06.02.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH„Wir werden hinters Licht geführt“

Der RWE-Manager Fritz Vahrenholt (SPD) widerspricht den Vorhersagen des Weltklimarats. Der streitbare Umweltexperte behauptet: Weil die Sonne schwächele, werde es in den nächsten Jahrzehnten sogar kühler werden.
Der redegewandte Strommanager ist nervös zu Beginn des Gesprächs. Er sucht nach Worten. Das kommt selten bei ihm vor, dem geübten Provokateur.
Der Chemiker Fritz Vahrenholt, 62, ist sein Leben lang ein Rebell gewesen: "Vielleicht steckt das einfach so drin in meiner Generation", sagt er.
Er ist ein typischer Alt-68er, in den siebziger Jahren kämpfte er gegen die giftigen Fabriken der chemischen Industrie. Seine Partei, die SPD, kürte ihn zum Hamburger Umweltsenator. Indem er Müllverbrennungsanlagen durchsetzte, legte "Feuerfritze" sich mit der Ökolobby an. Dann ging er in die Industrie, erst zum Öl-Multi Shell, anschließend baute er den Windradhersteller RePower auf. Nun, als scheidender Chef des Ökostromkonzerns RWE Innogy, zieht er in seine nächste große Schlacht: "Ich werde mir in allen Lagern Feinde machen."
Er will ein Tabu brechen. "Die Klimakatastrophe findet nicht statt", schreibt er in seinem Buch "Die kalte Sonne" (Hoffmann und Campe Verlag, 416 Seiten, 24,99 Euro), das in der kommenden Woche erscheint.
Nur einem Klimaforscher, dem Direktor des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie Jochem Marotzke, hat
er das Buch vorab zum Lesen gegeben. Dessen Urteil ist eindeutig: Vahrenholt vertrete die Standpunkte der Klimaskeptiker. "Eine Reihe der Hypothesen im Buch sind längst widerlegt", behauptet Marotzke - wendet aber selbstkritisch ein: Seine Zunft habe es versäumt zu erklären, dass die globale Temperatur nicht automatisch weiter steigen werde; vielmehr könne es auch Phasen der Stagnation, sogar eines leichten Temperaturrückgangs geben. Marotzke: "Damit haben wir eine Angriffsfläche geboten."
Während die Werke von Klimaketzern meist wenig Aufmerksamkeit bekommen, könnte der Fall bei Vahrenholt anders liegen. "Seine Bekanntheit wird dafür sorgen", glaubt Marotzke, "dass es eine Debatte darum geben wird."
Unbehagen löst das Buch in Vahrenholts Partei aus. Niemand aus der SPD-Führung will sich zu den Thesen des prominenten Genossen äußern, weder der frühere Umweltminister und heutige Parteichef Sigmar Gabriel noch Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, der das Buch vorab lesen durfte.
Ein Vahrenholt-Vortrag an der Uni Osnabrück wurde kurzfristig abgesetzt.
SPIEGEL: Herr Vahrenholt, vorvergange-ne Woche traten Sie überraschend als Ökostromchef bei RWE zurück. Und jetzt erscheint Ihr Buch "Die kalte Sonne", in dem Sie die Klimakatastrophe absagen. Wurden Sie zum Rücktritt genötigt, weil Ihre Thesen dem neuen grünen Image von RWE schaden?
Vahrenholt: Nein, mein Vertrag wäre ohnehin Ende des Jahres ausgelaufen. Außerdem bleibe ich dem Unternehmen noch für drei Jahre im Aufsichtsrat erhalten.
SPIEGEL: Wie finden denn Ihre Managerkollegen Ihre provozierende Prognose, nach der es in den kommenden Jahrzehnten kälter werden wird statt wärmer?
Vahrenholt: Dies ist ja kein RWE-Buch. Außer dem Vorstandsvorsitzenden Jürgen Großmann habe ich es auch noch niemandem im Unternehmen zum Lesen gegeben. Großmann zumindest fand die Lektüre so spannend, dass er das Buch in einer Nacht verschlungen hat.
