13.02.2012

LITERATURDie Methode Kracht

Seit „Faserland“ gilt Christian Kracht als wichtige Stimme der Gegenwart. Sein neuer Roman „Imperium“ zeigt vor allem die Nähe des Autors zu rechtem Gedankengut.
Was will Christian Kracht? Am 16. Februar 2012 erscheint sein neuer Roman, er heißt "Imperium", das Cover ist bunt und schaut einen fast kindlich an wie ein Comic. Eine Südseeinsel und das blaue Meer sind dort zu sehen, ein paar Möwen, ein rauchender Dampfer, eine Eidechse auf einem Baum und ein Totenschädel unter einem Busch.
"Unter den langen weißen Wolken", so beginnt "Imperium", "unter der prächtigen Sonne, unter dem hellen Firmament, da war erst ein langgedehntes Tuten zu hören, dann rief die Schiffsglocke eindringlich zum Mittag, und ein malaysischer Boy schritt sanftfüßig und leise das Oberdeck ab, um jene Passagiere mit behutsamem Schulterdruck aufzuwecken, die gleich nach dem üppigen Frühstück wieder eingeschlafen waren."
Es ist ein ferner, seltsamer Klang, der den Leser mit den ersten Sätzen ergreift, die Sprache kräuselt sich sanft wie Wellen, die auf den Horizont zulaufen. Es ist auch eine ferne, seltsame Geschichte, die Kracht da erzählt, von August Engelhardt, "Bartträger, Vegetarier, Nudist", ein deutscher Aussteiger am Beginn des 20. Jahrhunderts, der sein Glück in der Südsee sucht. Neupommern, Blanchebucht und Herbertshöhe, das waren die Namen damals - und obwohl das alles erfunden wirkt: Es ist mehr oder weniger wahr, die Namen gab es wirklich, und auch August Engelhardt gab es wirklich.
Kracht, 45, beschreibt ihn als ein "zitterndes, kaum fünfundzwanzig Jahre altes Nervenbündel mit den melancholischen Augen eines Salamanders", als "dünn, schmächtig, langhaarig", als einen "Prediger", vielleicht sogar als "Erlöser". In Deutsch-Neuguinea will er eine "Kolonie der Kokovoren" errichten, die Kokosnuss birgt für Engelhardt die Rettung des Menschen, denn "wer sich ausschließlich von ihr ernährte", so steht es im Roman, "würde gottgleich, würde unsterblich werden".
Aber noch einmal: Was will Christian Kracht mit dieser kruden Geschichte erzählen? Er ist ja nicht irgendwer. Er ist in Deutschland einer der wenigen Schriftsteller seiner Generation, die ihre Bedeutung nicht ein paar von Kritikern erdachten und vergebenen Buchpreisen oder Stipendien verdanken, sondern tatsächlich wichtig sind, weil es Menschen gibt, die das Leben anders sehen, weil sie seine Romane gelesen haben. Kracht wurde groß gegen die Literatur-Claqueure. Das macht ihn nicht zum guten Menschen.
Sein Debüt "Faserland" von 1995 war ein Meilenstein der bundesrepublikanischen Literatur. Klar in der Sprache und im Blick auf Deutschland. Kracht beschrieb ein Land im Champagner- und Drogennebel, eine elternlose Generation auf der Suche nach Schmerz und Verletzung, ein reiches Land, das emotional arme Kinder in die Welt gesetzt hat - alles mit dem stillen Pathos der Affirmation gezeichnet, alles aber schon grundiert von einem nihilistischen Unterton: Am Ende verschwindet der Erzähler, es ist sehr wahrscheinlich, dass er Selbstmord begangen hat.
Krachts zweiter Roman "1979" bewegte sich noch weiter in diese dunkle Richtung, er erschien im September 2001, was ihm eine zusätzliche politische Bedeutung gab, weil er vom Selbsthass des Westens erzählte, im Teheran der Revolutionszeit begann und im chinesischen Arbeitslager endete. "Alle zwei Wochen gab es eine freiwillige Selbstkritik", so endet der Roman. "Ich ging immer hin. Ich war ein guter Gefangener. Ich habe immer versucht, mich an die Regeln zu halten. Ich habe mich gebessert. Ich habe nie Menschenfleisch gegessen."
