13.02.2012

NIGGEMEIERS MEDIENLEXIKONStuck|rad-Barre

Benjamin von. Popliterat, Journalist, Moderator und Verteidiger seiner Menschenwürde
Es ist nie ganz leicht, sich die Talkshow von Benjamin von Stuckrad-Barre (Bild) auf ZDFneo anzugucken, die gerade wieder begonnen hat. Das ist teilweise sicher Absicht: diese Momente zu produzieren, in denen die Situation kippt und man sich nur vorsichtig durch die Finger zu gucken traut, weil offen ist, ob es gleich großartig oder unerträglich peinlich wird.
Aber es ist auch nicht leicht, den Wahnsinn in seinen Augen flackern zu sehen und seine ausladenden Tanzbewegungen beim Moderieren, ohne sich zu fragen, was für Drogen man wohl nehmen muss, um so zu werden. Oder auch: welche Drogen man nicht mehr nehmen muss, um so zu werden.
Es ist leicht, hypothetische Antworten auf diese Fragen zu formulieren, weil Stuckrad-Barre mit seinem früheren Drogenkonsum und dem schwierigen Entzug sehr offen umgegangen ist, Dokumentarfilm, SPIEGEL-Gespräch und "Beckmann"-Besuch inklusive. Das bedeutet jedoch nicht, dass er es nun hinnehmen möchte, wenn Leute in bösartiger Weise seinen früheren Drogenkonsum herbeizitieren.
Der "Berliner Kurier" hat das getan, etwas plump und in zwei fehlgeleiteten Annahmen: dass man die Stadt Berlin vor ihren Kritikern wie Stuckrad-Barre in Schutz nehmen müsse. Und dass Stuckrad-Barre an Kokain-Spätfolgen leiden müsse, um schlechte Drehbücher zu schreiben oder merkwürdige Sachen zu sagen. Stuckrad-Barres Anwalt mahnte den "Kurier" ab: Innerhalb von zwei Stunden sei eine Unterlassungserklärung abzugeben; dass die Kokain-Sätze die Persönlichkeitsrechte des Autors "aufs Schwerste" verletzten, bedürfe nicht einmal einer Erläuterung. Der "Kurier" will es auf eine Gerichtsentscheidung ankommen lassen.
Stuckrad-Barre hat schon früher gegen schlechte Witze über sich geklagt, ohne zu merken, dass es da zwei Fragen gibt: ob er im Recht ist. Und ob das klug ist. Noch schädlicher, als immer an seine Drogengeschichten zu denken, ist es nämlich, immer an seine Klagegeschichten zu denken, wenn man ihn sieht oder liest und er das Gefühl großer eigener Radikalität und Skrupellosigkeit vermittelt. In der "Berliner Zeitung" hat er, der unter anderem für die Knallzeitung "B. Z." arbeitet, jetzt gesagt, Boulevard müsse "immer auch mal Kampfhund sein", grenzenlos populistisch. Rückfrage: "Ohne Rücksicht auf Verluste?" Stuckrad-Barre: "Natürlich nicht. Die Menschenwürde gilt es durchweg zu achten." Es las sich wie im Nachhinein reinredigiert.

DER SPIEGEL 7/2012
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