Altmaier: Im Schnitt zwischen 10 und 20. Das Medium hat nur Sinn, wenn man nicht nur eigene Botschaften sendet, sondern auch antwortet, in den Diskurs tritt.
SPIEGEL: Können Sie sich noch auf Ihre Arbeit konzentrieren, wenn Sie den ganzen Tag am Smartphone hängen?
Weisband: Twitter stört meine Arbeit nicht, es ist meine Arbeit. Wenn ich mich vor einem Interview informieren will, befrage ich meine Gemeinde. Und dann bekomme ich Antworten, im Sekundentakt. Ich habe ja keine Referenten, keine Angestellten. Ich bin auf die Kommunikation mit der Basis angewiesen.
SPIEGEL: Herr Altmeier, Sie haben Referenten und Angestellte. Warum twittern Sie trotzdem so viel?
Altmaier: Weil ich so einen eigenen virtuellen Wahlkreis haben kann, der sich von meinem realen Wahlkreis unterscheidet. Wer einem Politiker auf Facebook oder Twitter folgt, der interessiert sich meist auch für dessen ganz spezielle Tätigkeiten. Mit denen lässt sich oft intensiver diskutieren als im echten Wahlkreis. Mich hat sehr fasziniert, dass es bei den Piraten eine virtuelle Kneipe gibt, den "Dicken Engel". Dort kann man mit einem Headset zu bestimmten, oftmals sehr speziellen Themen mit 100 oder 150 Menschen live diskutieren. Man findet zufällig zusammen und diskutiert dann zwei oder drei Stunden miteinander. Davon kann man lernen.
SPIEGEL: Viele Ihrer Kollegen klagen, die Politik sei mit den Jahren so atemlos geworden. Tragen Sie beide durch Ihre Twitterei nicht zu dieser Atemlosigkeit bei?
Altmaier: Ich bestreite entschieden, dass die Atemlosigkeit der Politik durch Mobiltelefone, Twitter oder Computer entstanden ist. Viel entscheidender ist, dass wir uns nicht von einem Thema zum nächsten jagen lassen.
Weisband: Wir Piraten haben uns intensiv mit den neuen Medien beschäftigt, wir haben sie begriffen, gerade auch ihre Nachteile. Wir verstehen deshalb, dass bewusste Entschleunigung wichtig ist, gerade in Zeiten von Twitter und Facebook. Darum nehmen wir uns auch Zeit, unsere Positionen zu Wirtschaft und Frieden fachgerecht auszuarbeiten, und lassen uns von den Medien nicht unter Druck setzen.
SPIEGEL: Herr Altmaier, Sie twitterten neulich: "Bin auf dem Weg nach Hamburg zum CDU-Parteitag." Sie, Frau Weisband, schrieben: "Ich knuddel mal virtuell alle Piraten." Bereichern Sie mit solchen Banalitäten den politischen Diskurs?
Weisband: Ja. Wenn Herr Altmaier schreibt, er sei auf dem Weg da und da hin, dann ist das die Transparenz des politischen Alltags. Ich habe mich als Tochter einer Migrantenfamilie nie für Politik interessiert, weil ich nicht wusste, was das ist und was da passiert. Das war etwas für reiche, alte, weiße Männer mit viel Vitamin B. Wenn ich jetzt lese, Altmaier geht da und da hin, und da wird das besprochen, macht es das für mich nahbarer.
SPIEGEL: Wer wird durch den Satz "Ich knuddel mal alle Piraten" bereichert?
Weisband: Die Piraten sind ein sehr streitbarer Haufen. Wir haben viele Leute mit festen Überzeugungen, die keilen sich oft, das finde ich manchmal ganz furchtbar. Aber manchmal liebe ich sie einfach. Es ist wichtig, dass wir einander auch zeigen, wenn wir positive Emotionen haben. Dann muss ich alle mal virtuell knuddeln.
SPIEGEL: Wie viel muss ein Politiker von sich offenlegen?
Weisband: Alles, was er im Namen jener Menschen tut, die ihn gewählt haben.
SPIEGEL: Wenn Herr Altmaier ins Kanzleramt zu Angela Merkel fährt, bleiben die Gespräche geheim. Ist das richtig?
Weisband: Nein. In der Debatte über Christian Wulff zum Beispiel wüsste ich schon gern: Was denkt eigentlich die Kanzlerin? Handelt sie rein taktisch und sagt: Okay, das ist jetzt mein Präsident, und wenn der abschmiert, schadet das auch mir? Oder steht sie wirklich hinter ihm? Ich glaube, es ist enorm wichtig für die Bürger, das zu durchschauen.
SPIEGEL: Würden Sie, wenn Sie Kanzlerin wären, die Kabinettssitzungen per Livestream übertragen lassen?
