06.02.2012

Der Fluch

ORTSTERMIN: Das holsteinische Dorf Wewelsfleth fürchtet den Krebs und sucht Trost in der Wissenschaft.
Er werde keine Ruhe geben, sagt Ingo Karstens, es soll kampfeslustig klingen, aber es hört sich vor allem ratlos an. Er fühle sich mitunter "wie Don Quichotte", sagt er, die Schultern leicht eingezogen, es sieht aus, als habe er ein wenig Angst davor, der Kampf könne vergebens sein.
Auf dem Tisch vor Karstens liegt eine Karte, darauf ist die Wilstermarsch zu erkennen, die brettflache, karge Landschaft nördlich der Elbe, eingezeichnet sind die einzelnen Gemeinden, auch die Gemeinde Wewelsfleth, deren Bürgermeister Karstens ist.
Die Farbskala der Karte reicht von Dunkelgrau bis Dunkelrot, Grau heißt: alles in Ordnung; Rot bedeutet: Hier stimmt etwas nicht. Im Osten leuchtet eine große orangerote Fläche, das ist Wewelsfleth. Die Karte zeigt den Krebs. Die Menschen in Wewelsfleth erkranken um fast 50 Prozent häufiger an Krebs als Menschen in anderen Gemeinden Schleswig-Holsteins. 142 Neuerkrankungen sind es, gemeldet von 1998 und 2008. 95 waren nach dem Landesdurchschnitt zu erwarten. Statistiker nennen so etwas "signifikant".
Wewelsfleth ist ein Dorf mit 1500 Einwohnern, einem Supermarkt, einem Blasorchester und dem Alfred-Döblin-Haus, das einigermaßen bekannt ist, weil Günter Grass hier jahrelang lebte und schrieb. Karstens ist seit 14 Jahren Bürgermeister in Wewelsfleth, zugewandert aus einer Nachbargemeinde, seit 1967 lebt er im Dorf. Vor zehn Jahren starb Karstens' Frau an Lungenkrebs.
Sie wurde nur 61 Jahre alt, und weil Karstens andere Wewelsflether kannte, die ebenfalls früh an Krebs gestorben waren, wandte er sich an die Landesregierung. Er wollte wissen, ob es für den Tod seiner Frau eine Ursache gab. Der Tod ist vermutlich leichter zu ertragen, wenn man weiß, woran man stirbt.
Es gibt drei Atomkraftwerke in unmittelbarer Nähe. In der Nachbargemeinde Brokdorf, vier Kilometer gen Westen, steht das erste, meist bläst der Wind von dort. Ein paar Kilometer weiter elbabwärts liegt das Kernkraftwerk Brunsbüttel, das dritte steht in Stade, auf der anderen Elbseite. Drei Atomkraftwerke sind eine klare Antwort auf die Frage nach dem Warum, könnte man meinen, aber so war es nicht.
Es gibt eine Studie der Universität Lübeck, die nach Auffälligkeiten suchte, in der Verteilung zwischen den Altersklassen, zwischen Mann und Frau, wo auch immer. Die Studie nennt Speiseröhrenkrebs, Magenkrebs, Lungenkrebs und ein paar anderen Krebsarten in Wewelsfleth. Die Experten nahmen sich mögliche Ursachen vor, das Atomkraftwerk Brokdorf oder die Wewelsflether Schiffswerft, die früher gefährliche Lacke versprüht haben kann, oder Asbest; die Landwirtschaft mit ihrer Vorliebe für Pestizide. Oder rauchten die Wewelsflether mehr als andere? Die Studie ergab keine Klarheit, keine wahrscheinliche Ursache, nichts.
Möglich, dass die Wewelsflether häufiger zur Vorsorge gehen, aus Angst vor dem Krebs. Das wäre dann der sogenannte Screening-Effekt. Aus der Suche nach Gewissheit wäre dann eine neue Unsicherheit entstanden.
Karstens öffnet die Tür zu einem kleinen Balkon und tritt hinaus ins Freie. Vor seinem Bürofenster grüne Wiesen, in der Ferne die Kuppel des Kernkraftwerks Brokdorf. Es spricht offenbar nichts dafür, dass die Kernkraft schuld ist am Krebs. Aber was spricht dagegen?
Selbst die Bundesregierung beschloss nach der Katastrophe von Fukushima den Ausstieg aus der Atomenergie, weil sie nicht garantieren kann, dass von der Kernkraft keine Gefahr ausgeht. Brunsbüttel und Stade sind inzwischen vom Netz, müsste man Brokdorf also schneller abschalten?
Die Frage ist: Wie viel Ungewissheit kann ein Politiker verantworten? Wie viel Ungewissheit kann der Mensch ertragen?
In der Straße, in der Karstens wohnt, kann er zu jedem Haus eine Krankengeschichte erzählen. Aus dem "Warum ich?", das sich jeder Krebspatient stellt, ist ein "Warum wir?" geworden. Die Krankheit erscheint nicht länger als Schicksal, sondern als Fluch.
Natürlich könnten auch die Wewelsflether aussteigen, aber dazu müssten sie wissen, woraus. Natürlich kann man vorsorglich mit allem aufhören: mit der Kernkraft, dem Rauchen, dem Alkohol, der Werft.
Vor ein paar Tagen fuhren sie nach Kiel, in die Landeshauptstadt, und überreichten Unterschriften. Es gab einen Termin im Gesundheitsministerium, erst herrschte Betroffenheit, sagt Karstens, dann Schweigen.
Was soll man auch sagen?
Sie wünschen sich noch eine Studie, eine über Wewelsfleth, aber Fachleute sagen, für eine Studie, die aussagekräftig wäre, seien 142 Krebsfälle zu wenig. Die Wewelsflether, heißt das, müssen sich an den Gedanken gewöhnen, dass auch eine Häufung letztlich Zufall sein kann. Dass es bei dieser Krankheit keinen Sinn gibt, keine Gerechtigkeit.
Karstens beschloss damals, in Wewelsfleth zu bleiben, nach dem Tod seiner Frau. Wer hier aufwuchs, geht nicht einfach weg. Ein paar Jahre später lernte er eine neue Frau kennen.
Anfang Dezember 2009 wurde auch bei ihr im Krankenhaus Krebs festgestellt. Er war schon so weit fortgeschritten, dass sie nicht mehr nach Hause entlassen wurde.
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 6/2012
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