27.02.2012

MODEL-INDUSTRIE

Isch geh als isch

Von Kühn, Alexander

Das Laufsteg-Geschäft gibt sich gern feinnervig und trendy. Ein Ex-Chemiefacharbeiter aus dem Bergischen Land managt seine Girls eher bodenständig. Aber er ist ja auch Heidi Klums Vater.

Die Liebe ist futsch, doch dafür können die Schlappen ja nichts. Das Supermodel Heidi Klum und der Schmusesänger Seal sind kein Paar mehr, trotzdem trägt Günther Klum weiter die abgewetzten roten Birkenstocks aus der Kollektion seiner Tochter, bedruckt mit einem Songtext vom Noch-Schwiegersohn. "Kiss from a Rose", Schuhgröße 46. Sonderanfertigung für "Oppa", so sagt Heidi zu ihm, so hat auch Seal ihn immer genannt.

Telefon. Die "Bunte". Ob es stimme, dass Heidi und Seal wieder gut sind miteinander? Dazu sage er nichts, außerdem sei er jetzt schon auf der Straße, gleich beginne der Karnevalszug, der ist ein Ereignis im bergischen Odenthal, und da kommt schon der erste Wagen, tschüs.

Klum, 66, Vollbart und Gelfrisur, trägt kein Kostüm, sondern seine Alltagskluft: das karierte Hemd weit offen, Strickjacke, Brille mit Goldgestell und getönten Gläsern. "Isch geh als isch."

Dieser Mann hat drei Hobbys: den Karneval, seine bergische Heimat - und seine Tochter Heidi. Sie ist zugleich seine Lebensaufgabe. Er ist ihr Manager und Vermarkter. Als Geschäftsführer der Heidi Klum GmbH & Co. KG bringt er Werbe-Deals auf den Weg und verhandelt die Verträge für ihre Show "Germany's Next Topmodel", die seit voriger Woche wieder auf ProSieben läuft.

Das deutsche Model-Geschäft ist Vater Klum. So zumindest tritt er auf. Der Rest der feinnervigen Branche sieht das indes anders; ehemalige "Topmodel"-Kandidatinnen, die er vertritt, laufen ihm reihenweise davon, und beim Sender gehen sie in Deckung, sobald er um die Ecke biegt.

Wer etwas von Heidi in Los Angeles will, kommt am "Jünther" in Odenthal-Voiswinkel nicht vorbei. Er ist der Bulldozer, der den Weg freiräumt. Schwer zu sagen, ob Heidi Klum wegen ihres rumpelnden Seniors so erfolgreich ist. Oder trotz. Geschäftspartner berichten, sie sei genauso hart wie er - nur geschickter. Wenn es um richtig viel Geld gehe, sage er schon mal, da müsse er "die Chefin fragen".

Vor ein paar Jahren gab es in der Chefredaktion des Promi-Blättchens "Gala" Überlegungen, ein eigenes Heidi-Heft an den Kiosk zu bringen. Das Projekt scheiterte an den Honorarvorstellungen Günther Klums. Sein Glaubensbekenntnis: "Am meisten verdient man durch Neinsagen."

Er besitzt den Pokal, um den sich alle reißen, er macht die Preise. Gerade erst ließ er wieder seinen Anwalt von der Leine, weil irgendwer ungefragt Heidi-T-Shirts verkauft hat. Meist enden solche Verstöße damit, dass die Sünder ein paar tausend Euro spenden für ein Kinderdorf, das die Klums unterstützen, die Feuerwehr oder die örtliche Kirchengemeinde.

Günther Klum war Produktionsleiter bei 4711, dann aber dämmerte ihm, dass seine lukrativste Ware nicht Kölnisch Wasser ist, sondern Heidi, 1,76 Meter, blond, 89-58-92. Eine Gemeinschaftsproduktion von ihm und seiner Frau Erna, einer gelernten Friseuse und einstigen Jungfrau im karnevalistischen Dreigestirn. Seither ist er hauptberuflich Heidi-Vater.

Mit 18 gewann Heidi Klum einen Schönheitswettbewerb in einer Gottschalk-Show, danach modelte sie für den Otto-Katalog. Sie zog nach New York, wurde als Covergirl von "Sports Illustrated" zum Sexsymbol. In einem Interview erzählte sie damals, dass ihre Mutter ihr immer Katzenpfötchen aus Deutschland schicke, was die Süßwarenfirma Katjes stolz in der Presse verbreitete. Anruf von Vadder Klum bei Katjes: So gehe das ja nicht! Wenn, dann müsse man einen ordentlichen Vertrag machen.

So kam sie zu ihrem ersten großen Werbe-Deal, er brachte mehrere hunderttausend Euro jährlich ein. Als es auf eine Million zuging, wurde die Klum für Katjes zu teuer. Später übernahm "Topmodel"-Siegerin Lena Gercke den Job, für weit, weit weniger Geld.

Die Quoten von "Germany's Next Topmodel" glänzen längst nicht mehr so wie früher, aber bei ProSieben in München springen sie in der Chefetage immer noch, sobald Papa Klum in Odenthal pfeift. So hofiert wird hier allenfalls noch Stefan Raab. Der Fernsehvorstand von ProSiebenSat.1 ruft Klum sogar zum Geburtstag an.

Die Zusammenarbeit mit Herrn Klum sei "ein großes Vergnügen", teilt der Sender mit. Im Vertrauen erzählen Mitarbeiter, dass bei Verhandlungen schon mal die Wände wackeln. Als ProSieben eine weitere Show mit jungen Mannequins ins Programm nahm, "Die Model WG", soll das Klums Missfallen erregt haben. Wegen der Vermarktung der "Topmodel"-Kandidatinnen gab es gern Streit.

Inzwischen werden sie bis zum Finale von Red Seven Artists vertreten, einer Tochterfirma von ProSieben. Danach hat Klum senior Zugriff auf Kandidatinnen. Er bestimmt für die nächsten Jahre ihr berufliches Leben und legt ihre Jobs fest, ohne dass sie selbst dabei etwas zu melden hätten. Von alldem bekommt man immer dann etwas mit, wenn sich wieder eine von ihnen aus seinen Fängen befreit hat.

"Die Mädchen verstehen ja gar nicht, was sie da unterschreiben", sagt Neele Hehemann, 23, Kandidatin aus der fünften Staffel, die sich nach einem Vierteljahr mit anwaltlicher Hilfe von Klum trennte. "Er hat mir in der Zeit keinen einzigen Job besorgt, er ließ mich zu keinem Casting. Irgendwann wurde das für mich zu einem finanziellen Problem." Bei ihrer neuen Agentur laufe es viel besser, sagt sie. Klum sagt dazu gar nichts.

Die Verträge, die der Sender, die Produktionsfirma und Günther Klum die Teilnehmerinnen jedenfalls in den vergangenen Jahren unterzeichnen ließen, kann man getrost als anstößig bis unseriös bezeichnen. Der Siegerin wurden zwar Einnahmen von 400 000 Euro garantiert, doch für die Teilnahme an der Show selbst erhielten die Models in spe keinen Cent. In der Zeit danach flossen 20 Prozent von deren Erlösen an Klums Agentur - und in den ersten Jahren bis zu 16 Prozent an ProSieben. Das ist weit mehr als in der Branche üblich.

Während ProSieben ehemalige Kandidatinnen durch sein Programm scheucht, als Gast-Reporterin beim Boulevardmagazin "taff" oder als Teilnehmerin der Trash-Show "Die Alm", verschafft Klum ihnen das, was er für "Premium-Aufträge" hält: Werbejobs für Krüger-Dirndl oder eine Autogrammstunde in einem Einkaufszentrum in Koblenz. An die Vorjahressiegerin Jana Beller erinnert man sich nur wegen ihres medienwirksamen Zoffs mit Vater Klum. Zwei Monate nach dem Finale hatte der verkündet, er habe sie gefeuert, weil sie Termine habe platzen lassen und nicht erreichbar gewesen sei. Beller hielt dagegen, sie habe selbst gekündigt. Die Monate mit Klum seien "die zwei schlimmsten" ihre Lebens gewesen.

Eine weitere Kandidatin konnte ihm entfliehen, weil die Rechte der Heidi Klum GmbH & Co. KG eigenmächtig von der vor zwei Jahren gegründeten Tochter One eins Management ausgeübt worden waren, was ein Gericht für unzulässig erklärte. Die Prozesskosten trug Klum.

