18.02.2012

Das schlechte Gewissen

ORTSTERMIN: In Köln wird eine angebliche Hexe rehabilitiert.
Vor dem Raum Nr. A-119 im ersten Stock des Kölner Rathauses warten drei ältere Herren auf Einlass. Zwei von ihnen sind Urururururururur-urururururgroßneffen einer Hexe. Der dritte, Hartmut Hegeler, ist eine Art Hexen-Lobbyist.
Innen tagt seit Stunden der vielköpfige Ausschuss für Anregungen und Beschwerden des Stadtrats von Köln. Doch er ist noch immer nicht bei Punkt 3.4. der Traktandenliste angekommen, der Petition zur "Rehabilitation der Katharina Henot und anderer Opfer der Hexen-Prozesse in Köln", eingebracht durch den Petent Hegeler, Hartmut. Derzeit diskutiert die Runde erbittert über den Punkt 3.1., das Bebauungskonzept für den Spielplatz "Räuberwäldchen" in Köln-Sülz, und auch der Bürgerantrag zur besseren Straßenentwässerung beim Südfriedhof wird Anlass zum Reden geben. Zu besichtigen ist leidenschaftliche Lokaldemokratie. Vor der Tür bittet derweil eine Hilfskraft der Verwaltung die Antragsteller im Vorraum um Verzeihung für das lange Warten, worauf Hartmut Hegeler großzügig sagt, die Hexen-Prozesse seien ja nun bald 400 Jahre her, "da kommt es auf die paar Minuten nicht an".
Katharina Henot wurde am 19. Mai 1627 in Köln-Melaten erdrosselt und verbrannt, weil sie eine Raupenplage über ein Kloster gebracht, ein Kind totgezaubert, Rutengängerei betrieben und nichtehelichen Umgang mit ein paar Grafen gehabt hat. Es gab dafür allerdings keine Beweise. Und die einzige Belastungszeugin war eine ihrerseits vom Teufel besessene Nonne. Auch ein Geständnis wollte die Angeklagte trotz intensiver Folter nicht ablegen.
"Die Katharina war eine standkräftige Frau", sagt Hanns Joachim Hirtz, Nachfahre in 15. Generation, ebenso wie Karl-Josef Münch, der gerade einer Lokalreporterin in den Notizblock diktiert, dass seit dem damaligen Justizmord ein "Damoklesschwert" über der Familie hänge, dann aber sagt, "streichen Sie das mit dem Schwert, das passt nicht". Münch ist gewesener Bundeswehr-Oberstleutnant, sein Hobby ist die Familienforschung. Er erzählt, dass auch der BAP-Sänger Wolfgang Niedecken kürzlich entdeckt habe, dass er von einer verbrannten Hexe abstamme. Mitunterzeichnet wurde die Petition übrigens von der Kölner Mundartgruppe Bläck Fööss, die mal ein Lied zum Thema gedichtet hat: "Salve Katharina in memoriam / du bes für uns die Königin / Salve, Salve Regina Katharina / du läävs en unserm Hätze dren."
Man könnte das alles für einen raffinierten Karnevalsscherz halten, draußen vor dem Dom stehen ja schon die Jecken rum, bald ist Rosenmontag. Fast hofft man, dass Hartmut Hegeler, pensionierter Pfarrer und Religionslehrer aus Unna, der nun endlich vor den Ausschuss treten darf, um sein Plädoyer zu halten, gleich eine alberne Mütze auf den Kopf setzt und "Alaaf! Alaaf!" ruft.
Tut er aber nicht. Die Sache ist ihm ernst. Und dass es in Köln bereits eine Katharina-Henot-Straße, eine Katharina-Henoth-Schule und eine Katharina-Henot-Statue am Rathausturm gibt, genügt ihm nicht. Zwar will er keine juristische Rehabilitation und stellt keine Geldforderungen, aber er möchte, dass Politik und Kirche offizielle Sätze sagen, die mit "Wir bedauern, dass" beginnen.
Hegeler hat die Wiederherstellung der Hexen-Ehre zu seiner Mission gemacht, seit zehn Jahren publiziert er Bücher zum Thema, hält Vorträge, gründet Arbeitskreise. Der dynamische 65-Jährige ist ein wandelndes Argument für die Erhöhung des Rentenalters. Doch statt Religionsschüler unterrichtet er jetzt Politiker, und damit seine Botschaft ankommt, zieht er Parallelen bis in die Gegenwart: "Hexen waren Sündenböcke, das ist auch heute bei den Mobbing-Opfern noch ähnlich."
Schon 13 Gemeinden in Deutschland haben inzwischen laut Hegeler die Opfer von Hexen-Prozessen rehabilitiert, viele weitere arbeiten daran. Man darf von einem eigentlichen Trend sprechen. In Wiesbaden hat sich die Fraktion Linke&Piraten für die Hexen ins Zeug gelegt und darauf hingewiesen, dass noch heute "bekanntlich jede vierte Frau in Deutschland Opfer häuslicher Gewalt wird". Im Düsseldorfer Rat gab es eine Schweigeminute, die von der CDU-Fraktion mit der Begründung boykottiert wurde, das Hexen-Gedenken sei ungerecht "jenen gegenüber, denen in anderen Jahrhunderten Unrecht geschah". Richtig, da wären ja etwa noch die von der Inquisition hingerichteten Ketzer. Oder die von den Germanen grundlos versklavten Kelten. Es gibt bestimmt viele unentdeckte Opfergruppen. Nicht, dass Deutschland irgendwann das schlechte Gewissen ausgeht.
"Das Unrecht darf nicht das letzte Wort haben", ruft Hegeler zum Schluss in den Saal. Der Ausschuss entscheidet beinahe diskussionslos und einstimmig, den Antrag Nr. 02-1600-87/11 gutzuheißen. Kostet ja nichts. Außerdem will man endlich zum Punkt 3.5. der Tagesordnung kommen, der mehr Zunder verspricht: Es geht um die Vergabe der Standplätze für die Maronenverkäufer in der Innenstadt durch Losentscheid.
Von Guido Mingels

DER SPIEGEL 8/2012
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