23.01.2012

HANDEL

Kassensturz auf Schwäbisch

Von Amann, Susanne; Mahler, Armin; Tietz, Janko; Zerfass, Florian

Anton Schlecker setzte auf Dumping-Löhne und miese Arbeitsbedingungen. So schuf er die größte deutsche Drogeriekette. Die Insolvenz ist seine letzte Chance, das Imperium zu retten.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die Führung der Drogeriekette Schlecker aus dem Absturz des Unternehmens wenig gelernt hatte, dann lieferte ihn das Management am Freitag vergangener Woche gleich selbst.

"Gegen 15 Uhr", erzählt eine Hamburger Schlecker-Verkäuferin, "fragt mich ein Kunde, wie es denn kommt, dass ich so freudestrahlend an der Kasse sitze. Ob ich denn keine Nachrichten höre."

Nachrichtenagenturen, Radio und Fernsehen verbreiteten zu diesem Zeitpunkt längst, was die Mitarbeiter nicht einmal ahnten: Ihr Arbeitgeber will, muss, wird Insolvenz anmelden.

"Schlecker lässt uns völlig im Regen stehen", klagt die Mittdreißigerin. Seit 14 Jahren arbeitet sie für die Firma. "Wir bekommen keine Informationen, die Bereichsleitung und der Betriebsrat wissen auch nichts."

Viel erfuhr auch die Öffentlichkeit nicht. Von einer geplatzten Zwischenfinanzierung war die Rede und dass eine Planinsolvenz beantragt werden soll. So endet auch das jüngste Kapitel in der Firmengeschichte nach Art des Hauses: Transparenz war in der Trutzburg des Unternehmens in Ehingen auf der Schwäbischen Alb schon immer ein Fremdwort.

Dort regiert Anton Schlecker, 67, sein Reich seit nunmehr Jahrzehnten im Stil eines Autokraten, gemeinsam mit seiner Frau Christa, 64, mit der er sich ein Büro teilt. Der gelernte Metzger hatte seinen ersten Drogeriemarkt 1975 gegründet und zu einem der größten Handelskonzerne des Landes ausgebaut.

Kaum ein Unternehmer hat sich dabei so verhasst gemacht bei Angestellten, Kunden und Gewerkschaften. Kaum ein Unternehmen war je derart verrufen. Mit Dumping-Löhnen, Schikanen und miesen Arbeitsbedingungen sorgte Schlecker regelmäßig für negative Schlagzeilen, die tristen Verkaufsräume verschreckten die Kunden zusätzlich. Zuerst war der Ruf ruiniert, schließlich das Unternehmen.

Dass dieses Geschäftsmodell nun gescheitert ist, hat fast schon etwas Tröstliches: Es taugt nur noch als abschreckendes Beispiel aus einer anderen Ära.

Bedauerlich allerdings, dass die Wende, die Schlecker einleitete, nicht früher und konsequenter durchgezogen wurde. Denn nach Ansicht vieler Mitarbeiter befand sich ihr Arbeitgeber inzwischen durchaus auf dem richtigen Weg.

Nun müssen Tausende um ihren Arbeitsplatz bangen. Denn der Insolvenzantrag dient vor allem dem Ziel, den Beschäftigungssicherungsvertrag zwischen dem Unternehmen und der Gewerkschaft Ver.di zu knacken. Das Papier hatte Kündigungen bisher ausgeschlossen - und die Sanierung des Unternehmens aus dessen Sicht erschwert.

Schlecker macht schon seit Jahren Verluste. Längst bieten auch Discounter wie Aldi und Lidl in großem Umfang Drogerieprodukte an. Zudem holen die Konkurrenten dm und Rossmann, aber auch regionale Anbieter wie Budnikowsky im Norden auf, sie setzten auf großzügige helle Verkaufsflächen sowie freundliche und motivierte Mitarbeiter.

Vor allem Götz Werner hat mit seiner dm-Kette den Drogeriemarkt revolutioniert. Sein Sortiment reicht von Babybekleidung über Naturkosmetik bis hin zu Bio-Lebensmitteln, die dm-Eigenmarken wie Balea genießen Kultstatus und werden auf YouTube bejubelt.

Konkurrent Rossmann rüstete in den vergangenen Jahren seine Geschäfte ebenfalls nach, mit der "Ideenwelt" schuf er ein ganz eigenes Produktangebot, das mehr an Tchibo denn an Drogerien erinnert. Nur Schlecker bot weiter seine Eigenmarken unter AS Schlecker an, deren lieblose Aufmachung an Produkte aus den achtziger Jahren erinnerte.

Schlecker-Läden wirkten oft schmuddelig, vielfach wurden sie nur von einem Mitarbeiter betreut, der nicht einmal Zeit für einen Gang zur Toilette hatte. Nur bei Dieben waren die Läden noch beliebt, oft gab es aus Kostengründen nicht einmal ein Telefon.

