27.02.2012

GUTACHTENRisiko aus der Luft

Gefährden Behörden und der Frankfurter Flughafenbetreiber die Gesundheit der Anwohner? Sie sollen die Belastung durch Jet-Abgase verharmlost haben.
Die Richter hatten schon skizziert, wie sie sich den Ablauf der Verhandlung im März vorstellten. Sie wollten das Nachtflugverbot behandeln, klären, ob die Behörden den Krach durch die neue Landebahn richtig vorausgesagt haben, und urteilen, wie viel Geld lärmgeplagten Anwohnern zusteht. Mit diesen Fragen hätten sich die Juristen am Leipziger Bundesverwaltungsgericht beschäftigt, um zu entscheiden, ob die Genehmigung der neuen Landebahn des Frankfurter Flughafens überhaupt rechtens ist.
Doch nun haben sie ein neues Problem auf dem Tisch. Anwohner in der Einflugschneise sorgen sich, dass weitaus mehr Gift aus Flugzeugabgasen auf sie herabrieseln könnte als bisher bekannt. Bürger und Kommunen drängen in einem eiligen Schriftsatz an das Gericht darauf, dass die Richter eine neue Stellungnahme in ihre Überlegungen einbeziehen.
Verfasst hat sie der Toxikologe Hermann Kruse von der Universität Kiel, den eine Frankfurter Bürgerinitiative eingeschaltet hat. Kruse, 69, überprüfte das zentrale toxikologische Gutachten, auf das sich der Genehmigungsbeschluss von 2007 gestützt hatte. Dabei will er "auf schwere handwerkliche Fehler gestoßen" sein. Risiken durch krebserzeugende Anteile der Flugzeugabgase würden unterschätzt, das gefährliche Zusammenwirken verschiedener Giftstoffe nicht richtig berücksichtigt. Bei der Bestimmung der Schadstoffmengen seien sogar "plumpe Rechenfehler" gemacht worden, behauptet Kruse.
Der Flughafenbetreiber Fraport bestreitet die Fehler und hält das Gutachten für "wasserdicht". Kruse gilt im Unternehmen als umstrittener Experte. Allerdings hat auch die hessische Landesregierung den Kieler Wissenschaftler schon als Sachverständigen zum Thema Flugzeugabgase beauftragt. Kruse erstellte 1999 zwei Expertisen. Darin verlangte er dringend Messungen, wie viel Schadstoffe die Flugzeuge in der Region in die Luft pusten.
Die Belastung, etwa durch krebserregende Stoffe wie Benzol sowie durch giftiges Stickstoffdioxid, sei nach den vorliegenden Daten bereits vor dem Ausbau des Flughafens zu hoch, warnte Kruse damals. Daher könnten "auch sehr kleine Zusatzbelastungen" durch die neue Landebahn "zum Überschreiten von Wirkschwellen führen" - der Dosis, welche die Gesundheit der Anwohner gefährden kann.
Kruses Expertise verschwand damals in der Schublade, das von ihm geforderte Messprogramm blieb aus. Im Genehmigungsverfahren stützte sich das hessische Verkehrsministerium dann auf eine Toxikologin, die vom Flughafenbetreiber Fraport beauftragt worden war und zu wesentlich freundlicheren Ergebnissen kam.
Diese Gutachterin, eine Mitarbeiterin der Umweltbehörde in Baden-Württemberg, stützte sich im Wesentlichen auf theoretische Berechnungen, die ihr von mehreren Ingenieurbüros geliefert worden waren. Auch sie stellte "Zielwertüberschreitungen" fest, etwa für Benzol. Allerdings nur auf dem Flughafengelände - für die Anwohner drum herum sei "kein erhöhtes Krebsrisiko anzunehmen".
Kruse wirft der Gutachterin dagegen insgesamt 20 Fehler vor, darunter "völlig unakzeptable Ausführungen zu Krebsrisiken". Die hohe Belastung durch Schwebstaub werde im Fraport-Gutachten "abgetan", das mögliche Krebs-Potential des darin enthaltenen Metalls Antimon gar nicht erst berücksichtigt.
Zudem beruhten einige ihrer Annahmen auf falschen Berechnungen. Ermittelt man die Werte für Stickstoffdioxid nach der angeblich verwendeten Berechnungsformel, ergäben sich beim Nachrechnen um bis zu 74,6 Prozent höhere Ergebnisse. Die Anwälte der Würzburger Kanzlei Wolfgang Baumann, die Anwohner im Süden Frankfurts vertreten, halten das für "Wissenschaftsbetrug".
Die Fraport-Gutachterin erklärt auf Nachfrage, sie habe die Werte gar nicht selbst berechnet. Man habe ihr Daten vorgelegt, dann habe sie abgeschätzt, welche Risiken sich daraus ergeben könnten. Bei der Fraport heißt es, dass es sich "um ein Missverständnis" handeln müsse. Barbara Schreiber, Umweltexpertin des Unternehmens, versichert, die Daten und das Gutachten seien intern "mehrfach überprüft und bestätigt worden".
Allerdings mussten die Ausbau-Verantwortlichen bereits zugeben, dass sie schon den Lärm durch die neue Bahn unterschätzt haben. Nach Verkehrsminister Dieter Posch (FDP), dessen Behörde die Landebahn genehmigt hatte, räumte auch Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) ein, in der Praxis sei es "lauter geworden, als jede Berechnung erwarten ließ". Regierungschef Volker Bouffier (CDU) fordert nun Nachbesserungen beim Lärmschutzkonzept: "So, wie es ist, ist es nicht hinnehmbar."
Dabei soll es nach allen Prognosen noch viel lauter werden, wenn die Landebahn erst umfänglich genutzt wird. Dann würden laut Planungsunterlagen rund 280 000 Menschen unter dem Lärmteppich leben - und rund tausend Flugzeuge pro Tag etwa über die Frankfurter Nachbarstadt Offenbach donnern. Dort darf wegen des Fluglärms schon heute auf rund 80 Prozent der Stadtfläche nur noch eingeschränkt gebaut werden. "Wir dürfen dort eigentlich nicht einmal mehr eine Kinderkrippe errichten", klagt der Offenbacher FDP-Stadtrat Paul-Gerhard Weiß: "Kein vernünftiger Mensch würde heute noch einmal so eine Bahn mitten in einer der am dichtesten besiedelten Regionen Deutschlands bauen."
Von Matthias Bartsch

