18.02.2012

STARS

Die Wechseljahre

Von Hujer, Marc

Sein ganzes Leben wollte er immer höher hinaus, nun hat Arnold Schwarzenegger den Gipfel seiner Karriere überschritten. Er steht vor der größten Herausforderung eines Terminators: dem Alter. Von Marc Hujer

Im Radio laufen noch die Sondersendungen über seinen Besuch, über die schlechte Organisation der Museumseröffnung in Thal, über den schrecklichen Regen und die völlig durchnässten Fans, da sitzt Arnold Schwarzenegger schon in seinem Privatflugzeug und blickt zurück auf Graz, seine Heimat, die er gerade verlassen hat.

Die Kritik im Radio stört ihn nicht, sie trifft ja nicht ihn. Er findet, sie ergibt sogar eine gute Geschichte. Sie macht schließlich die Kontraste deutlich: seine Größe als Weltstar und die Zweitklassigkeit der Provinz. Und so sitzt er in seinem Sessel, zufrieden, lässt sich von der Flugbegleiterin Schokokekse bringen; aber dann, plötzlich, kommt sie doch, Schwarzeneggers Frage.

"Und? Wie fanden Sie es?"

Adam Mendelsohn, sein Pressesprecher, hatte sich soeben gesetzt, erleichtert, dass Österreich hinter ihm liegt, der Teil der Reise, auf der sein Chef jedes und er kein Wort versteht, weil er kein Deutsch spricht. "Es war großartig", sagt er.

"Großartig?" Schwarzenegger macht eine lange Pause. Ihm gefällt die Antwort nicht, weil sie den Eindruck erweckt, dass sich da einer schnell aus der Affäre ziehen will, dass dieses positive Feedback Mendelsohn vor allem dazu dient, nicht weiter belästigt zu werden. "Großartig, das ist alles, was mein Kommunikationschef mir zu sagen hat?", fragt Schwarzenegger. "Wozu habe ich einen Kommunikationschef? Ich möchte eine komplette Zusammenfassung - und, wie immer, alles mit positivem Grundtenor."

Als er eben noch durch sein Geburtshaus in Thal bei Graz ging, an der Seite von Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann, durch die Zimmer im zweiten Stock, sein Bett zeigte, seine ersten Hanteln, das nachgebaute Modell seines Gouverneursschreibtisches aus Kalifornien, trat er schließlich ans Fenster. Einen Moment verharrte er dort und genoss den Blick auf die Burgruine und den Thalersee, wo ihn vor 50 Jahren Nachbarn zwangen, warmes Schweineblut zu trinken. Und als er da stand und seine Fans unter sich sah, die ihm, obwohl sie völlig durchnässt waren, frenetisch zujubelten, kam ihm der Gedanke, dass er seine Festrede auch von hier oben halten könnte, "wie der Papst".

Nichts konnte seine Stimmung dämpfen in diesen Stunden in Thal. Er hatte seinen ältesten Sohn dabei, Patrick, 18 Jahre alt, dem er alles zeigte, sein Geburtshaus in Thal, den Marktplatz in Graz, die Tegetthoffbrücke, die katholische Pfarrkirche, den Schloßberg und das Modehaus Brühl, in dem er die ersten Bodybuilder-Magazine gelesen hatte, als er so alt war wie sein Sohn jetzt. Er bestellte unglaublich viel Essen, Wiener Schnitzel, österreichische Spezialitäten, und als alle schon satt waren, ließ er noch Kaiserschmarrn bringen. Er feierte seine Heimkehr, und zwischendurch schickte er seiner Noch-Ehefrau Maria Fotos per SMS, die ihn mit dem gemeinsamen Sohn zeigen, vor der Kulisse seiner Heimat. Als hätte sich nichts verändert. Als wäre er noch immer der Alte, der große Schwarzenegger, dem alles gelingt.