Man konnte diesen Roman wegen der fast seherischen Qualität der Prosa mögen, man konnte ihn auch wegen der lässigen Menschenverachtung nicht mögen - die Reise des Christian Kracht aber hatte eine Richtung angenommen, bei der es manchmal schwer wurde, ihm zu folgen.
Das wurde endgültig 2008 klar, als sein dritter Roman "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" erschien - der im Grunde die gleiche Geschichte erzählt wie "Faserland" und "1979": Es sind jeweils Reisen ans Ende des Ichs. Mehr und mehr aber sind Krachts Helden von Auslöschungssehnsucht Getriebene, die sich totalitären politischen Systemen unterwerfen oder selbst menschenvernichtende Utopien schaffen. Krachts Koordinaten waren immer Vernichtung und Erlösung. Er platzierte sich damit sehr bewusst außerhalb des demokratischen Diskurses.
Womit wir wieder bei "Imperium" sind. Denn nach ein paar Seiten schon schleicht sich auch hier ein anderer Ton in die Geschichte, eine unangenehme, dunkle Melodie. Der Roman spielt "ganz am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts", schreibt Kracht, "welches ja bis zur knappen Hälfte seiner Laufzeit so aussah, als würde es das Jahrhundert der Deutschen werden, das Jahrhundert, in dem Deutschland seinen rechtmäßigen Ehren- und Vorsitzplatz an der Weltentischrunde einnehmen würde".
Eine Spalte öffnet sich in diesem Satz. Unter der Oberfläche raunt es: Deutschlands rechtmäßiger "Ehren- und Vorsitzplatz"? Wer spricht da? Wer sagt, dass dieser Platz rechtmäßig sei? Wer denkt so? Durch den schönen Wellenschlag der Worte scheint etwas durch, das noch nicht zu fassen ist. Das ist die Methode Kracht.
Und gleich darauf beschreibt er klar und fast schon programmatisch das Ziel seines Romans: "So wird nun stellvertretend die Geschichte nur eines Deutschen erzählt werden, eines Romantikers, der wie so viele dieser Spezies verhinderter Künstler war, und wenn dabei manchmal Parallelen zu einem späteren deutschen Romantiker und Vegetarier ins Bewusstsein dringen, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben wäre, so ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce auch kohärent."
Hitler also. Christian Kracht hat eine Stellvertreter- und Aussteiger-Saga über Hitler, den "Romantiker und Vegetarier", geschrieben. Aber warum? Was macht Hitler zum Romantiker? Und was bedeutet die Romantik für Kracht? Es gibt ja kaum ein Wort bei diesem sehr genauen Schriftsteller, das er nicht einsetzt wie ein Messer, um damit die Widerstandsfähigkeit seiner Gegenwart zu testen. Was wäre also an diesem Roman "sinnigerweise" auch "kohärent": einen Hitler zu erfinden, ohne Hakenkreuz und ohne Holocaust? Ein arisches Arkadien zu erdenken? Die Romantik von ihrem bösen Ende und Erbe zu befreien?
Und schon ist man mittendrin in dem semantischen Strudel, den Kracht bislang immer genutzt hat, um den Kern seines Schreibens und Denkens zu kaschieren: Was also ist die Funktion des Bösen in Krachts Prosa?
Wenn man genau hinschaut, ist "Imperium" von Anfang an durchdrungen von einer rassistischen Weltsicht. Hier gibt es noch Herren und Diener, Weiße und Schwarze, und als August Engelhardt dem tamilischen "Gentleman", dessen "blauschwarze Haut in seltsamem Kontrast zu den schlohweißen Haarbüscheln stand", in das "knochenweiße Gebiss, welches in einem kerngesunden, rosaroten Zahnfleisch steckte", schaute - da erschauerte er "innerlich vor Wohligkeit".
