05.03.2012

ZEITGESCHICHTEKlara und die Detektive

Als Präsidentschaftskandidatin der Linken sieht sich Beate Klarsfeld mit Fragen zu ihrer Vergangenheit konfrontiert. Ließ sie sich von der DDR instrumentalisieren?
Sie hat immer alles dabei. Aus ihrer Handtasche kann Beate Klarsfeld bei Bedarf ihre Biografie herausziehen, Fotobücher, die sie zusammen mit ihrem Mann Serge zeigen, oder sogar ein Papierkonvolut, das sie "meine Stasi-Akte" nennt. Bei ihrem Besuch im Berliner SPIEGEL-Büro am vorigen Freitag ließ sie gleich alles zusammen da.
Nichts habe sie zu verbergen, lautet die Botschaft der Nazi-Jägerin, auch nicht ihre intensiven Kontakte zur DDR. "Ich war immer wieder in Ost-Berlin", sagt sie, "ob als Ehrengast zum Republikjubiläum oder als Gesprächspartner von Erich Honecker." Stets sei es ihr nur um eines gegangen: "Komme ich dadurch an versteckte Nazis ran?"
Nazis im Untergrund, das ist ihr Lebensthema, und weil die 73-Jährige sich vergangene Woche von der Linken als Gegenkandidatin zu Joachim Gauck für das Amt des Bundespräsidenten aufstellen ließ, sind ihre Methoden bei der NS-Aufklärung mal wieder in die Diskussion geraten. Die neue Frontfrau der Linken sieht sich mit Fragen über ihre einstige Nähe zum SED-Staat konfrontiert: Heiligte damals der Zweck die Mittel? Oder ließ sie sich leichtfertig von der DDR instrumentalisieren?
"Die Beate, die wir intern ,Klara' nannten, war eine, die spontan ihre Entscheidungen traf", sagt Günter Bohnsack, "ihre Aktion lag genau auf unserer Linie." Bohnsack, 72, war als Stasi-Offizier bei Treffen mit Klarsfeld dabei. Ihre Zusammenarbeit mit der DDR, die 1966 begann und erst 1989 endete, betrachtet Bohnsack noch heute als grandiosen Erfolg.
Vor allem die legendäre Ohrfeige, die Klarsfeld am 7. November 1968 dem früheren NSDAP-Mitglied und damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger verpasste, erfüllt ihn mit Stolz. "Den Plan mit der Ohrfeige hat sie wohl selbst ausgeheckt, ich wusste vorher nichts davon", sagt er. "Doch das Material zu Kiesinger stammte von uns. Wir waren die Detektive im Hintergrund, und ,Klara' war die Aktionistin."
Bohnsack arbeitete in der "Hauptverwaltung Aufklärung" (HVA) des Spionage-Generals Markus Wolf, zu seinen Aufgaben gehörte die Desinformation. Mit entsprechender Vorsicht sind wohl auch seine heutigen Aussagen zu bewerten, etwa über die Reaktionen in der Stasi-Zentrale: "Wolf, unser oberster Chef, hat sich wahnsinnig gefreut über diese Aktion. Er hat einen Luftsprung gemacht und in die Hände geklatscht. So etwas entsprach genau seiner Intention, deshalb hatte er ja unsere Abteilung aufgebaut. Die Ohrfeige zeigte schlagartig, welcher deutsche Staat in der Nachfolge des Faschismus stand und welcher nicht."
Vom Stasi-Hintergrund ihrer Gesprächspartner, sagt Klarsfeld, habe sie damals nichts gewusst. "Ich traf mich mit Leuten, von denen ich annahm, sie seien Historiker mit Zugang zum Staatsarchiv der DDR."
Tatsächlich stellte die Stasi für die Zusammenarbeit mit westlichen Aktivisten und Journalisten häufig Dossiers zusammen. Verbreitet wurden diese jedoch über Institute mit seriösen Namen. Keinesfalls sollten die Besucher aus dem Westen den Eindruck bekommen, sie hätten es mit dem Geheimdienst zu tun.
Für Beate Klarsfeld und ihren französischen Ehemann Serge hatte die HVA ab Juni 1967 eigens einen Offizier abgestellt: Ludwig Nestler, einen promovierten Historiker, der sein Büro mit einer Stalin-Büste geschmückt hatte. In einer Operation namens "Zwietracht" sollte er die Erbfeindschaft zwischen Frankreich und der Bundesrepublik befeuern und insbesondere Serge Klarsfeld mit Informationen versorgen. Stasi-Chef Mielke wurde darüber in Kenntnis gesetzt: Nestler sei ab sofort für den "Frankreich-Auftrag" freigestellt, schrieb dessen Vorgesetzter in einem Vermerk; er habe den Auftrag, mit einem französischen Journalisten "zusammengestellte Dokumente und sonstige Unterlagen durchzuarbeiten".
Die Beziehung zwischen dem Stasi-Historiker und den Klarsfelds hielt jahrzehntelang. Man schrieb sich, tauschte Informationen aus. Sogar Klarsfelds Sohn Arno lernten die Stasi-Leute kennen - und fürchten. Das antiautoritär erzogene Kind, so jedenfalls will sich Nestlers Kollege Bohnsack erinnern, habe "im Restaurant die Kellner mit seinem frechen Benehmen auf die Palme gebracht".
Größere Sorgen jedoch bereitete den Stasi-Leuten Arnos Mutter. Sie fürchteten, Beate Klarsfeld könne womöglich die falschen Nazis enttarnen: solche, die der DDR genehm waren. "Wer Nazi war, bestimmten wir", betont ein früherer Mitarbeiter aus Bohnsacks HVA-Abteilung.
Denn durchaus konnten im angeblich streng antifaschistischen Osten frühere NS-Leute Karriere machen. Ehemalige NSDAP-Mitglieder gab es als Offizierein der Nationalen Volksarmee, oder sie saßen im Zentralkomitee der SED. Auch Luitpold Steidle, Gesundheitsminister in den fünfziger Jahren, und Werner Hartke, von 1958 bis 1968 Präsident der Akademie der Wissenschaften, waren Nazis.
Hätten sie nicht ebenfalls eine Ohrfeige verdient? So weit mag Klarsfeld nicht gehen. Aber, das gibt sie zu, "ein paar Fälle, die man verurteilen muss, hat es auch im Osten gegeben".
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 10/2012
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