Als er Anfang vergangenen Jahres zugeben musste, dass er ein Kind mit seiner Haushälterin gezeugt hatte, war er plötzlich kein Gewinner mehr, kein dreister Held, sondern armselig, nicht mehr groß. Es war nicht nur der ultimative Betrug an seiner Frau, der alle empörte und ihm das erste Mal die Erfahrung bescherte, nicht mehr einfach so davonzukommen, trotz aller Unverschämtheiten weiter geliebt zu werden. Alle Sympathien galten seiner Frau, und er stand da wie einer, der seine männliche Macht missbraucht hat. Seine politischen Ambitionen konnte er nach der Enthüllung vorerst vergessen. Er musste Filmprojekte stoppen. Er legte Pläne auf Eis, eine Comic-Serie zu starten. Wochenlang tauchte er unter, trat leise auf.

Nun ist Schwarzenegger auf Reisen: Amerika, Österreich, Spanien, Bulgarien und wieder zurück nach Amerika, alles in einer Woche, umgeben von seiner stets gutgelaunten Entourage, seinem ältesten Sohn Patrick, seinem Neffen Patrick Knapp, Finanzberater Paul Wachter, Pressesprecher Adam Mendelsohn und seinem persönlichen Assistenten Daniel Ketchell, der mit seinem iPhone ständig Fotos macht, um sie auf Twitter zu stellen.

Es ist eine Reise, die ihn an alle Stationen seines Lebens zurückbringt: seine Kindheit, seine Jugend, seine Karriere als Bodybuilder, Filmstar und Politiker. In Österreich eröffnet er ein Museum, in Spanien eine Bodybuilding-Messe, in Sofia spielt er eine Nebenrolle in einem Film mit alten Kumpels, und schließlich kehrt er nach Amerika zurück, um in New Mexico in einem Actionthriller seine erste Hauptrolle nach sieben Jahren als Gouverneur von Kalifornien zu übernehmen. Es soll ein Neuanfang werden, aber überall trifft er nur auf das Leben, das er schon gelebt hat. Er ist der Ex-Bodybuilder, der Ex-Terminator, der Ex-Gouverneur und Ex-Ehemann, der jetzt irgendwie weitermachen muss.

Als Schwarzenegger in Madrid ankommt, der zweiten Station seiner Reise, wird er im Rathaus empfangen, und die Menge der Journalisten ist so groß, das Gedränge der Fotografen so beeindruckend, dass Mendelsohn nach einem Fotografen sucht, der die anderen Fotografen fotografiert, den alten Glanz, das Gedränge, die Begeisterung, die es noch immer für Schwarzenegger gibt. Überall wird er hier überschwänglich begrüßt, vor allem von den Fans, die in der Madrider Kongresshalle warten, bei der Veranstaltung, die seinen Namen trägt: "Arnold Classic Europe". Mendelsohn sagt, er habe so was noch nicht erlebt, und hält dauernd sein BlackBerry in die aufgeregte Menge, damit, wie er sagt, man ihm das zu Hause überhaupt glaube.

An diesem Tag in Madrid fühlt sich alles noch einmal an wie früher. Schwarzenegger badet in der Menge, schiebt sich durch die drückenden, schwitzenden Körper und macht plötzlich kehrt, um sich in die ihm folgende Masse zu drücken, als könne er von dem Gedränge nicht genug bekommen. Überallhin folgt ihm Patrick, sein Sohn, trinkt die Eiweißdrinks mit ihm, posiert mit durchtrainierten Blondinen. Er hat die maschinenhafte Ruhe seines Vaters geerbt, ein Terminator mit Milchgesicht, der, wie sein Vater, mit wenigen Worten auskommt und sich Gefühle nicht anmerken lässt.

Schwarzenegger redet auf seiner Reise viel über das Alter, ihn interessiert die Gesundheit seiner alten Weggefährten, der Blutdruck, das Sexleben im Alter, der Haarausfall seiner Begleiter. Aber er klingt dabei nicht nachdenklich, er witzelt und stichelt. "Es ist lustig", spottet er bei einem Mittagessen in Madrid, "wenn ich so in die Runde schaue und die jungen Leute sehe, die kahl werden."

Schwarzenegger sieht gut aus, trainiert, tadellos für einen Mann mit 64. Er bewegt sich noch immer wie in seinen Filmen, tapsend, er schiebt sich mehr vorwärts, als dass er geht, wie in Zeitlupe, als würden seine Gesten von einer Maschine kontrolliert.

