23.01.2012

ENZENSBERGERS PANOPTIKUMMuss Sex sein, und wenn ja, wie?

Fünfte Lieferung: Warum beim Geschlechtsleben kein Anlass zu Überheblichkeit besteht Von Hans Magnus Enzensberger
Zuerst wollte kein Verleger das Manuskript drucken, schon wegen der komischen Illustrationen, auf denen außer flüchtig hingemalten Männchen, Frauen und Hunden wenig zu sehen war. "Is Sex Necessary?" betitelten James Thurber und E. B. White ihr Buch, das 1929 endlich doch erschienen war. Ihr Verleger hatte vergeblich gebangt. Das Publikum weidete sich nicht nur an dem Text, sondern auch an Thurbers Zeichnungen, und der Band verkaufte sich blendend. Nur von der Fachwelt, die sich durch einige Passagen verhöhnt fühlte, wurde er beharrlich ignoriert. Dennoch steht die Aktualität des Werks außer Frage. John Updike, der zu einer Neuauflage 2004 ein schönes Vorwort beitrug, hat festgestellt: "Selten hatte ein Buch, das das Wort Sex im Titel führt, darüber so wenig Vorteilhaftes zu sagen." Er führte das darauf zurück, dass Thurber jedes Mal, wenn er mit seiner Frau im Bett lag, den Eindruck hatte, mit der Freiheitsstatue zu schlafen.
Die Autoren hielten schon damals zwei Faktoren unserer Zivilisation für enorm überschätzt, Luftfahrt und Sex: "Im Fall der Luftfahrt haben Leute, die an diesem Sport interessiert waren, einsehen müssen, dass es nötig war, ihn zu vereinfachen und seine Sicherheitsprobleme zu lösen. Tatsächlich hat sich bald herausgestellt, dass nur wenige Menschen fähig waren zu fliegen. Ganz anders, nämlich umgekehrt, verhielt es sich mit der Sexualität. Das war etwas, worauf sich im Prinzip alle verstanden, nur das öffentliche Interesse daran ließ zu wünschen übrig. Hier bestand das Problem darin, dass die Sache den Leuten nicht schwierig und gefährlich genug vorkam. Um dem abzuhelfen, machten sich Soziologen, Analytiker, Gynäkologen, Psychologen und diverse Sachbuchautoren an die Arbeit. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, das Ganze weit über die wildesten Träume unserer Ahnen hinaus zu komplizieren. Das ganze Land wurde überschwemmt von einschlägigen Neuerscheinungen."
Dieser Analyse ist heute wenig hinzuzufügen, und sie gilt auch für unsere deutschen Verhältnisse. Eine weitere Tatsache kommt dazu. Die Sexualität hat nämlich, seitdem sie zu einem Stummelwort geschrumpft ist, bei uns noch mehr als anderswo an Charme verloren. Einem blöden Anglizismus zufolge "hat" man hierzulande Sex oder Spaß, so wie man Bauchweh oder Schulden "hat".
Dafür hat das Projekt, den Schwierigkeitsgrad zu steigern, heutzutage Erfolge erzielt, von denen Thurber und White und ihre Gewährsleute noch nichts wissen konnten. Sie waren nämlich einer bornierten Tradition verfallen, die man anders als phallokratisch und sexistisch kaum nennen kann. Sie haben sich mit einem simplen binären Code begnügt, ganz so, als gäbe es nur zwei Geschlechter. Von einem dritten wurde damals nur gemunkelt. Vielleicht deshalb haben die Verfasser es bei ihrer ansonsten wegweisenden Untersuchung vernachlässigt.
Glücklicherweise haben wir seitdem wesentliche Fortschritte gemacht. Den heute Lebenden steht eine Vermehrung von sexuellen Identitäten zur Verfügung. Neben Hetero und Homo hat sich nicht nur Bi mit seinen Subkategorien etabliert, wenngleich unklar geblieben ist, ob man auch von Tri- oder Quattrosexuellen sprechen kann. Dagegen fällt es uns nicht schwer, zwischen Transvestiten und Transsexuellen zu unterscheiden.
Auskunft über andere Varianten bietet der deutsche Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch in seinem Werk "Neosexualitäten". Er analysiert darin neue und alte Phänomene sexueller Aktivität. Er ist es auch, dem das Verdienst zukommt, den Begriff Zissexualität geprägt zu haben. Mit ihm wollte er ausdrücken, dass das als normal unterstellte Zusammenfallen von Körpergeschlecht und Geschlechtsidentität keine Selbstverständlichkeit ist und dass es, wenn es Transsexuelle gibt, notwendigerweise auch Zissexuelle geben muss. Doch auch hier schläft die Konkurrenz nicht; so hat sich, als Gegenbegriff zum Transgender, auch der Fachausdruck Cisgender eingebürgert, der dazu dienen kann, ältere Bezeichnungen für Nicht-Transgender, wie "geborene Frauen (oder Männer)" oder "genetische Männer (oder Frauen)" oder auch "Biomann" oder "Biofrau" abzulösen. Die Zispersonen sollen, wie zu hören ist, nicht selten sein, sondern ziemlich häufig vorkommen.
