DER SPIEGEL



ATOMMÜLL

Ewiges Gorleben

Von Dohmen, Frank; Hickmann, Christoph; Kaiser, Simone

Umweltminister Röttgen will die Suche nach einem Atomendlager neu eröffnen. Doch trotz öffentlicher Zustimmung sind die Widerstände gewaltig.

Norbert Röttgen neigt nicht zu übertriebener Zurückhaltung, und so sparte der Bundesumweltminister auch am vergangenen Donnerstag nicht mit Superlativen. Nach "jahrzehntelanger Sprachlosigkeit" gebe es nun "die historische Chance", Atommüll endlich "bestmöglich" zu lagern, verkündete Röttgen. Er sah sehr zufrieden aus.

Soeben hatte er sich mit seinen Kollegen aus den Bundesländern getroffen, um die Suche nach einem Atomendlager voranzubringen. Man konnte den Eindruck gewinnen, nach quälenden Jahren des Stillstands sei endlich Bewegung in die verfahrene Situation gekommen.

Röttgen will die Suche neu beginnen, bundesweit, der bisher angepeilte Standort Gorleben ist für ihn nur noch eine von mehreren Optionen. Die öffentliche Zustimmung für eine neue Endlagersuche ist groß, selbst die Bayern sind nun dafür, dass auch bei ihnen geprüft wird.

Alles bestens also? Die Wirklichkeit ist mal wieder komplexer, als es die öffentlichen Bekenntnisse vermuten lassen. Alle Beteiligten wissen, was es bedeutet, einem Endlager im eigenen Zuständigkeitsbereich zuzustimmen. Die Bilder der Demonstrationen in Gorleben sind bekannt.

Und so bedeuten die warmen Worte für die Röttgen-Pläne noch lange nicht, dass auch tatsächlich an einer Lösung mitgearbeitet wird. Beispiel Bayern: Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) legte im vergangenen Jahr zwar eine spektakuläre Kehrtwende hin und plädierte plötzlich dafür, die Suche nach einem Endlager neu zu starten. Seither ist er kaum zu bremsen. "Ein bisschen mehr Tempo würde nicht schaden", sagt er.

Doch der Regierungschef treibt ein doppeltes Spiel. Kommt das Gespräch auf mögliche bayerische Standorte, verweist Seehofer auf geologische Gutachten. Deren Ergebnisse sind eindeutig: Die Gesteinsformationen in Bayern - vor allem Granit - sind ungeeignet für ein Endlager.

Die Sozialdemokraten wiederum machen jetzt schon deutlich, dass sich ihre Begeisterung für den Röttgen-Plan in Grenzen hält. Zwar hatte sich der heutige Parteichef Sigmar Gabriel als Umweltminister in der Großen Koalition auch für eine ergebnisoffene Endlagersuche eingesetzt - aber gleichzeitig zu Protokoll gegeben, Gorleben sei politisch "tot". Für Röttgen dagegen ist Gorleben einer von mehreren möglichen Standorten.

"Die Endlagersuche ist nur dann wirklich offen, wenn die Erkundung in Gorleben sofort beendet wird", sagt Gabriel heute. "Ansonsten wird Gorleben allen anderen möglichen Standorten immer weit voraus sein, so dass man bei der Entscheidung am Ende sowieso wieder dort landet." Faktisch heißt das: Gorleben soll nicht weiter zur Debatte stehen.

Auch auf die Unterstützung der Industrie kann Röttgen nicht zählen. Für die beiden großen Stromversorger RWE und E.on ist der Neustart der Endlagersuche eine Horrorvorstellung. Allein die geologischen Untersuchungen und Probebohrungen, heißt es bei E.on, könnten bis zu eine Milliarde Euro kosten - pro Standort.

Zwar rechnet man im Ministerium vorsichtiger, doch die Energieunternehmen bereiten sich schon darauf vor, juristisch gegen jede neue Belastung vorzugehen: Schließlich hätten die Atomkonzerne bereits 1,5 Milliarden Euro für die Erkundung des Salzstocks in Gorleben ausgegeben. Und bislang habe niemand nachgewiesen, dass Gorleben wirklich ungeeignet sei.

Die Strommanager vermuten, dass Röttgen mit der neuen Suche nur Zeit gewinnen und die Bevölkerung beruhigen will. Ein Ergebnis werde es am Ende wohl nicht geben. Denn die Proteste seien doch überall gleich - egal, auf welchen Standort die Wahl irgendwann falle.

Das befürchtet man auch in Baden-Württemberg, wo man seit den Protesten gegen Stuttgart 21 weiß, was es heißt, mit aufgebrachten Bürgern zu tun zu haben. Nach den Wutbürger-Erfahrungen will die grün-rote Landesregierung unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann nun alles anders machen. Sollte auch in Baden-Württemberg gesucht werden, sei die Bürgerbeteiligung ein "ganz entscheidender Faktor", sagt der grüne Umweltminister Franz Untersteller.

Zwar gibt es im Südwesten Tonvorkommen, die für ein Endlager in Frage kommen könnten, etwa im Hegau, rund um Ulm, am Bodensee und auf der Schwäbischen Alb. Doch die Gegner weisen auf eine 2009 vorgelegte Studie hin. Danach sind die Tonschichten um Ulm und im Hegau viel zu dünn. Zu ähnlichen Ergebnissen war 2007 eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums gekommen.

Und schließlich erinnern schwäbische Endlagergegner daran, dass im Raum Sigmaringen der Hohenzollerngraben verlaufe. Was sie damit sagen wollen, dürfte inzwischen auch bei Röttgen angekommen sein: akute Erdbebengefahr.


DER SPIEGEL 7/2012
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