Aber er hat Grenzen erreicht, die er früher nicht kannte, mehr Falten, eine höhere Stirn, Schulterschmerzen, und das Maß, an dem er sich messen muss, ist die Erinnerung an seine großen Filme, an "Conan" und "Terminator", und natürlich an das Bild, das auf der Messe überall über ihm hängt und ihn als 40-Jährigen zeigt, strahlend, faltenlos, überlebensgroß, wie in einer Zahnpastawerbung.

Am Abend besucht Schwarzenegger die Endausscheidung um den Bodybuilder-Titel der Männer. Er sitzt in der ersten Reihe, auf einem Ehrenplatz, und klatscht versonnen, wenn die Finalisten posieren, Doppelbizeps-Pose, Lat Spread, die seitliche Brustpose.

Es sind stiernackige Monster, Übertreibungen der Figur, die er selbst einmal hatte, aber doch sind sie irgendwie seine Schöpfung. Sie glauben an ihn, eifern ihm nach. Er ist noch immer der Gott dieses Sports, 30 Jahre nach seinem letzten Mr.-Olympia-Titel. Und in diesem Moment wünscht er sich ein Foto von sich, wie er da unten im Publikum auf seinem Ehrenplatz sitzt und seine Schöpfung betrachtet. Er ruft einen Fotografen zu sich. Er solle doch auf die Bühne gehen, hinter die posierenden Muskelberge, und von dort aus ein Bild von ihm machen.

Er hat, wie er später sagt, ein altes Foto von sich im Sinn, eines seiner Lieblingsbilder aus der Zeit, als er noch Bodybuilder war. Es ist auch von hinten aufgenommen. Er steht auf der Bühne, posiert, und das Scheinwerferlicht fällt so, als trüge er einen Heiligenschein.

Als er nach der Veranstaltung im Aufzug steht, auf dem Weg nach draußen, seine Entourage um sich, will er das Foto sehen, die Champions und er. Der Fotograf zeigt ihm die Serie, ein Bild nach dem anderen.

Aber es ist nicht das, was sich Schwarzenegger vorgestellt hat. Das Licht reichte nicht für ihn aus, der Kontrast war zu groß für die Kamera. Man sieht nur die muskulösen Körper der Champions, das blendende Bühnenlicht, aber da, wo das Publikum sitzt, wo er sich sehen wollte, ist nur ein Schatten geblieben.

Als er ins Hotel zurückkehrt, ins Ritz, lädt er noch zu einem Drink in die Lobby ein. Er nimmt auf dem Sofa Platz, um ihn herum sitzt sein Team. "Wo ist Patrick?", fragt Schwarzenegger.

Es ist eine Frage, die er wiederholt auf der Reise stellt, schon bei seinem Spaziergang in Graz, im Museum in Thal und im Gedränge auf der Messe in Madrid, jedes Mal, wenn er ihn kurz aus den Augen verlor. Er möchte ihn dauernd neben sich haben.

"Er ist im Fitnessstudio", sagt sein Assistent. "Er trainiert."

Schwarzenegger freut sich darüber, und er fängt an, von den Muskeln zu erzählen, die sich sein Sohn schon antrainiert hat. Vor zwei Jahren habe er damit angefangen. Erst habe er ihm nur ein paar Fragen gestellt, dann habe er seine Bodybuilder-Bibel "The New Encyclopedia of Modern Bodybuilding" lesen wollen, die Schwarzenegger drei Tage später in seinem Zimmer entdeckte, vollgekritzelt, überall voller Lesezeichen. "Er hat es richtig durchgearbeitet, richtig studiert, von vorne bis hinten", sagt Schwarzenegger.

Er entdeckt überall Parallelen, mögliche Spuren von sich in seinen Kindern. Auch bei seiner Tochter. "Es mag verrückt klingen", sagt Schwarzenegger stolz, "aber meine Tochter Katherine lässt sich nur auf Jungs ein, die wie ich einen Akzent haben."

Am nächsten Abend sitzt er wieder im Ritz in der Lobby. Er ist diesmal ein bisschen schlecht gelaunt, aber dann fragt der Fotograf, der mitgereist ist: "Governor, wie schaffen Sie es eigentlich, dass Ihre Schuhe so glänzen?"