SPIEGEL: Dennoch erinnert Ihr überstürzter Rückzug aus dem RWE-Management an den Skandal um einen prominenten Bundesbanker, der wegen seiner umstrittenen Thesen zur Einwanderung zurücktreten musste …
Vahrenholt: Das ist kein überstürzter Rückzug. Außerdem brauche ich Thilo Sarrazin nicht als Vorbild. Ein Vorbild brauchte ich auch nicht, als ich 1978 mit dem Buch "Seveso ist überall" auf die Risiken der Chemieindustrie aufmerksam machte. Heute will ich, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse in der Klimadebatte auch berücksichtigt werden. Und wer das tut, kann nur zu einem Schluss kommen: Die einfache Gleichung, nach der fast ausschließlich CO² und die anderen menschengemachten Treibhausgase für die Klimaveränderung verantwortlich sein sollen, lässt sich nicht aufrechterhalten. Seit fast 14 Jahren ist es auf diesem Planeten nicht mehr wärmer geworden - trotz weiter steigender CO²-Emissionen. Darauf muss die etablierte Klimawissenschaft eine Antwort liefern.
SPIEGEL: Von Haus aus sind Sie Strommanager. Wie kommen Sie dazu, sich in die Klimaforschung einzumischen?
Vahrenholt: Als Energieexperte habe ich selbst die Erfahrung gemacht, dass der Weltklimarat IPCC eher ein politisches als ein wissenschaftliches Gremium ist. Als Berichterstatter für erneuerbare Energien musste ich miterleben, auf welch dünner Faktenlage dort Vorhersagen erstellt werden. In einem Fall wurde kritiklos die absurde Behauptung eines Greenpeace-Aktivisten übernommen, wonach bald 80 Prozent der weltweiten Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen gewonnen werden könnten. Das hat mich dazu gebracht, mich genauer mit dem IPCC-Bericht zu befassen.
SPIEGEL: Und zu welchem Ergebnis sind Sie gelangt?
Vahrenholt: In der Langfassung des IPCC-Berichts tauchen durchaus noch natürliche Ursachen des Klimawandels wie die Sonne oder oszillierende Meeresströmungen auf. Doch in der Zusammenfassung für die Politiker kommen diese nicht mehr vor, sie werden einfach ausgeblendet. Bis heute wissen viele der Entscheidungsträger nicht, dass die Dominanz des CO² durch neue Studien massiv in Frage gestellt ist. CO² allein wird niemals eine Erwärmung um über zwei Grad bis Ende des Jahrhunderts bringen. Nur unter Zuhilfenahme angeblicher Verstärkungseffekte, insbesondere des Wasserdampfs, errechnen die Computer eine drastische Temperaturerhöhung. Ich sage: Die globale Erwärmung wird bis Ende des Jahrhunderts unter zwei Grad Celsius bleiben - das ist eine eminent politische, aber auch gute Botschaft.
SPIEGEL: Sie machen konkrete Aussagen, welchen Anteil am Klimageschehen der Mensch hat und welchen natürliche Faktoren haben. Warum veröffentlichen Sie Ihre Prognosen nicht in einem Fachmagazin?
Vahrenholt: Ich betreibe ja keine eigene Klimaforschung. Ich habe auch keinen Supercomputer im Keller stehen. Im Wesentlichen fasse ich mit meinem Co-Autor, dem Geologen Sebastian Lüning, nur zusammen, was Wissenschaftler in Fachjournalen veröffentlicht haben - so wie es der Weltklimarat auch tut. Das Buch ist zugleich eine Plattform für Forscher, die mit guten Argumenten von der Meinung des IPCC abweichen. Denn die etablierten Klimamodelle haben auf ganzer Linie versagt, weil sie die ausbleibende Erwärmung nicht stichhaltig erklären können.
