05.03.2012

Trio infernale

Von Dettmer, Markus; Elger, Katrin; Müller, Martin U.; Tuma, Thomas

Die bekanntesten Vertreter deutschen Wohlstands sind zugleich die untypischen.

Station 1 Die buntesten Seiten des Kapitalismus

Wie ein Süßwarenhersteller Glamour zu Geld macht. Weshalb ein Kölner Proll-Pärchen TV-Erfolge feiert. Und was das alles für das Image der Reichen im Land bedeutet.

Hermann Bühlbecker steht vor einer Wand mit Fotos. "Ist das nicht toll?", fragt der Chef des Aachener Gebäckherstellers Lambertz. Die Bilder zeigen ihn mit Prinz Charles, mit Bill Clinton, Boris Becker

und, und, und … Meistens überreicht Hermann Bühlbecker eine Keksdose, manchmal schüttelt er nur die Hand eines Reichen oder Mächtigen.

"Wir sind bei den ganz Großen mit dabei", sagt er. Mit "wir" meint er sich und seine Printen, Dominosteine und Lebkuchen, für die er den Sprung in die Welt des Glamours gewagt hat. Das "manager magazin" schätzt sein Vermögen auf 150 Millionen Euro. Solche Summen geben manche Maschinenbauer aus dem Schwäbischen jedes Jahr für ihre Entwicklungsabteilung aus - nur würde denen weder George Bush noch Bill Gates auf die Schulter klopfen.

"Man muss sich schon etwas einfallen lassen, damit man für solche Leute interessant ist", sagt der Unternehmer. Vor kurzem fand anlässlich der Kölner Süßwarenmesse wieder seine alljährliche "Monday Night"-Party statt, auf der Models mit nichts als Mozartkugeln behängt auf dem Laufsteg posieren. In diesen Momenten ist er Hermann I., der Kekskönig - und zugleich eine Karikatur deutschen Reichtums, wie es natürlich noch andere gibt.

Ute Ohoven etwa, Generalkonsulin des Senegal, laut Klatschspalten "Charity-Lady" und hauptberuflich Gattin eines umstrittenen Fondsverkäufers. Oder Wolfgang Grupp, Besitzer des Burladinger Trikotagenherstellers Trigema, mit dem Talkshow-Redaktionen gern die Rolle Spätkapitalist / Unternehmer (Unterabteilung: schlicht, klar, gestrig) besetzen.

Bühlbecker spielt in diesem Ensemble eher die Gastrolle des in die Jahre gekommenen Märchenprinzen. Für den Boulevard inszeniert er eine Opulenz, die mit der Realität seines Unternehmerdaseins so viel zu tun hat wie König Ludwig II. einst mit der Sozialdemokratie.

In seiner Firmenzentrale dominieren nicht Brokat und Blattgold, sondern Noppenboden und vergilbte Lamellenjalousien. Als Bühlbecker gerade erzählt, wie er Ivana Trump zu ihrer Hochzeit eine drei Meter hohe Torte samt vergoldeten Engelsflügeln schickte, feudelt eine Putzfrau mit Kopftuch herein. "Kann ich mal?", fragt sie und fängt an, eine Falttür aus Plastik aufzuziehen, die als Raumteiler dient. "Ja, ja, kein Problem", sagt Bühlbecker freundlich.

Wie das alles zusammenpasst? "Ich sehe da keinen Widerspruch", sagt er. Er gibt den Lebemann ja nicht zum Spaß. "Im Unternehmen läge es mir vollkommen fern zu protzen. Aber die Außendarstellung der Marke muss hochwertig sein." Seine Pressereferentin nickt. "Manche glauben, wenn sie die Models mit den Designerkleidern aus Schokolade sehen, das hätte etwas mit Oberflächlichkeit zu tun", sagt sie. "Die haben's echt nicht kapiert. Das ist Haute Couture." Sie schaut sehr ernst. Bühlbecker auch. "Geniale Marketingstrategie", sagt sie.

Wenn ihr Chef den Platz für all die Geschichten über ihn und seine Partys als Anzeigen buchen müsste, wäre er verloren. Seine Gewinn-und-Verlust-Rechnung ist klar: Auf der Habenseite stehen Wiedererkennung und Werbewert, was in einer Gesellschaft, in der Bushido vom Burda-Verlag einen Integrations-Bambi bekommen kann, viel bedeutet.

