23.01.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH„Und dann essen sie dich“

Der Schriftsteller Stephen King erzählt, wie er seinen Alkoholismus in den Griff bekam und warum er so lange brauchte, um sein Buch über das Attentat auf US-Präsident John F. Kennedy zu vollenden.
Stephen King hat zum Gespräch in seine Heimat Bangor gebeten, eine schmucklose Industriestadt im US-Bundesstaat Maine. Die Straßen sind einsam, bald kommt die Grenze zu Kanada. Wer seine Romane kennt, fühlt sich hier nicht wohl, denn in dieser Gegend liegt das Zentrum der Stephen-King-Topografie. In einem Ort wie diesem kam das grauenvolle "Es" in Kings gleichnamigem Roman von 1986 aus der Kanalisation, hier wurden Hunde aufgeschlitzt an Friedhofstoren gefunden ("Brennen muss Salem", 1975), hier tauchen tote Kinder als Zombies wieder auf ("Friedhof der Kuscheltiere", 1983).
Stephen King, der sich das alles ausdachte, hat nie gern darüber geredet, selten gibt er Interviews, noch seltener hat er mit der deutschen Presse gesprochen. King hat seit 1974 rund 50 Romane veröffentlicht und mehr als 400 Millionen Bücher verkauft. Das macht ihn zu einem der erfolgreichsten lebenden Schriftsteller der Welt. Wohl auch deshalb hat man ihn lange aus der Hochkultur ausgeschlossen - aus dem Kreis der großen amerikanischen Erzähler, der Roths und Updikes. Inzwischen hat es sich allerdings auch unter Kritikern und Intellektuellen herumgesprochen, dass es in Kings Werk um mehr geht als bloß um Horror. Es geht um uns. Es geht um das, was uns beunruhigt.
Sein Büro, ein billiger Flachbau, liegt an der Route 2, zwischen B & L Auto Parts, John Deere Tractors und Tires, Batteries, Accessories & Trailers. Trostloser, stumpfer und stephenkingmäßiger kann eine Umgebung nicht aussehen. In einer solchen Gegend, in der fiktiven Stadt Derry, spielt teilweise auch Kings neuer Roman "Der Anschlag"(*). Es ist die Geschichte eines Lehrers, der mit einer Art Zeitmaschine in die sechziger Jahre zurückkehrt und versuchen will, den Mord an John F. Kennedy zu verhindern. Es ist ein politisch riskantes Buch.
Ein alter Pontiac GTO, vier Auspuffrohre, voll mit Aufklebern, Traumauto aller amerikanischen Prolls, kommt auf den Parkplatz vor dem Flachbau gedröhnt. Aus dem Wagen quält sich in der rot-weißen Collegejacke seines Sohns ächzend heraus: Stephen King. Er ist jetzt 64, und sein Rücken schmerzt. Er soll nun ein bisschen über Angst reden. King tastet sich in einen Schaukelstuhl und macht ein Schildkrötengesicht.
SPIEGEL: Mr. King, die grauenvolle Stadt Derry in Ihren Romanen: Ist das wirklich Bangor, wo wir gerade sind?
King: Aber ja. Bangor ist Derry. Derry ist Bangor. Haben Sie in der Stadt nicht den Kanal gesehen, aus dem das Monster in meinem Roman "Es" kommt? Und den Wasserturm? Alles da. Sie sind hier im Stephen-King-Land. Aber die Leute würden auch vor Nebraska Angst haben, wenn ich darüber schreiben würde. Haben Sie ein schönes Hotel?
SPIEGEL: Na ja. Es liegt verlassen und einsam auf einem Feld.
King: Kann ich Sie beruhigen? Das mit dem Schrecken ist natürlich ein bisschen komplizierter.
SPIEGEL: Inwiefern?