Weisband: Auf jeden Fall.
SPIEGEL: Warum übertragen Sie nicht die Sitzungen Ihrer Fraktion, Herr Altmaier?
Altmaier: Ich glaube, dass man dann dort nicht mehr offen reden würde. Es gäbe Schaufensterreden, die offene Diskussion würde sich in die Kaffeeküche oder sonst wohin verlagern. Um vernünftig Politik zu machen, muss man auch in größerer Runde vertraulich reden können. Das werden auch die Piraten noch kapieren.
Weisband: Das sehe ich nicht so. Es geht uns ja nicht um Transparenz als Selbstzweck, wir wollen die gesellschaftliche Wahrnehmung von Politik an sich verändern. Wenn jede Fraktionssitzung und jedes Kabinettstreffen öffentlich ist, dann merken die Bürger plötzlich, dass Politiker völlig normal sind. Sie werden dann als Menschen erkennbar, die auch nicht alles wissen, die Fehler machen und schreien, die sich manchmal sogar beleidigen. Aber das ist nicht schlimm! Das macht jeder, und sobald die Öffentlichkeit das anerkannt hat, ist die Politik von diesem Perfektionsdruck befreit. Wir Piraten spielen da gern die Pioniere und sind bereit, Schläge zu kassieren.
Altmaier: Natürlich müssen Entscheidungen transparent gemacht werden. Aber Politik braucht auch Räume der Verschwiegenheit. In den neunziger Jahren habe ich mit Kollegen aus dem Bundestag
eine Gesprächsrunde gegründet, in der sich junge Abgeordnete der Grünen und der CDU trafen. Es ging darum, Tabus aus dem Weg zu räumen und die Sprachlosigkeit zwischen beiden Parteien zu überwinden. Diese Treffen der Pizza-Connection hätte es nie gegeben, wenn Kameras dabei gewesen wären.
SPIEGEL: Frau Weisband, Sie haben kürzlich über Ihren Freund getwittert: "Ich möchte gerade vor Freude weinen, dass ich mit @Herr_Rosenfeld zusammenleben darf." War Ihnen das nicht zu intim?
Weisband: Nein. Manchmal möchte man Liebe in die ganze Welt hinausschreien. Und auf Twitter hören mir ja nur Leute zu, die das wollen. Insofern gehe ich da niemandem auf den Keks.
SPIEGEL: Herr Altmaier, Sie haben kürzlich getwittert: "Nix im Leben ist umsonst, nicht mal das Abnehmen! :-(" Wo liegt da das öffentliche Interesse?
Altmaier: Na ja, das war der erste Tweet im neuen Jahr, da darf man schon mal über Vorsätze reden. Meine kräftige Konstitution ist nicht zu übersehen, die war schon Thema in der Show von Harald Schmidt.
SPIEGEL: Viele in der Piratenpartei sagen, wenn sich alle im Internet entblößen, ist bald nichts mehr peinlich. Sehen Sie das auch so, Frau Weisband?
Weisband: Ein bisschen schon. Nehmen Sie die Queer-Bewegung. Nachdem sich immer mehr Homosexuelle öffentlich geoutet haben, war es irgendwann kein Problem mehr, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen.
SPIEGEL: Die Piraten setzen auf Schwarmintelligenz, sie entwickeln ihr Programm durch Diskussionen und Abstimmungen im Internet. Was machen Sie, wenn die Schwarmintelligenz der Meinung ist, dass Frauen an den Herd gehören?
Weisband: Ich glaube nicht, dass der Schwarm zu dieser Meinung kommt.
SPIEGEL: Das ist Ihre Hoffnung. Aber es wäre theoretisch möglich.
Weisband: Wir Piraten glauben, dass alle Menschen gleich sind, und wir wollen, dass jeder seine Potentiale voll ausschöpfen kann. Wie soll da eine so blödsinnige Position zustande kommen?
Altmaier: Die Piraten benutzen ja bekanntlich Liquid Feedback, eine Software, mit der sie im Internet die Meinung ihrer Parteibasis abfragen. Ich glaube, das ist eine sehr gute Software, um Debatten zu führen. Aber ich würde es als Politiker ablehnen, mich unter ein imperatives Mandat von Liquid Feedback zu stellen, weil es immer mal sein kann, dass die Schwarmintelligenz Unsinn gebiert. Deshalb bleibt die repräsentative Demokratie für mich das richtige Konzept. Es muss möglich sein, dass man sich auch in bestimmten Situationen über eine vorhandene Mehrheitsmeinung hinwegsetzt und das entscheidet, was man politisch für richtig hält.