SPIEGEL: Sie behaupten, der Stillstand hänge mit der Sonne zusammen. Was macht Sie da so sicher?
Vahrenholt: Wir sehen seit 7000 Jahren ein zyklisches Auf und Ab beim Klima - lange bevor der Mensch begonnen hat, CO² in die Atmosphäre auszustoßen. So gab es alle 1000 Jahre eine Wärmephase, die römische, die mittelalterliche und die heutige Wärmezeit. All diese Wärmezeiten fielen stets mit einer starken Sonnenaktivität zusammen. Neben dieser großen Aktivitätsschwankung gibt es zudem einen 210-jährigen und einen 87-jährigen natürlichen Zyklus der Sonne. Diese auszublenden, wäre ein schwerer Fehler …
SPIEGEL: … wobei die Solarforscher noch darüber streiten, ob es die von Ihnen genannten Zyklen wirklich gibt. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht für die Zukunft?
Vahrenholt: In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Sonne so aktiv wie seit über 2000 Jahren nicht mehr. Dieses "Große Solare Maximum", wie es Astronomen nennen, hat mindestens ebenso stark zur Erwärmung beigetragen wie das Treibhausgas CO². Doch seit 2005 schwächelt die Sonne und wird das auch die nächsten Jahrzehnte tun. Folglich haben wir von der Sonne erst einmal nur noch Abkühlung zu erwarten.
SPIEGEL: Es ist unstrittig, dass Schwankungen der Sonnenaktivität das Klima beeinflussen können. So gehen die meisten Experten davon aus, dass ein ungewöhnlich langes Sonnenminimum, abzulesen an der damals verschwindend geringen Zahl an Sonnenflecken, ab 1645 zur "Kleinen Eiszeit" führte. Zu jener Zeit gab es viele strenge Winter, die Flüsse froren zu. Allerdings wissen die Astrophysiker bis heute nicht, um wie viel Grad Celsius genau die Sonnenschwankungen tatsächlich zu Buche schlagen.
Vahrenholt: Viele Wissenschaftler gehen von mehr als 1 Grad Celsius für den 1000-jährigen Zyklus und von bis zu 0,7 Grad Celsius für die kleineren Zyklen aus. Hier müsste die Klimaforschung doch mit Hochdruck daran arbeiten, die Wirkung der Sonne aufs Klima genauer zu bestimmen. Für den Weltklimarat und die von ihm beeinflusste Politik gibt es praktisch nur das CO². Die Bedeutung der Sonne fürs Klima wird systematisch unterschätzt und die Bedeutung des CO² systematisch überschätzt. Somit basieren alle Klimavorhersagen auf falschen Grundlagen.
SPIEGEL: Sie machen doch genau das, was Sie den Klimaforschern vorhalten: Sie setzen auf dünner Datenbasis exakte Vorhersagen in die Welt. In Ihrem Buch beziffern Sie auf 0,1 Grad genau den Einfluss der Sonne aufs Klima. Das vermag kein Mensch.
Vahrenholt: Ich behaupte doch gar nicht, ich wüsste ganz präzise, ob die Sonne 40, 50 oder 60 Prozent Anteil an der globalen Erwärmung hat. Aber es ist Unsinn, wenn der Klimarat behauptet, die Sonne habe gar nichts damit zu tun.
SPIEGEL: Unterm Strich sagen Sie bis ins Jahr 2035 eine globale Abkühlung um 0,2 bis 0,3 Grad Celsius voraus. Warum hängen Sie sich so weit aus dem Fenster?
Vahrenholt: Wer die festgefahrene Debatte beleben will, muss schon den Mut haben, auch eine Zahl zu nennen. Und diese Zahl leiten wir ab aus wissenschaftlichen Untersuchungen über die bisherige Klimageschichte.
SPIEGEL: Ihre Entwarnung ist also nur eine Provokation?
