27.02.2012

KREBSDschungel der Wunderheiler

Diagnose Brusttumor. Gibt es da eine Alternative zu OP und Chemotherapie? Eine Patientin aus Zürich wechselt, irregeleitet von falschen Versprechen, vier Jahre lang von einem Kurpfuscher zum anderen. Die Geschichte einer Odyssee.
An einem Montag vor dreieinhalb Jahren kroch Renate Mulofwa(*) das erste Mal zu Kreuze. "Ich schaffe es nicht mehr", sagte sie zur Gynäkologin Angela Kuck und entblößte ihre Brust. "So was Schlimmes haben Sie bestimmt noch nie gesehen!" Vor Scham brach sie in Tränen aus.
Drei Tage zuvor war der sie behandelnde Naturarzt vor Schreck zurückgesprungen, als ihm das Blut im Strahl entgegenschoss. Die Geschwulst war groß wie eine Grapefruit und beulte sich hervor, als wollte sie aus der Brust springen. Der Tumor hatte die Haut zerfressen; was von ihr übriggeblieben war, bezeichnet Mulofwa als "Gletscherlandschaft".
Renate Mulofwa war damals 47 und wusste seit knapp zwei Jahren, dass sie an Brustkrebs litt. Sie hatte sich nie operieren lassen wollen. Eine Frau, die immer zur Mammografie gegangen war, seit sie im Alter von 28 das erste Mal eine Verhärtung ertastet hatte. Eine Frau, die ihre drei Kinder impfen und ihnen Antibiotika verschreiben ließ, wenn sie krank waren. Sie hatte nie etwas gegen die Schulmedizin gehabt.
Bis zu jenem Anruf im Juni 2006, mit dem alles anders wurde. An diesem Tag begann für Renate Mulofwa eine Odyssee durch die wundersame Welt der Alternativmedizin. Vier Jahre lang ist sie diesen Weg gegangen; nur einmal, 2008, hat sie ihn für kurze Zeit verlassen.
Mulofwa war zu Besuch bei einer Freundin, als das Handy klingelte. Am Apparat war der niedergelassene Gynäkologe aus dem Nachbardorf. Kurz zuvor hatte er ihr eine Gewebeprobe aus der linken Brust entnehmen lassen. Sie habe Krebs, sagte der Mediziner kurz angebunden. Er habe sie für die kommende Woche zur OP im Krankenhaus angemeldet. So jedenfalls erinnert sie sich.
Der Gynäkologe sagt, so könne es nicht gewesen sein. Seine ärztliche Ethik verbiete ihm, einen solch schwerwiegenden Befund am Telefon mitzuteilen.
Die Wahrheit wird sich heute nicht mehr ermitteln lassen. Mulofwa jedenfalls beteuert, sie habe diesen Arzt von Anfang an als kühl, desinteressiert und arrogant empfunden. Er trug für sie das Gesicht einer herzlosen Schulmedizin. Und dann stellte sie sich die Chemotherapie vor: das Ausfallen der Haare, das Kotzen
auf dem Klo. Nein! Sie beschloss, der Schulmedizin keine Chance zu geben.
So erfuhr sie fatalerweise nicht, wie gut es noch um sie stand: Kein Lymphknoten war befallen, der Krebs kleiner als fünf Zentimeter und "mäßig differenziert". Eine Chemotherapie wäre wohl gar nicht nötig gewesen. Man hätte effektiv mit Hormonblockern behandeln können. Die Heilungschancen standen gut.
"Ich will nicht anderen die Schuld zuschieben, ich war verbohrt und hatte mir in den Kopf gesetzt, allen zu zeigen, dass es auch anders geht", sagt sie heute und schüttelt den Kopf, auf dem jetzt, nach fünf Zyklen Chemotherapie, nur noch Haarflaum wächst. Auf dem Wandregal in ihrem kleinen Wohnzimmer steht ein Foto, das sie vor gut 20 Jahren zeigt, lange blonde Haare, strahlendes Lächeln, im Spagatsitz auf einem gefällten Baum. Heute, findet sie, sehe sie dagegen aus "wie ein frischgeschlüpfter Geier".