King: Das Monster Es ist ja die Personifikation Ihrer eigenen Ängste. Wie Sie wissen, nimmt es für jeden, der ihm begegnet, die Gestalt seiner größten Furcht an. Und Derry basiert zwar auf Bangor, aber ich habe Derry gleichzeitig als einen Ort konstruiert, der wie ein Symbol funktio-
niert. Stellvertretend für die Stumpfheit des Bösen. Derry ist ein Ort, wo Böses geschieht und die Menschen wegsehen. Als ich den Roman "Es" im Kopf hatte, wollte ich ein Buch schreiben über eine Stadt, die ein lebendes Wesen ist, eine böse Kreatur.
SPIEGEL: Hm.
King: Reisen Sie nicht gleich wieder ab. Bleiben Sie für ein paar Tage! In "Es" gibt es diesen Clown. Er ist das Böse, das von außerhalb kommt. Er bringt das Böse zu den Menschen. Einerseits. Andererseits ist der möglicherweise nur eine Projektion der Menschen von etwas, das tief in ihnen arbeitet. Dann steht er für das Böse von innen. Vielleicht ist er nur ihre Entschuldigung, Grauenhaftes zu tun. Das ist das Schöne an Literatur. Es kann beides sein.
SPIEGEL: Sie meinen, es geht um den Schrecken, der jedem Menschen innewohnt? Und dadurch, dass wir uns ihm in Ihren Büchern aussetzen, können wir ihn leichter ertragen?
King: Ja. In der Familie, aus der ich komme, sprach man nie über das, was einen bedrängte. In meiner Familie haben wir geraucht, bis wir starben, die Liberalen gehasst und betrunken auf Tischen getanzt. Gefühle und Ängste? Gingen niemanden etwas an. Aber jeder Mensch braucht ab und zu einen kleinen Trip auf die dunkle Seite. Sie brauchen jemanden, der Ihnen sagt: "Alles schön und gut hier auf der Sonnenseite. Aber jetzt lassen Sie uns mal kurz in den Keller gucken. Dort gibt es etwas, das sehen Sie normalerweise nicht." Dieser jemand bin ich.
SPIEGEL: Woher wissen Sie, wie es im Keller Ihrer Leser aussieht?
King: Als Kind bin ich mal ins Haus meiner Großeltern auf den Dachboden gegangen. Dort lagen halbverweste Hühner. Das war das erste Mal, dass ich den Tod sah. Ich dachte mir: So sieht also der Tod aus. Das ist es, was die Erwachsenen vor uns verbergen. Von da an wusste ich Bescheid. Es waren nur Hühner. Aber mit ein bisschen Phantasie war das alles, was man sehen musste. Man braucht keinen toten Menschen zu sehen, um den Tod zu erkennen.
SPIEGEL: Jetzt beschreiben Sie sich selbst wie eine der kranken Figuren in Ihren Romanen.
King: Ich war vielleicht tatsächlich ein bisschen merkwürdig. Als Kind war ich über ein Jahr lang krank. Ich lag im Bett und las. Dann fing ich an, selbst zu schreiben, nur um die Zeit rumzukriegen.
SPIEGEL: Worüber schreibt man als Kind?
King: Es waren phantastische Geschichten. Kindermärchen. Sprechende Tiere, die den Menschen helfen. Meine Mutter liebte die Geschichten. Das war mein Antrieb. Jemand wie ich will anderen gefallen. Mir ging es nie um Geld, mir ging es nie um Ruhm. Meine Mutter sagte immer zu mir: Stephen, wenn du ein Mädchen wärst, wärst du immer schwanger.
SPIEGEL: Die Mutter hat sie allein erzogen?
King: Mein Vater verschwand spurlos. Jahre später glaubte meine Mutter, sie hätte ihn im Fernsehen gesehen als eine Art Söldner im Kongo. In Wirklichkeit ist er nach Südamerika abgehauen und hat noch einmal geheiratet, obwohl er von meiner Mutter nie geschieden wurde. Er bekam noch drei Kinder. Aber das habe ich erst vor zwei Jahren herausgefunden.
SPIEGEL: Er hat sich nie gemeldet?
