21.12.1998

KUNSTMARKT

Nymphen aus der Badeanstalt

Von Kronsbein, Joachim

Seit 30 Jahren beliefert ein hessischer Händler Zahnärzte und Rechtsanwälte mit Wandschmuck fürs Wartezimmer. Sein Parade-Künstler: der italienische Weichzeichner Bruno Bruni.

Die Broschüre schwelgt im Lust-Vokabular. Säftelnd offeriert der Text eine nackte Nymphe: "Anmutig" habe die junge Maid mit dem "schönlinigen Körper" ihre "Arme um die angezogenen Beine gelegt, als träume sie von der wärmenden Sonne Italiens". Die Nackerte sei, schwallt es weiter, eine "tägliche Augenweide auf Ihrem Schreibtisch oder in Ihrer Wohnung". Für 590 Mark kommt die "Schöne", ein "Angebot" namens "Mignon", per Post ins Haus: "'Mignon' müssen Sie einfach haben!"

Die süßliche Eloge ist kein Sonderangebot schamloser Mädchenhändler, sondern bloß wabernde Werbung für "Kunst". In einem aufwendigen Farbprospekt, Beilage in überregionalen Zeitungen, wirbt der Offenbacher Kunstverleger Volker Huber, 57, für eine winzige Bronzefigur. Urheber des "erlesenen Kabinettstücks" ist Bruno Bruni, 63. Verleger Huber bringt das OEuvre des Italieners mit Hamburger Wohnsitz seit Jahrzehnten "exklusiv" unter die Leute. Und jedes Werk - ob Plastik oder Lithographie - entsteht in einer Massenauflage.

Genau 5000mal wurde etwa "Mignon" in einem Betrieb bei Regensburg gegossen. Bruni hatte die Figur, die mit ihren 8,5 Zentimetern lichte Höhe gerade mal so hoch ist wie ein Wirtshaus-Salzstreuer, zuvor in seinem Atelier in Plastilin ausgeformt.

Trotz der enormen Stückzahlen verspricht Huber Interessenten neben "Anmut und Sinnlichkeit" generös auch noch ein Geschäft mit der Bonsai-Bronze: "Für die Skulptur eines international bekannten Künstlers können Sie eine schnelle Wertsteigerung erwarten."

Bruno Bruni, der Grafiker und Bildhauer mit lokalem Hamburger Promi-Status, ein international anerkannter Künstler? Die Hoffnung der Käufer auf den großen Schnitt einerseits und die Wirklichkeit des Kunstbetriebs mit seinen Marktgesetzen auf der anderen Seite kommen da wohl schwerlich zusammen. Bruni werkelt nun mal nicht in der Weltliga.

Bedeutende Museen und qualitätsbewußte Privatsammler haben den Künstler nicht auf ihrer Einkaufsliste. Und auch der seriöse Handel schreckt vor seinen handwerklich soliden Arbeiten meist zurück. Zu belanglos sind seine Motive, zu gefällig seine Formen. Und: Die Auflagen seiner Blätter und Skulpturen sind entschieden zu hoch.

Experten halten eine nennenswerte Wertsteigerung für "Mignon" schon deshalb für ausgeschlossen. Renommierte Auktionshäuser - die Seismographen des Kunstmarkts - winken ab. "Kunstgewerbe", lautet schlicht das vernichtende Urteil in der Hamburger Dependance des Branchen-Primus Sotheby's. Der Künstler sei auf dem internationalen Markt in London überhaupt nicht präsent.

Und auch Thole Rotermund, 31, vom Berliner Auktionshaus Villa Grisebach sieht für Brunis massenhaft aufgelegte Druckgrafik keine Chance. Der Experte urteilt kategorisch: "So etwas nehmen wir erst gar nicht zur Auktion an. Brunis Grafiken gibt es ja in jedem besseren Postershop."

Dort hängen die Bruni-Blätter mit ihrer eng umrissenen Thematik haufenweise. Schmeichlerische Blumenarrangements, entblößte Mädchen in lasziven Posen und immer wieder dieselbe, kaum variierte Konstellation: Ein gesichtsloser Mann mit Hut zieht - bedrohlich oder beschützend - eine ebenfalls gesichtslose Lolita in die Falten seines geöffneten Trenchcoats. Alles stets gefällig arrangiert - in sanften Linien und Farben. Die Komposition fügt sich zum harmlos-erotischen Stimmungsbild.

