30.01.2012

ZEITGESCHICHTE„Keiner wollte mir glauben“

Als Junge sah Hans Brombosch vom Küchenfenster den Schuss auf Benno Ohnesorg. Ermittler ignorierten den Augenzeugen.
Der West-Berliner Kriminalpolizist Karl-Heinz Kurras erschoss am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien. Die Tat veränderte das Land: Sie war einer der Auslöser der 68er-Bewegung, aber auch des Terrors von links gegen einen Staat, der, so sahen es viele, an diesem Tag zuerst geschossen hatte. Heute scheint klar, dass die Vorwürfe nah an der Wahrheit lagen. Kurras schoss offenbar unbedrängt aus nächster Nähe, anschließend vertuschte die Berliner Polizei die Tat. Das ist das Ergebnis monatelanger Recherchen, vergangene Woche erschien die Geschichte im SPIEGEL (4/2012). Etliche Beteiligte von damals sind tot, andere wollen sich nicht erinnern. Aber es gibt einen unbeteiligten Zeugen, der sich genau erinnert: Hans Brombosch, damals acht Jahre alt, beobachtete den Schuss auf Ohnesorg vom Küchenfenster aus. Er wurde zwei Tage danach von der Polizei befragt, doch nicht als Zeuge vor Gericht geladen. Dabei hatte der Junge präzise hingesehen, wie man nun weiß. Der heute 53-jährige Berliner hat sich auf einem im SPIEGEL gedruckten Foto erkannt. Empört über die Polizeiverschwörung äußert er sich jetzt öffentlich. Seine leicht gekürzte Aussage bei der Polizei ist unten dokumentiert.
SPIEGEL: Wie bewerten Sie die neuen Erkenntnisse zum Tod von Benno Ohnesorg?
Brombosch: Endlich kommt all das an die Öffentlichkeit, was ich damals genau gesehen habe, mir aber keiner glauben wollte.
SPIEGEL: Was haben Sie an jenem Abend denn gesehen?
Brombosch: Wir wohnten in der Schillerstraße, Ecke Krumme Straße. Ein Teil unserer Zimmer sowie Küche und Bad gingen zum Hof. Dort hatte ich abends noch im Sandkasten gespielt. Plötzlich wurde es laut ums Haus. Demonstranten flüchteten, Polizisten rannten hinterher. Da riefen mich meine Eltern rein und ließen die Jalousien zum Hof herab. Das fand ich gar nicht gut und zog sie wieder ein Stück hoch, um das Geschehen besser beobachten zu können.
SPIEGEL: Was konnten Sie sehen?
Brombosch: Polizisten schlugen wie wild auf junge Menschen ein. Meine Augen rasten hin und her. An meiner Turnstange, die sonst zum Teppichklopfen diente, fiel mir ein Mann im roten Hemd und mit Schnurrbart auf - wie ich später lernte: Benno Ohnesorg. Er war ganz ruhig, stand einfach da. Andere flüchteten bereits wieder aus dem Hof, um nicht verprügelt zu werden. Er blieb stehen. Ich rannte von Fenster zu Fenster, um besser sehen zu können.
SPIEGEL: Wie ging es weiter?
Brombosch: An einem Betonpfeiler verprügelten drei Polizisten einen am Boden liegenden Demonstranten. Davor sah ich Ohnesorg, so fünf, sechs Meter vor meinem Fenster. Er war umringt von einer Menschentraube. In diesem Moment hörte ich einen Knall, sah den Mann mit dem roten Hemd wanken und umfallen. Ich dachte, der ist gestolpert und steht gleich wieder auf. Aber er blieb liegen. Ich schaute, wo der Knall hergekommen war, und sah vor ihm einen Mann stehen, ohne Uniform, mit einer schwarzen Pistole in der Hand. Aus meinem Blickwinkel stand er vollkommen frei da, war unbedrängt. Da wurde mir klar, dass der Knall ein Schuss gewesen und der Mann im roten Hemd deswegen liegen geblieben war.
SPIEGEL: Was haben Ihre Eltern gesehen?
Brombosch: Wenig. Nur mein Vater saß vorne im Wohnzimmer. Ich habe ihm zugerufen: Hier hat einer geschossen. Das hat er mir nicht geglaubt.
SPIEGEL: Ihr Vater wurde als Zeuge im Verfahren aufgeführt, nicht Sie.
Brombosch: Ich wurde lediglich von einer Polizistin befragt. Heute denke ich, sie wollte nichts wirklich wissen. Sie bezweifelte alles und meinte nur, ich sei ein kleiner Junge, der sich was einredet. Ich bin heute sehr befremdet darüber, dass ein Zeuge wie ich einfach so unter den Tisch fiel. Man ließ meinen Vater vor Gericht aussagen, obwohl er nichts Entscheidendes gesehen hatte, mich aber nicht, obwohl ich viel mehr wusste. Da kann ich nur sagen: Da wollte man meine Aussage wohl nicht, weil sie nicht passte.
Von Uwe Soukup und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 5/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 5/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGESCHICHTE:
„Keiner wollte mir glauben“