King: Nein. Als er 1980 starb, rief er seine zweite Frau ans Sterbebett und sagte ihr, er hätte ein Geheimnis. Aus seinem Portemonnaie zog er ein Foto von mir und meinem Bruder.
SPIEGEL: Waren Sie ihm böse?
King: Nein. Aber es war hart. Meine Mutter musste drei Jobs machen, um uns durchzubringen. Morgens in der Bäckerei, dann in einer Wäscherei und am Sonntag spielte sie in der Kirche Klavier. Wir mussten ständig umziehen, und die neue Wohnung war meistens in einer mieseren Gegend als die zuvor. Während der Highschool-Zeit war ich bis zwei Uhr in der Schule, danach verpackte ich in einer Weberei bis elf Uhr nachts Stoffe. Irgendwie habe ich ein Stipendium für die Universität bekommen. Dort habe ich meine Frau getroffen, Tabby. Ich wollte Lehrer werden. Doch damals gab es keine Lehrerjobs. Also habe ich in der Wäscherei und an der Tankstelle gearbeitet. Und ich schrieb Geschichten für Tittenhefte, für 100 oder 150 Dollar.
SPIEGEL: Heute aus der Sicht des Multimillionärs: War das eine glückliche Zeit?
King: Na ja. Ich war ziemlich fertig. Und ich fragte mich manchmal, ob das, die-ser Job in der Wäscherei, jetzt mein Leben sei. Andererseits, ich hatte meine Geschichten, an denen ich nachts schrieb. Ich hatte meine Frau und zwei Kinder. Tabby arbeitete bei Dunkin' Donuts in der Nachtschicht. Wenn ich aus der Wäscherei kam, zog sie ihre pinkfarbene Uniform an, ging zur Arbeit. Irgendwann bekam ich doch einen Job als Lehrer. Doch bevor es losgehen sollte, schrieb ich "Carrie".
SPIEGEL: Über ein drangsaliertes Schulmädchen, das sich mit Hilfe übernatürlicher Kräfte an der Welt furchtbar rächt.
King: Ja, aber es war alles nichts. Ich hatte keinen Zugang zu meinem Stoff. Ich schrieb über ein pubertierendes Mädchen, und eine der Schlüsselszenen ist, dass sie zum ersten Mal ihre Periode bekommt. Von alldem hatte ich keine Ahnung, also schmiss ich es in den Papierkorb. Tabby fischte es heraus. Es war total zerknittert, aber sie las es und sagte, es sei gut. Ich solle weitermachen.
SPIEGEL: Es wurde Ihr erster Roman, er kam 1974 heraus.
King: Ja. Doubleday zahlte mir einen Vorschuss von 2500 Dollar. Wahrscheinlich hat es mich gerettet.
SPIEGEL: Warum?
King: Ich glaube, wenn unser Leben so weitergegangen wäre, hätte die Ehe nicht gehalten. Es war zu anstrengend. Einmal zerschnitt Tabby meine Kreditkarte. Ich trank zu viel.
SPIEGEL: In dem Alter schon?
King: Richtig stark zu trinken habe ich mit zwanzig angefangen und habe 20 Jahre weitergemacht.
SPIEGEL: Warum haben Sie getrunken?
King: Weil ich Alkoholiker bin. Alkoholiker und Drogenabhängiger.
SPIEGEL: Wie wurden Sie Alkoholiker?
King: So was ist einfach da. Mein Vater war Alkoholiker. Er ist viel gereist, er hat auf Bohrinseln gearbeitet. Einmal kamen meine beiden Halbbrüder nach Hause. Mein Vater lag auf dem Boden, ein Bein auf dem Bett, starrte an die Decke. Der kleine Bruder fragte den älteren: Ist Daddy tot? Nein, nur betrunken, sagte der Ältere. Und so war es. Es gibt keinen tieferen psychologischen Grund.
SPIEGEL: Wann haben Sie das letzte Mal etwas getrunken?
King: Oktober 1988.
SPIEGEL: Und …
King: … jetzt fragen Sie, wann ich das letzte Mal an einen Drink gedacht habe?