Vorteilhaft wirkt sich aus, dass die jeweilige Entscheidung für Zis oder Trans und so weiter zur Verhandlungssache geworden ist. Fragen tauchen allenfalls bei Standesämtern, Passstellen und bei der Frage auf, inwieweit die Krankenkasse für etwaige Eingriffe und Therapien aufkommen muss.
Relativ neu ist auch, dass von allen Betroffenen, und wer wäre das nicht, ein öffentliches Coming-out, wenn nicht gefordert, so doch erwartet wird. Das setzt freilich auch bei weniger weltläufigen Personen, zum Beispiel unter der Landbevölkerung, elementare Englischkenntnisse voraus, weil ein deutscher Ausdruck dafür leider fehlt.
Ansonsten hat sich aber die sexuelle Aufklärung dank der zahllosen Illustriertenartikel, Talkshows, Ratgeber, Interessenvertretungen und Selbsthilfegruppen flächendeckend verbreitet. Unsere Eingangsfrage, ob Sex sein muss, ist aufs Ganze gesehen leicht zu beantworten, und zwar mit einem schallenden Ja.
Sorgen muss man sich höchstens wegen der Zahl der Verweigerer machen. Es gibt Leute, die sich, aus welchen Gründen auch immer, strikten Keuschheitsgeboten unterwerfen und sich an alle möglichen Tabus klammern. Manche Menschen verhalten sich sogar ausgesprochen feindselig, wenn es um neue, bisher unbekannte Wahlmöglichkeiten geht. Man findet sie vor allem unter den Heteronormalen. Ihnen unterstellt man wohl, dass sie dazu neigen, andere zu diskriminieren. Daher der tadelnde Unterton, der diesem Ausdruck anhaftet. Gelegentlich werden sie sogar verdächtigt, dass sie mit den Taliban, den Mullahs oder mit den Ultraorthodoxen sympathisieren und womöglich sogar Prügelstrafen oder Steinigungen klammheimlich in Kauf nehmen.
Das geht entschieden zu weit. Andererseits sind in einer freien Gesellschaft Toleranz und Nachsicht angebracht auch für jene, die den Überblick für die zunehmenden Wahlmöglichkeiten verloren haben, denen der Eifer der Aufklärer missfällt oder die einfach in Ruhe gelassen werden wollen, weil ihnen, wie einst den Herren Thurber und White, das Theater mit der Sexualität zum Hals heraushängt.
Das alles ist kein Grund zur Aufregung. Zum Kulturpessimismus besteht ebenso wenig Anlass wie zur Überheblichkeit, was unsere Fortschritte angeht.
Bescheidenheit lehrt ein kurzer Rückblick auf die reichhaltigen Überlieferungen aus früheren Epochen. Denn verglichen mit dem, was wir aus alten Quellen erfahren, nehmen sich die Neosexualitäten der Gegenwart eher farblos, ja geradezu bieder aus. Wenn unsere Sexualwissenschaftler sich dazu durchringen könnten, sie zu studieren, würden sie vor Neid erbleichen.
Selbst in den heiligsten Schriften könnten sie die ausschweifendsten Phantasien finden, etwa in der Geschichte von Sodom und Gomorra, in den sadomasochistischen Details des Alten Testaments oder im "Immerwährenden Heiligenkalender". Zu neuen Ufern könnten auch die Erzählungen von der Jungfrauengeburt führen, nicht zu verwechseln mit der Unbefleckten Empfängnis.
Selbst diese haarsträubenden Eröffnungen nehmen sich jedoch, verglichen mit dem hemmungslosen Treiben der griechischen Antike, beinahe harmlos aus. Dort wird die schöne Helena aus einem Ei geboren, weil Zeus ihre Mutter Leda in Gestalt eines Schwans schwängerte. Athena, die Göttin der Weisheit, entspringt in voller Rüstung dem Haupt ihres Vaters, nachdem Hephaistos ihm das Haupt mit einer Axt gespalten hat. Über die Danaë macht der Göttervater sich in Gestalt eines Goldregens her. Der Sohn des Hermes und der Aphrodite vereinigt sich mit der Nymphe Salamakis, dergestalt, dass ihre Körper verschmelzen, so dass ein Wesen mit weiblichen und männlichen Genitalien entsteht. Auch in anderen Fällen wissen die Akteure selbst nicht, ob sie Mann oder Weib sind. Pasiphaë, die Frau des Königs von Kreta, lässt sich von einem Stier besteigen und gebiert eine Chimäre, den Minotauros. Und das ist bei weitem noch nicht alles. Die Vergnügungen, Vorlieben, Kastrationen und Vergewaltigungen der Ägypter, der Inder, der Isländer und anderer Völkerschaften wollen wir uns schon aus Platzgründen ersparen. Doch werden unsere Sexologen hoffentlich zugeben, dass sie gegen die Dichter des Mahabharata und der Metamorphosen die reinsten Waisenknaben sind. ◆
Von Hans Magnus Enzensberger

