06.02.2012

RUANDA

Drinks für die Mörder

Von Evers, Marco; Knaup, Horand; Nyonge, Yoletta; Schmitz, Gregor Peter

Jahrelang galt ein Hotelmanager aus Kigali als Menschenretter im Chaos des großen Massakers, dann wurde er als Geschäftemacher angegriffen. Jetzt wehrt er sich gegen die Vorwürfe.

Paul Rusesabagina ist Held von Beruf, und Helden sind gefragt. Bis zu 300-mal im Jahr hält der aus Ruanda stammende Mann seinen Vortrag, er erzählt seine Geschichte in Japan, Europa, den USA. Regelmäßig rührt er Menschen zu Tränen.

Wie er sich "mit nichts als Worten" den Massenmördern und Milizen von der Volksgruppe der Hutu entgegenstellt, die 1994 innerhalb von 100 Tagen etwa 800 000 Menschen niedermetzeln, vor allem Angehörige der Tutsi-Minderheit. Wie er das luxuriöse Hôtel des Mille Collines in der Hauptstadt Kigali, dessen Manager er war, in eine Festung der Menschlichkeit und des Überlebens verwandelt. Wie er, ein afrikanischer Oskar Schindler, 1268 Hotelgäste in seiner Obhut, größtenteils Flüchtlinge, vor der Ermordung bewahrt.

Viele haben Rusesabagina gebannt zugehört, darunter Barack Obama, Muhammad Ali, Jesse Jackson, Condoleezza Rice. Aus der Hand von Präsident George W. Bush erhielt er 2005 im Weißen Haus die Freiheitsmedaille, die höchste zivile Auszeichnung der USA. Im Jahr zuvor war der für drei Oscars nominierte Film "Hotel Ruanda" des irisch-amerikanischen Regisseurs Terry George in die Kinos gekommen, an dessen Entstehung Rusesabagina beteiligt war. Das Werk, sagt er, sei ein wenig aufgehübscht nach Hollywood-Manier, im Kern aber gebe es seine Geschichte so wieder, wie sie sich ereignet habe, "nur mit viel weniger Gewalt".

Doch jetzt, bald 18 Jahre nach den Ereignissen, werden erneut Zweifel laut an der wahren Rolle des mit Preisen überhäuften Helden. Die "Süddeutsche Zeitung" druckte vergangene Woche den Bericht eines schwedischen Journalisten, der kürzlich Kigali besucht hatte. Der damalige Hotelmanager erscheint darin als "zynischer Geschäftemacher, der aus dem Genozid sein Kapital schlug", als einer, der beim Völkermord vor allem gut verdienen wollte, der Flüchtlinge systematisch um "Geld, Autos und Häuser" brachte.

"Wie kann man einen solchen Menschen als Helden bezeichnen?", fragt einer der Protagonisten aus Kigali in dem Münchner Blatt.

Paul Rusesabagina, 57, ein Hutu, wohnt mit seiner Frau Tatiana, einer Tutsi, in einem Reihenhaus in einem Vorort von Brüssel. Ein weiteres Haus besitzt er im texanischen San Antonio, wo das Paar jetzt die meiste Zeit verbringt. Seit bald zwei Jahren muss er kürzertreten wegen einer Krebserkrankung. Er macht es sich bequem auf seinem weißen Ledersofa; über dem Kamin das Bild, das ihn mit George W. Bush zeigt, beide strahlen.

Auf der Anrichte stapeln sich Exemplare seiner Autobiografie "Ein gewöhnlicher Mann". Sie ist in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. Im Vorwort beschreibt er, mit welcher Chuzpe er damals auf die Mörder eingewirkt habe: "Als die Milizen und die Armee mit dem Befehl kamen, meine Gäste zu töten, lud ich sie ein in mein Büro, empfing sie wie Freunde, bot ihnen Bier und Cognac an und überredete sie, ihren Auftrag für diesen Tag zu vergessen. Als sie wiederkamen, gab ich ihnen mehr Drinks."

77 Tage lang sei das so gegangen. Er habe sich dabei keineswegs als Held gefühlt - sondern als Todgeweihter, der das Ende nur immer wieder aufschieben konnte.

Hat er Geld genommen von den Gästen und Flüchtlingen, die im April 1994 im Mille Collines, dem Hotel der tausend Hügel, Zuflucht suchten? "Am Anfang habe ich die Übernachtungen abgerechnet", sagt er. Damit habe er aber aufgehört - sobald seine Gäste kein Geld mehr hatten ("Geldautomaten gab es nicht") und als offenbar geworden sei, dass das Mille Collines kein Luxushotel mit 113 Zimmern mehr gewesen sei, sondern ein Flüchtlingslager. "In meiner Suite, die aus zwei Zimmern bestand, lebten auf einmal 40 Leute." Nie habe er jemanden des Hauses verwiesen.

