18.02.2012

KUBASchatten von gestern

Zwischen den Regierungen in Washington und Havanna herrscht wieder Eiszeit. Schuld daran ist eine Agentenaffäre, die jede Entspannung verhindert.
Am schlimmsten spürt sie die Einsamkeit an ihrem Hochzeitstag. Da zieht sich Adriana Pérez, 42, in ihre Wohnung in Havanna zurück und küsst das Foto ihres Mannes Gerardo Hernández, 46. Gesehen hat sie ihn zum letzten Mal vor 14 Jahren. Gelegentlich darf sie ihm eine E-Mail schicken, ihre Liebesbriefe erhält er oft erst nach Monaten, das FBI liest mit.
Mit 16 hatte sie Gerardo kennengelernt, er war ihre erste Liebe. Seit 23 Jahren sind sie verheiratet. Adriana ist eine schöne Frau mit dichtem schwarzem Haar und dunklen Augen. Sie weiß nicht, ob sie ihren Mann jemals wiedersehen wird. Die amerikanische Regierung verweigert ihr die Einreise.
Hernández sitzt in einem Hochsicherheitsgefängnis in Kalifornien, zusammen mit Drogenhändlern, Mördern und ande-
ren Schwerverbrechern. Sein Vergehen: Er leitete ein geheimes Netz kubanischer Agenten in den USA. Im Auftrag von Fidel Castro infiltrierte er Anfang der neunziger Jahre radikale Organisationen von Exil-Kubanern in Florida.
Nachdem der Agentenring 1998 aufgeflogen war, wurde fünf Spionen in Miami, der Hochburg der Castro-Gegner, der Prozess gemacht.
Das Verfahren glich einer Hexenjagd: Radikale Exil-Kubaner bedrängten die Jurymitglieder, in den Korridoren des Gerichtsgebäudes kam es zu Tumulten. "Es gab Journalisten, die für ihre Berichterstattung über den Prozess vom Außenministerium bezahlt wurden", behauptet Richard Klugh, Hernández' amerikanischer Anwalt. "Das Verfahren war total politisiert."
Die fünf wurden wegen "Verschwörung zur Spionage" zu hohen Haftstrafen verurteilt, Hernández erhielt zweimal Lebenslänglich, weil die Richterin ihn auch für den Abschuss von zwei Flugzeugen der Anti-Castro-Organisation "Hermanos al Rescate" im Jahr 1996 verantwortlich machte.
In Kuba werden die fünf als Nationalhelden verehrt. Überall im Land mahnen riesige Plakate an "Gerardo, Ramón, Antonio, René und Fernando". Revolutionsführer Fidel Castro erinnert bei jeder Gelegenheit an das Schicksal seiner Kundschafter. Als er vor zwei Wochen in Havanna den ersten Teil seiner Memoiren vorstellte, telefonierte er vor laufenden Kameras mit einem der fünf.
Der Alte hat die Rückkehr der Agenten zu seinem persönlichen Anliegen gemacht. "Ohne ihre Freilassung gibt es keine Normalisierung der Beziehungen zu den USA", sagt Ricardo Alarcón, der Präsident der kubanischen Nationalversammlung, dem SPIEGEL. "Sie haben keine Staatsgeheimnisse verraten oder die Sicherheit der USA gefährdet."
Der Streit um die alte Affäre ist das größte Hindernis für eine längst überfällige Entspannung im Verhältnis zwischen den ungleichen Nachbarn. 22 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer herrscht wieder Eiszeit zwischen Washington und Havanna. Das Wirtschaftsembargo, genau ein halbes Jahrhundert alt, wird auf absehbare Zeit nicht gelockert, umgekehrt fallen die dringend benötigten kubanischen Wirtschaftsreformen mit dem Hinweis auf die Gefahr aus dem Norden zögerlicher aus als erwartet.
Auch die Propagandaschlacht läuft wieder auf Hochtouren: Im vergangenen Jahr verurteilten die Kubaner den Amerikaner Alan Gross in Havanna. Der IT-Spezialist hatte versucht, Hightech-Kommunikationsgeräte ins Land zu schmuggeln. Neben Dutzenden Handys und Laptops hatte er einen Chip für Internet-Satellitenverbindungen dabei, wie er nur von amerikanischen Diensten benutzt wird. Ein Gericht verurteilte ihn wegen Staatsgefährdung zu 15 Jahren Gefängnis.
Gross behauptet, er habe im Auftrag der staatlichen amerikanischen Entwicklungsorganisation USAID gehandelt, die Geräte seien für die jüdische Gemeinde in Havanna bestimmt gewesen. Die jüdische Gemeinde bestreitet das.
In den USA wird jetzt über einen Austausch des Amerikaners gegen die fünf kubanischen Agenten spekuliert, aber zunächst soll Kuba Gross freilassen. "Wir werden keine einseitige Vorleistung bringen", wiegelt Parlamentspräsident Alarcón ab.
US-Präsident Barack Obama könnte die inhaftierten Kubaner begnadigen. Einer seiner Vorgänger, Jimmy Carter, hat sich voriges Jahr für ihre Freilassung eingesetzt. Der ehemalige britische Premierminister Gordon Brown hat das Thema 2010 bei einem Treffen mit US-Außenministerin Hillary Clinton zur Sprache gebracht, wie aus diplomatischen Berichten hervorgeht, die der Internetplattform WikiLeaks zugespielt wurden. Religiöse Gruppen in den USA, Hollywood-Stars und mehrere Nobelpreisträger treten für die Freilassung ein.