Ist sie also nur "selber schuld"? Schuld, weil sie sich von den Versprechen der Wunderheiler verführen ließ? Welche Schuld tragen die Verführer?
Renate Mulofwa erkennt heute an sich Eigenschaften, die sie zum idealen Opfer der esoterischen Parallelwelt machten: Sie sieht sich als "leicht beeinflussbar". Sie fällt ihre Entscheidungen "aus dem Bauch heraus". Wenn ein charismatischer Heiler ihre beiden Hände warm umfasst und im Brustton innerer Überzeugung verspricht, "das bekommen wir schon hin!", ist ihr das lieber als der gnadenlose Realismus der Schulmediziner.
Und so begab sie sich in den Dschungel der Alternativmedizin, in dem ihr niemand den Weg wies zwischen seriösen Heilmethoden und lebensgefährlicher Scharlatanerie.
Den ersten Tipp hatte sie von ihrem Bruder: ein Bauer, der eine Kollegin durch Handauflegen von einer hartnäckigen Allergie befreit habe. Mulofwa fuhr in ihrem grünen Bully ins Allgäu. Ein freundlicher, älterer Mann mit rotem Gesicht und dickem Bauch empfing sie in seiner Wohnstube. In der Ecke stand ein Altar, umringt von Marienstatuen in allen Größen. Seine Hände auf ihren Schultern waren warm, es tat gut, die Energie fließen zu spüren. Und der Bauer war bescheiden, er sprach nicht von Bezahlung. Mulofwa gab ihm 100 Euro, blieb eine Woche, übernachtete im Bully, genoss die Natur und ihre Freiheit.
Einmal traf sie dort eine andere Krebspatientin, die ihr heimlich riet: "Ich habe mich nebenher operieren lassen und Chemo gemacht, tun Sie das auch! Aber sagen Sie ihm bloß nichts davon, er mag das nicht." Mulofwa lernte: Mit den Heilern verhält es sich wie mit den Ärzten. Man muss folgsam sein, damit man Zuwendung bekommt.
Ein Büchlein in gelbem Einband wies ihr den weiteren Weg: 1978 erschienen, firmiert der Band bei Amazon bis heute unter den Top Ten in der Kategorie "Krebsratgeber". Unter dem Titel "Krebs, Leukämie und andere scheinbar unheilbare Krankheiten" will der Autor - auch ein Landwirt - glauben machen, dass man den Krebs in einer 42-Tage-Diät "aushungern" könne: ein weitverbreiteter Irrglaube, der allen Erkenntnissen der Zellbiologie trotzt. Der "Theorie" vorangestellt sind zahlreiche Erfahrungsberichte von Krebskranken, die dank dieser "Breuss-Kur" angeblich geheilt wurden - auch ohne OP.
Eisern befolgte Mulofwa die Diät: sechs Wochen nur Tee und Gemüsesaft, mittags eine dünne Zwiebelsuppe. Sie verlor 14 Kilogramm, das Haar fiel ihr büschelweise aus - nur der Knoten in der Brust wurde nicht kleiner.
Hätte sie an diesem Punkt, ernüchtert von dem Fehlschlag, den Ausstieg finden können? "Meine Mutter ist sehr stark. Man kann auf sie einreden, am Ende tut sie, was sie will", sagt ihre Tochter, eine diplomierte Krankenschwester. Als Vertreterin der Schulmedizin, sagt sie, wäre ihre Mutter ihrem Rat ohnehin nicht gefolgt.
Auch Vera Hermann, ihre Heilpraktikerin und Freundin, mied den Konflikt. Zunächst wollte sie Mulofwa mit vorsichtigen Worten zur OP bewegen - danach könne man immer noch den alternativen Weg gehen. "Aber du hattest Scheuklappen, hast nur wahrgenommen, was noch in dein Weltbild passte", sagt sie heute, und Mulofwa bestätigt reumütig: "Du hast recht. Hättest du damals radikal auf mich eingeredet so wie andere, ich wäre nicht mehr zu dir gekommen!"
