13.02.2012

DEBATTEAllein kriegen sie es nicht hin

In die Führung Europas hat sich Deutschland nicht gedrängt, es ist auch schlecht darauf vorbereitet. Von Timothy Garton Ash
Im Jahr 1953 hielt Thomas Mann in Hamburg eine Rede vor Studenten, in der er diese beschwor, sie sollten nicht nach einem "deutschen Europa", sondern nach einem "europäischen Deutschland" streben. Diese Formel wurde in den Tagen der Wiedervereinigung endlos wiederholt. Heute aber erleben wir eine Variation, die nur wenige vorhergesehen haben: ein europäisches Deutschland in einem deutschen Europa.
Angela Merkels Berliner Republik verkörpert ein europäisches Deutschland in jenem reichen, positiven Sinn, in dem Thomas Mann den Begriff gebrauchte. Deutschland ist frei, zivilisiert, demokratisch, dem Recht verpflichtet, es ist sozial orientiert und umweltbewusst. Natürlich ist es beileibe kein perfektes Land, aber doch ebenso gut wie jedes andere große Land in Europa - und es ist das beste Deutschland, das wir je hatten.
Nun befindet sich dieses europäische Deutschland wegen der Krise in der Eurozone unwillentlich im Zentrum des deutschen Europa. Niemand kann ernsthaft bezweifeln, dass Deutschland nicht das Sagen hätte. Weil Deutschland es will, haben wir einen Fiskalpakt, dem 25 Mitgliedstaaten der EU zugestimmt haben. Zudem halten die Deutschen den verzweifelten, verarmten Griechen vor, sie sollten "ihre Hausaufgaben machen". Noch ungewöhnlicher ist es, dass die deutsche Kanzlerin den französischen Wählern sagt, wen sie zu ihrem Präsidenten wählen sollen, indem sie mehrmals mit Nicolas Sarkozy im Wahlkampf auftritt. Es ist zum Klischee geworden, dass Europa von "Merkozy" geführt wird - in Wahrheit muss es "Merkelzy" heißen.
Deutschland hat sich nicht in diese Führungsrolle gedrängt. Dass es so weit kam, ist vielmehr der perfekte Beleg für das historische Gesetz von den unbeabsichtigten Folgen. Deutsche Kanzler, von Helmut Schmidt bis Helmut Kohl, hatten die Absicht, das europäische Projekt durch eine Europäische Währungsunion voranzutreiben, aber es war Frankreich unter François Mitterrand, das darauf beharrte, Deutschland vor der Wiedervereinigung darauf festzunageln.
Historiker mögen sich darüber streiten, in welchem Maße die Euro-Verpflichtung im Maastricht-Vertrag eine Gegenleistung für Frankreichs Unterstützung der Wiedervereinigung war, aber zweierlei ist klar: Beide Länder stimmten überein, dass darin ein bedeutsamer Beitrag lag, das neuerlich vereinte Deutschland an ein noch stärker vereintes Europa zu binden, wobei Frankreich weiterhin eine Führungsrolle übernehmen sollte - wenn nicht: die Führungsrolle. Und viele Deutsche verstanden die Dreingabe ihrer geliebten Deutschen Mark als ökonomischen Preis für ein höheres politisches Gut.
20 Jahre nach Maastricht sehen wir, dass genau das Gegenteil eingetreten ist. Ökonomisch erwies sich der Euro als überaus vorteilhaft für Deutschland. Politisch hat die Währungsunion dazu geführt, dass Deutschland am Steuer sitzt und Frankreich auf dem Beifahrersitz.
Bisher hat sich Deutschland als vorsichtiger, nervöser und nicht sonderlich geschickter Fahrer erwiesen. Dafür gibt es viele Gründe. Zuerst einmal möchte Deutschland gar nicht am Steuer sitzen. Außerdem hegt es den Verdacht, dass alle anderen Beifahrer von den Deutschen erwarten, dass sie das Benzin, das Essen und womöglich auch die Übernachtung bezahlen. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz am vorvergangenen Wochenende regten Weltbank-Präsident Robert Zoellick und ich an, dass Deutschland etwas mehr ökonomische und politische Führung zeigen sollte. Darauf antwortete der deutsche Verteidigungsminister Thomas de Maizière, wenn "deutsche Führung angemahnt wird, dann wird meist nicht Führung gemeint, sondern Geld". Er lag falsch - aber er gab wieder, was viele Deutsche denken.
Die Deutschen fühlen sich unbehaglich, weil es schlecht ankommt, wenn sie wirklich führen, aber auch schlecht ankommt, wenn sie nicht führen. Die schreckliche Vergangenheit, die Thomas Mann zu seinem Nachkriegsappell veranlasste, spielt dabei eine Rolle. Wenn Deutschland einen Sparkommissar für die Kontrolle über den griechischen Sparhaushalt empfiehlt, wird der dort zwangsläufig "Gauleiter" getauft. Überdies hat die deutsche Zurückhaltung, eine Führungsrolle in Europa zu spielen, auch damit zu tun, dass die deutsche Elite daran nicht gewöhnt ist - anders als die französische Elite, die nichts mehr liebt. Die Franzosen würden nur zu gern, können aber nicht; die Deutschen können, wollen aber nicht.
Vor allem aber gibt es das immerwährende Dilemma der seltsamen deutschen Zwischengröße: "zu groß für Europa, zu klein für die Welt", wie Henry Kissinger sagte.
Zweierlei muss deshalb geschehen. Erstens sollten alle Deutschen noch einmal Thomas Manns Rede an die Hamburger Studenten lesen, um die historische Dimension der heutigen Herausforderungen zu verstehen und auch um sich die intellektuelle und moralische Größe vor Augen zu halten, zu der sie einst fähig waren. Denn Manns wunderbar formulierte, zutiefst bewegende Botschaft an jene jungen Deutschen im Jahr 1953 lässt sich auch in drei kurzen amerikanischen Worten zusammenfassen: "Yes, we can."
Zweitens brauchen sie Hilfe von ihren Freunden. Allein kriegen sie es nicht hin. Es lässt sich leicht lachen über Sarkozys Possen auf dem Beifahrersitz ("Non, non, ma chérie! Tout droit, tout droit!"), aber er hat die richtige Idee. Dass David Cameron sich in dieser entscheidenden Phase auf den Rücksitz - oder in den Kofferraum - setzt, spottet jeder Beschreibung. Anfang vergangener Woche betonte Merkel noch einmal, wie sehr sich Deutschland wünscht, dass Großbritannien mit seiner nordeuropäisch-liberalen Marktwirtschaft zurück ins Zentrum der europäischen Angelegenheiten findet.
Mit einer Haltung, die alles andere als unwürdig war, haben die Briten auch noch 1953 viel dafür getan, dass das ruinierte Deutschland wieder auf die Füße kam. Es wäre kurzsichtig, es wäre sogar dumm, wenn Großbritannien Deutschland sich selbst überließe in einem Moment, in dem es eine derart entscheidende Rolle in Europa übernommen hat - eine Rolle, die es nicht gesucht hat, für die es schlecht vorbereitet ist und in der es Hilfe gut gebrauchen kann.
Garton Ash, 56, lehrt Zeitgeschichte und Politik in Oxford und veröffentlichte jüngst "Jahrhundertwende: Weltpolitische Betrachtungen 2000 -2010".
Von Timothy Garton Ash

DER SPIEGEL 7/2012
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