Hernández' Frau Adriana führt die Kampagne für die Heimkehr der fünf an, sie hat auch im Vatikan vorgesprochen. Sie hofft, dass Papst Benedikt XVI. sich für eine humanitäre Lösung einsetzt, wenn er Ende März nach Kuba kommt. "Die katholische Kirche kennt das Thema gut", bestätigt Alarcón.
Doch bislang verhindert eine Hardliner-Fraktion der Exil-Kubaner in Florida die Freilassung. Vor allem in Wahlkampfzeiten scheint eine Aufweichung der Fronten unmöglich: Jeder Präsidentschaftsbewerber der Republikaner muss sich persönlich bei der Anti-Castro-Lobby in Miami vorstellen. In diesem Jahr sprechen sich fast alle Bewerber dafür aus, das Wirtschaftsembargo beizubehalten oder noch zu verschärfen.
In seinem Buch "Die letzten Soldaten des Kalten Kriegs" beschreibt der brasilianische Bestsellerautor und Kuba-Kenner Fernando Morais den Schattenkrieg zwischen Exil-Kubanern und Castristen in Miami, dem die fünf Kubaner und der Amerikaner zum Opfer fielen. "Das Drehbuch könnte von John le Carré stammen", sagt Morais. Es wimmelt von Maulwürfen, falschen Identitäten, Sabotageaktionen und Verdächtigungen.
Castro hatte seine Agenten nach Florida geschickt, um die Aktivitäten einer Gruppe radikaler Exil-Kubaner um den Terroristen Luis Posada Carriles auszukundschaften. Der war in mehrere Mordanschläge auf Fidel Castro verwickelt und hatte 1976 einen Anschlag auf ein kubanisches Verkehrsflugzeug vorbereitet, bei dem 73 Menschen starben. Kurz: Der Mann gilt als Legende unter den militanten Castro-Gegnern.
Die Mission der Agenten war so geheim, dass nicht einmal ihre Frauen davon wussten. "Ich dachte, Gerardo wäre auf einem Regierungseinsatz in Argentinien", erzählt Adriana. Hernández reiste mit einem puertoricanischen Pass unter falschem Namen nach Miami. Seine Kollegen täuschten die Flucht nach Florida vor.
Bei ihrer Ankunft in Miami wurden die vermeintlichen Flüchtlinge als Helden gefeiert. Zwei von ihnen ergatterten Jobs als Piloten bei der Organisation "Hermanos al Rescate" des Castro-Gegners José Basulto. Mit seinen Cessnas war er mehrmals bis nach Havanna geflogen und hatte über der Stadt Flugblätter abgeworfen, auf denen zum Sturz Castros aufgerufen wurde. 1996 schossen dann kubanische MiG-Kampfflugzeuge zwei von Basultos Cessnas ab, die vier Insassen kamen ums Leben. "Castros Spione haben uns verraten", sagt Basulto heute.
Zwei Jahre später flog der Agentenring auf. "Mitten in der Nacht stürmten Polizisten unser Haus", erinnert sich Margaret Becker, die Freundin des Kubaners Antonio Guerrero. Das Paar lebte auf den Florida Keys, rund 200 Kilometer Luftlinie von Havanna entfernt.
Doch längst nicht alle Exil-Kubaner billigen die Methoden der militanten Castro-Feinde. Im Gegenteil: Die Propagandaschlachten im gegenwärtigen Krieg der Spione erinnern an Zeiten, die eine Mehrheit der Kubaner auf beiden Seiten der Florida-Straße seit langem überwunden glaubte.
Ramón Saúl Sánchez, der mehreren terroristischen Organisationen angehörte und in den achtziger Jahren vorübergehend im Gefängnis saß, will nur noch mit friedlichen Mitteln demonstrieren: Er organisiert eine "Flotte für die Freiheit" zum Papstbesuch. Wenn Benedikt am 28. März in Havanna die Messe liest, will Sánchez mit seinen Anhängern auf Yachten so nahe wie möglich an die kubanischen Hoheitsgewässer heranfahren und ein Feuerwerk abbrennen, das vom Ufer aus zu sehen ist.
"Wenn sich der Papst mit den Castro-Brüdern trifft, werden die Gegner des Regimes Kerzen und Taschenlampen entzünden", hofft Sánchez. Über 20 "Flotten" hat er schon organisiert, einmal wurde seine Yacht "Demokratie" von kubanischen Marinebooten bedrängt.
Sánchez' größte Sorge gilt kubanischen Maulwürfen: "Ich bin mir sicher, dass Castros Geheimdienst Agenten in meine Organisation eingeschleust hat. Aber wir werden uns nicht provozieren lassen", warnt er seine Anhänger. Waffen sind an Bord verboten, jeder Teilnehmer muss sich schriftlich verpflichten, auf Gewalt zu verzichten.
Den Radikalen auf beiden Seiten käme ein bewaffneter Zwischenfall während des Papstbesuchs gerade recht: Castros Feinde in Miami erhielten neuen Auftrieb für ihren Kreuzzug gegen den Kommunismus, auch die Reformgegner auf der Insel wären wieder überzeugt, dass mit den USA weiterhin kein Auskommen möglich ist.
Für die Familienangehörigen der inhaftierten Agenten wäre eine erneute Konfrontation dagegen tragisch: Sie würde bis auf weiteres jede Aussicht auf die Rückkehr der fünf zunichte machen.
Adriana Pérez, die Frau von Gerardo, ist auf Enttäuschungen vorbereitet: Sie will sich ihren Traum von einem gemeinsamen Kind auf jeden Fall erfüllen, auch wenn ihr Mann nicht entlassen wird. Sie hat die amerikanische Gefängnisbehörden um die Genehmigung für eine künstliche Befruchtung gebeten.
(*) Mit Gerardo Hernández (l.).
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 8/2012
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