18.02.2012

DEBATTEBlaue Blume der Romantik

Ist der Schriftsteller Christian Kracht „der Türsteher der rechten Gedanken“? Sein Verleger antwortet auf einen SPIEGEL-Artikel.
Malchow, 61, leitet seit 2002 den Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch. Dort ist Krachts neuer Roman "Imperium" erschienen. In der vergangenen Woche hatte SPIEGEL-Autor Georg Diez, 42, das Buch besprochen und Kracht, 45, vorgeworfen, sein Roman sei durchdrungen von einer "rassistischen Weltsicht". An Kracht und seinem Werk könne man sehen, "wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream". Der Text von Diez hat eine Debatte über die Methoden der Literaturkritik ausgelöst.
Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich vor einem Jahr voller Neugier das Manuskript von Christian Krachts neuem Roman "Imperium" las. Ich war sofort heftig fasziniert von der Sprache dieses Romans, ich war überrascht von der Leichtigkeit und dem Witz des Textes, von der bisweilen zärtlichen Liebe des Erzählers zu seinen Figuren. Ich staunte wie ein 13-Jähriger über eine Abenteuergeschichte aus der deutschen Kolonialzeit. Ich dachte an Uwe Timms Kolonialklassiker "Morenga", und ich entdeckte, wie in einem Wimmelbild versteckt, alle paar Seiten Dichter und Künstler der Jahrhundertwende wie Franz Kafka, Thomas Mann oder Hermann Hesse (alle ohne Namensnennung, lustig). Ein Buch über Bücher voller Zuneigung zur Kultur dieser Zeit und zur Literatur überhaupt. Klar war: Hier geht es um einen frühen deutschen Aussteiger, der der blauen Blume der deutschen Romantik entstiegen ist, der sich selbst und leider auch die ganze Welt erlösen will und im Wahnsinn, in Einsamkeit und in Selbstzerstörung endet.
Auf gewisse Parallelen zwischen diesem Sinnsucher, der die moderne Zivilisation hasst, die Menschheit durch die Ernährung mit Kokosnüssen erlösen will und am Ende zum fanatischen Antisemiten wird, und einem anderen - monströsen - deutschen Verrückten wäre ich auch allein gekommen, aber ich spürte, dass der manchmal kurios altdeutsch-schulmeisterliche Erzähler, der den Leser darauf extra hinweist, eben auch eine Figur des Romans ist.
Ich habe das Manuskript dann sogleich noch mal gelesen, weil klar war: Das hier ist eine höchst raffinierte künstlerische und das heißt auch künstliche Konstruktion, eine Welt aus Sprache. Das betrifft zuvorderst den Erzähler selbst, der mal wie eine Parodie auf Thomas Mann oder Heinrich von Kleist ("dergestalt") spricht, mal wie ein raunender Märchenerzähler, mal wie ein knarzender Historiker und manchmal auch wie ein Mensch von heute oder wie ein ungeduldiges Kind. Mal schwebt er über dem Geschehen, beschleunigt oder verlangsamt es und kommentiert, mal sitzt er - fast - im Kopf seiner Figuren, nicht nur in dem des historisch tatsächlich verbürgten Protagonisten August Engelhardt, sondern auch im Kopf derer, die dem Aussteiger dort in dem deutschen Kolonialstädtchen Herbertshöhe in der Südsee mit Misstrauen, Herablassung oder auch Sympathie begegnen. Mal holt der Erzähler das Mikroskop heraus und erzählt als kleinen Roman im Roman in Cinemascope und Zeitlupe, wie eine Mücke mit ihrem Stich in den Nacken des Gouverneurs diesen mit Malaria infiziert. Und dann wird er zu einem zweiten Joseph Conrad, der einen tagelangen Sturm auf hoher See so erzählt, dass man als Leser sofort seekrank wird.
Durch diesen Erzähler ist die Geschichte manchmal ein Comic, manchmal ein Melodram, manchmal ein Thriller. Oder ein poetisches Märchen. Und manchmal eine todernste Tragödie.