Vahrenholt: Nein, ich meine es sehr ernst und weiß mich mit Dutzenden Solarforschern einig. Mir ist wohl bewusst, welche persönlichen Diffamierungen ich mir in nächster Zeit anhören muss. Die Klimadebatte hat ja mitunter inquisitorische Züge. Ich bin gespannt, welches Wahrheitsministerium jetzt ein Verfahren gegen mich eröffnet - vielleicht ja das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung mit dem Kanzlerinnenberater Schellnhuber an der Spitze.
SPIEGEL: Sie behaupten, der Stillstand bei der Erwärmung seit 2000 sei maßgeblich durch einen gleichzeitigen Rückgang der Sonnenaktivität verursacht worden. Doch in Wahrheit verhielt sich die Sonne bis Mitte des Jahrzehnts recht normal. Erst danach wurde sie auffallend ruhiger. Wie passt das zusammen?
Vahrenholt: Es gibt zwei Effekte: die zurückgehende Sonnenaktivität, aber auch die Schwankungen bei den Meeresströmungen, etwa die 60-jährige pazifische Oszillation, die sich von 1977 bis 2000 in einer positiven warmen Phase befand und seit 2000 durch ihren Abstieg für Abkühlung sorgte. Auch deren Anteil an der Temperaturveränderung ist fälschlicherweise dem CO² zugeschrieben worden. Vor allem aber war schon der letzte Sonnenfleckenzyklus schwächer als die vorangegangenen. Und daher schwächt sich das Magnetfeld der Sonne seit dem Jahr 2000 weiter ab. Folglich schirmt uns dieses Magnetfeld weniger gut gegen kosmische Strahlung ab - die wiederum zur stärkeren Wolkenbildung und damit zur Abkühlung führt. Was muss eigentlich noch passieren, bis der IPCC diese Zusammenhänge in seinen Berichten wenigstens erwähnt?
SPIEGEL: Sie verschweigen dabei: Noch ist keinesfalls bewiesen, dass die kosmische Strahlung, die von der Sonne mal mehr, mal weniger gut von uns ferngehalten wird, auf der Erde wirklich zu mehr kühlenden Wolken führt. Bislang ist das nur eine Hypothese.
Vahrenholt: Es ist mehr als das. Seit dem Jahr 2006 findet am Teilchenforschungszentrum Cern bei Genf unter Leitung des Physikers Jasper Kirkby das Cloud-Experiment statt. In einer Messkammer, in der die Erdatmosphäre simuliert wurde, zeigte sich als erstes Zwischenergebnis, dass kosmische Teilchen tatsächlich Aerosolpartikel für Wolken entstehen lassen.
SPIEGEL: Die im Cloud-Experiment nachgewiesenen Aerosole sind aber viel zu klein. Sie müssten erst anwachsen, um tatsächlich als Kondensationskeime für Wolken dienen zu können. Ob das in der Natur geschieht, ist noch eine offene Frage. Sie stellen das als Tatsache hin.
Vahrenholt: Sie finden im Buch zahlreiche Korrelationen zwischen Wolkenbedeckung und kosmischen Strahlen. Ich frage mich, warum der Weltklimarat diesen Mechanismus nicht gründlich untersucht. Meine Vermutung: Die Antwort auf diese Frage würde das gesamte Fundament der IPCC-Vorhersagen ins Wanken bringen.
SPIEGEL: Dennoch sollten Sie mit Prognosen über die zukünftige Sonnenaktivität besser vorsichtiger sein. 2009 sagten US-Forscher ein jahrelanges Ausbleiben der Sonnenflecken voraus. Tatsächlich kehrten diese schon 2010 zurück. In Wahrheit erleben wir derzeit eine recht normale Solaraktivität.