In Krachts früheren Romanen konnte man sich noch mit dem Argument über das Unbehagen an solchen Stellen hinwegtäuschen, dass der Autor die dunklen Seiten unserer Gegenwart erkunde, dass er in "1979" etwa einen Zeitenwandel erspürte oder in der Erzählung "Der Gesang des Zauberers" in die Logik des Giftterrors führte, wie ihn die Sarin-Sekte um den Japaner Shoko Asahara 1995 tatsächlich praktizierte. Diese Dunkelheit hatte eine Verbindung zur Wirklichkeit, die aufklärerisch sein konnte.
Spätestens aber mit dem dubiosen Band "Metan", den Kracht 2007 zusammen mit Ingo Niermann veröffentlichte und in dem sie dunkel rassisch codierte Weltenschlachten visionierten, kippte dieses Argument - weil das, wovon Kracht erzählte, seither immer mehr den Terror, das Totalitäre, das Menschenverachtende zum eigentlichen Experimentierfeld seiner Romane machte. Weil der Nihilismus zum Kern der Prosa wurde.
Das sei alles nur ein Spiel, heißt es dann immer. Das sei alles nur Literatur, erklären manche. Kracht sei eben ein Dandy, sagen die, die wissen, dass Kracht in den vergangenen Jahren von Bangkok nach Berlin, Buenos Aires, Lamu und gerade nach Florenz gezogen ist. Als ob dieses Wort vom Dandy die Todesgier in Krachts Werk erklärte. Als ob man am Rand der Welt und am Rand der Vernunft reiner und besser denken könnte. Als ob die Untergangsphantasien, die Kracht von seinen Reisen mitbringt, keine politischen Konsequenzen hätten.
So lässt Kracht in seiner Terror-Erzählung "Der Gesang des Zauberers" von 1999 über "Schuld" räsonieren: "Nun, schuld waren die kleinen Götter auf der Urne. Schuld war die reinliche Maria. Schuld waren die Deutschen in ihren lächerlichen bunten Hemden, eher in halbbunt, viel gedecktes Prune, Aubergine, Mauve und Petrol, weil richtig laute Farben wäre ja amerikanisch und degoutant - diese Arschlöcher."
Schuld, mit anderen Worten, ist eine Kategorie, die man eher ästhetisch als moralisch beschreiben kann.
Das ist das Politikverständnis jener Art von antimodernem Ästhetizismus, in dessen Nähe sich Kracht bewegt - der ins Okkulte drehen konnte wie bei Joris-Karl Huysmans oder in den Antisemitismus abrutschen konnte wie bei Ezra Pound. Wenn man so will, ist Christian Kracht der Céline seiner Generation.
In "Imperium" nun feiert er "die exquisiteste Barbarei", in die sich sein Held Engelhardt rettet und sich an dem Gedanken berauscht, "dieser vergifteten, vulgären, grausamen, vergnügungssüchtigen, von innen heraus verfaulenden Gesellschaft, die lediglich damit beschäftigt ist, nutzlose Dinge anzuhäufen, Tiere zu schlachten und des Menschen Seele zu zerstören, adieu zu sagen, für immer".
Engelhardt ist voller Enthusiasmus, er zieht ein paar versprengte Sinnsucher an, er versucht, seine Kokosprodukte zu exportieren - aber nach und nach gleitet dieser Traum in den Alp und endet schließlich in Wahn, Untergang, Vernichtung. Und wenn Kracht nicht selbst immer wieder den Bezug zu Engelhardts Stellvertreter herstellen würde, könnte man das Buch auch lesen als eine Satire auf gegenwärtigen Vegetarismus oder auf Erlösungssehnsucht: "Tim und Struppi" trifft Adolf Hitler.
Was aber soll man mit solchen Sätzen anfangen: "Waren nicht die dunklen Rassen den weißen um Jahrhunderte voraus?" "Frau Forsayth, obgleich Halbblut, sprach ein ausgezeichnetes, man möchte fast sagen: ein überperfektes Deutsch." Und über den Holocaust: "Komödiantisch wäre es wohl anzusehen, wenn da nicht unvorstellbare Grausamkeit folgen würde: Gebeine, Excreta, Rauch."
Kracht lässt diese drei Worte fallen wie die schönsten, bösesten Edelsteine, die er finden konnte. Aber was will er mit dieser Provokation?