Zu dieser Zeit hatte Mulofwa bereits zwei Regalreihen voller Bücher über ihren Krebs angesammelt. Ihnen allen ist gemein, dass sie der Schulmedizin ankreiden, "nur die Symptome, nicht die Ursache" zu behandeln. Sie suggerieren einen scheinbar einfachen Weg zur Rettung. Mal sind es hochdosierte Vitamine, mal die von der Wissenschaft angeblich unterdrückten Erkenntnisse über die Heilpflanze Aloe vera, mal muss nur das Verhältnis zur eigenen Mutter bearbeitet werden. Unter verführerischen Titeln wie "Chemotherapie heilt Krebs und die Erde ist eine Scheibe" (auch ein erfolgreicher Longseller) greifen dubiose Autoren die Schulmedizin geschickt dort an, wo sie an ihre Grenzen stößt.
In einem Buch über die Germanische Neue Medizin des mehrfach verurteilten ehemaligen deutschen Arztes Ryke Geerd Hamer las Mulofwa über die "Eiserne Regel des Krebses": Tumoren beruhen demnach auf psychischen Konflikten. Mit lila Leuchtmarker hat sie die Textpassage angestrichen, in der es heißt, Schulmediziner versetzten Krebspatienten in Panik. "Wissende Patienten" aber hätten keine Angst, weil sie wüssten, dass es Metastasen gar nicht gebe.
Mulofwa sah sich bestätigt. War es nicht genau diese Panik, die sie so lähmte? Deshalb mied sie alle schulmedizinischen Ratgeber oder Zeitungsartikel und schaltete den Fernseher ab, sobald es in einer Talkshow um ihre Krankheit ging.
In ihren Büchern dagegen lernte Mulofwa, dass sie selbst verantwortlich sei für ihren Krebs. Hatte sie nicht nacheinander ihre beiden treuen Männer nach vielen Jahren guter Ehe verlassen, um schließlich 2003 einen jüngeren Afrikaner zu heiraten? "Auch wenn viele mich damals nicht verstanden haben: Es war eine tiefe Liebe auf den ersten Blick, und heute hält er treu zu mir!", sagt Mulofwa. Aber: Der Krebs sei dafür die Strafe, glaubte sie.
Unermüdlich eilte sie von Heiler zu Heiler, sie weiß nicht mehr, wie viele es waren: 20 vielleicht oder sogar 25? Sie ließ ihren Darm von böser Schlacke sanieren und sich Mistelextrakte spritzen, erprobte auch die Schlangengift- oder Eigenbluttherapie. Sie erlebte die Massenheilungen eines auf der Bühne tobenden nigerianischen Priesters und tibetische Yoga-Gruppen-Events.
Manche Erlebnisse treiben ihr heute Lachtränen in die Augen. Ein Heilpraktiker versetzte ihr einen Schubs in den Rücken, um ihre Aura zu prüfen. Sodann hörte sie, wie er im Werkzeugkasten kramte und sich hinter ihr zu schaffen machte. Eine "Reparatur der Aura", ausgeführt mit Hammer und Schraubendreher - "Klar habe ich gedacht, das ist Humbug, ein Teil von mir ist ja nicht blöd. Aber für mich galt: Es schadet ja nichts."
Anfang 2008, in den Monaten vor ihrer Kapitulation, glaubte sie sich dann in besten Händen beim Allgemeinmediziner Dr. Norbert Vogel. Die stattliche Praxis mit hellen Räumen, heute von einer Nachfolgerin geführt, liegt in einem Züricher Villenviertel, gegenüber einem Sterbehospiz. An Dr. Vogel erinnert sich Mulofwa als kleinen Mann Ende fünfzig, altmodische Bundfaltenhose, der immerzu von Jesus Christus sprach.
Ihr Brustkrebs war damals schon stark gewachsen. Immer mehr Taschentücher musste sie ins BH-Körbchen der rechten, gesunden Brust stopfen, damit ihr niemand etwas ansah. Der Tumor sonderte ein gelbliches Sekret ab, und er blutete.