DER SPIEGEL 4/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 4/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ENZENSBERGERS PANOPTIKUM:
Muss Sex sein, und wenn ja, wie?

Video 00:54

Nach Kritik der First Lady Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt

  • Video "Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere Halos" Video 00:43
    Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere "Halos"
  • Video "Video aus Portugal: Notlandung nach Kontrollverlust" Video 00:55
    Video aus Portugal: Notlandung nach Kontrollverlust
  • Video "Videoaufnahmen: Polizeikontrolle vor Shisha-Bar eskaliert" Video 01:54
    Videoaufnahmen: Polizeikontrolle vor Shisha-Bar eskaliert
  • Video "Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft" Video 02:27
    Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft
  • Video "Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer" Video 01:24
    Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer
  • Video "Pfusch am Bau: Kleiner Fehler, fatale Folgen" Video 13:47
    Pfusch am Bau: Kleiner Fehler, fatale Folgen
  • Video "Debatte im Unterhaus: Theresa May verteidigt Brexit-Einigung" Video 01:47
    Debatte im Unterhaus: Theresa May verteidigt Brexit-Einigung
  • Video "Waldbrände in Kalifornien: Forensiker suchen nach menschlichen Überresten" Video 00:41
    Waldbrände in Kalifornien: Forensiker suchen nach menschlichen Überresten
  • Video "Nach Kollision: Norwegisches Kriegsschiff gesunken" Video 01:11
    Nach Kollision: Norwegisches Kriegsschiff gesunken
  • Video "Bisher unbekannte Spezies: Forscher filmen kuriose Tiefsee-Aliens" Video 00:38
    Bisher unbekannte Spezies: Forscher filmen kuriose Tiefsee-"Aliens"
  • Video "Phänomen Trumpy Bear: Commander in Plüsch" Video 01:11
    Phänomen "Trumpy Bear": Commander in Plüsch
  • Video "Tijuana: Migranten erklimmen US-Grenzzaun" Video 01:11
    Tijuana: Migranten erklimmen US-Grenzzaun
  • Video "Michelle Obama im TV-Interview: Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben" Video 01:46
    Michelle Obama im TV-Interview: "Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben"
  • Video "Game of Thrones - Staffel 8: #ForTheThrone" Video 01:15
    Game of Thrones - Staffel 8: #ForTheThrone
  • Video "88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur" Video 00:42
    88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur
  • Video "Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt" Video 00:54
    Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt