30.01.2012

PAPARAZZI

Dealer der Voyeure

Von Bethge, Philip

Die Nachfrage nach Bildern aus der Welt der Promis scheint unersättlich. Vor kurzem stieg eine der angesehensten Fotoagenturen in das lukrative Geschäft ein - obwohl der Branche noch immer der Geruch des Halbseidenen anhaftet.

Der Ort wirkt wie ein Tempel der Fotografie. Schon im Foyer der Agentur Corbis hängt eine riesige Marilyn Monroe des Starfotografen Paul Rice von 1956. Das Großraumbüro der Firma im historischen Dexter Horton Building in Seattle wird von Andy Warhols John-Lennon-Porträt dominiert.

Auf feiner Gaze gedruckt schmückt es eine Treppe, die hinauf in die Chefetage führt. Dort bittet Gary Shenk zum Gespräch, in Jeans und T-Shirt, die Augen von dunklen Ringen untermalt.

Shenk ist Chef von Corbis, einer der besten Adressen für Qualitätsfotografie weltweit. Die Firma des Microsoft-Gründers Bill Gates besitzt die Rechte an über hundert Millionen Bildern. Die Fotos der legendären französischen Sygma-Agentur gehören dazu, ebenso die Aufnahmen aus dem historischen Bettmann Archive, dessen Bestand bis zum Amerikanischen Bürgerkrieg zurückreicht.

Die Agentur verkauft Ikonen der Fotografie: die nackte Brigitte Bardot in der Badewanne; Albert Einstein mit herausgestreckter Zunge; die Schwarzweiß-Bilder vietnamesischer Kinder, die vor den Napalmbomben der Amerikaner fliehen.

Seit kurzem jedoch hat die Hochburg der Qualitätsfotografie auch Triviales im Angebot: "Her Royal Hotness" Pippa Middleton mit pinkfarbenen Jeans in London; Model Kate Moss saufend und rauchend am Strand; Nicolas Sarkozy in blauem T-Shirt beim Joggen an der Côte d'Azur.

Corbis hat die Firma Splash News gekauft, den internationalen Marktführer für Paparazzi-Fotos. Es ist der Ritterschlag für ein Geschäft, das unlängst noch als Schmuddelkind der Branche galt.

Die Schurken des Teleobjektivs wer-den hoffähig - vorwiegend deshalb, weil sich mit ihren Bildern viel Geld verdienen lässt.

Shenk schätzt, "dass zwischen 50 und 60 Prozent aller Fotos, die weltweit an die Medien verkauft werden, Fotos aus dem Unterhaltungsbereich sind". Der größte Teil davon stamme von Paparazzi.

"Candid celebrity photography" nennt Shenk die Promi-Schnappschüsse, "candid" im Sinne von "aus dem Leben gegriffen". Es geht um Liebe, Sex und Tränen - und um das gute Gefühl, dass selbst die Reichen und Schönen mal peinlich sind und am Leben scheitern können.

Wer erfahren will, wie die Paparazzi-Branche funktioniert, muss von Seattle aus die US-Pazifikküste hinunter nach Los Angeles reisen. Im Stadtteil Venice liegt das kleine Redaktionsbüro von Splash News. Eine enge Treppe führt hinauf in den ersten Stock. Trophäen gleich hängen an den Wänden die Cover von Promi-Magazinen. Wie auf einem Klassenfoto zeigt ein meterhohes Bild eine Traube von Paparazzi im Einsatz.

Hier sind sie stolz auf ihren Job - und auf ihren Erfolg. Allein im vergangenen

Jahr sei der Umsatz der Firma um gut 20 Prozent gestiegen, berichtet Kevin Smith, einer der Gründer von Splash News.

Der Brite war einst Journalist in London, heute leitet er ein Paparazzi-Imperium. 500 Magazin-Cover habe die Fir-ma in den letzten fünf Jahren bestückt, berichtet er. In fast 70 Länder verkaufe Splash News Bilder. "Ich habe gestaunt, als unser Umsatz die Eine-Million-Dollar-Marke durchbrach", sagt Bentley-Fahrer Smith, "jetzt lache ich darüber."