Dr. Vogel habe ihr Hilfe durch das Wundermittel Amygdalin versprochen - ein Extrakt aus Aprikosenkernen, von Alternativmedizinern auch "Vitamin B 17" genannt. Ein Komplott aus Wissenschaftlern und Pharmaindustrie - so hatte sie gelesen - unterdrücke das Wissen von der Wirksamkeit dieser Substanz, weil der Stoff nicht patentierbar sei. Für die täglichen Wunderspritzen habe Mulofwa 4000 Schweizer Franken bar auf die Hand gezahlt. Vogel, der nach Südamerika ausgewandert ist und nur eine E-Mail-Adresse hinterließ, reagierte nicht auf eine SPIEGEL-Anfrage.
Die handschriftlichen Aufzeichnungen des Arztes über jene Zeit umfassen eine Seite in krakeliger Schrift, am 18. April 2008 notierte er "exulc. Tumor deutlich gewachsen blutend" - an ebenjenem Tag sah er die blutende Brust, und Mulofwa flehte ihn an, sie jetzt doch in ein Krankenhaus zu überweisen. "Ich hatte so ein schlechtes Gewissen, er hat sich ja so bemüht um mich", sagt sie.
Doch die monatlichen Blutwerte, die der Arzt abheftete, dokumentieren, dass sie sich unter seiner Obhut stetig auf eine lebensbedrohliche Blutarmut zubewegte. Als die Patientin drei Tage später im Paracelsus-Spital Richterswil von der Gynäkologin Angela Kuck aufgenommen wurde, stufte diese sie wegen der schlechten Blutwerte als zunächst nicht operabel ein. Sie erhielt Bluttransfusionen, der Krankenhauspfarrer nahm ihr die Beichte ab.
Erst nach drei Tagen war die Operation möglich, doch der Arztbericht konstatiert: Fünf von elf Lymphknoten in der Achsel waren zu diesem Zeitpunkt befallen, der Brustmuskel war infiltriert.
Neben Mulofwa im Dreibettzimmer lag die Patientin Barbara: Gleiches Alter, Darmkrebs, auch sie hatte sich nie operieren lassen wollen. Im Gespräch entdeckten beide seelenverwandte Frauen, dass sie bei den gleichen Heilern waren. Mulofwa erholte sich rasch von der OP, ihre neue Freundin wand sich bald vor Tumorschmerzen. Die Schwester schob sie in ein Nachbarzimmer. In der darauffolgenden Nacht hörte Mulofwa sie schreien, am Morgen war sie tot.
Tränenüberströmt saß sie am Abend bei Barbara im Keller, deren Leichnam lag dort von Blumen umgeben aufgebahrt. Mulofwa war geschockt; sie beschloss, anzunehmen, was die Ärzte ihr anboten: Strahlentherapie, Hormonblockade, Drei-Monats-Depotspritzen. Nur die Chemotherapie lehnte sie weiterhin ab.
In den folgenden Monaten schöpfte Mulofwa Kraft für ein neues Leben. Nach einem Dreivierteljahr fühlte sie sich gesund, verzichtete auf die Hormonblocker - die sie fünf Jahre lang hätte nehmen sollen. Ein gutes Jahr nach der OP fand sich dann erstmals ein Knoten in der anderen Brust. Die Ärztin, die sie aufsuchte, ordnete eine Ganzkörperuntersuchung im PET an.
Auf dem Tomografenbild ist ihr Körper gesprenkelt mit Punkten: Metastasen - in den Knochen, im Lymphsystem, in der Leber, in der Lunge. Sie sei nicht heilbar, sagte die Ärztin. Vielleicht könne eine "palliative Chemotherapie" die Krankheit noch für eine Weile im Zaum halten.
Heulend offenbarte sich Mulofwa ihrer Schwägerin - und diese wusste Rat: Ein Heilpraktiker in Zürich; eine Freundin habe nur Bestes berichtet.