Bei dieser Frage, stellt man irgendwann fest, hilft "Imperium", helfen die Romane nur bedingt weiter. Kracht kann sich da leicht in seinen Literaturgewittern verstecken. Interessant aber ist ein E-Mail-Wechsel zwischen Kracht und dem Amerikaner David Woodard, der voriges Jahr im kleinen Wehrhahn Verlag erschienen ist: "Five Years" beschreibt in gewisser Weise Vorarbeiten zu dem Roman, der "Imperium" wurde. Diese E-Mails zeigen die dunkle Seite des Werks, sie führen direkt ins Denken und Schreiben von Christian Kracht und sind von dem Roman nicht zu trennen.
Im November 2004 beginnt die auf Englisch geführte Korrespondenz der beiden. Es geht um einen Artikel, den Woodard für die von Kracht herausgegebene Zeitschrift "Der Freund" schreiben soll. Es geht auch um ihre Faszination für Nordkoreas Führer Kim Jong Il, der sein Volk hungern lässt, was Kracht und Woodard aber nicht sonderlich zu stören scheint, sie mögen eben Diktatoren aller Art. Es geht außerdem um einen traurigen, verlassenen Ort mit Namen Nueva Germania, den Woodard irgendwie retten will - eine Deutschenkolonie mitten in Paraguay, die um 1885 von Bernhard Förster gegründet wurde, dem Ehemann von Elisabeth Förster-Nietzsche, er ein echter Antisemit, sie die feurige Judenfeindin und Schwester von Friedrich Nietzsche.
"Es scheint mir, dass du das Richtige tust", schreibt Kracht, der sich "fast patriotisch deutsch" fühlte, als er von diesem Ort hörte, "obwohl ich natürlich Schweizer bin".
Woodard ist ein Komponist mit einem sehr vagabundierenden Kopf, der offen ist für rechtsradikale Gedanken und Helden. Für Timothy McVeigh etwa, der 1995 in Oklahoma City 168 Menschen mit einem Bombenanschlag tötete, schrieb er ein Musikstück, das er am Vorabend von dessen Hinrichtung aufführte - weil McVeigh "mehr im Kopf hatte, als alle zugeben wollten", wie er Kracht schreibt. "Er wurde als verrückt und gefährlich dargestellt", sagte er einmal, "aber das verkennt seine wahren Motive."
Sein Interesse an Nueva Germania beschreibt Woodard so: "Als Künstler, der diesen oberflächlichen Unsinn satthat, der die westliche Kultur heute definiert, fühle ich mich hingezogen zu diesem arischen Vakuum in der Mitte des Dschungels." Dieser Ort repräsentiert für ihn "einen ästhetischen Schutzort, wie ihn sich Richard Wagner erträumte, ein Ort, an dem sich Arier friedlich dem Leben und der Verbesserung der germanischen Kultur widmen können". Kracht schlägt spontan vor, die Bücher seines Großvaters für die Bibliothek von Nueva Germania zu spenden, wo sich nach dem Krieg auch KZ-Arzt Josef Mengele versteckt und Whiskey getrunken haben soll.
Kracht ist begeistert von der Idee dieses Ortes, er organisiert eine Reise dorthin, er hilft Woodard bei der Vermarktung von "Elisabeth Nietzsche's Yerba Maté", dem Tee aus Nueva Germania, den Woodard exportieren will, um Geld für den Wiederaufbau zu sammeln, er hört es sich an, wenn Woodard schreibt, dass dieses "arische Zentrum elementar ist für die wünschenswerte Richtung der Welt" - ohne sich von dem dumpfen deutschtümelnden Aberwitz Woodards je zu distanzieren. Im Gegenteil, er berät ihn auch noch taktisch.
"Es ist sehr bedacht von dir", schreibt Kracht an Woodard, "dass du dich etwas von dem entfernst, was deine Gegner rechtsradikal nennen könnten, und eine entspanntere Art des zivilen Ungehorsams gewählt hast." Hinter diesem "Nebelvorhang" könne Woodard sich vor den "Linken (in Schottenmuster gekleidete Schweizer feministische DJs) in Europa" verstecken, die sich "gezwungen sehen werden zu überdenken, wie sie deine Theorie der aristotelischen Komödie interpretieren".