SPIEGEL: Okay.
King: Vor einer Stunde.
SPIEGEL: Wenn Sie die siebziger und achtziger Jahre als Alkoholiker verbracht haben, heißt das, dass Sie einige Ihrer Hauptwerke betrunken geschrieben haben.
King: Ja.
SPIEGEL: Das geht?
King: Das geht. Ich habe jede Nacht einen Kasten Bier getrunken. Abends konnte ich kein Bier im Kühlschrank lassen. Ich musste es in den Abfluss schütten, weil ich sonst wieder aufgestanden wäre, um weiterzutrinken. Ich habe funktioniert, was die Arbeit betrifft. Allerdings erinnere ich mich nicht mehr daran, meinen Roman "Cujo" geschrieben zu haben. Aber es gibt ihn, und, ehrlich gesagt, ich mag ihn.
SPIEGEL: In "Shining" schrieben Sie über einen Schriftsteller und ehemaligen Lehrer, der versucht, sein Alkoholproblem in den Griff zu bekommen.
King: Und es fiel mir damals nicht auf, dass ich in der Hauptfigur Jack Torrance über mich selbst schrieb.
SPIEGEL: Das kann nicht Ihr Ernst sein.
King: Doch. Zehn Jahre später, Mitte der Achtziger, schrieb ich "Sie". Da war es, glaube ich, anders. Da wird wiederum ein Schriftsteller von einer geistesgestörten ehemaligen Krankenschwester gefangen gehalten. Sie war mein Delirium. Sie war meine Metapher für meine Sucht. Eine verrückte Krankenschwester.
SPIEGEL: Die Figur Jack Torrance wurde später durch Jack Nicholson in der Stanley-Kubrick-Verfilmung berühmt.
King: Ich habe den Film nie gemocht. Aber was ich aus heutiger Sicht interessant finde: In dem Roman ist noch keine Rede von den Anonymen Alkoholikern. Als ich den Roman fürs Fernsehen überarbeitet habe, ließ ich Jack zu AA-Treffen gehen.
SPIEGEL: Gehen Sie selbst auch?
King: Ja. Zwei- oder dreimal die Woche. Früher jeden Tag. Egal, wo ich bin, ich gehe zu den Meetings.
SPIEGEL: Was passiert, wenn Stephen King bei so einem AA-Meeting auftaucht?
King: Nichts. Viele der Leute kenne ich seit 22, 23 Jahren. Manche sterben, dann gehe ich auf ihre Beerdigung. Wenn ich sterbe, kommen sie zu meiner.
SPIEGEL: Wie haben Sie aufgehört?
King: 1987 ging ich erstmals in eine Entzugsklinik. Tabby sagte, entweder das oder raus aus dem Haus. Kurz zuvor hatte sie mich beim Schreiben von "Das Monstrum" mit Wattestäbchen in den Nasenlöchern entdeckt. Die brauchte ich, weil ich vom Kokain so blutete.
SPIEGEL: Ihre Frau wusste nicht Bescheid?
King: Ich habe lange versucht, die Drogensucht geheim zu halten. Aber irgendwann war es ziemlich offensichtlich. Der Letzte, der denkt, die Sache sei noch geheim, ist der Drogensüchtige. Ich hatte Angst, ich würde nicht mehr schreiben können ohne den Stoff. Aber ich war bereit, das Schreiben aufzugeben, wenn ich dafür meine Liebsten retten könnte.
SPIEGEL: Jetzt haben wir viel über Ihr Leben geredet. Glauben Sie, autobiografische Umstände sind ein Schlüssel, um Ihre Literatur zu verstehen?
King: Natürlich. Man will doch wissen: Was hat diesen Typ so abgefuckt? Man könnte das aber John Updike oder Philip Roth fragen, die ewig über Sexualität schreiben. Tut man aber nicht, denn Sexualität gilt als Bestandteil der hohen Literatur. Wogegen das Zeug, das ich mache, als Bodensatz angesehen wird. Ist Angst nicht ein viel universelleres Thema?
