27.02.2012

ÖSTERREICHGewalt und Demütigungen

Ehemalige Heimkinder berichten von erschütternden Zuständen in staatlichen Unterkünften. Mädchen sollen vergewaltigt worden sein, angeblich kam es sogar zu medizinischen Experimenten.
In manchen Nächten half es, dass sich Cecilia M. tot stellte wie ein Käfer. Die Männer sahen dann über sie hinweg, griffen sich ihre Klassenkameradinnen im Schlafsaal und warfen sich im Dunkeln auf sie. In anderen Nächten half es nichts, dann sei sie morgens aufgewacht, mit Bauchschmerzen, mit Blut auf dem Bettlaken, erzählt Cecilia M.(*) heute, 40 Jahre später, 14 war sie damals.
Cecilia M., die Schülerin am städtischen Kinderheim Schloss Wilhelminenberg bei Wien, ist inzwischen 54 Jahre alt und Rentnerin. Sie ließ sich vorzeitig pensionieren, sie hat gelitten in ihrem Leben, erst an den Männern, die sie nur an Gewicht und Geruch habe unterscheiden können, später unter ihrem schweren Job in der Gastronomie, noch später an der Alkoholsucht. Ihre Finger zittern, sie presst die Kiefer aufeinander, wenn sie ihre Geschichte erzählt.
Sie hat ein Beruhigungsmittel genommen vor diesem Termin in der Wiener Kanzlei ihres Anwalts. "Ich habe geglaubt, ich nehme das mit ins Grab", sagt
sie. All die Jahre wussten weder ihr Mann noch ihr Sohn, was ihr widerfahren war. Jetzt aber will sie reden, damit niemand mehr daran zweifelt, dass stimmt, was die anderen Opfer erzählen.
Schwerwiegende Vorwürfe ehemaliger Heimkinder erschüttern Österreich: Kinder sollen hundertfach sexuellem Missbrauch und in den sechziger Jahren auch medizinischen Experimenten ausgesetzt worden sein.
Anfang Februar berichtete einer der Betroffenen, der heute 63-jährige Wilhelm Jäger, erstmals öffentlich, er sei in der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie gezielt mit Malaria angesteckt worden. Einem anderen Kind sei Blut entnommen und ihm mit einer großen Spritze injiziert worden. Mehr als zwei Wochen lang habe er, damals 16, über 40 Grad Fieber gehabt.
"Nur ein paar Tests", habe eine Ärztin das genannt. Jägers Anwalt vermutet, mit dem Experiment sollte ein neues Medikament erprobt werden. Sein Leben lang habe Jäger unter den Folgen gelitten.
Andere ehemalige Heimkinder berichten von Stromstößen in Kinderpsychiatrien, in Tirol sollen einem Mädchen Tiermedikamente verabreicht worden sein, angeblich um die Sexualität der Pubertierenden zu zügeln.
Es sind kaum vorstellbare Zustände, von denen Opfer nun, Jahrzehnte nach den Ereignissen, berichten. Historiker halten die Vorwürfe von Jäger und die der Ex-Wilhelminenberg-Schüler für plausibel. Noch bis 1977 galt in Österreich das sogenannte Züchtigungsrecht. Inzwischen untersuchen drei verschiedene Kommissionen die Vorgänge, die neueste wurde erst vorige Woche berufen und widmet sich den Vorwürfen der gezielten Malariainfektionen. In Innsbruck und Wien wurden Telefonnummern für Betroffene eingerichtet.
Auch das Jugendamt Wien muss irgendwann von den Zuständen in den Heimen etwas gewusst haben, denn es beauftragte 1972 die junge Wissenschaftlerin Irmtraut Karlsson mit einer Studie. "Es gab damals kein Unrechtsbewusstsein, was Gewalt oder Demütigungsrituale angeht", sagt Karlsson heute.