Ruhm ist der neue Reichtum. Wer wüsste das besser als der Ex-Drückerkönig Carsten Maschmeyer, der es nicht wegen seiner Millionen in die "Bunte" geschafft hat, sondern weil seine Lebensgefährtin nun Veronica Ferres ist.

Auf Bühlbeckers Negativseite stehen neben den Partykosten allenfalls noch ein paar hämische Kommentare. Damit kann er leben, zumal es neben dem Firmenpatron und dem Printenprinzen noch einen dritten Bühlbecker gibt: den Privatmann.

Einst wurde er von seiner Tante und seinem Onkel adoptiert, steuerlich war das bei der Firmenübernahme nicht von Nachteil. Damals war er 26. Jetzt ist er 61.

Hermann Bühlbecker ist verheiratet, hat eine Tochter, die zurzeit in Paris zur Schule geht und irgendwann den Betrieb übernehmen soll. Von ihr ist noch nie ein Bild in der Zeitung erschienen. "Homestorys mache ich nicht", sagt der Papa. Ein öffentliches Leben wie die Geissens würde er weder wollen noch ertragen.

"Die Geissens" sind ein Kölner Unternehmer-Ehepaar, das sich regelmäßig für eine Doku-Soap von RTL II beim Irgendwie-reich-Sein beobachten lässt. Robert Geiß hatte früher eine Bodybuilder-Klamottenfirma namens "Uncle Sam", deren Verkauf ihm und seiner Gattin Carmen zu einem gewissen Wohlstand verholfen hat. Jetzt macht er in Immobilien und sie in dubio pro Shoppen.

Das Milieu, das er einst zu seinem Kundenkreis zählte, scheint seinen Lifestyle durchaus beeinflusst zu haben. Die beiden Töchter der "Geissens" heißen Davina Shakira und Shania Tyra. Im März will RTL II die dritte Staffel ihrer Alltagsabenteuer zeigen. Carmens vorwurfsvoll zerdehntes "Rooobert" gibt es mittlerweile als Klingelton, die Fan-Seiten auf www.geissens.de sind voller Hymnen darüber, wie "voll porno" die Familie sei.

Das Überraschende ist: Je ärmer die Leute, desto leidenschaftlicher scheinen sie ausgerechnet die Geissens zu lieben. Es könnte sogar sein, dass sie diese Familie deshalb so verehren, weil die als prollige Aufsteiger-Guerilla die wohlgeordneten Zirkel des alten Geldes aufmischt.

So unterschiedlich die Phänomene Bühlbecker und Geissens sind, zeigen beide doch: Als Karikatur geht Reichtum hierzulande immer - im Guten wie im Schlechten. Sie reduzieren die Komplexität des Finanzkapitalismus auf Statussymbolik. Sie geben der Anonymität der ominösen "Märkte" Gesichter. Es darf gelacht werden - mal begeistert, mal hämisch. Der rumänische Autohersteller Dacia hat zuletzt Erfolge gefeiert mit einem Werbespot, in dem ein Upperclass-Golfspieler vor seinem Clubheim auf einen Kleinwagen-Eindringling eindrischt.

TV-Servicekräfte wie Frauke Ludowig auf RTL präsentieren dazu einen Reichtum, der Botox-beladen im Zobel durch St. Moritz stolpert, sich im Sommer beim Beach-Polo in Timmendorfer Strand trifft oder Champagner-Partys auf Kampens Whisky-Meile feiert. Das Schön-Perfide: Die Kapitalismuskritik wird von diesen sogenannten Reichen gleich mitgeliefert.

Aber typisch für deutsches Geld sind die alle nicht, was sich schon daran zeigt, wie schwer es andererseits ist, echte Reiche als Zielgruppe anzusprechen. Ein bisschen ist es wie mit den Senioren, die man in der Reklame auch um Gottes willen nicht Senioren nennen darf: Wahre Reiche wollen nicht "reich" genannt werden.