SPIEGEL: Dass Ihnen lange Zeit die Literaturweihen verweigert wurden, ärgert Sie noch immer.
King: Ich habe mich deswegen mal mit John Updike getroffen. Nicht lange vor seinem Tod. Ein nettes Gespräch. Aber ich fühlte mich Typen wie Updike unterlegen. Ich war der Typ, der nur auf öffentlichen Schulen war. Updike ging auf die guten Schulen. Die Ivy League. Die Typen mit den schmalen Krawatten. Ich war überempfindlich und wollte ihn provozieren. Als ich anfing zu glauben, dass auch meine Arbeit einen literarischen Anspruch hat, las ich in Kritiken, dass ich nur ein Schundschreiber sei. Ich war verletzt.
SPIEGEL: Konnte es Sie nicht trösten, dass sich ein Roman von Ihnen tausendmal so oft verkauft wie einer von Philip Roth?
King: Spielt keine Rolle. Wenn man es auf die Geldebene hebt, wird es gleich ein Schwanzmessen. Am Ende sterben wir alle. Das Werk bleibt entweder, oder es verschwindet.
SPIEGEL: Ihr neuer Roman "Der Anschlag" ist nun ein Buch über Amerikas großes Trauma, das Kennedy-Attentat, und darüber, wie es dazu kommen konnte. Es ist kein Horror mehr, es ist fast die Great American Novel.
King: Ich glaube, das stimmt. Ich bin Mitte sechzig jetzt. Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen. Mich interessiert Amerika heute mehr denn je. Hier kenne ich mich aus. Hemingway hat gesagt: Schreib, worüber du dich auskennst. In "Der Anschlag" sage ich den Lesern: Seht, so war es 1963. Wie viel hat das mit heute zu tun? Jeder kann seine eigenen Schlüsse ziehen.
SPIEGEL: Der Held des Romans findet im Vorratsraum eines Schnellrestaurants eine Zeitmaschine, die ihn ins Jahr 1958 bringt. Er beschließt, dort zu bleiben und 1963 den Mord an Kennedy zu verhindern.
King: Darum ging es mir: Dieser eine Moment, der 22. November 1963, um 12.30 Uhr, Dallas, Dealey Plaza. Diese paar Sekunden haben alles verändert. Eine einzige Variable verändert die Zukunft der ganzen Welt: Wir beiden wären schon mal nicht hier. Denn dann hätte ich ja dieses Buch nicht geschrieben.
SPIEGEL: Tatsächlich glauben ja viele so wie der Held in Ihrem Roman, die Welt wäre heute ein besserer Ort, hätte Kennedy weitergelebt: Dann wäre der Vietnam-Krieg nicht eskaliert. Dadurch hätten die USA sich nie so verschuldet, die Wirtschaftskrise der Siebziger wäre ausgeblieben, die moralischen Erschütterungen durch Watergate und so weiter.
King: Genau. Als historische Perspektive ist das allerdings ziemlich fragwürdig.
SPIEGEL: Deshalb gelingt es Ihrem Helden zwar, den Kennedy-Mord zu verhindern, aber als er ins Jahr 2011 zurückkehrt, ist die Welt anders, als er sich das erhofft hat.
King: Das ist der tröstende Moment. Falls dieser Roman eine Moral hat - und ich habe es sicher nicht mit einer im Hinterkopf geschrieben -, dann würde die lauten: Die Dinge richten sich selbst. Die Geschichte ist gut wie sie ist. Sie ist ihre bestmögliche Version.
SPIEGEL: Ein optimistisches Geschichtsbild.
King: Ja. Wissen Sie, warum ich dieses Buch jetzt doch noch geschrieben habe? Ich hatte dieses Buch seit 40 Jahren im Kopf. Ich hab in den Siebzigern schon mal probiert es zu schreiben, aber habe es nicht hingekriegt, und mein Leben lang habe ich mich deswegen geärgert.
SPIEGEL: Warum haben Sie es doch noch geschrieben?
