06.02.2012

ZEITGESCHICHTEAbscheu? Empörung?

Ein Dokument enthüllt erstaunliche Sympathien des spanischen Königs für die Putschisten von 1981.
In normalen Jahren ist der 23. Februar ein guter Tag für den König. Dann gedenken die Spanier des Putschversuchs von 1981 und feiern ihren Monarchen als Retter der damals noch jungen Demokratie. General Francisco Franco war erst seit gut fünf Jahren tot, seine treuen Gefolgsleute in hohen Rängen des Militärs wollten das Land in einen Kasernenhof zurückverwandeln. Das hat Juan Carlos I. verhindert.
Doch 2012 ist kein normales Jahr. Kurz vor dem Gedenktag gelangt ein Dokument an die Öffentlichkeit, das einen Schatten auf die Glanzgestalt des lupenreinen Demokraten unter der spanischen Krone wirft.
Lothar Lahn hat es verfasst, zwischen 1977 und 1982 deutscher Botschafter in Madrid und von Juan Carlos geschätzt. Am Abend des 26. März 1981 empfing der damals 43-jährige Monarch den 16 Jahre älteren Diplomaten zum Vier-Augen-Gespräch im Zarzuela-Palast. Juan Carlos offenbarte seinem Besucher, wie er über den Putschversuch dachte: überraschend positiv.
Der König "ließ weder Abscheu noch Empörung gegenüber den Akteuren erkennen, zeigte vielmehr Verständnis, wenn nicht gar Sympathie", berichtete Lahn nach Bonn. Juan Carlos habe "fast entschuldigend" erklärt, dass "die Aufrührer lediglich nur das gewollt hätten, was wir alle erstrebten, nämlich Wiederherstellung von Disziplin, Ordnung, Sicherheit und Ruhe".
Ernsthaft behauptete der Bourbone gegenüber Lahn, nicht etwa die Putschisten, sondern der demokratisch gewählte ehemalige Ministerpräsident Adolfo Suárez trage die Verantwortung für den versuchten Staatsstreich. Denn der Reformer aus dem alten Regime, den Juan Carlos 1976 an die Schaltstelle der Macht gebracht hatte, habe "das Militär verachtet". Er, der König, habe Suárez öfter vergeblich geraten, "auf die Vorstellungen der Militärs einzugehen, bis diese nun selbständig gehandelt hätten". Der Monarch fügte hinzu, er werde versuchen, auf Regierung und Militärgerichte einzuwirken, damit den Putschisten "nicht allzu viel geschehe, die ja doch nur das Beste gewollt hätten".
War Juan Carlos insgeheim noch der Reaktionär, zu dem ihn Diktator Franco erzogen hatte? Der Generalissimus hatte ihn früh nach Spanien geholt und später zu seinem Nachfolger bestimmt.
Lahns Fernschreiben Nummer 524 sei "außerordentlich wichtig", sagt Julián Casanova, einer der führenden Zeitgeschichtler des Landes von der Universität Zaragoza. Er selbst hatte sich bislang vergebens darum bemüht, etwa Prozessakten der verhinderten Putschisten einzusehen. Alle Dokumente über den Schicksalstag der spanischen Demokratie unterliegen 50 Jahre lang der Geheimhaltung. Noch nie habe es eine so klare Bestätigung dafür gegeben, dass der junge König "nicht derselbe Demokrat war, der er heute ist", so der namhafte Franquismus-Forscher.
An der Authentizität der von Lahn überlieferten Äußerungen des Königs gibt es wohl keinen Zweifel. Lahn kann man zwar nicht mehr fragen, er starb 1994. Das spanische Königshaus will sich zum Inhalt des Gesprächs nicht äußern. In den offiziellen Archiven, so ein Sprecher, exis-
tiere kein Protokoll über diese "private Unterhaltung". Doch der Spitzendiplomat galt unter Kollegen als verlässlich, sein Fernschreiben liegt im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts. Die Bundesregierung hat es jetzt freigegeben(**).
Die öffentliche Haltung des Königs gegenüber den aufständischen Militärs ist bekannt: In jener Nacht, als die Guardia Civil unter Oberstleutnant Antonio Tejero im Parlament Regierung und Abgeordnete zu Geiseln genommen hatte, war es Juan Carlos, der mit den entscheidenden Generälen telefonierte. So machte er klar, dass die Aktion nicht von ihm als Oberbefehlshaber gedeckt war, wie die Putschisten damals behaupteten. In einer Fernsehansprache bekräftigte er die "verfassungsmäßige Ordnung".
Umso erstaunlicher erscheinen nun seine verständnisvollen Äußerungen. Offenkundig fiel es dem König schwerer als bislang bekannt, das Erbe der Diktatur abzuwerfen. Der in verschiedenen Waffengattungen ausgebildete Juan Carlos kannte die hohen Militärs sehr gut. General Alfonso Armada, einer der Putschführer, war 17 Jahre lang sein Sekretär gewesen. Elf Tage vor dem Staatsstreich hatte ihn der König zum stellvertretenden Generalstabschef des Heeres ernannt. Diese Nähe hatte Armada genutzt, um den Mitverschwörern vorzuspiegeln, er handele im höchsten Auftrag. Dessen Haltung, sagte der König zu Lahn, habe ihn enttäuscht. Vor die anderen militärischen Verschwörer stellte er sich schützend in typischem Korpsgeist.
Doch warum öffnete sich der Monarch ausgerechnet einem ausländischen Diplomaten? Redete er sich seinen Ärger von der See-le und setzte auf Vertraulichkeit? Oder wollte er das Geschehene herunterspielen aus Sorge um das Ansehen seines Landes?
Schließlich war die Bundesrepublik der wichtigste Fürsprecher Spaniens, das in die Europäische Gemeinschaft und in die Nato strebte. Man solle den 23. Februar "möglichst bald wieder vergessen", sagte Juan Carlos zu Lahn, er sei zuversichtlich, dass es keine Wiederholung geben werde.
Zum Glück für den König versickerte Lahns Bericht in der Bonner Bürokratie. Kanzler Helmut Schmidt kannte nur die helle Seite des Spaniers. Der König spiele eine "hervorragende Rolle", schwärmte er Wochen nach Lahns Besuch im Palast.
Ein Jahr später lud der Bundeskanzler das Königspaar in sein Haus nach Hamburg-Langenhorn ein. Es gab Aal, Krabben und Rote Grütze.
(**) Institut für Zeitgeschichte (Hg.): "Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1981". Oldenbourg Verlag, München; 2250 Seiten; 158 Euro.
Von Klaus Wiegrefe und Helene Zuber

DER SPIEGEL 6/2012
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