Statt solche Missstände abzuschaffen, lieferte sich Schlecker zermürbende Kämpfe mit der Gewerkschaft. Als der Patriarch schließlich Teile der Belegschaft entlassen und über eine eigene Zeitarbeitsfirma billiger wieder beschäftigen wollte, brachte er sogar die Regierung gegen sich auf, sie verabschiedete 2011 ein Gesetz gegen den Missbrauch der Zeitarbeit. Schlecker war endgültig zum Synonym des hässlichen Ausbeuters geworden, der nun nicht mehr in die Zeit passt.

"Alle hatten einfach immer die besseren Konzepte, waren schöner, größer, haben die Mitarbeiter hinter sich gehabt", sagt Dirk Roßmann, Gründer der gleichnamigen Kette, über den Konkurrenten, der alle Anzeichen des sich anbahnenden Niedergangs konsequent ignorierte.

Von solchen Anzeichen gab es viele: Seit 2005 schon verliert das Unternehmen kontinuierlich Umsatz im zweistelligen Prozentbereich. In Kundenbefragungen liegt das Unternehmen schon lange weit hinter den Wettbewerbern, die Umsätze schrumpften von Jahr zu Jahr. Und schon lange muss die Familie Geld in das Unternehmen stecken, um es überhaupt am Laufen zu halten. Von einem dreistelligen Millionenbetrag ist die Rede.

Dass es so nicht weitergehen konnte, sah auch Anton Schlecker ein, im Sommer 2010 zog er die Konsequenzen - allerdings zu spät und zu halbherzig.

Um dem Unternehmen in der Öffentlichkeit ein neues, freundlicheres Gesicht zu geben, schob er seine Kinder Lars, 40, und Meike, 37, nach vorn. Sie gaben fortan Interviews, ihr Vater hatte Presseanfragen mit wenigen Ausnahmen ignoriert.

Wer was zu sagen hatte, blieb unklar, aber die neue Strategie soll gemeinsam beschlossen worden sein. Vor allem ließ es der bislang beratungsresistente Gründer zu, dass die Münchner Unternehmensberatung Wieselhuber & Partner den Auftrag erhielt, einen Restrukturierungsplan zu erstellen.

Unter dem Motto "Fit for Future" wurden die Drogeriemärkte der Zukunft vorgestellt. Innerhalb von zwei Jahren sollten 230 Millionen Euro investiert und jedes Jahr 1500 Filialen modernisiert werden. Unrentable Geschäfte sollten geschlossen, das Sortiment sollte verbessert und das ganze Unternehmen kundenfreundlicher werden, hieß es ambitioniert.

Was Schlecker von seinen eigenen Kunden denkt, machte der Konzern kurze Zeit später allerdings unfreiwillig komisch klar: Den neuen Slogan "For you. Vor Ort." begründete ein Sprecher damit, der Slogan solle schließlich die durchschnittlichen Schlecker-Kunden ansprechen, und die seien nun mal "dem niederen bis mittleren Bildungsniveau zuzuordnen".

Der ambitionierte Neustart des Unternehmens hatte indes einen entscheidenden Haken: Es fehlte an Geld, die Pläne in die Tat umzusetzen.

Regelmäßig habe es "Lenkungsausschusssitzungen" gegeben, in denen die Familie, das Management und die externen Berater zusammenkamen, erzählt einer, der dabei war. Immer wieder habe die Frage, wie der Kurswechsel finanziert werden solle, auf der Agenda gestanden - und regelmäßig sei der Punkt gestrichen worden. "Lassen Sie das mit dem Geld mal unsere Sorge sein", hätten die Schleckers den Anwesenden erklärt. Und dabei unterschätzt, wie wenig Geld sich aufgrund der wegbrechenden Umsätze in den Geschäftskassen befand.

Ende des vergangenen Jahres musste Schlecker sogar vor der einst so verhassten Gewerkschaft zu Kreuze kriechen, Anfang November und Anfang Dezember vergangenen Jahres gab es jeweils ein Treffen zwischen Managern des Unternehmens und Ver.di-Vertretern. "Die Herren haben sehr offen über die Probleme gesprochen", sagt Bernhard Franke, Ver.di-Fachbereichsleiter für Handel in Baden-Württemberg. "Sie zeigten sich ernsthaft besorgt über die Lage des Unternehmens."

Schlecker bat die Gewerkschaft um einen Sanierungstarifvertrag. Der sähe vor, dass die noch knapp 30 000 deutschen Beschäftigten - ähnlich wie im Fall Karstadt - auf Teile ihres Lohns verzichten müssten, um ihren Anteil an der Rettung zu leisten.

Ver.di verlangte im Gegenzug Einblick in die Bilanzen und beauftragte den Frankfurter Wirtschaftsprüfer Günter Stolz. Bis Ende des Monats sollte dieser das Zahlenwerk des Ehinger Unternehmens prüfen, und erst dann wollte Ver.di entscheiden, ob es einem Sanierungstarifvertrag zustimmen wird. "Die Prüfung war auf viel längere Zeit angelegt", sagt Stolz, durch das eingeleitete Insolvenzplanverfahren wolle Schlecker Ver.di offenbar unter Druck setzen.

