23.01.2012

Von Menschen und Ratten

Von Scheuermann, Christoph

ORTSTERMIN: In Berlin verzweifelt der Dschungelkönig an seinen Nachfolgern.

Der Tag im australischen Dschungel beginnt mit strömendem Regen, Peer Kusmagk lässt sich in seinem Kreuzberger Altbau-Loft aufs Sofa fallen und nimmt einen tiefen Zug aus der Elektrozigarette. Kusmagk ist der amtierende Dschungelkönig. Seine einjährige Regentschaft wird bald vorüber sein, aber er weiß noch immer nicht, wie man ein solches Amt angemessen ausfüllt. Das verbindet ihn mit dem Bewohner von Schloss Bellevue.

Kusmagk ist der weiche, etwas träge Sympath aus dem vergangenen Dschungelcamp, dieser RTL-Show, die sieben Millionen Zuschauer verfolgen und noch mehr Millionen Deutsche verachten.

Sein Weg zum Thron lässt sich als der Triumph des netten Lethargikers über ein Nest voller Giftnattern beschreiben. Es ist daher nicht überraschend, dass Kusmagks Favorit in diesem Jahr Ailton heißt. Ailton, der ehemalige brasilianische Bundesligastar, ist ähnlich nett und still, weil sein Deutsch kaum einer versteht. Er redet nicht, er setzt Hauptworte nebeneinander.

Kusmagk sagt, er sei damals in den Dschungel hineingestolpert. Es gab das Angebot, für einen fünfstelligen Euro-Betrag zwei Wochen lang auf einer Pritsche im australischen Regenwald herumzuliegen und dadurch berühmt zu werden. Er hat es angenommen.

Bis dahin war Kusmagk, 36 Jahre alt, Fernsehzuschauern als Hauptdarsteller in einer RTL-Soap und als Moderator diverser Shows aufgefallen. Er entspricht somit dem Beuteschema der Dschungelregisseure: so weit bekannt, dass Zuschauer sich dunkel an ihn erinnern; so unbekannt, dass er Kakerlaken, Ratten und die schlaue Häme der Moderatoren über sich ergehen lässt für die Aussicht auf TV-Präsenz.

Für ihn, sagt Kusmagk, war es ein soziales Experiment mit Kameraüberwachung, vergleichbar mit einem simulierten Weltraumflug zum Mars, bei dem die Astronauten die Erde nie verlassen. So gesehen rast das Dschungelcamp im Moment mit high speed zum Planeten Stress im Sonnensystem Soziales Inferno. Auch dieses Mal haben sich die Besetzungsredakteure große Mühe gemacht, die Quote intriganter Exhibitionisten zu erfüllen.

Es gibt den greisen Sonderling, der zuletzt im Körper des Alt-Kommunarden Rainer Langhans wohnte. Dieses Jahr ist es Vincent Raven, ein Magier aus der Schweiz. Ramona Leiß, frühere ZDF-Moderatorin, gibt die lesbische Zicke, Erotikmodel Micaela Schäfer ist die junge Frau mit der Brust-OP und Brigitte Nielsen, Ex-Frau von Sylvester Stallone, die alte Frau mit der Brust-OP.

Peer Kusmagk weiß heute nicht mehr, wie er das damals durchgehalten hat. Grundsätzlich ist die soziale Mischung im Camp darauf ausgerichtet, dass die Kandidaten, die dem Ghetto gescheiterter Prominenter entstiegen sind, in möglichst kurzer Zeit einen Bürgerkrieg anzetteln, wenn sie nicht vorher zusammenbrechen. Beides geschieht gerade überraschend schnell, stellt Kusmagk fröhlich fest. "Die rasten ziemlich früh aus."

Er schenkt sich noch etwas Weißwein nach, während Jazzy, Ex-Sängerin bei Tic Tac Toe, darüber klagt, dass sie immer noch nicht kacken kann. Und Ailton, der einst die Meisterschale in den Bremer Himmel reckte und danach von Schalke 04 jährlich vier Millionen Euro aufs Konto geschoben bekam, pinkelt nachts - von Infrarotkameras festgehalten - irgendwo ins Dschungelcamp, weil ihm der Weg zum Klo zu weit ist. Kusmagk kann das auf seinem Großbildfernseher genau verfolgen, er fragt sich, wie Menschen in so kurzer Zeit so degenerieren können. Er sieht das alles zum ersten Mal aus der Sofaperspektive. Warum unterwerfen sich alle so bedingungslos diesem Experiment?

Kusmagk hat sich im Dschungel den Forderungen der Gruppe gelegentlich verweigert. Als Einziger widerstand er, als alle anderen ein nerviges, halbnacktes Model aus dem Camp vertrieben. Kusmagk hatte Mitleid, ein sanfter Dissident. Und so einen wählten die Zuschauer am Ende zum Dschungelkönig, aus Mitleid, aus Respekt, aus Trotz? Mancher Zuschauer fühlte sich an das berühmte Milgram-Experiment erinnert, mit dem Psychologen Anfang der sechziger Jahre die menschliche Bereitschaft zur Grausamkeit testeten.

Gefährlich für die Dschungelbewohner werde es, sagt Kusmagk, wenn sie im Camp keine Rolle spielten, sondern sich selbst preisgäben. Der Zuschauer starrt auf den Bildschirm mit der Neugier eines Kindes, das am Straßenrand eine angefahrene Ratte entdeckt, die noch zappelt. Den körperlichen Verfall nach tagelangem Regen und dem Entzug von Schlaf und Essen präsentieren die Kameras genüsslich. Brigitte Nielsen sieht nach fünf Tagen aus wie ein partygeiler Rentner. "Wie der späte Rolf Eden", sagt Moderator Dirk Bach. Nach sieben Tagen sieht sie aus wie der späte Jupi Heesters.

Peer Kusmagk lacht, als Ramona Leiß bitterlich darüber klagt, man habe den Schlamm und den Regen und das alles im Fernsehen vorher gar nicht sehen können. Sie hätte vorher alles sehen und alles wissen können. Es ist furchtbar. Es ist grandios. Kusmagk steckt sich eine Filterzigarette in den Mund. Er könne sich gut vorstellen, sagt er, wieder einzuziehen.


DER SPIEGEL 4/2012
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