Über Nacht sind die Promi-News aus den Außenbüros in aller Welt eingetrudelt. Nachrichtenchef Paul Tetley fasst wie an jedem Morgen die Lage zusammen: Jennifer Lopez ist in Chile und soll einen neuen Lover aus ihrem Tanzteam haben. Sängerin Sinéad O'Connor will in Las Vegas zum vierten Mal heiraten. Aus England kommt das Gerücht, dass Prinz Williams Frau Kate schwanger sei.

Und natürlich Alec Baldwin: "Er wollte gestern auf einem Flug sein Handy nicht ausschalten", berichtet Tetley. Der Schauspieler sei ausfallend geworden und habe das Flugzeug verlassen müssen. Ein Mini-Skandal - und ein Hit für Splash News. Denn die Promi-Nachrichtenagentur lebt von den Fehltritten der Stars.

"Unser Motto heißt: 'Dein Unglück ist unser Glück'", gibt Smith unumwunden zu. Zur (für die Promis) falschen Zeit am richtigen Ort zu sein ist die Kunst der Paparazzi. Und sie betreiben ihr Handwerk mit der Virtuosität geübter Rechercheure.

Die Agentur hat weltweit etwa tausend Fotografen im Einsatz, dazu ein ausgedehntes Netz bezahlter Informanten. In Hotels und Restaurants, in Theatern, Kliniken und an den Flughäfen hat Smith seine "Tipster". Allein in Los Angeles sind es etwa hundert Türsteher, Barmänner oder Fahrer. Zudem liegen Passagierlisten von Flügen bei Splash News bereit, ebenso wie Reports aus den Polizeiwachen.

"Es geschieht kaum etwas in dieser Stadt, ohne dass wir davon erfahren", sagt Smith. Innerhalb eines Tages könne er fast jeden finden. Dabei verlässt er sich vor allem auf seine Fotoreporter. "CIA" nennt er die verschworene Gemeinschaft, "Celebrity Intelligence Agency".

"Der Job ist ein bisschen wie Vogelbeobachtung", sagt der Agenturchef, "man muss zäh und unauffällig sein."

Und schnell. Smiths Fotografen können ihre Fotos über ein High-Speed-Handy-Netz direkt in die Redaktion übertragen. Nur Sekunden dauert es dann, bis die Kunden Zugriff auf die Bilder haben. "Die Leute zahlen für Geschwindigkeit", erläutert Smith, "das erste Bild wird verkauft, das zweite schon nicht mehr."

Splash-Fotograf Darren Banks hat deshalb seine Canon EOS 1D Mark IV immer in Reichweite liegen. Der 36-Jährige, ein kompakter Typ mit starkem britischem Akzent, weißen Sneakern und Jeans, war früher Scharfschütze bei der britischen Armee. "Es sind dieselben Fähigkeiten: erst die Aufklärung, dann der Schuss", erzählt er, während er seinen bulligen SUV aus der Parklücke rangiert.

Die Fahrt geht in Richtung Hollywood, in das "Jagdgebiet" des Paparazzo, eine 20-Meilen-Zone rund um den Sunset Boulevard. Banks fährt immer dieselben zwölf Straßenblocks ab, Melrose Avenue, Rodeo Drive, Robertson Boulevard, vorbei am Promi-Restaurant "Ivy", am Steakhouse "Boa" und an der Boutique von Fred Segal; schließlich Richtung Beverly Hills zu den Häusern der Stars.

Im Benedict Canyon checkt Banks die Lage vor David und Victoria Beckhams 22-Millionen-Dollar-Villa. Ein paar Straßenblocks weiter geht es am ehemaligen Haus von Tom Cruise vorbei. Hier kennt Banks jeden Stein. Drei Monate vor der Geburt von Cruise-Tochter Suri richtete er sich vor dem Tor des Anwesens häuslich ein. Von fünf Uhr morgens bis elf Uhr abends harrte Banks dort mit kurzen Pausen in seinem Wagen aus. "Doorstepping" nennt er das wochenlange Warten auf die eine gute Gelegenheit. Zeitweise hätten acht Paparazzi vor dem Haus gelauert - "doch am Ende habe ich die meisten exklusiven Fotos geschossen", sagt er. Die Ausbeute: acht "Sets" von Fotos, kleine Geschichten aus dem Leben der Familie Cruise. Ihr Wert: Hunderttausende Dollar.