Wer zum Beispiel sichergehen will, dass eine Großveranstaltung allenfalls vom Praktikanten der Lokalzeitung und schlecht beleumundeten Lederjackenträger aus dem Bahnhofsviertel besucht wird, nennt sie einfach "Millionärsmesse". Das mit viel Aplomb gestartete Reichen-Magazin "Rich" musste nach drei Ausgaben wieder dichtmachen. Das schrecklich ambitionierte Grandhotel Heiligendamm hat vergangene Woche Insolvenz anmelden müssen. Viele Touristen waren zwar zum Reichen-Gucken gekommen, was die eigentlich umworbene Klientel aber abschreckte. Und Mercedes hat von seinem Prestige-Modell Maybach (Preis: ab 400 000 Euro aufwärts) bundesweit zuletzt nicht mal mehr zwei Dutzend Exemplare jährlich verkauft.

"Die Deutschen gehen mit dem Thema Reichtum noch immer sehr verkrampft um", findet Hermann Bühlbecker. "Man kann hier nicht so einfach erzählen, wie viel Geld man hat und wofür man es ausgibt." Am Ende entstehe immer eine Neiddebatte.

In den USA sei das ganz anders. Da gelte noch: "Tue Gutes und rede möglichst viel darüber, vor allem, wenn viel Geld im Spiel ist." Bei der Charity-Gala, die Elton John ausrichtet, sammelt Hermann Bühlbecker gemeinsam mit Prominenten für einen guten Zweck. "Bei uns in Deutschland würde auch viel mehr in diese Richtung passieren, wenn die Reichen sich wohler in ihrer Haut fühlen würden."

Station 2 Die guten Unternehmer

Wie ein Hamburger Reeder politisch Flagge zeigt. Wieso ein Berliner Unternehmensgründer höhere Steuern zahlen will. Und warum das wenig Nachahmer findet.

Es gibt nicht viel, was die beiden Unternehmer Peter Krämer und Arend Oetker gemeinsam haben. Einmal saßen sie stundenlang als Tischpartner im Rahmen der Verabschiedung eines Geschäftsführers der Lampe-Bank beieinander, smalltalkten artig und wussten danach, dass die Gemeinsamkeiten zwischen ihnen begrenzt sind, erinnert sich Krämer.

Da ist Oetker, seit Jahrzehnten CDU-Mitglied, der in einer blütenweißen Villa im Berliner Grunewald residiert, wo er ein Netz in- und ausländischer Firmenbeteiligungen dirigiert, und durchaus findet, dass er ausreichend Steuern zahlt.

Peter Krämer dagegen hat vor seiner Juristenausbildung einst Pädagogik und Soziologie studiert, gilt als "roter Reeder", lebt schlicht in einer Mietwohnung und erschreckt die Hamburger Kaufmannschaft mit gelegentlichen Polit-Aktionen: Mal tauft er seine Frachter auf die Namen berühmter Widerstandskämpfer wie Sophie Scholl oder Simon Bolivar. Mal wettert er gegen den Irak-Krieg oder fordert - besonders furchterregend - eine Reichensteuer für Leute wie sich selbst.

In zwei Dingen sind sich Oetker und Krämer aber überraschend einig: Einerseits gehen beide gern stiften. Oetker ist Präsident des Stifterverbandes und gibt viel Geld für Kultur und Wissenschaft aus. Krämer baut derweil in Afrika Schulen. Die tausendste soll im Oktober dieses Jahres eröffnet werden. Andererseits haben beide für Bill Gates und dessen Spendenkampagne "The Giving Pledge" hauptsächlich Verachtung übrig - wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

Vergangenes Jahr war der Microsoft-Gründer Gates in Berlin, um die Initiative vorzustellen. Etliche US-Milliardäre hatten sich bereit erklärt, es ihm und der Investorenlegende Warren Buffet gleichzutun und die Mehrheit ihres Vermögens postum zu verschenken, um damit Gutes zu tun. Nun suchte Gates auch in Deutschland Gleichgesinnte.

Oetker war geladen - in jeder Hinsicht. Er ließ ausrichten, er habe anderes zu tun. Gemeint war: Besseres. Er mag diese Charity-Shows nicht, diesen Karitativ-Kokolores.

Krämer war gar nicht erst angeschrieben worden, findet Gates' Aktion aber auch doof: "Ich will einfach nicht, dass eine Handvoll Milliardäre bestimmt, ob nun Fischgründe in Alaska, Golfresorts in Florida oder der Kampf gegen Aids finanziert werden", sagt er. "Im Grunde gibt man damit den Gedanken eines Zentralstaats auf, der doch demokratisch legitimiert ist und wissen sollte, wofür Geld gerade am dringendsten gebraucht wird."