Da war sie wieder, die Versuchung. Es dauerte nicht lange, dann unterzog sich Mulofwa wieder Kaffee-Einläufen, nahm Vollbäder mit basischen Salzen, schluckte Händevoll pflanzliche Kapseln.
Mulofwa spürte jetzt, wie ihre Kraft schwand. Täglich brachte sie weniger Gewicht auf die Waage. "Irgendwann muss jeder sterben", sagte sie zu ihren Freundinnen.
Ihr jüngster Sohn und ihre Tochter brauchten sie nicht mehr, sie würden ihren Weg schon machen. Ihr Mann würde wohl wieder zurück nach Gambia gehen. Dankbar war sie ihm, er war genau der Richtige für diese Jahre. Die Krankheit bedeutete kein Aus für das Körperliche. Die Brust, so hatte ihr Mann immer gesagt, sei für Afrikaner nicht sexy, sie diene zum Stillen.
Mulofwas Sorgenkind aber war ihr älterer Sohn, der noch bei ihr lebte. Nie hatte sie mit ihm über ihre Krankheit gesprochen, doch sie spürte, wie er litt. Ziemlich genau am Tag ihrer Krebs-OP hatte er seinen Job in einem Elektro-Großmarkt geschmissen, seither kam er nicht mehr auf die Beine. Für ihn, so dachte sie, müsste sie noch bleiben.
Der trockene Reizhusten wurde aufdringlich, am schlimmsten aber war die Atemnot. Mulofwa hatte das Gefühl, als sei ihre Lunge im Brustkorb eingezwängt.
Diesmal schickte sie ihr Heilpraktiker zu "einem Arzt seines Vertrauens": Joachim Chrubasik. Ein Ehrfurcht gebietender "Prof. Dr. med." schmückte seinen Namen.
Ein zweites Mal wog Mulofwa der Arzttitel in Sicherheit, sie glaubte, dass Chrubasik schul- und komplementärmedizinische Sicht verbinde. Heute sagt sie: "Ausgerechnet er hat mich wieder an den Rand des Grabes gebracht."
Bis 1996 leitete Chrubasik als Anästhesist eine Schmerzklinik in Heidelberg - ein anerkannter Wissenschaftler mit langer Publikationsliste. Doch er soll seine Patienten manipuliert und schon damals fragwürde Heilmethoden angewandt haben, erinnern sich frühere Mitarbeiter. Dann habe er nach Unregelmäßigkeiten seinen Beamtenstatus verloren. Sein damaliger Chef Eike Martin: "Ich war froh, dass sich das Problem so löste, denn wegen seiner Besessenheit und Selbstüberschätzung hat Chrubasik immer wieder Patienten gefährdet."
Sich und seine Welt präsentiert Chrubasik auf esoterischen Messen. Titel wie "Die Erschaffung der Welt" und "Kosmopsychobiologie" tragen die Broschüren, die an seinem Stand auf der "1. Er-Lebens-Messe" nahe Zürich erhältlich waren.
Der Professor ist ein stämmiger Mann mit rosa Gesicht, grauer Künstlerfrisur und Bärtchen. Auf der Messe predigt er gegen die Pharmaindustrie und erzählt im nächsten Moment, dass er seine Brille nicht mehr brauche, seit er regelmäßig Hagebuttenpulver zu sich nehme. Währenddessen kreisen im Publikum Medikamentenschachteln und Säfte, viele tragen im Produktnamen den Zusatz "nach Prof. Chrubasik", andere kommen von einem Pharmavertrieb unter seiner eigenen Adresse.
Mulofwa kennt viele dieser Produkte. Chrubasik habe sie ihr im Hinterzimmer einer Züricher Apotheke in zwei große Tüten gepackt und mitgegeben.
Damals, sagt Mulofwa, sei sie sofort dem Charisma des Professors erlegen. Gegen ihre Hüftschmerzen (die von den Metastasen herrührten), habe er ihr pflanzliche Schmerzmittel und gelgepolsterte Schuhe verschrieben. Heute erklärt er seine Strategie: "Das wichtigste ist, Krebspatienten schmerzfrei zu bekommen. Dann leben sie länger." Als sie ihm vom Husten und der Atemnot erzählte, habe er sie abgehorcht und gesagt, die Lunge sei frei. Auch heute bestätigt er: "Ihre Lunge war immer gut."