Der Lungerjournalismus lohnt sich, weil sich mit dem Internet ein riesiger neuer Markt für die Großbildjäger eröffnet hat. Zwar gehören Magazine wie "Us Weekly" oder "People" und Zeitungen wie der "Daily Mirror" oder auch "Bild" immer noch zu den Kunden. Inzwischen aber verkauft Smith vor allem an Promi-Websites wie tmz.com, eonline.com oder perezhilton.com, die jeden Einkaufsbummel der Stars kommentieren. An die 200 Fotosets mit kleinen Episoden aus dem Leben der Stars produziert Splash News pro Tag. Inklusive Archivbildern verkauft die Firma rund 10 000 Fotos täglich.

Splash News ist damit zum größten Dealer der Voyeure weltweit geworden. Doch mit dem Erfolg wächst der Druck, die Firma von der Aura des Halbseidenen zu befreien. Smith müht sich redlich, sein Unternehmen als "legitime Nachrichtenagentur" zu preisen. Die Splash-News-Reporter seien gutausgebildete Journalisten und Fotografen. "Wir sind die Gentlemen der Straße", sagt er. Der "Müll", das seien die anderen, denen es einzig um das schnelle Geld gehe.

Francois Regis Navarre ist so einer, den Smith am liebsten in die kalifornische Wüste schicken würde. Früher war Navarre für "Le Monde" Kriegsreporter im Irak und in Kambodscha. 1996 gründete er die Fotoagentur X17. Seither hat Navarre einige der größten Coups der Paparazzi-Szene gelandet.

Dem 49-Jährigen ist es beispielsweise zu verdanken, dass die Welt Britney Spears dabei zusehen konnte, wie sie ihren Kopf kahlschor. Auch will Navarre vor allen anderen über den Tod Michael Jacksons Bescheid gewusst haben. Einer seiner Männer habe in den fahrenden Krankenwagen hineinfotografiert, berichtet er.

Navarre wohnt am edlen Amalfi Drive in Pacific Palisades, in Malibu besitzt er ein Strandhaus. Paparazzi-Fotos haben den Franzosen reich gemacht. Rund zehn Millionen Dollar setzt er pro Jahr um.

Den Zorn der Szene zieht er auf sich, weil er keine Profi-Fotografen beschäftigt, sondern vorwiegend Immigranten etwa aus Brasilien, deren Bildrechte er für eine niedrige monatliche Pauschale einkassiert. Seine Männer weist er an, die Stars nicht aus der Ferne abzulichten, sondern sie aus nächster Nähe zu "blitzen", wie er es nennt. "Ich möchte den Stars in die Augen blicken", sagt der Franzose, dem der Ruf vorauseilt, es mit dem Gesetz nicht immer ganz genau zu nehmen.

In Kalifornien etwa darf niemand fotografiert werden, sobald eine "begründete Erwartung des Schutzes der Privatsphäre" besteht. Was indes "begründete Erwartung" heißt, sei Ansichtssache, findet Navarre. Gerade hat er Bilder des Schauspielers Bradley Cooper ("The Hangover") mit dessen neuer Freundin auf dem heimischen Balkon veröffentlicht.

"Wir gehen immer bis an die Grenzen des Erlaubten", sagt Navarre, "jeder gute Paparazzo ist auch ein bisschen ein Anarchist". Dann klingelt sein Handy. "Kim Kardashian hat ihr Haus verlassen", berichtet er kurz darauf. Der Reality-TV-Star (Jahreseinkommen zuletzt geschätzte sechs Millionen Dollar) ist nur B-Liste in Hollywood. Dennoch: Ein paar tausend Dollar sollten für X17 drin sein.

Der Agenturchef eilt zu seinem silberfarbenen Porsche Cayenne. Das Handy legt er nun nicht mehr aus der Hand. "Sie fährt Benedict hinunter?", ruft er hinein, "im weißen Rolls-Royce?" Am Canon Drive setzt sich Navarre knapp hinter den Wagen des Stars. Auf der Nebenspur kommt einer seiner Fotografen von hinten herangeschossen. "Ist Konkurrenz da?", schreit Navarre durchs offene Autofenster. Im nächsten Augenblick rasen vier Paparazzi bei Rot über die nächste Ampel.