Weisband: Wir Piraten respektieren die repräsentative Demokratie ebenfalls. Wenn unsere Abgeordneten in Berlin eine Sache zu entscheiden haben, dann befragen sie die Basis über Liquid Feedback. Aber wenn ein einzelner Abgeordneter das Votum der Basis nicht mittragen will, muss er das auch nicht. Allerdings habe ich dann die Möglichkeit, diesen Piraten am Ende der Legislaturperiode abzuwählen.
Altmaier: Aber der permanente Druck, den Sie über Liquid Feedback organisieren, wird dazu führen, dass das Mandat nicht wirklich frei ist.
SPIEGEL: Ist es nicht heuchlerisch, wenn Sie jetzt den Basisdruck kritisieren, während Sie als Parlamentarischer Geschäftsführer dafür sorgen, dass der Kanzlerwillen in der Fraktion durchgesetzt wird?
Altmaier: Ich setze ja niemanden unter Druck, ich respektiere das freie Mandat. Aber wahr ist auch, dass eine Regierungskoalition schnell instabil wird, wenn sie auf die Opposition angewiesen ist.
Weisband: Bei Herrn Altmaier gibt es Druck von oben, von der Kanzlerin und der Fraktionsführung. Bei uns kommt der Druck von unten, von der Basis über Liquid Feedback. Aber als Politiker muss man auch mal die Eier haben, diesem Druck zu widerstehen, wenn man die Position nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann.
SPIEGEL: Herr Altmaier, könnte die Union eines Tages mit den Piraten regieren?
Altmaier: Ich glaube, die Piraten sind für keine etablierte Partei ein Koalitionspartner. Wie wollen Sie mit einer Partei regieren, deren Abgeordnete ständig die Basis befragen, wie sie abstimmen sollen?
SPIEGEL: Wollen Sie überhaupt regieren, Frau Weisband?
Weisband: Ich weiß nicht. Eine Utopie ist, dass die anderen Parteien sich ganz doll an den Kopf fassen, Angst vor den Piraten kriegen und anfangen, unsere Ideen zu klauen. Das würde mich freuen. Wenn die anderen unsere Ideen stehlen, könnten wir uns guten Gewissens auflösen.
SPIEGEL: Das Ziel der Piraten ist die Selbstauflösung?
Weisband: Ja. Unser Ziel ist, uns selbst überflüssig zu machen.
SPIEGEL: Sie haben sich in Ihrem Blog darüber beklagt, dass die Medien sich nur für Ihr Aussehen interessieren. Hat man als fotogene Frau nicht auch Vorteile?
Weisband: Nur oberflächlich betrachtet. Ich werde von den Medien stark sexualisiert. Man hört kaum auf das, was ich inhaltlich zu sagen habe.
SPIEGEL: Geht Ihnen das jetzt auch so?
Weisband: Nein, kein Stück. Ich habe inzwischen ja auch eine Art Gegenöffentlichkeit aufgebaut und offensiv über diesen Alltagssexismus geschrieben. Jetzt will keiner mehr der Depp sein, der sich über meinen Lippenstift verbreitet.
SPIEGEL: Herr Altmaier, hatten Sie je den Eindruck, dass Ihr Äußeres von Ihren Inhalten ablenkt?
Altmaier: Ich glaube, dass ich ein sehr markantes Äußeres habe. Das ist zum einen ein Vorteil, weil es auch Aufmerksamkeit schafft, zum anderen habe ich in meiner politischen Tätigkeit oft genug erfahren, dass man vom Äußeren nicht auf die Inhalte schließen kann.
SPIEGEL: Hat man Nachteile in der Politik, wenn man nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht?
Altmaier: Ich denke, in Deutschland ist das kein großes Problem. Helmut Kohl hat nie viel von Diäten gehalten, er war trotzdem 16 Jahre erfolgreich Bundeskanzler.
SPIEGEL: Haben Sie nie gedacht, dass eine Diät karriereförderlich sein könnte?
Altmaier: Als ich Parlamentarischer Geschäftsführer wurde, habe ich tatsächlich gefragt: Musst du jetzt etwas an dir ändern? Denn in dem Job steht man auch in der Öffentlichkeit, und ich hatte die Befürchtung, dass ich dort kaum vermittelbar sei mit meiner, sagen wir mal, vollschlanken Figur. Bisher war das aber kein Problem, und ich finde, das zeigt auch, wie seriös die deutsche Gesellschaft ist.
SPIEGEL: Frau Weisband, Herr Altmaier, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) René Pfister und Markus Feldenkirchen in Altmaiers Berliner Wohnung.
Von Pfister, René, Feldenkirchen, Markus

DER SPIEGEL 4/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 4/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL-STREITGESPRÄCH:
„Man muss auch mal Eier haben“