Immerhin gehört der produktive Künstler, der sich im Hamburger Stadtteil Altona eine Badeanstalt von 1870 aufwendig zum Wohnatelier ausgebaut hat, mit seiner zuckrigen Salonkunst wenigstens wirtschaftlich zu Deutschlands reichsten Bildbeschaffern.

Allein Brunis Grafik hat schon vor zehn Jahren einen Umsatz von schätzungsweise 50 Millionen Mark eingefahren. Den Midas der nackten Mädchen wurmt es dennoch, daß die Kunstkritik seine Produktion meist nicht einmal wahrnimmt. Und wenn es doch passiert, dann setzt es gleich die Prügelstrafe: "Avantgarde-Abstinenz" oder "Zahnarzt-Kunst" lauten die harmloseren Vorwürfe. Schlimmer sind Attacken wie "Recke der neuen Süßlichkeit, der sanften Erotik und der aggressiven Selbstdarstellung".

Auch der für ernsthafte Künstler peinlichste aller Vernichtungsschläge bleibt dem Italiener nicht erspart: "Kitsch". Dieses Todesurteil stellt Brunis Weichzeichner-Ästhetik mühelos und unverrückbar in die unterste Abteilung zur Kaufhaus-Kunst. Die Heerscharen von nackten Nymphchen und Mantelträgern wären damit die modischen Wiedergänger von unvergessenen Couch-Ikonen wie dem röhrenden Hirschen, dem zechenden Klosterbruder oder der feurigen Zigeunerin.

Bruni, ein bekennender Box-Fan, holt bei derlei Klassifizierung aufgebracht zum Konter gegen seine Kritiker aus ("Die sollen doch alle einen Herzinfarkt kriegen") und behauptet trotzig: "Ich stelle sowieso lieber bei Karstadt aus als in der Kunsthalle." Außerdem sei sein Reichtum geringer als immer behauptet.

An seiner "Mignon" (Umsatz: knapp drei Millionen Mark) verdiene er nur "ungefähr zehn Mark" pro Stück. Das hält selbst sein Verleger Huber für zu bescheiden: "Da müßte mehr für ihn drin sein." Denn schon ein Drittel des Verkaufspreises von 590 Mark gingen für "Künstlerhonorare und Produktionskosten" drauf.

An Huber, der neben seinem Dukatenesel Bruni auch tendenziell ähnlich süßliche Erotik-Blätter von dessen Lehrer Paul Wunderlich und Arbeiten von Horst Antes im Programm hat, perlen Schmähungen indessen ab. Kitsch, das ist für ihn kein Schimpfwort. Solche Anwürfe treffen ihn nur noch, "wenn sie beleidigend gemeint sind".

Den Primus unter den deutschen Kunstverlegern interessiert statt lästiger Theoriedebatten dagegen das Konsumprofil seiner Stammkundschaft weitaus mehr. Es handle sich bei diesen Kunstfreunden, weiß Huber inzwischen, meist um "Leute, die intellektuell arbeiten, aber auf anderem Gebiet". Eben doch um "den berühmten Zahnarzt oder Rechtsanwalt".

Diese Klientel wolle "direkten Zugang" zum Werk und schätze "eine direkte Ästhetik". 18 000 Namen dieser Direkt-Ästheten verzeichnet mittlerweile die Kundenkartei. Die Mund- und Rechtspfleger verbinde "dasselbe Motiv: die Dekoration".

Für bislang vernachlässigte Freunde dieser Deko-Kunst ist denn auch "Mignon" gedacht. Das Mini-Mädel soll, "niederpreisig und in hoher Auflage", neue Kunden ködern. Denn rund 40 Prozent seiner Ware setzt Huber im Direktvertrieb ab und spart so die 33 Prozent Rabatt, die er Galeristen gewährt. Wer auf diese Offerte an- springt, so die Rechnung des Verlegers, der werde sich gewiß auch für anderes aus seinem Angebot erwärmen. Das reicht von einer großen Bruni-Skulptur für 75 000 Mark über Kerzenleuchter aus Künstlerhand bis zu einem Druck für nicht einmal einen Hunderter.

Anders als mancher Kneipenwirt ist Kunst-Huber keineswegs sein bester Kunde. Mit seiner Privatsammlung distanziert er sich deutlich vom Geschmack seiner Bestellkunden. Zu Hause erfreut sich der Kunst-Versender an einer exquisiten Kollektion mit rarer Grafik und mit Zeichnungen von deutschen Klassikern wie George Grosz, Rudolf Schlichter oder Max Beckmann - für Wartezimmer viel zu wertvoll.

JOACHIM KRONSBEIN


DER SPIEGEL 52/1998
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