Für die Mitarbeiter kam das vollkommen überraschend. "Vergangene Woche wurde uns mitgeteilt, dass unsere Filiale renoviert und umgebaut wird", erzählt eine Verkäuferin in Hamburg. "Am Montag haben wir zum ersten Mal seit fast zwei Monaten wieder eine komplette Warenanlieferung bekommen. Da dachte ich: Jetzt geht es aufwärts."

Zuvor waren die Lieferungen häufig ausgeblieben, in den Regalen klafften große Lücken. Noch immer ist oft nur die erste Reihe bestückt, dahinter steht oder liegt nichts. "Wir haben die Waren in die Breite verteilt", sagt eine Kassiererin.

Dass die Insolvenz ausgerechnet am vergangenen Freitag kam, hat wohl auch mit ungedeckten Rechnungen zu tun: Wie andere Handelsunternehmen wickelt Schlecker seine Zahlungen über das Verrechnungskontor Markant ab, das als eine Art Zwischenhändler zwischen Hersteller und Handel fungiert.

Markant räumt Zahlungsspielräume ein und stellt Bürgschaften aus. Von Schlecker aber sollen sich zu viele unbezahlte Rechnungen summiert haben. Am Freitag soll eine letzte Zahlungsfrist abgelaufen sein.

Es habe dramatische Telefonate mit der Bitte um Zahlungsaufschub gegeben, heißt es. Anscheinend hatten die Finanzleute bei Schlecker mit mehr Kulanz gerechnet. Das Unternehmen selbst wollte sich dazu nicht äußern.

Was wird nun aus den rund 30 000 Mitarbeitern? Und was wird aus den rund 7000 Läden? In vielen Orten ist die Schlecker-Filiale, so trist sie auch sein mag, die einzig verbliebene Einkaufsmöglichkeit.

Die Insolvenz ist noch längst keine Pleite. Vielmehr deutet der jetzige Schritt auf eine ganz andere Strategie hin: Schlecker will die Sanierung beschleunigen - und vor allem Ver.di als lästigen Verhandlungspartner loswerden.

Denn warum sonst stellt das Unternehmen Antrag auf Insolvenz, wenn es doch - wie es selbst immer wieder betonte - gar keine Verbindlichkeiten bei Banken hat? Der Geschäftsbetrieb wird ganz normal weiterlaufen, das Schlecker-Management bleibt im Amt. Das Unternehmen bleibt unter Wahrung seiner Interessen erhalten und kann sich sanieren. Denn das Insolvenzrecht hält eine ganze Reihe von Sonderrechten bereit.

"Der größte Vorteil ist", sagt der Bremer Insolvenzanwalt Klaus Klöker, "dass Schlecker nicht zerschlagen wird. Das Unternehmen bleibt als Rechtsträger erhalten und kann sich von allen nicht lukrativen Geschäften trennen, die lukrativen aber kann es behalten."

Der Insolvenzverwalter kann helfen, im Planverfahren das Unternehmen von allen langfristigen Verträgen durch Sonderkündigungsrechte zu entlasten. Dazu gehören neben Miet-, Pacht-, Leasing- und Lieferverträgen insbesondere auch die Arbeits- und Tarifverträge.

"Gerade hier liegen die Vorteile gegenüber einer außergerichtlichen Unternehmenssanierung", sagt Klöker. So seien die gerade für Unternehmen in Krisensituationen erheblichen Belastungen und Einschränkungen, die sich aus dem deutschen Arbeits- und Betriebsverfassungsrecht ergeben, in der Insolvenz teilweise außer Kraft gesetzt oder erheblich eingeschränkt. "Es liegt auf der Hand, dass Schlecker sich dieses Ballasts entledigen will", sagt Klöker.

Denn wäre die Insolvenz nicht eingeleitet worden, hätte das Unternehmen auch Mieten für Läden langfristig weiterzahlen müssen, die es längst geräumt hat. Es hätte Waren von Lieferanten abnehmen und bezahlen müssen, die es gar nicht mehr im Sortiment haben will.

Und vor allem: Der Konzern hätte bis Juni dieses Jahres keinem einzigen Angestellten kündigen dürfen, da bis dahin noch der Beschäftigungssicherungstarifvertrag von 2010 gilt.

Jetzt kann Schlecker den Vertrag kündigen und Mitarbeiter entlassen. Der Gewerkschaft wird nichts anderes übrigbleiben, als mitzumachen, wenn das Unternehmen noch eine Chance haben soll.

"Wenn Schlecker das überlebt, dann nur als Discount-Anbieter mit einem radikal verkleinerten Filialnetz", ist sich Michael Gerling, Geschäftsführer des Kölner EHI Retail Institute, sicher. Davor stünden aber brutale Einschnitte, das Unternehmen müsse sich gesundschrumpfen.

Am Freitag ging dann doch noch eine Mitteilung an die eigenen Mitarbeiter raus. Sie sollten, heißt es darin, "den heutigen Tag nicht als Ende, sondern als Startpunkt mit veränderten Bedingungen sehen".


DER SPIEGEL 4/2012
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