King: Wegen Obama. Der Optimismus, die Hoffnung und Begeisterung, als er ins Amt kam. Und gleichzeitig dieser Hass. Den kenne ich aus meiner eigenen Familie. Wir alle waren Rechtsaußen-Republikaner. In unserem Haus wurde der Name des demokratischen Präsidenten Roosevelt nicht in den Mund genommen. Er hieß nur "der Typ, der mal im Weißen Haus war". Wir haben ihn gehasst. Und Kennedy auch.
SPIEGEL: Wieso haben Sie mit der politischen Tradition Ihrer Familie gebrochen?
King: Vietnam. 1968, mit 21, habe ich Nixon gewählt. Denn Nixon hat gesagt, er hätte einen Plan, uns aus Vietnam herauszubringen. Meine Frau Tabby lacht mich bis heute dafür aus, dass ich das geglaubt habe. Bald war mir klar, dass die Vietnam-Sache getarnter Imperialismus war, und dass wir nie gewinnen konnten. Das hat mich für mein Leben verändert. Der Kennedy-Mord war der Beginn einer Kultur des Hasses in unserem Land. Ich wollte sehen, ob sich aus diesen Problemen eine Geschichte machen ließe.
SPIEGEL: In Ihrem autobiografischen Buch "Das Leben und das Schreiben" behaupten Sie, Sie würden die Handlung Ihrer Romane nie planen. Sie wüssten selbst nicht, was als Nächstes geschieht.
King: Natürlich. Schreiben ist Telepathie. John Irving ist ein guter Freund. Es haut mich immer um, wenn er mir erzählt, er schreibe zuerst das Ende seiner Romane. Verrückt. Nein. Man folgt seinen Instinkten, man folgt den Figuren. Die tun folgerichtige Dinge. Am Ende fügt sich alles zusammen. Ich habe mal einen Fortsetzungsroman geschrieben: Am Ende gibt es ein paar spektakuläre Enthüllungen, von denen ich selbst vorher keine Ahnung hatte. Für mich ist Schreiben, wie einen Film gucken.
SPIEGEL: Warum haben Sie dieses Buch über Ihr Leben und Schreiben geschrieben? Wollten Sie uns auch ein bisschen die Furcht nehmen, indem Sie wie ein Zauberer, der seine Tricks offenlegt, zeigen: Ist doch alles nur Technik?
King: Richtig. Ich erschaffe Monster. Aber ich bin keins. Und ich wollte über diesen Übergang schreiben, den man durchmacht. Gerade bin ich noch dieser strauchelnde Mensch, der in der Wäscherei schreibt. Und dann bin ich plötzlich der Typ, der diese fetten Verträge bekommt. Es gibt Menschen - und ich war einer davon -, die haben ein goldenes Ticket wie "Charlie und die Schokoladenfabrik". Da heißt es, wir haben ein Bankett für Sie ausgerichtet. Sie können sich alles nehmen, was Sie wollen. Aber was Ihnen nicht gesagt wird, ist: Sie selbst sind der letzte Gang. Und dann essen sie dich. Wie Kurt Cobain. Wie Janis Joplin.
SPIEGEL: Was tun Sie, damit Sie nicht gegessen werden?
King: Ich erinnere mich an meinen Freund Warren Zevon, den Rockstar: Er hat sein Leben lang in Alkohol und Drogen gebadet, er hat sich das Gehirn weggeraucht und hatte 1000 Frauen. Er hat aufgehört damit. Und stirbt kurz danach mit 56. Wie Steve Jobs. Das scheint mir unfair. Ich genieße jeden Tag, den ich noch bekomme. Selbst wenn mein Rücken höllenmäßig schmerzt.
SPIEGEL: Wie heute?
King: Ja. Wie heute.
SPIEGEL: Mr. King, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Stephen King: "Der Anschlag". Aus dem amerikanischen Englisch von Wulf Bergner. Heyne Verlag, München; 1056 Seiten; 26,99 Euro.
Das Gespräch führte der Redakteur Philipp Oehmke.
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 4/2012
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