Nahe Toronto in Kanada lebt Victor Munyarugerero, 62, der damals Menschen im Hotel half. Er wirft dem Helden von Kigali vor, von ihm umgerechnet 21 000 Euro kassiert zu haben - dafür, dass 220 Tutsi-Flüchtlinge im Hotel Unterschlupf finden konnten. "Das kann schon sein", gibt Rusesabagina zu. Dafür seien all diese Leute aber auch über rund zweieinhalb Monate lang von ihm unter schwierigen Umständen verpflegt worden. Das macht gut 20 Cent pro Person und Tag. "Das deckte die Kosten nicht", sagt Rusesabagina.

Und die Autos? Die Häuser? Da lacht er nur. Das sei ein absurder Gedanke. Wie solle denn das Überschreiben von Autos und Häusern möglich sein in einem Land im Blutrausch? Er habe einen Geländewagen besessen, der sei ihm gegen Ende des Mordens aber gestohlen worden.

Als er im September 1996 nach Belgien auswanderte, kam er dort jedenfalls ohne Reichtümer an. "Ich bin Taxi gefahren", sagt er. In Ruanda fühlte er sich nicht länger sicher. "Ich habe zu viel gesehen und kannte zu viele Namen."

Für Rusesabagina sind die heftigen Vorwürfe gegen ihn nicht neu. "Sie werden erhoben, seit ich die Freiheitsmedaille bekommen habe." Nach der Evakuierung des Hotels im Juni 1994 und in den Jahren danach habe ihm hingegen keiner der Gäste aus dem Mille Collines irgendetwas vorgeworfen, eine Aussage, die Regisseur George bestätigt. Der hatte vor Beginn der Dreharbeiten viele Überlebende getroffen, keiner habe der Geschichtsversion des Hotelmanagers widersprochen. Auch Journalisten, die nach dem Genozid das Land bereisten und die Geschichte des Mille Collines erzählten, berichteten damals nichts über Vorwürfe gegen ihn, obwohl sie ebenfalls zahlreiche Überlebende aus dem Hotel interviewen konnten.

Wo immer er jetzt auftrete, sagt Rusesabagina, informiere er vorab die Veranstalter, dass mit Störern zu rechnen sei. Als er vor einigen Tagen im niederländischen Wassenaar sprach, verschickten ruandische Gruppen einschließlich der Botschafterin im Vorfeld Protestbriefe. Vor dem Gebäude fanden sich Demonstranten ein. Sie werfen dem Ex-Hotelmanager unter anderem vor, den Genozid zu leugnen - ein bizarrer Vorwurf gegen einen Mann, der dafür berühmt ist, dass er seit Jahren die Schrecken des Genozids beschreibt.

Rusesabagina sieht sich als Zielscheibe einer Kampagne, die aus Kigali gesteuert werde. Präsident Paul Kagame - der früher regelmäßig zum Tennisspielen in sein Hotel kam - sehe in ihm wegen seiner Prominenz einen Widersacher. "Ich habe damals im Hotel nicht geschwiegen. Ich schweige auch jetzt nicht. Ich nenne die Menschenrechtsverletzungen der Kagame-Regierung beim Namen."

Viele Oppositionelle sitzen in Ruanda in Haft. Wahlen sind noch immer nicht frei. Kagame hat Ruanda wirtschaftlich in ein Wunderland verwandelt, politisch aber in eine straff geführte Autokratie. Eine Aufarbeitung des Völkermords findet nicht länger statt.

In dem berühmten Hotel, das seither mehrfach renoviert wurde, erinnert nichts mehr an den Manager von 1994, kein Bild, kein Schild - nichts. Als ob es die dramatischen Tage nie gegeben hätte.

So richtig mag sich in Ruanda aber auch kaum jemand über Rusesabagina erregen - außer den immer Empörten von Ibuka, dem Dachverband der Genozid-Überlebenden, der als verlängerter Arm der Regierung Kagame agiert. "Der Film ,Hotel Ruanda' sagt nicht die Wahrheit", zürnt Ibuka-Chef Janvier Forongo.

Im ausländischen Exil, in dem sich viele Ruander über das Kagame-Regime tief zerstritten haben, finden sich dennoch viele Verteidiger. In der belgischen Stadt Namur arbeitet Julia Mahoro, 37, als Krankenschwester. Mit ihrem damals vier Monate alten Sohn hat sie sich vor knapp 18 Jahren in das Mille Collines geflüchtet. Sie sagt: "Wir hatten kein Geld, und er hat auch nie danach gefragt." Für sie ist und bleibt Rusesabagina ein Held, es empöre sie, wenn er nun als Lügner dargestellt werde. "Er gab uns alles, was er hatte."


DER SPIEGEL 6/2012
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