Seine Leute kennen den Trick. Um ihn in bessere Laune zu versetzen, muss man über Herrenschuhe reden, sein Lieblingsthema. "Die Schuhe waren schon so glänzend, als ich sie gekauft habe", gibt er bereitwillig Auskunft, ernst, ohne Ironie. Und plötzlich hellt sich seine Miene auf, er kommt richtig in Fahrt und fängt schließlich an, von alten Zeiten zu reden, damals, als er sich seine Zeit mit Streichen vertrieb, als er Freunden noch ein Stück Stinkekäse in die Lüftung ihres Autos steckte und sich tagelang darüber freuen konnte, wie sie den Gestank nicht mehr loswurden.

Alle sind erleichtert über den Stimmungswechsel und wollen jetzt etwas beitragen zu seinem Vergnügen. Sie kennen viele Geschichten mit ihm, vor allem Wachter, sein Finanzberater, der schon 1981 mit ihm zusammen nach Lech am Arlberg in den Skiurlaub gefahren ist. "Arnold", fragt er, "darf ich auch Lech erzählen?"

Späße mit seinen Kumpels hat Schwarzenegger stets geliebt. In gewisser Hinsicht hat ihn genau das berühmt gemacht. Er ist groß geworden, ohne erwachsen zu werden, der ewig Unterschätzte, der am Ende alle überraschte. Er ist damit jahrelang durchgekommen.

Nach zweieinhalb Tagen in Madrid fliegt er weiter nach Sofia, wo er Sylvester Stallone, seinem alten Kumpel und Widersacher, einen Gefallen tun will. Stallone dreht dort "Expendables 2", die zweite Folge seines Spektakels, in dem die alten Actionhelden der achtziger Jahre auftreten: Stallone, Bruce Willis und Jean-Claude Van Damme, die Opas des Actionfilms. Er hat ihm versprochen, vier Tage zu drehen, wieder den Helden zu geben, der er einmal war.

"Ich bin auf der Suche nach dem neuen It", sagt Schwarzenegger im Flugzeug. Er weiß, dass die Menschen mehr von ihm erwarten als nur einen neuen Film. "Aber man muss einfach weitermachen, dann kommt das Neue schon irgendwann." Er hasst Stillstand, und er hasst es, dass er bald 65 wird und viele seiner Zuschauer den Eindruck gewinnen, sein Leben liege hinter ihm, und es bleibe nur der Blick zurück. "Wenn man auf dem Mount Everest steht", sagt Schwarzenegger, "kann man nicht einfach stehen bleiben, die Aussicht genießen und jemanden mit dem Handy anrufen und ihm von der tollen Aussicht erzählen. Sonst erfriert man da oben."

Aber er steht nicht mehr auf dem Gipfel. Er ist schon auf dem Weg nach unten.

Er holt sein iPad heraus, das ihm Ketchell eingerichtet hat. Er liest darauf gerade ein Skript für einen Film über Eugen Sandow. Wenn er 2003 nicht Gouverneur geworden wäre, hätte er schon längst einen Film über ihn gedreht. Jetzt denkt er wieder daran.

Eugen Sandow war ein nach England immigrierter Muskelmann aus Königsberg, geboren im 19. Jahrhundert. Er soll Ketten gesprengt haben, Pferde liefen über seinen Brustkorb, er puderte sich mit Kalk ein, um wie eine griechische Marmorstatue auszusehen. Die Königin war begeistert von ihm. Jeden Tag liest Schwarzenegger ein paar Seiten auf seinem iPad, und jeden Tag wird ihm klarer, wie viele Parallelen es gibt zwischen ihm und Sandow. "Ohne es zu wissen, habe ich sein Leben kopiert."

Eine halbe Stunde redet Schwarzenegger über Sandow, bis er schließlich zum Tod Sandows kommt, einem Heldentod. "Er starb an der Stärke, die ihn groß gemacht hat", sagt Schwarzenegger.