Vor einem kleinen Friseurladen am South Doheny Drive kommt die Kolonne zum Stillstand. Navarre schnappt sich seine Kamera und fotografiert durch die gläserne Eingangstür hindurch in den Laden hinein. Seine Männer postieren sich am Hinterausgang. Nur zehn Schritte trennen die Tür von Kardashians parkendem Wagen. Die Fotografen müssen schnell sein.

"Wie machen wir es? Bleiben wir nah an der Tür oder beim Auto?", ruft Jack Arshamian den Kollegen zu. Seit Monaten folgt der Armenier Kardashian auf Schritt und Tritt. "Sie kennt mich; sie respektiert, was ich tue", sagt der ehemalige Chauffeur, der seit fünf Jahren für Navarre arbeitet. Als der Star frisch frisiert ins Freie tritt, klicken die Verschlüsse der Kameras wie Maschinengewehrfeuer.

Was ist noch erlaubt, was nicht? Welche Mittel rechtfertigt die steigende Nachfrage nach den Bildern der Promis? Auch die Splash-News-Fotografen berichten von "Gang Bangs", den Überraschungsattacken einer Fotografengruppe auf einen Star. Jeder der "Paps", wie sie sich selbst nennen, protzt mit phantastischen Räuberpistolen über die Promi-Jagd.

Banks etwa berichtet fasziniert von den Fahrkünsten der Schauspielerin Cameron Diaz, der es regelmäßig gelungen sei, mit ihrem Toyota Prius die PS-starken SUVs der Fotografen abzuhängen.

Andere seiner Geschichten erinnern erschreckend an den Unfall Prinzessin Dianas in Paris, für den viele bis heute die Promi-Fotografen verantwortlich machen.

Bis zu 40 Paparazzi seien beispielsweise hinter der Sängerin Britney Spears hergejagt, als diese ihren Scheidungskrieg mit Kevin Federline austrug, berichtet Banks: "In solchen Fällen versuchen wir, im Konvoi zu fahren, um die Straße nach hinten zu blockieren - damit die Öffentlichkeit nicht gefährdet wird."

Banks sagt das, um zu beruhigen. Mitleid mit den Stars haben die Paparazzi nicht. "Ruhm ist etwas, das man pflegen muss, wie Fitness", sagt Splash-News-Chef Smith, "die Stars müssen täglich daran arbeiten - und wir sind Teil dieser Maschinerie."

Der lukrativste Deal der Firmengeschichte gelang ihm, als Anna Nicole Smith 2007 starb. Die Splash-Paparazzi lichteten die Schauspielerin auf dem Weg zum Krankenhaus ab. Da war sie vermutlich bereits tot. Mehr als eine Million Dollar habe die Agentur mit dem Coup verdient, berichtet der Agenturchef. Pietätlos? "Der Markt ist die größte Demokratie der Welt", sagt er, "es gibt einen Bedarf an diesen Bildern."

Diesen Markt zu bedienen ist nun der Job von Corbis-Chef Shenk in Seattle. Er will Corbis mit Hilfe von Splash News endlich zur Gewinnmaschine machen. Zwölf Corbis-Büros und mehr als tausend Mitarbeiter weltweit stehen nun für den Vertrieb der Paparazzi-Fotos bereit.

"Der Appetit der Leute auf solche Bilder ist unersättlich", frohlockt der Agenturchef, der die Schnappschuss-Branche noch 2008 als imageschädigend beschrieb. Inzwischen aber schwärmt er von den Fotos, die Geschichten "über das ureigen Menschliche" erzählen. "Ich glaube nicht, dass dieser Markt jemals schrumpfen wird", sagt er, "es geht um Träume und darum, immerwährende menschliche Bedürfnisse zu stillen."

Neulich diskutierte Shenk mit Corbis-Gründer Bill Gates den Kauf. "Ich konnte ihm versichern, dass wir höchste ethische Ansprüche anlegen", sagt Shenk.

Im Übrigen sei Gates klar, dass er selbst auch Teil der Celebrity-Welt sei: "Selbstverständlich erwarten wir, dass Bill auch von Splash gecovert wird."


DER SPIEGEL 5/2012
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