06.02.2012

MEDIZINDer letzte Tusch

Schalkes ehemaliger Manager Rudi Assauer leidet an Alzheimer. Die öffentliche Anteilnahme an seinem Schicksal ist groß, weil er als Romantiker des Fußballs gilt.
Rudi Assauer ist ein Macher, und der grausamste Zustand, den es für einen Macher gibt, ist Hilflosigkeit. Als Assauer noch Manager von Schalke 04 war, saß er einmal in maßgeschneidertem Anzug in seinem Büro, er drückte seine Knie gegen die Schreibtischkante, wie er das ständig tat, trank Tee aus einem Becher, auf dem "Rudi der Ruhmreiche" stand, und nuckelte an einer Zigarre, wie immer war es eine Davidoff Grand Cru No. 3.
Assauer sprach davon, wie das ist, wenn nichts vorwärtsgeht. Er nannte diese Lage "Seuche", er sagte, Seuche sei, wenn "Sachen passieren, die gar nicht möglich sind", bei denen man nicht auf den Punkt komme, "da kannste dann trainieren, machen, üben, sprechen und musst doch möglichst ruhig bleiben".
Heute klingt das so, als habe er damals schon geahnt, was da auf ihn zukommen wird. Denn Rudi Assauer, das ist seit vergangener Woche der Öffentlichkeit bekannt, ist unheilbar krank, er erlebt hilflos mit, wie er sein Gedächtnis verliert, seine Persönlichkeit, wie schließlich sein ganzer Körper aus dem Gleichgewicht gerät, weil sich das Gehirn zersetzt. Assauer, 67, leidet an Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium. "Ich wollte doch das Alter, das Leben genießen", sagt Rudi Assauer. "So 'ne Scheiße. Verdammt noch mal." Es ist die Seuche.
Assauer hat sich entschlossen, sein Leid publik zu machen, er ist nach Walter Jens der zweite deutsche Prominente, der über die Krankheit spricht. Zusammen mit dem Journalisten Patrick Strasser hat Assauer seine Autobiografie geschrieben, "Wie ausgewechselt" heißt sie, zwei Kapitel darin, das erste und das letzte, befassen sich mit der Krankheit. Einen Tag nach dem Erscheinen war das Buch auf Platz eins der Bestsellerliste bei Amazon.
Assauer will nicht aufklären über Alzheimer, sein Motiv ist ein anderes. Er wollte nicht länger, dass die Leute über ihn tuscheln, dass sie denken, er sei betrunken, wenn er sich seltsam benehme. "Das Versteckspiel sollte ein Ende haben."
Der Schock über Assauers Schicksal ist groß, und natürlich ist seine Geschichte auch ein Medienereignis. "Auf einmal ist alles vorbei!", schrieben die Macher der "Bild"-Zeitung auf ihre erste Seite, das "heute journal" machte mit der Nachricht von Assauers Krankheit auf, der "Stern" hob sie auf den Titel, und Reinhold Beckmann sprach darüber in seiner Talkshow.
Alzheimer ist eine Volkskrankheit, Assauer ist nur einer von 1,4 Millionen Patienten in Deutschland, wie für viele Familien gibt es auch für seine Angehörigen keine Hoffnung auf Heilung. In der Fußballszene war seine Erkrankung seit mindestens einem Jahr ein offenes Geheimnis. Die Anteilnahme ist riesig, und das hat auch damit zu tun, dass er als der letzte große Romantiker des Fußballs gilt. Als einer, der immer den Anschein von Volksnähe und Tradition wahrte.
Er ist ein Kind des Ruhrgebiets, der Vater war Zimmermann, 307 Bundesligaspiele hat Assauer bestritten, als Manager trat er ein bisschen rustikal auf, er verkaufte mit Schalke 04 Opium gegen die triste Realität in Gelsenkirchen, in seiner Amtszeit gewann der Club den Uefa-Cup, und er ließ die Arena AufSchalke bauen.
Dass Assauers Krankheit die Menschen bewegt, hat auch mit Voyeurismus zu tun: was, ausgerechnet der? Assauer hat das Image, ein Macho zu sein, es rührt unter anderem daher, dass er mit Zigarre in der Sauna posierte und sich mit seiner Ex-Freundin Simone Thomalla raufte. In Wahrheit ist Assauer ein liebenswerter, einfacher Mann, der sich nach einem ruhigen Familienleben sehnt.
Assauer galt immer als Bauchmensch, der rund um die Uhr für Schalke schuftete und dabei vor allem an die Fans dachte. Er symbolisierte stets den erdnahen Arbeiterverein, stänkerte gegen die arroganten Dortmunder und abgehobenen Bayern, er gerierte sich als der letzte Klassenkämpfer der Bundesliga, und im Dunst seiner Zigarren ließ er den Club in einen Konzern umbauen.
Assauer ist so populär, weil er polarisiert, weil er Fehler hat, weil er schon mal einen über den Durst getrunken hat und kein Blatt vor den Mund nimmt. Von seiner Geliebten als "die Alte" sprach und über seine Alzheimer-Krankheit im Buch sagt: "Die Birne. Schlimmer geht's nicht."
Ursprünglich hatten Assauer und seine Vertrauten überlegt, dass er sich bei einer Pressekonferenz zu seiner Krankheit bekennen würde, aber sie hatten Sorge, dabei die Kontrolle zu verlieren. Achtmal hat sich Biograf Strasser mit Assauer für das Buch getroffen, das erste Mal im August. "Er war sehr geduldig", sagt Strasser. "Sein Zustand hat sich im Laufe der Zeit verschlechtert."
Im Dezember hat Assauers Frau Britta ihren Mann mal bei der Polizei als vermisst gemeldet. Er wohnt inzwischen bei seiner Tochter Bettina, die ihn betreut. Allein kann er nicht mehr leben.
"In seinem Stadium wirken Medikamente kaum mehr", sagt Konrad Beyreuther, Professor für Molekularbiologie und Alzheimer-Forscher. "Er sollte jetzt ins Fitnessstudio gehen, Fußball schauen und sich einen Hund kaufen." Assauer solle sich allen Herausforderungen stellen, Selbstmitleid sei kontraproduktiv. "Alzheimer ist kein Krebs, das verstehen viele Leute nicht."
Assauer ist nicht gestorben, auch wenn sich manche Texte, die in der vergangenen Woche erschienen sind, so lasen. Er zieht sich zurück, mit viel Tamtam. Das Buch ist sein letzter Tusch. Wie es sich für einen Macher gehört.
Von Lukas Eberle und Maik Grossekathöfer

DER SPIEGEL 6/2012
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