Vahrenholt: Der Sonnenzyklus ist alles andere als normal. Nasa-Forscher prophezeien, dass dies voraussichtlich der schwächste der vergangenen 80 Jahre werden wird. Er hat nicht nur zwei Jahre zu spät angefangen, sondern ist noch sehr schwach. Sie dürfen auch nicht nur die Sonnenflecken zählen. Die kosmischen Teilchen prasseln weiterhin heftig auf uns nieder, weil uns das Sonnenmagnetfeld kaum abschirmt.
SPIEGEL: Richtig ist, dass es irgendwann in den kommenden 500 Jahren wieder ein Großes Solares Minimum geben wird. Aber keiner weiß, wann genau. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies in den nächsten 40 Jahren eintreten wird, liegt unter zehn Prozent. Sie aber sagen in Ihrem Buch voraus: "Dass die Sonne uns in der ersten Hälfte dieses Jahrtausends kältere Zeiten bescheren wird, ist sicher." Sind Sie schlauer als alle Astrophysiker zusammen?
Vahrenholt: Die Wahrscheinlichkeit für ein Großes Solares Minimum wie während der kleinen Eiszeit liegt in der Tat unter zehn Prozent. Aber wir stehen vor einem leichteren Abschwingen der Sonnenaktivität, wie wir sie alle 87 und alle 210 Jahre sehen. Ich habe mit vielen Sonnenphysikern gesprochen, die dies erwarten.
SPIEGEL: Wir kennen viele andere Sonnenforscher, die das bezweifeln. Ein weiteres Maximum ist statistisch ebenso wahrscheinlich wie ein Minimum. Vorhersagen, wie es mit der Sonne in den kommenden Jahrzehnten weitergeht, grenzen an Wahrsagerei.
Vahrenholt: Ich kenne nur einen deutschen Solarforscher, der sich so zweifelnd geäußert hat. Die Auffassung verschiedener amerikanischer und britischer Solarforschergruppen ist, dass wir vor schwachen Solarzyklen stehen. Ich nehme das ernst und erwarte von der Sonne bis 2050 nur Abkühlung.
SPIEGEL: Und was machen Sie, wenn die Temperaturen doch wieder steigen?
Vahrenholt: Dann werde ich im Jahr 2020 dem SPIEGEL ein Interview geben und öffentlich bekennen: "Jawohl, ich habe mich geirrt." Aber ich bin mir sicher, dass dies nicht notwendig sein wird.
SPIEGEL: Glauben Sie eigentlich ernsthaft, dass alle 2000 im Weltklimarat zusammengeschlossenen Wissenschaftler gleichgeschaltet oder verblendet sind?
Vahrenholt: So ist es ja nicht. Kritisch sehe ich aber die Rolle der wenigen Leitautoren, die die Schlussredaktion des Berichts übernehmen. Diese behaupten, sie würden 18 000 von Fachkollegen begutachtete Publikationen verwenden. Dabei sind 5000 davon sogenannte Graue Literatur, nicht begutachtete Quellen. Am Ende kommen dann solche Fehler heraus wie die absurde Behauptung, schon in 30 Jahren gebe es im Himalaja keine Gletscher mehr. Mich überraschen solche Übertreibungen nicht. Denn von den 34 vermeintlich unabhängigen Mitgliedern, die den Synthesereport für die Politiker schreiben, ist fast ein Drittel mit Umweltorganisationen wie Greenpeace oder dem WWF verbunden. Merkwürdig, finden Sie nicht?
SPIEGEL: Warum geben Sie so leidenschaftlich die Rolle des Klimarebellen? Woher diese Wut?
Vahrenholt: Ich habe jahrelang die Hypothesen des IPCC verbreitet und fühle mich hinters Licht geführt. Mir liegen die erneuerbaren Energien am Herzen, für deren Ausbau ich seit über 30 Jahren kämpfe. Meine Sorge ist: Wenn auch die Bürger feststellen, dass die Klimawarner nur die halbe Wahrheit sagen, werden sie nicht mehr bereit sein, höhere Stromkosten für Wind und Sonne zu zahlen. Dann wird dem Umbau unserer Energieversorgung die nötige Akzeptanz fehlen.