Er sei mit einer Postkutsche unterwegs gewesen, die vom Weg abkam, die Böschung herunterkippte und ein Kind unter sich begrub. Sandow habe die Kutsche angehoben, das Kind gerettet, und in diesem Moment habe ihn der Schlag getroffen, und er war tot. "Folgen Sie mir noch?", fragt Schwarzenegger gereizt, weil sich Mendelsohn, sein Pressesprecher, in diesem Moment nach vorn ins Flugzeug zu den anderen davonstehlen will. "Nur damit es klar ist: Sie wollen doch nicht den wichtigsten Teil der Geschichte verpassen."

Und dann erzählt Schwarzenegger den Teil der Geschichte, in dem es um die andere Seite des Lebens Sandows geht, die Kehrseite seines vermeintlichen Heldenlebens.

"Sandow hat nackt Modell gestanden", sagt Schwarzenegger. "Und seine Frau, eine Frau aus besserer Gesellschaft übrigens, hat sich so sehr dafür geschämt, dass sie ihn anonym begraben ließ. Sie wollte, dass er ausgelöscht wird." Es ist die letzte Parallele zu seinem Leben, die Angst, dass auch sein Lebenswerk ausgelöscht werden könnte durch die peinliche Affäre. Aber Schwarzenegger wäre nicht Schwarzenegger, wenn er nicht an einen Ausweg glaubte, an eine Erlösung von diesem Makel. "Ich habe Sandows Grab suchen lassen", sagt er, "und wir haben es gefunden. Ich habe einen neuen Grabstein errichten lassen." 10 000 Dollar hat er dafür ausgegeben, weil er glaubte, so Sandows Ehre wiederherzustellen, das Vermächtnis seines Bruders im Geiste. Jetzt geht es um seine Ehre.

"Wie geht denn noch mal dieser Spruch von Conan?", will einer der Mitreisenden von ihm wissen. Schwarzenegger nutzt die Vorlage gern: "Vernichte deine Feinde, und höre das Wehklagen ihrer Frauen." Alle lachen wieder, als er das sagt. Gleich, nach der Landung in Sofia, ist er wieder zurück am Filmset, zurück in seiner Karriere, die er vor 42 Jahren mit "Hercules in New York" begonnen hatte und die er 2003 beendet zu haben schien, als er "Terminator 3" drehte und dann Gouverneur von Kalifornien wurde.

Das Erste, was Sylvester Stallone nach seiner Ankunft zu ihm sagt, ist, dass es nicht so weitergehen könne, er einfach nicht mehr richtig gut aussehe, wie ein alter Mann. Und ohne Einlagen wirke Schwarzenegger viel zu klein, und seine Stirn werde langsam höher. Sie reden miteinander wie zwei Männer in den Wechseljahren.

Schwarzenegger stapft die Stufen zu seinem Wohnwagen empor, den er am Filmset bewohnt, und bevor er sich in den Massagestuhl fallen lässt, den er sich dort aufstellen ließ, sagt er: "Er hat mir empfohlen, mich mit Einlagen zwei Inches größer zu machen, und er hat da einen, der das Problem mit meinen Haaren beheben kann."

Er tut so, als könne ihn Stallones Bemerkung nicht treffen, als könne er ihn ruhig für zu klein und zu alt halten. "Entweder hat man ein Fernsehgesicht, oder man hat es nicht", sagt Schwarzenegger ganz lässig. "Schauen Sie Clint Eastwood an: Er hat es auch geschafft, mit Würde älter zu werden." Und damit, scheint es, ist der Zwischenfall für Schwarzenegger schon erledigt.

Aber zwischen Schwarzenegger und Stallone ging es immer darum, wer der Größte ist, wer den nächsten Punktsieg landet, wer den größeren Wohnwagen am Set hat, die größere Suite im Hotel Kempinski oder wer sich - wie letzte Woche in Los Angeles - als Erster der beiden die Schulter operieren lässt. Und obwohl Schwarzenegger hier in Sofia nicht den Eindruck erweckt, dass er eine Rechnung offen habe, sinnt er schon auf Rache.

Es dauert nicht lange, da bekommt er seine Chance. Ein Gesandter Stallones klopft an der Wohnwagentür. Er kommt mit einem Karton Uhren vorbei, die Schwarzenegger im Film tragen soll. "Darf ich Ihnen ein paar Uhren zeigen?", fragt er unterwürfig.