In diesem sehr gemischten Stück treten sie dann alle auf, die Figuren des deutschen Kolonialimperialismus, ob zu Hause "im Reich" oder in Übersee: schwadronierende Pflanzer, opportunistische Spießer, schlaue Geschäftemacher, Jahrmarktsbetrüger, Nudisten, Hoteliers, dem Irrsinn verfallene Plantagenbesitzer, eingeborene Kolonialpolizisten, schöne Frauen und tätowierte Mädchen. Viele lässt der Erzähler zu Wort kommen, meist in indirekter Rede, und so entsteht für den staunenden Leser ein versunkener Kosmos, aber immer wieder wird er daran erinnert, dass das alles nur eine große Schnurre ist, erzählt von einer Stimme, die keinesfalls immer durchblickt: "Das alte Jahrhundert neigt sich unwirklich rasch seinem Ende zu (eventuell hat das neue Jahrhundert auch schon begonnen) …" Eine Geschichte muss nicht wahr sein, soll Walter Benjamin gesagt haben, sie muss stimmen.
Man muss das so betonen, weil dieser Erzähler alles ist - nur eines nicht: Christian Kracht. Und weil diese rasant erzählte Abenteuergeschichte alles ist - nur kein politisches Manifest von Christian Kracht. Das wussten alle Rezensenten und Vorableser des Buchs, sie setzten es selbstverständlich voraus.
Deswegen war ich wie vom Donner gerührt, als ich im SPIEGEL der vergangenen Woche über Christian Kracht las: "Sein neuer Roman 'Imperium' zeigt vor allem die Nähe des Autors zu rechtem Gedankengut." Und: "An seinem Beispiel kann man sehen, wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream." Mit anderen Worten: Der Roman "Imperium" und sein Autor - ein Fall für den Verfassungsschutz. Mir ging es als Lektor und Verleger des Romans wie Elfriede Jelinek, die auf der Rückseite des Buchs mit einem lustig-liebevollen Zitat vertreten ist und die mir nach der SPIEGEL-Lektüre schrieb: "Ich habe nur gedacht, einer von uns ist verrückt, entweder Herr Diez oder ich."
Und so habe ich den Text mehrmals wiedergelesen, um zu verstehen, wie sich der Roman unter den Augen von Georg Diez zu einem Kassiber für Rassismus und totalitäres Denken wandelt, zu einem Instrument der "Methode Kracht", wie es in der zusätzlich grenzwertigen Überschrift heißt. Das Verfahren ist so banal wie unzulässig: Er setzt Aussagen und Haltungen, die im Roman dargestellt werden, gleich mit Haltungen und Meinungen des Autors:
"Mehr und mehr aber sind Krachts Helden von Auslöschungssehnsucht Getriebene, die sich totalitären politischen Systemen unterwerfen …" Schlussfolgerung: "Er (das heißt Christian Kracht) platzierte sich damit sehr bewusst außerhalb des demokratischen Diskurses." (Dass sich diese Äußerung auch auf Christian Krachts letzten Roman bezieht, den Georg Diez 2008 hoch gelobt hat, ist eine Pointe am Rande.) Und so geht es weiter. Wenn der Erzähler im Roman spricht, so heißt es: "schreibt Kracht". Oder: "Auch hier (das heißt im Roman) wird ein Jude schon mal als 'ein behaarter, bleicher, ungewaschener, levantinischer Sendbote des Undeutschen' bezeichnet." Aber von wem? Vom Autor? Nein, von einer Romanfigur namens Aueckens, die explizit antisemitische Haltungen vertritt. Georg Diez: "Am Ende 'war Engelhardt unversehens zum Antisemiten geworden'." Schlussfolgerung: Kracht auch.
Dabei fragt Georg Diez selbst: "Wer spricht da? … Wer denkt so?" Seine Antwort ist eine pure Unterstellung, da er nichts von seinen Behauptungen belegen kann: "Durch den schönen Wellenschlag der Worte scheint etwas durch, das noch nicht zu fassen ist (!). Das ist die Methode Kracht." Und dann kommt, was kommen muss: Hitler - eine Verharmlosung. Wie kommt Kracht dazu, einen Roman über "Hitler, den 'Romantiker und Vegetarier'" zu schreiben? Ein Hitler "ohne Hakenkreuz und ohne Holocaust". (Leserhinweis zur Beruhigung: Das Hakenkreuz findet man auf Seite 79, den Holocaust auf Seite 231.) Etwa um "die Romantik von ihrem bösen Ende und Erbe zu befreien?"