Erst 1977 wurde das Heim Wilhelminenberg wie andere große Anstalten geschlossen, mehr geschah nicht. Karlsson berichtet auch von der damals gängigen Praxis, Schizophrenie mit Elektroschocks und andere Krankheiten mit künstlich herbeigeführtem Fieber zu behandeln: "Man hat die Heimkinder einfach in Krankenhäuser und Psychiatrien gesteckt."
Anwalt Johannes Öhlböck, 36, hellblondes Haar und dicke Wangen, stapft durch das kalte Gras vor dem Schloss Wilhelminenberg, es ist sein Schloss geworden, der Missbrauch sein Thema. In zivilrechtlichen Verfahren will er für seine Mandanten sechsstellige Summen erstreiten.
Öhlböck ist eine umstrittene Figur: Er war in einer Burschenschaft und in der Studentenorganisation der FPÖ, damals noch Haider-Partei, die sich heute gierig auf die Vorwürfe stürzt und Wahlkampf mit dem Thema macht. Nächstes Jahr sind Nationalratswahlen, FPÖ-Parteichef Heinz-Christian Strache will Kanzler werden.
16 Betroffene medizinischer Versuche aus den sechziger Jahren und etwa 30 mit Vorwürfen von sexuellem Missbrauch, besonders in den Siebzigern, hätten sich bei ihm gemeldet, sagt der Anwalt. Öhlböck ist davon überzeugt, dass es weit mehr Opfer gibt. Er zeigt die Seiteneingänge des Schlosses, durch die Erzieherinnen die Männer reingelassen haben sollen. Hunderte Kinder seien es gewesen, hochrangige Mitglieder der Wiener Gesellschaft müssten davon gewusst haben, sagt er.
Maria S., heute eine Frau von 52 Jahren, sagt, sie habe sich immer gewundert, warum die männlichen Gäste, Erzieher aus anderen Heimen wie Mitarbeiter des Jugendamts, bei Krippenspiel und Ostertanz auf Schloss Wilhelminenberg Notizblöcke dabeigehabt hätten: "Heute weiß ich, wir sind damals bewertet worden."
Sie spricht klar, ohne zu weinen. Nach solchen Festen sei sie von diesen Männern "ausgegriffen" worden, auf der Schwelle zwischen den schweren weißen Türen vor der Bibliothek. Männer hätten sie an den Brüsten berührt, seien mit den Fingern in sie eingedrungen. Später habe man sie vergewaltigt.
Das Schloss Wilhelminenberg liegt am westlichen Stadtrand von Wien, heute ist es ein Hotel. Ein schönes Gebäude, neo-klassizistisch, viel weißer Stuck, drum herum Villen, im Wald ein Mausoleum. Es ist ein Ort, der Kindern Angst einjagen kann, der Phantasien beflügelt. In den Heizungen krachte damals die Luft, die Duschen lagen im dunklen Keller. Es ist ein Ort, wie geschaffen für grausame Taten, für Heimlichkeiten. Aber wie konnte das alles geheim bleiben? Warum hat angeblich niemand etwas bemerkt?
"Man hat uns damals erzählt, die Mädchen dort seien schwer erziehbar, nicht ganz dicht", sagt einer der Nachbarn heute. Als er jung war, seien Mädchen in ihren blauen Kitteln regelmäßig die Straße hinuntergerannt. Ausgebüxt, von ihren Erzieherinnen gejagt. "Man hat dort nie eine Menschenseele gesehen", sagt ein anderer. Wie bei einem Gefängnis, einer geschlossenen Anstalt.
"Warum aber gibt es in den Akten Punkte wie Sexualverhalten, bei einem achtjährigen Kind?", fragt Opferanwalt Öhlböck. "Warum ergeben die Akten, dass man 13-Jährige auf Syphilis untersuchte?"
Eine, die Antworten auf die vielen Fragen kennen könnte, ist Trude H., die ehemalige Erzieherin im Schloss Wilhelminenberg sitzt in ihrer Wohnung in Wien, vor ihr ein Teller mit frischem Gebäck. Die Opfer werfen auch ihr vor, sie missbraucht zu haben.