Die USA ticken ohnehin anders: Ziemlich hohe Erbschaft- und niedrige Einkommensteuern sorgen dafür, dass viele ihr Geld in Stiftungen geben und entsprechend laut ihr Gutmenschentum betrommeln. In Deutschland haben Stiftungen oft auch Marketinggründe: Aids- oder Kinderstiftungen sind besonders beliebt.

Gates' Initiative hat indes einen neuen, globalen Konkurrenzkampf provoziert, in dem die Deutschen weit abgeschlagen hinterherhecheln.

Ein Bündnis von 16 französischen Managern und Superreichen wie der L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt forderte zum Beispiel: "Besteuert uns!" In Italien stimmte Ferrari-Boss Luca di Montezemolo ein. Und hierzulande?

Es gibt einen Appell, mit dem "mehr als 20 Vermögende" eine Reichensteuer fordern. Zu den Unterzeichnern gehören "Bruno Haas, Philosoph, Berlin" oder "Dietrich Hauswald, Lehrer, Hamburg". Es wäre wohl übertrieben, dieses Aufgebot schon als Indiz dafür zu nehmen, dass hiesige Eliten nun ihr Geld verschenken.

Die Nische des guten Reichen bleibt deshalb Leuten wie dem Reeder Krämer überlassen oder auch Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm und seit Jahren unermüdlicher Verfechter eines staatlichen Grundeinkommens. Das Projekt ist aus vielerlei Gründen zwar unrealistisch, liefert aber Werners Fans eine romantische Projektionsfläche, mit der er schon seit Jahren die Mehrzweckhallen füllt.

Noch skurriler ist der Berliner Umzugsunternehmer Klaus Zapf, den man wegen seiner zerschlissenen Jogginghose und seines Zauselbarts für eine Mischung aus ZZ-Top-Gitarrist und Bahnhofspenner halten könnte. "Ich bin ein stinknormaler Querulant", sagt der 59-Jährige, der einst vorm Grundwehrdienst nach Berlin geflohen war, wo er im Kreuzberger Marxismus sein Unternehmen gründete, als er merkte, dass er ja von irgendwas leben muss.

Bis zu 40 Millionen Euro setzt das einstige "Umzugskombinat" heute um, dessen Führung Zapf inzwischen abgegeben hat. Er selbst wohnt in einer kleinen Wohnung auf dem Firmengelände, lässt sich vom Geschäftsführer geben, was er zum Leben braucht, kauft bei Netto ein und genießt zwei seiner drei Hobbys: Angeln in der Spree und nächtliches Pfandflaschensammeln.

Seine dritte Leidenschaft - als Kleinaktionär große Konzerne wie ThyssenKrupp, Springer, Allianz oder Axa zu verklagen - hat ihm vor ein paar Jahren der Bundesgerichtshof erheblich erschwert.

Über nichts kann Zapf besser schimpfen als über die Reichen, die nichts anderes als "eine Bande verantwortungsloser Schmarotzer" seien, und über "Politiker, die in den Taschen der Reichen" säßen. "Wenn wir die Vermögenden nicht zur Kasse bitten und über die Erbschaftsteuer immer wieder Vermögen dem Staatshaushalt zuführen und neu ausspielen, dann haben wir das Problem, dass die sich nicht für diesen Staat verantwortlich fühlen. Mit Sonntagsreden können Sie die nicht überzeugen, das ist doch alles Verarsche hoch zehn", sagt Klaus Zapf.

Beim Kartonschleppen hat er früh den Unterschied gelernt zwischen Schein und Sein. Damals hat er Möbel verrückt für Leute, die Maserati fuhren und zu Hause das Pfandsiegel des Gerichtsvollziehers auf der Kommode kleben hatten, aber auch für unscheinbare Gestalten, die über wirklichen Reichtum verfügten.

Wahrscheinlich ist es manchmal auch nicht leicht für Zapf, Zapf zu sein. Auf seine Weise ist er mit Latzhose und seinen verfilzten Haaren kostümiert wie die "Geissens" mit ihrem Bling-Bling. Nur als Gegenentwurf.

"Am Ende geht es doch um die Frage: Welchen Sinn gebe ich meinem Leben? Geldverdienen würde mir nicht reichen", sagt dann der Hamburger Reeder Peter Krämer, den die "DVZ Deutsche Logistik-Zeitung" Ende vergangener Woche zum "Menschen des Jahres" kürte.