Video 01:10

Genua Rettungsarbeiten an eingestürzter Brücke

  • Video "Brückeneinsturz in Genua: Wir hätten nie gedacht, dass so etwas passieren kann" Video 01:25
    Brückeneinsturz in Genua: "Wir hätten nie gedacht, dass so etwas passieren kann"
  • Video "Team von Roger Schmidt: Peinliches Eigentor" Video 00:44
    Team von Roger Schmidt: Peinliches Eigentor
  • Video "Trump gegen Ex-Mitarbeiterin Omarosa Manigault Newman: Schlammschlacht wie im Reality-TV" Video 02:37
    Trump gegen Ex-Mitarbeiterin Omarosa Manigault Newman: Schlammschlacht wie im Reality-TV
  • Video "Rettungseinsatz: Wal aus Netz befreit" Video 00:33
    Rettungseinsatz: Wal aus Netz befreit
  • Video "Starke Regenfälle in New Jersey: Sturzflut schwemmt Autos gegen Brücke" Video 00:50
    Starke Regenfälle in New Jersey: Sturzflut schwemmt Autos gegen Brücke
  • Video "Wirtschaftskrise in der Türkei: Erdogan ist dafür verantwortlich" Video 03:33
    Wirtschaftskrise in der Türkei: "Erdogan ist dafür verantwortlich"
  • Video "Seltener Anblick: Wenn Wale vor der Terrasse jagen" Video 00:33
    Seltener Anblick: Wenn Wale vor der Terrasse jagen
  • Video "Video aus Alaska: Windböe schleudert Rennboot in die Luft" Video 00:57
    Video aus Alaska: Windböe schleudert Rennboot in die Luft
  • Video "Enthüllungsbuch über Trump-Regierung: Der Präsident belügt das amerikanische Volk" Video 01:54
    Enthüllungsbuch über Trump-Regierung: "Der Präsident belügt das amerikanische Volk"
  • Video "Türkei in der Krise: Erdogan setzt auf Eskalationskurs" Video 02:28
    Türkei in der Krise: "Erdogan setzt auf Eskalationskurs"
  • Video "Äußerst seltene Aufnahmen: Migaloo, der weiße Wal" Video 00:50
    Äußerst seltene Aufnahmen: "Migaloo", der weiße Wal
  • Video "Erdogan und die Wirtschaftskrise: Da sind ökonomische Terroristen auf Social Media" Video 01:05
    Erdogan und die Wirtschaftskrise: "Da sind ökonomische Terroristen auf Social Media"
  • Video "E-Bike Unimoke: Ein Schwergewicht mit Starthilfe" Video 03:35
    E-Bike "Unimoke": Ein Schwergewicht mit Starthilfe
  • Video "Ein Jahr nach Charlottesville: Diesmal ohne Hakenkreuze?" Video 02:26
    Ein Jahr nach Charlottesville: Diesmal ohne Hakenkreuze?
  • Video "Genua: Rettungsarbeiten an eingestürzter Brücke" Video 01:10
    Genua: Rettungsarbeiten an eingestürzter Brücke