27.02.2012

STRAFJUSTIZ„Jetzt haben Sie ja den Täter“

Den „Maskenmann“ erwartet im Stader Prozess die Höchststrafe. Doch die Eltern der getöteten Kinder bezweifeln, dass alle Taten aufgeklärt wurden.
Zum ersten Mal redet Martin Ney. Jetzt, am Ende des Prozesses, scheint etwas in ihm in Bewegung gekommen zu sein. Bis dahin hatte er nur reglos dagesessen neben seinen zwei Verteidigern, maskenhaft gleichförmig, wächsern bleich, fast unsichtbar unter dem buschigen Bart und den scheckigen Haaren, die Augen niedergeschlagen angesichts der Ausweglosigkeit seiner Lage.
Und dann: Welch unerwartet wohltönende Stimme! Die ersten Worte ausgerechnet beim "letzten Wort", das jedem Angeklagten zusteht, ehe das Gericht urteilt. Er spricht sanft. Jetzt wird klar, wie er wohl jene schlaftrunkenen Kinder in Schullandheimen und Ferienlagern vom Schreien abhielt, die tags darauf den Lehrern erzählten, ein "schwarzer Mann" habe nachts unter ihre Bettdecke gegriffen und unter die Schlafanzughose. Sie hätten sich zu Tode geängstigt. So getan, als schliefen sie. Angststarr gehofft, es gehe bald vorbei.
Er faltet ein Blatt Papier auseinander. Gewandt setzt er die Worte. Aber wirklich überzeugend klingen sie noch immer nicht. Es sind offensichtlich seine eigenen, nicht die Worte seiner Verteidiger.
Erstmals, so scheint es, versucht er Reue auszudrücken. "Unfassbares Leid" habe er den Angehörigen zugefügt, sagt er. "Es ist mir bewusst, dass ich eine Reihe verwerflicher Taten begangen habe. Ich habe drei Menschen getötet." Das sei "kaum entschuldbar", er erwarte keine Vergebung. Es klingt hölzern.
Dann bricht die Stimme. Ney ringt nach Worten, Tränen fließen. Vielleicht, weil das Mitleid mit sich selbst ihn doch mehr beschwert als das Mitleid mit den Eltern, deren Kinder er auf dem Gewissen hat. Jetzt spricht er von der langen Zeit künftig im Gefängnis und bittet um die Chance, "eines Tages ein Leben ohne Straftaten führen zu können". Erstmals hebt er die Augen und blickt lange hinüber zu Babette Klein, der Mutter von Dennis, der, neunjährig, von ihm erwürgt wurde.
Die Eltern der toten Kinder erreichen diese Worte, diese Blicke nicht. Sie glauben Ney nicht. Sie halten sein Geständnis allenfalls für die halbe Wahrheit, und die Reue nehmen sie ihm nicht ab. Von seinem Schweigen fühlen sie sich verhöhnt. Und sie sind überzeugt, er habe noch weitere Morde begangen. Und getötet, nicht aus Angst vor Entdeckung, wie er sagt, sondern aus sexueller Lust. Sie haben sich jenseits der Anklage und der Beweisaufnahme des Gerichts ihr eigenes Bild von den Taten und dem Täter zurechtgelegt. Was dagegenspricht, dringt nicht mehr an ihr Ohr.
Der Vorsitzende der 2. Großen Stader Strafkammer, Berend Appelkamp, gibt ihnen viel Raum auszusprechen, was sie bewegt. Auch wenn sie jetzt wissen, wer ihre Söhne getötet hat - sie ringen mit Schuldgefühlen. Ulrich Jahr, 68, Vater von Stefan, drängte damals darauf, dass der Junge ins Internat kam. Die Mutter schlug die Schule vor. Der Junge würde noch leben, wenn, wenn, wenn.