SPIEGEL: Wenn wir Ihr Buch zu Ende denken, dann ist es ja ohnehin unnötig, den CO²-Ausstoß zu verringern.
Vahrenholt: Nein, auch eine Temperaturerhöhung um nur ein Grad wäre eine spürbare Veränderung. Aber in der Tat sage ich: Der Klimawandel ist beherrschbar, weil uns die Sonne und die Meeresströmungen durch deren kühlende Wirkung genügend Zeit verschaffen, uns darauf einzustellen. In Deutschland werden wir uns ohnehin locker anpassen können.
SPIEGEL: Ist es denn ein Fehler, sich ausschließlich auf die Verringerung von Kohlendioxid zu konzentrieren?
Vahrenholt: Ja, neben dem Kohlendioxid geht es etwa um den schwarzen Ruß. Er erreicht immerhin 55 Prozent der Erwärmungswirkung des CO², könnte aber mit geringem Aufwand vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern innerhalb weniger Jahre herausgefiltert werden - und man würde auch noch unglaublich viel für die Gesundheit der Menschheit bewirken.
SPIEGEL: Wäre der Ausbau der Windenergie ohne die Sorge um das Klima so schnell vonstattengegangen?
Vahrenholt: Das war eine treibende Kraft. Doch zuallererst war es Ingenieurskunst, welche die Windkraft auf ein rentables Niveau gebracht hat. Noch mal: Ich will, dass wir weiter auf die erneuerbaren Energien setzen; wir müssen sie wettbewerbsfähig machen. Ich finde nur, dass wir vernünftig vorgehen sollten: bei uns gern Windkraft und Biomasse, aber bitte keine Solaranlagen. Die sind in Afrika und Südeuropa besser aufgehoben. Es ist doch Irrsinn, aus Angst vor der angeblichen Klimakatastrophe 50 Prozent der weltweiten Solaranlagen im "Sonnenland Deutschland" zu installieren und dafür pro Jahr acht Milliarden Euro auszugeben!
SPIEGEL: Schießen Sie sich nicht selbst ins Knie, wenn Sie sagen, der Klimawandel sei gar nicht so schlimm? Wie wollen Sie weiter den Emissionshandel rechtfertigen, wenn Sie Treibhausgase für irrelevant halten?
Vahrenholt: Ich sage doch, dass CO² ein Klimagas ist, aber in seiner Wirkung eben nur halb so stark wie vom IPCC behauptet. Trotzdem müssen wir den CO²-Ausstoß durch einen weltweiten Emissionshandel verringern. Und es gibt noch andere Gründe, weniger fossile Brennstoffe zu verfeuern. Wir haben nicht mehr viel Kohle, Öl und Gas auf dieser Welt, wir müssen sparsamer mit ihnen umgehen, und wir müssen unabhängiger werden von Importen aus totalitären Staaten.
SPIEGEL: Umfragen zeigen, dass die Angst vor der Klimakatastrophe abgenommen hat. Laufen Sie mit Ihrer Entwarnung offene Türen ein?
Vahrenholt: Noch bestimmen die Angstmacher die politische Debatte. Nach Auffassung des "Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen" soll der gestaltende Ökostaat um des Klimaschutzes willen Konsumverzicht erzwingen. Das geht in Richtung Ökodiktatur. Und die Panikmache zeigt schon jetzt Wirkung. Neulich im Restaurant hörte ich, wie am Nebentisch eine Mutter ihren Kindern einen Vortrag hielt, dass es falsch sei, ein argentinisches Steak zu essen - wegen des Klimas. Da frage ich mich: Wie konnte es so weit kommen?
SPIEGEL: Herr Vahrenholt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Olaf Stampf und Gerald Traufetter.
Von Stampf, Olaf, Traufetter, Gerald

DER SPIEGEL 6/2012
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