Miklos Pless, der sie wenig später behandelte, erinnert sich ganz anders. Mulofwa sei in dieser Zeit in einen "lebensbedrohlichen Zustand" gerutscht, erklärt der Onkologe. Im Brustkorb habe sich tumorbedingt literweise Wasser angesammelt, die Lunge sei gegen den Widerstand nicht mehr angekommen.
Mulofwa jedoch glaubte Chrubasik. Erst als daheim ihr Sohn sein Schweigen brach, geriet ihre Überzeugung ins Wanken. Weinend flehte er sie an: "Bitte, Mama, mach endlich die Chemo!" Das war der Wendepunkt. "Mit einem Mal wurde mir klar, was ich meinen Lieben aufgebürdet habe mit meiner Sturheit."
Der Onkologe Pless hatte sich gut vorbereitet auf das erste Gespräch mit seiner neuen Patientin. Er wusste, dass die Frau die Schulmedizin bisher immer abgelehnt hatte. Die meisten Patienten, sagt er, hätten Angst, dass sie im Krankenhaus in eine Spirale geraten, dass eine Therapie notwendig immer die nächste nach sich zieht. Und diese Angst sei nicht unberechtigt, findet Pless. "Deshalb verspreche ich meinen Patienten, dass ich ihre Autonomie immer respektieren werde", sagt er.
Von Komplementärmedizin habe er wenig Ahnung, gesteht er, aber er empfehle Therapeuten seines Vertrauens, wenn seine Patienten das wünschten. Gerade dass er Alternativen nicht grundsätzlich feindlich gegenüberstand, nahm Mulofwa für ihn ein.
Nach Aktenlage hatte Pless eine abgemagerte Frau erwartet, die vermutlich im Rollstuhl sitzen würde. Deshalb war er überrascht, als sie aufrecht sein Aufnahmezimmer betrat. Er sagte ihr nicht: "Wie konnten Sie es nur so weit kommen lassen!". Er sagte nicht: "Sie sind unheilbar krank." Stattdessen: "Ihr Allgemeinzustand ist immer noch recht gut. Wenn Sie sich selber eine Chance geben, könnte es Ihnen bald viel besser gehen."
Zuerst schickte er Mulofwa zum Lungenfacharzt, der ihren lebensgefährlichen Erguss in mehreren Sitzungen punktierte. Dann sagte Mulofwa ja zur Chemotherapie. Mit dem durchschlagenden Erfolg hatte selbst Pless nicht gerechnet: Die Geschwüre bildeten sich zurück, die Tumorschmerzen verschwanden, Mulofwa konnte wieder frei atmen, wenngleich der Husten blieb. Der Lungenfacharzt stellte drei Monate später überrascht fest, wie gut die Lunge wieder funktionierte.
Im Januar 2011 feierte Mulofwa ihren 50. Geburtstag und, so heißt es auf der Einladungskarte, ihr "zweites Leben". Heute, gut ein Jahr später, hat sie fünf Zyklen Chemotherapie hinter sich. Abgesehen vom Haarausfall hatte sie nie größere Probleme, sagt sie.
Sie wirke stärker als damals, sagt die Heilpraktikerin Hermann, die immer noch an ihrer Seite ist. Sie ist eine von drei Komplementärmedizinern, denen Mulofwa noch vertraut. Ihr schlichtes Fazit: "Zweimal wurde mir das Leben gerettet, zweimal war es die Schulmedizin." Sehr bewusst gehe sie jetzt an die Öffentlichkeit: "Ich will anderen Frauen meinen Weg ersparen."
Mulofwa hofft immer noch, sie könne den Krebs besiegen, mit Hilfe ihrer Selbstheilungskräfte, mit Globuli, Kräutern - und der Chemotherapie.
(*) Name der Patientin geändert.
Von Bernhard Albrecht

DER SPIEGEL 9/2012
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