Von dieser Staffel an bekommen zumindest die Finalistinnen erstmals richtige Arbeitsverträge, die ihnen ein festes Einkommen sichern. Ein zaghafter Versuch, Klums Image und das des Senders aufzuhübschen. Das der Kandidatinnen dagegen war bei "Germany's Next Topmodel" schon immer zweitrangig.

"Eine neue Nadja Auermann oder Claudia Schiffer hat die Sendung nie hervorgebracht", sagt der Casting-Agent Rolf Scheider, der zwei Staffeln lang die Sendung als Juror begleitete. "Das ist eine Realityshow, darum muss es in jeder Staffel Mädchen geben, denen zwar jegliches Talent zum Modeln fehlt, aber sie flennen, nerven und streiten sich, und die Zuschauer sind fasziniert von ihnen. Sie werden so lange in der Show gehalten, wie die Jury es vertreten kann."

Tatsächlich sind es die schrägen Gestalten, die im Gedächtnis bleiben. Tessa, die sich mit Stinkefinger aus der Show verabschiedete. Fiona, die zur Zicke stilisiert wurde. Marco Sinervo, Geschäftsführer der Agentur MGM Models, hat Ex-Kandidatinnen unter Vertrag. Er sagt: "Manche Kunden lehnen explizit Models ab, wenn sie aus der Klum-Show stammen. Sie sind ihnen zu schrill. Das bekommt dem Produkt nicht gut."

Das Dilemma von "Germany's Next Topmodel" und den Klums: Sie befeuern das Model-Geschäft - und zerstören zugleich seinen Nimbus. Die Mädchen sind Produkte. Wie Heidi Klum selbst. Wenn Günther Klum über sie spricht, klingt er wie ein Sultan, der den Wert seiner Tochter in Kamelen aufwiegt. Redet er über die Großen der Welt, hört sich das nicht anders an, als wenn er von seinen bergischen Freunden erzählt, vom Karl-Heinz, dem Friseur, oder dem Bestatter Fritz.

Es geht dann um "die Claudia", nämlich Schiffer. "Die Victoria", also Beckham. Er erzählt, wie Thomas Gottschalk fast keinen Einlass bekommen hätte zu Heidis Halloween-Party, "in Amerika kennt den ja keiner". Oder wie Bill Clinton bei einer Preisverleihung auf ihn und seine Frau zuging, die sich die Haare schön gemacht hatte, und fragte, "ob die Erna eine neue Frise" habe. Natürlich hat Clinton nicht "Frise" gesagt. Aber zwei Briefe hat er ihm schon geschrieben, "Dear Günther". Auch Klum verfasst gern Briefe. Die kommen in großen Umschlägen, vorn eine Wohlfahrtsmarke, hinten ein rotes Siegel mit einem "H" für Heidi.

Und was kommt nach Heidi? Das wär's: noch mal über ein Mädchen zu verfügen, mit dem sich ein Vermögen machen lässt. Aber so eine Chance bekommt wohl auch ein Günther Klum nur einmal im Leben. Bisher ist keine Nachfolgerin in Sicht.

ProSieben sagt, Heidi sei "die Beste", es könne keine andere geben. Mitarbeiter berichten hingegen, immer wieder sei überlegt worden, wer ihre Show übernehmen könnte, wenn Heidi einmal keine Lust mehr habe. Oder weiter an Zugkraft einbüßen sollte.

Claudia Schiffer? Zu kühl. Eva Padberg? Zu irgendwiegarnichts. Vielleicht Lena Gercke, Gewinnerin der ersten Staffel und Moderatorin der österreichischen "Topmodel"-Show, die zurzeit durch ihre Liaison mit dem Fußballer Sami Khedira von sich reden macht? Am Ende blieb doch immer nur die volkstümliche Heidi, die perfekt den amerikanischen Traum verkörpert und in Interviews von Muttis bergischer Sauerkrautsuppe schwärmt.

In Odenthal-Voiswinkel ist der Karnevalszug nun vorüber. Für Günther Klum hat sich der Nachmittag gelohnt. Er hat sechs Blumensträußchen gefangen, die will er seiner Frau schenken. Und ein Päckchen Papiertaschentücher. Das legt er sich ins Auto, falls er mal unerwartet Schnupfen bekommt.


DER SPIEGEL 9/2012
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