Schwarzenegger lässt sich die Kiste bringen, er nimmt jede Uhr einzeln heraus, hält sie sich an sein Handgelenk, das so breit ist wie die Wade anderer Leute, betrachtet sie eingehend, und jedes Mal rümpft er die Nase. "Das trägt man beim Handelskammertag in San Francisco", sagt er über die erste Uhr. Und bei der zweiten spottet er: "Frauen-Bodybuilding-Weltmeisterschaft".

Keine Uhr, das wird schnell klar, ist ihm gut genug, um seine eigene zu ersetzen, und als Stallones Gesandter die Wohnwagentür wieder hinter sich geschlossen hat, zeigt Schwarzenegger, was eine richtige Uhr ist, eine Schwarzenegger Tank Watch, die Schwarzenegger-Panzer-Uhr, die er trägt und die sehr beliebt ist unter seinen Freunden. Vorhin habe er Stallone diese Uhr gezeigt, erzählt er. Stallone hat sie mit seiner verglichen, und Stallone hasste die Uhr. "Und wissen Sie, warum?", fragt Schwarzenegger. "Weil sie größer als seine ist."

Nach acht Tagen Europa kehrt er wieder nach Amerika zurück. Zwei Tage wird er zu Hause in Los Angeles sein, dann fliegt er nach Albuquerque in New Mexico, wo er seit "Terminator 3" seine erste Hauptrolle spielen wird, den Kleinstadt-Sheriff Ray Owens, der es mit einem Drogenboss aufnehmen muss.

Es geht jetzt darum, sein Andenken zu bewahren, an den Schwarzenegger, den alle Welt kennt, den Macho und Kraftmeier, den jungen Schwarzenegger, den sie in Österreich vor seinem Museum in Bronze aufgestellt haben. Und deshalb kommt er noch einmal auf den ersten Tag der Reise zu sprechen, den Tag der Museumseröffnung in Thal und seine Statue.

Die Statue, das ist er, wie er sich sieht, sein Vermächtnis, fast einen Meter größer, als er in Wirklichkeit ist. Sie zeigt ihn in der Dreiviertelrückenpose, den Bizeps nach oben eingeschwenkt, die Brustmuskeln angespannt, und dann, weiter unten, der eingezogene Bauch und die Taille, die durch die Vierteldrehung des Oberkörpers schmaler aussieht. Die Dreiviertelrückenpose ist die Zusammenfassung seines gesamten Lebens in einer einzigen Figur.

Alles was die österreichischen Museumsdirektoren und ihre Helfer hätten machen müssen, war, diese Statue, die unter seiner Aufsicht von einem Künstler in Idaho gegossen wurde, im richtigen Winkel aufzustellen, so dass der Kontrast von Brustkorb und Taille am besten zur Geltung kommt.

Aber als er am Morgen zu seinem Geburtshaus gefahren war, hatte er gesehen, dass die Statue im falschen Winkel stand. Wenn man sich dem Haus frontal näherte, erzählte er, sah man nicht die schmale Taille, den maximalen Kontrast zwischen Unten und Oben und somit nicht den Sinn dieser Pose. Und alle starrten ihn an. Wie konnte das passieren? "They didn't get it", sagte Schwarzenegger damals fassungslos, "sie haben es nicht kapiert."

Er hat jetzt noch einmal mit Österreich telefoniert. Sein Münchner Freund Albert Busek, der Master der deutschen Bodybuilder-Szene, der auch die Statue gesehen hatte, meinte zwar, das mit dem Winkel sei doch egal, weil man einfach um die Statue herumgehen könne, und dann stehe man ja irgendwann im richtigen Winkel.

Aber er hat nicht lockergelassen. Es geht um seine Vergangenheit, und er spürt vielleicht, dass die Statue, die Glorifizierung seines gelebten Lebens, wichtiger ist als seine Zukunft, der nächste Western, den er in Albuquerque dreht. "Sie haben die Statue jetzt umgedreht", sagt er, "sie wird jetzt richtig herum stehen."


DER SPIEGEL 8/2012
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