Vater Jahr grübelt und quält sich seit 1992, als Stefan 13-jährig starb. Er forschte auf eigene Faust, drehte und wendete jeden Hinweis. Heute unterstellt er dem Angeklagten, er habe vor allem "Leichen besitzen und missbrauchen" wollen. Er wirft der Polizei Versagen vor, sagt: "Ich musste unbedingt wissen, was geschehen ist. 19 Jahre Ungewissheit!"
Petra Jahr, seine Frau, schildert, wie sehr die Familie nicht nur unter dem Tod des Sohnes, sondern auch unter dem Zwang ihres Mannes, die Wahrheit unbedingt herausfinden zu müssen, gelitten habe. "Ich hätte mich auch abgefunden, wenn der Täter nicht gefasst worden wäre", sagt sie leise. Denn das Leben müsse doch weitergehen.
Michael Rostel, 52, Arbeiter, Vater des kleinen Dennis, der nur acht Jahre alt wurde, traf der Tod seines Jungen doppelt. Denn ihn hielt die Polizei zunächst für den Täter. Was soll er sagen auf die Frage des Gerichts, wie es ihm gehe? "Da kommt die ganze Traurigkeit wieder, heute noch", stammelt er. "Jetzt haben Sie ja den mutmaßlichen Täter - und nicht mich."
Ney beteuert, er habe einen Schlussstrich gezogen. Er habe drei Kinder getötet, nicht vier oder fünf. Und geschwiegen habe er, um Bekannte zu schützen. Vielleicht werde er nach dem Prozess Fragen, die noch offen seien, beantworten, "um zu beweisen, dass ich keine weiteren Straftaten begangen habe".
Er ist heute 41 Jahre alt. Als Kind war er ein schüchterner Außenseiter, der am liebsten für sich war. Später hatte er Angst, ein anderer könnte ihm zu nahe und hinter seine Geheimnisse kommen. Denn dass er irgendwie "anders" war und auf andere Reize reagierte als die Kameraden, spürte er früh. Er zog sich zurück und mied den Austausch und Vergleich mit Altersgenossen - für den Psychiater Norbert Nedopil von der Universität München typisch für die Entstehung einer pädophilen sexuellen Präferenzstörung.
Ney studierte Mathematik, Physik und Pädagogik für das Lehramt, brach aber den Referendariatsdienst ab und arbeitete lange Jahre als pädagogischer Mitarbeiter in Jugendhilfeeinrichtungen und Kindertagesheimen. 1996 überließ ihm das Bremer Jugendamt sogar einen zwölfjährigen Jungen als Pflegekind. Da hatte er schon zwei Kinder getötet und wahrscheinlich mehr als 30 Jungen missbraucht.
Ney verfügte offenbar über die Fähigkeit, ein nach außen völlig normal wirkendes Leben zu führen. Und er verstand es, gerade bei schwierigen Kindern und Jugendlichen in eine Art Vaterrolle zu schlüpfen, was für ihn selbst Ersatz von Familienleben bedeutete. Dem Sachverständigen Nedopil erklärte er, dass er sich Kindern, für die er sich verantwortlich gefühlt habe, nie sexuell genähert habe. Das hätte nicht zu seiner Rolle als Ersatzvater gepasst.
Er führte ein perfektes Doppelleben: tagsüber der unauffällige Mitarbeiter; nachts der unheimliche Pädophile, getarnt mit Sturmhaube, Gesichtsmaske oder Mundschutz und schwarzen Handschuhen, der umherschweifte und Orte suchte, wo er als "Maskenmann" schlafende "niedliche" Jungen vermutete.
Waren die Türen verschlossen oder Erwachsene in der Nähe, gab er seinen Plan auf und fuhr weiter. Aber wenn es ihm gelang einzudringen, dann habe er nur so lange betastet und gerieben und gestreichelt, bis er "satt" gewesen sei. Bis er genug Anregung zur Selbstbefriedigung hatte. Die tatsächliche Zahl derartiger Übergriffe wird sich nie feststellen lassen, denn Ney selbst erinnert sich an viele nicht mehr. Nur an die unzähligen Fahrten, das nächtliche "Cruisen", die monotonen Abläufe im Dunklen, den Drang, die innere Unruhe, die Erregung.