Es ist in der Tat zum Verrücktwerden: Der Roman erzählt das exakte Gegenteil - eine Parabel über die Abgründe, Verirrungen und Gefahren, die in romantischen deutschen Selbstermächtigungen seit dem 19. Jahrhundert angelegt sind. An vielen Stellen tut er das als - schwarze - Komödie, denn der Zusammenbruch deutscher Traumprojekte, grenzenloser Selbstbefreiung und Fremdbeglückung kann sehr lustig sein. Aber an einer Stelle des Romans wechselt sehr plötzlich der Ton. Der Erzähler teilt ein einziges Mal etwas über sein persönliches Ich mit - es ist der Moment, als er sich für seine Großeltern schämt, weil diese während der Nazi-Zeit "auf der Hamburger Moorweide schnellen Schrittes weitergehen, so, als hätten sie überhaupt nicht gesehen, wie dort mit Koffern beladene Männer, Frauen und Kinder am Dammtorbahnhof in Züge verfrachtet und ostwärts geschickt werden, hinaus an die Ränder des Imperiums, als seien sie jetzt schon Schatten, jetzt schon aschener Rauch". Hier wird plötzlich klar, worin die dunkle Seite der deutschen Romantik auch gipfelte, neben all den anderen harmlosen und schönen Blüten, die sie bis in die Kultur der Gegenwart getrieben hat und treibt. Und an dieser Stelle spätestens hätte Georg Diez umdenken müssen.
Kein seriöser Literaturkritiker, auch nicht Georg Diez, würde Äußerungen des amoralischen Ich-Erzählers Patrick Bateman in "American Psycho" seinem Autor Bret Easton Ellis zuschreiben. Warum aber tut er dies bei Christian Kracht, den man bisweilen mit Ellis verglichen hat? Nie würde er Ellis unterstellen, was er Kracht unterstellt, nämlich diesen Roman geschrieben zu haben, "um den Kern seines Schreibens und Denkens zu kaschieren". Hier aber muss er es tun, da er über den Roman seine Thesen nicht belegen kann: "Bei dieser Frage … helfen die Romane nur bedingt weiter. Kracht kann sich da leicht in seinen Literaturgewittern verstecken." Kein schönes Bild von Literatur, denkt man da und versteht, dass sich viele Autoren, selbst solche, die den Roman gar nicht gelesen haben, wegen dieser "Interpretations"-Methode empört haben.
Und weil er mit der Romanbesprechung hinten und vorn nicht zum Ziel kam, hat Georg Diez dann dem Text einen zweiten Teil angehängt, in dem es unter anderem um nichtliterarische Texte und Mail-Wechsel geht, in denen sich Christian Kracht zu vielen Themen als Schriftsteller geäußert hat. Eine kritische Auseinandersetzung damit ist legitim (obwohl die Herausgeber den Band "Five Years" von Christian Kracht und David Woodard im Vorwort als Literatur bezeichnen, das müsste man berücksichtigen), wenn Georg Diez nicht aus den disparaten, manchmal provokativen, manchmal heftigen Äußerungen (auch über kulturelle Grenzgänger wie William S. Burroughs, Kenneth Anger oder Christoph Schlingensief) eine abwegige politische Agenda herauspräparierte, um diese dann als stählernen Interpretationsdeckel über den Roman zu stülpen und so diesen zu einer Propagandaschrift zu verzerren. So wird aus Literaturkritik der Versuch der Ausgrenzung eines der begabtesten deutschsprachigen Schriftsteller, und aus einer Buchbesprechung wird eine Denunziation, gegen die das Opfer sich nun rechtfertigen muss. McCarthy reloaded.
Von Helge Malchow

DER SPIEGEL 8/2012
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