Da haben sich zwei gefunden, die ästhetisch und politisch, sie würden da keinen Unterschied machen, auf einer Wellenlänge sind. Sie sprechen über den amerikanischen Musiker Boyd Rice, der sich in einer SS-artigen schwarzen Uniform fotografieren ließ und in einer Sendung auftrat, die sich "Rasse und Vernunft" nennt. Sie tauschen sich aus über den Norweger Tord Morsund, einen politischen Autor, der für die rechtsnationale "Fortschrittspartei" eingetreten ist und mit dem ehemaligen Ku-Klux-Klan-Chef David Duke auf einem Festival auftrat. Sie loben den amerikanischen Künstler Charles Krafft, der 2001 ein Parfum mit dem Namen "Vergebung" erfand und den Flakon mit einem Hakenkreuz verzierte. "Ich bin sehr glücklich", schreibt Kracht, nachdem er "Charlie" kontaktiert hat, "er ist so ein Star".
Dieser E-Mail-Wechsel funktioniert wie ein Weihnachtskalender des Teufels: Hinter fast jeder Tür, die man öffnet, hinter fast jedem Namen, den die beiden nennen, tauchen satanistische, antisemitische, rechtsradikale Gedanken auf. Woodard schreibt begeistert, dass er in Argentinien den 93-jährigen Wilfred von Oven treffen kann, "die rechte Hand von Goebbels und sein Propagandaschreiber". Er berichtet von seinem Freund John Aes-Nihil, der in Paraguay einen Film über den SS-Mann Otto Skorzeny drehen will. Er will für "Der Freund" über den Holocaust-Leugner Ernst Zündel schreiben, da sagt Kracht aber höflich ab: "Ich mag den Stil und bestimmte Passagen sehr", schreibt er, aber "Der Freund" sei eben ein "zionistisches" Magazin.
Das ist der Geist dieser "aristotelischen Komödie". Kracht lädt Woodard nach Berlin ein, wo er ihm das Olympiastadion zeigen will - "und andere schöne teutonische Orte, die mit dem Geist einer lange vergangenen Zeit erfüllt sind". Er schickt ihm - mit dem Hinweis: "Warum ich glaube, dass es sich noch lohnt, in Europa zu leben" - den Wikipedia-Link des rechtsnationalen niederländischen Politikers Pim Fortuyn, der, wie Kracht schreibt, von "einem Büromenschen, einem linksradikalen Umweltschützer" umgebracht wurde. Er organisiert in Berlin ein Seminar mit dem Titel "Gescheiterte Eugenik im Dschungel Paraguays".
Da ist, mit anderen Worten, nichts Zufall. Dieser E-Mail-Wechsel erklärt vielmehr das Unbehagen, das fast jeder Satz von Krachts neuem Roman birgt. Auch in "Imperium" geht es um das Projekt, "am anderen Ende der Welt ein neues Deutschland zu erschaffen". Auch hier wird ein Jude schon mal als "ein behaarter, bleicher, ungewaschener, levantinischer Sendbote des Undeutschen" bezeichnet. Und obwohl Krachts "Freund" Engelhardt, so bezeichnet er ihn, am Anfang noch nicht "jene aufkommende Mode der Verteufelung des Semitischen" teilt - am Ende "war Engelhardt unversehens zum Antisemiten geworden".
"Wie die meisten seiner Zeitgenossen", schreibt Kracht in diesem distanziert-ironischen Ton über Engelhardt, "wie alle Mitglieder seiner Rasse war er früher oder später dazu gekommen, in der Existenz der Juden eine probate Ursache für jegliches erlittene Unbill zu sehen."
Vor dem Hintergrund von Nueva Germania und David Woodard und all den E-Mails werden diese Sätze bleischwer.
Was also will Christian Kracht? Er ist, ganz einfach, der Türsteher der rechten Gedanken. An seinem Beispiel kann man sehen, wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream. ◆
Von Diez, Georg

DER SPIEGEL 7/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 7/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LITERATUR:
Die Methode Kracht