DER SPIEGEL 9/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 9/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GUTACHTEN:
Risiko aus der Luft

Video 02:12

Ex-SPD-Chef Kurt Beck über GroKo-Gespräche "Der gleiche Mist wie bei Jamaika"

  • Video "Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an: Der Kampf geht weiter" Video 02:13
    Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an: "Der Kampf geht weiter"
  • Video "Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen" Video 00:55
    Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen
  • Video "Tatort: Mit dem Blitzkrieg Bop gegen die AFD, brillant!" Video 04:29
    "Tatort": "Mit dem Blitzkrieg Bop gegen die AFD, brillant!"
  • Video "Filmstarts im Video: (Hoffentlich nicht) der letzte Jedi" Video 05:51
    Filmstarts im Video: (Hoffentlich nicht) der letzte Jedi
  • Video "Virales Video: Star-Wars-Crashtest" Video 01:22
    Virales Video: Star-Wars-Crashtest
  • Video "Großes Glück: Baby mit externem Herzen überlebt" Video 01:26
    Großes Glück: Baby mit externem Herzen überlebt
  • Video "Brexit-Abstimmung im Parlament: Rückschlag für May" Video 01:00
    Brexit-Abstimmung im Parlament: Rückschlag für May
  • Video "Amateurvideo: Kontrollverlust auf der Kreuzung" Video 00:31
    Amateurvideo: Kontrollverlust auf der Kreuzung
  • Video "Schreck in der Karibik: Angriff vom Ammenhai" Video 00:37
    Schreck in der Karibik: Angriff vom Ammenhai
  • Video "Weinstein über Hayek: Alle sexuellen Vorwürfe von Salma sind nicht korrekt" Video 00:58
    Weinstein über Hayek: "Alle sexuellen Vorwürfe von Salma sind nicht korrekt"
  • Video "Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama" Video 01:46
    Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama
  • Video "Star Wars 8-Premiere: Britische Royals treffen BB-8" Video 00:57
    "Star Wars 8"-Premiere: Britische Royals treffen BB-8
  • Video "Jerusalem-Demo in Berlin: Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina" Video 03:35
    Jerusalem-Demo in Berlin: "Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina"
  • Video "Heilige Stadt: Warum ist Jerusalem so wichtig für die Weltreligionen?" Video 00:40
    Heilige Stadt: Warum ist Jerusalem so wichtig für die Weltreligionen?
  • Video "Ex-SPD-Chef Kurt Beck über GroKo-Gespräche: Der gleiche Mist wie bei Jamaika" Video 02:12
    Ex-SPD-Chef Kurt Beck über GroKo-Gespräche: "Der gleiche Mist wie bei Jamaika"