Anal vergewaltigt hat Ney kein Kind. Das wäre ihm wohl auch zu viel an Nähe gewesen. Vor nichts, sagte er zu Nedopil, habe er mehr Angst gehabt als vor dem Bekanntwerden seiner Nachtseite, seiner Andersartigkeit, seiner Pädophilie, des Kindesmissbrauchs. Er fürchtete weniger die Polizei als seine Familie. Die Mutter sollte nichts erfahren, um keinen Preis.
Laut seinem Geständnis und den Feststellungen des Gerichts soll Ney 1992, 1995 und 2001 gemordet haben. Da begnügte er sich nicht mit Abtasten. Diese Kinder nahm er mit - Stefan, weil er wach wurde und ihn fragte, was er denn wolle. Aus Angst, dass ein weiterer Junge im Zimmer etwas merken könnte, habe er zu Stefan gesagt: "Komm, wir gehen in den Gruppenraum." Dort aber habe er Stimmen gehört, sei aus dem Konzept geraten und habe Stefan mit nach draußen genommen. Was nun?
Im Auto habe ihm dann "gedämmert", gestand er dem Sachverständigen, dass er den Jungen nicht würde gehen lassen können, weil sonst die Welt für ihn, Ney, zusammenbreche. Also sei er losgefahren und habe Stefan dann erwürgt. Das dauert zwischen drei und sieben Minuten.
Erwürgt hat er auch Dennis Rostel, der ihm offenbar in der Erwartung eines Abenteuers aus einem Zeltlager gefolgt war. In einem dänischen Ferienhaus habe er dieses Kind getötet, weil er es ja nicht einfach habe zurückbringen können.
Und auch Dennis Klein habe er aus dem Zimmer des Schullandheims bringen müssen, da die anderen Kinder unruhig geworden seien. Dieser Junge habe geschrien, so dass wieder die Panik vor dem Entdecktwerden das Töten habe unausweichlich werden lassen.
Nedopil hat Ney gründlichst untersucht und dem Gericht die Persönlichkeitsakzentuierungen - nicht -störungen - des Angeklagten dargelegt. Es liege bei Ney zwar eine Paraphilie, also eine sexuelle Deviation, vor, die sich dem Begriff der "schweren anderen seelischen Abartigkeit" zuordnen lasse. Es sei auch denkbar, dass Ney einzelne Übergriffe einst im Zustand erheblich verminderter Steuerungsfähigkeit begangen habe. Doch der Angeklagte habe keine genaue Erinnerung daran, so dass eine Analyse von Einzeltaten heute nicht mehr möglich sei.
Anders verhält es sich bei den Tötungen. Sie waren laut Nedopil nicht Folge von Neys Pädophilie, sondern bedingt durch dessen Angst vor Entdeckung. Dies sei nichts Krankhaftes. "Die Angst vor Entdeckung kann bei Gesunden genauso vorkommen", sagte der Sachverständige. Sie wirke sich nicht auf die Einsichts- oder Steuerungsfähigkeit bei der Tatbegehung aus. Ney habe auf Außenreize reagiert und sich entsprechend verhalten, ja, er habe gezeigt, dass er offenbar sogar aus eigenem Antrieb seit 2001 von solchen Straftaten habe ablassen können. Also sei er voll schuldfähig.
Das Gesetz schreibt hier die Höchststrafe vor. Und Sicherungsverwahrung? Die Eltern der toten Kinder bestehen darauf. Doch die Frage, ob Ney jemals wieder auf freien Fuß kommen wird, hängt so oder so allein von der Einschätzung seiner Gefährlichkeit ab. Er wird nach der langen Haft, die ihn nun erwartet, ein anderer Mensch sein. Ein besserer? ◆
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 9/2012
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