1975 war Trude H. als junge Erzieherin auf das Schloss gekommen. Sie sei, so erzählt sie, auf ein System getroffen, das sie ablehnte, eine totalitäre Institution: "Wie Kerkermeister mussten wir alle Türen hinter den Kindern absperren."
Schlüsselbundwerfen? "Ein beliebter Sport", sagt sie. Auspeitschen mit nassen Handtüchern? "Wurde propagiert." Demütigungsrituale? "Der Direktorin war ein gemachtes Bett wichtiger als eine Kinderseele." Klogänge, bei denen jedes Kind nur zwei Blatt Toilettenpapier erhält und für schmutzige Unterwäsche ausgelacht wird? "So etwas hat es noch gegeben."
Wilhelminenberg habe den Ruf eines "Hurenausbildungsheimes" gehabt, sagt die Erzieherin. Die Mädchen seien aus zerrütteten Familien gekommen, oft ohne eine Perspektive. "Vielleicht wurden sie bereits zu Hause missbraucht." Zuhälter hätten nach Schulschluss auf sie gewartet, Burschen hätten nachts mit Taschenlampen versucht, über die Wiese hinter dem Schloss, die "Schlangenwiese", zu den jungen Frauen zu gelangen.
Die Mädchen seien weggelaufen, aus den Fenstern geklettert, beim Busfahren abgehauen und dann im Prater gelandet, auf dem Babystrich. "Wenn sie zurückkamen, haben wir Abstriche gemacht, sie von Filzläusen befreit, geschaut, ob sie schwanger waren", sagt Trude H.
Und Nacktfotos, hat sie auch Nacktfotos von Mädchen gemacht? Wie es Maria S. in der Kanzlei ihres Anwalts erzählt hat, in allen Details? Als Maria zwölf war und eine Hautkrankheit hatte, da hätten sich Kinder auf der Krankenstation mit dicker brauner Salbe einschmieren müssen. Die Erzieherin habe sie gedrängt, sich nackt auszuziehen und immer zu zweit mit einem Mann auf den Krankenbetten zu posieren.
"Wir haben uns alle schrecklich geniert, manche haben die Köpfe weggedreht. Dann sollten wir ihm in die Unterhose fassen." Die Erzieherin habe ihnen dafür Süßigkeiten und Fernsehen versprochen.
Trude H. sagt, das stimme alles nicht, sie könne gar nicht fotografieren, sie habe nie eine Kamera besessen. Vor allem aber begann ihr Dienst im Schloss erst 1975, da war Maria S. schon gar nicht mehr da. Ist das ein Beweis, dass die Versionen der Opfer nicht glaubwürdig sind? Erinnerungen sind auch Konstruktionen. Die Erzieherin weint jetzt.
Die Opferschutzorganisation Weißer Ring untersucht derzeit 900 Fälle ehemaliger Heimkinder, auch zum Vorwurf der Kinderprostitution. Durch Zeugenaussagen von Ärzten oder durch Akten lässt sich dieser Vorwurf bislang nicht belegen.
Die verschiedenen Kommissionen, in Wien und in Innsbruck, wollen sich in den nächsten Monaten ein vollständiges Bild machen. Nach so vielen Jahrzehnten könnten Akten längst vernichtet sein, es könnte schwierig werden. Die Kommissionen werden auch prüfen, ob die Behandlungsmethoden wissenschaftlich angemessen waren und ob Kinder tatsächlich Opfer von Versuchen wurden.
Vielleicht finden sie genügend Zeugen, um die Versionen von Cecilia M., Maria S. und Wilhelm Jäger zu stützen, vielleicht finden sie sogar Täter. "Wenn das großflächig und organisiert war, dann wird es aufklärbar sein", sagt Richterin Barbara Helige, Vorsitzende der Kommission für Wilhelminenberg.
(*) Alle Frauennamen von der Redaktion geändert.
Von Julia Prosinger

DER SPIEGEL 9/2012
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