Seine Branche hat seit der Finanzkrise enorme Einbrüche erlebt. Viele Reeder verdienen nicht mal mehr die Zinsen für die Schiffshypothekendarlehen, die sie bedienen müssen. Krämers eigene Firma Marine Service am Rand der Hamburger Speicherstadt hat wie viele andere seit der Lehman-Pleite drei Viertel ihres Werts verloren. Da bleibt auch für den Chef kein Millionengehalt.

Wenn es noch fünf Jahre so weitergeht, ist Peter Krämer kein Reicher mehr, der Reichensteuern fordert, sondern nur noch ein armer Schlucker, der sich über die da oben aufregt. Für die Medien wäre das so überraschend wie ein Frosch, der die Abschaffung von Fischreihern einklagt. Krämer wäre keine Geschichte mehr. Ob er will oder nicht: Er muss reich bleiben - ein lieber Millionär. Die hässliche Fratze des Kapitals gibt es schließlich auch.

Station 3 Die dunkle Seite der Macht

Fürs miese Image der Reichen sind nicht nur die Banker verantwortlich, sondern auch einige Raffzähne, Trickser und Abzocker in der Realwirtschaft.

Ein Teil des mächtigen Vorstands der noch mächtigeren ThyssenKrupp AG sitzt im zwölften Stock einer Art Riesenwürfel aus Stahl und Glas am Rande von Essen. Darüber ist nur noch eine Etage. In dieser 13. hat Gerhard Cromme sein Büro.

Von hier oben öffnet sich der Blick über die Stadt, das Ruhrgebiet, die Republik. Man kann sehr weit schauen, große Zusammenhänge werden sichtbar, auch wenn die Landschaft hinter den dicken Fenstern aussieht wie eine Spielzeugwelt. Cromme hat vieles davon mitgestaltet.

Mit 69 Jahren steht er jetzt ganz oben: finanziell, politisch, gesellschaftlich. Er ist Aufsichtsratschef und damit oberster Kontrolleur nicht nur bei ThyssenKrupp, sondern ebenso bei Siemens. Die Allianz kontrolliert er auch noch mit. Cromme wacht also über den größten Stahl-, den wichtigsten Technologie- und den mächtigsten Versicherungskonzern des Landes. Er ist eine graue Eminenz der Deutschland AG geworden. Und er macht sich Sorgen über die Stimmung da draußen.

"Der Kapitalismus erlebt eine echte Krise. Und es ist eine Vertrauenskrise", sagt Cromme, der zu wissen glaubt, wann das losging: Mitte der neunziger Jahre. Nach Asienkrise, geplatzter Internetblase und 9/11 begann zuerst die amerikanische Notenbank Federal Reserve, die Leitzinsen zu drücken. Sie wollte Geld billiger machen, um die Märkte zu beruhigen. Das weckte die dunkle Seite der Macht.

"Geld hat einen Wert. Wer Geld geschenkt bekommt, unterliegt der Gefahr, unvorsichtig damit umzugehen, das gilt für Bürger, Politiker, Unternehmer und Banker gleichermaßen. Dieser unvorsichtige Umgang mit Kapital hat das Risiko eines Kollapses über Jahre hinweg dramatisch erhöht", sagt Cromme.

Es ist jetzt klar, in welche Richtung seine eigene Kapitalismuskritik zielen wird: "Es gibt Beispiele, wo es unter ein und demselben Bankendach zwei Abteilungen gibt. In der einen werden raffinierte Finanzprodukte entworfen und mit beredten Worten naiven Kunden verkauft. In der anderen Abteilung wird von anderen Bankern anderen Kunden eingeredet, da kommt ein Produkt auf den Markt, bei dem eine Top-Rendite winke, wenn man dagegen wette."

Cromme hat sich jetzt in Rage geredet: "Beide Abteilungen kassieren natürlich von ihren Kunden Provisionen. Und wenn etwas schiefgeht, muss der Staat, also der Steuerzahler, einspringen. Das führte zu einem Vertrauensverlust gegenüber der gesamten Finanzwirtschaft."

Da sind wir heute. Und natürlich hat Cromme recht, aber das billige Geld hat nicht nur Banker gierig gemacht.

Und nicht nur die sind für das schwindende Vertrauen in die Segnungen des Kapitalismus verantwortlich. Die Gier pumpte auch die Internetblase auf - und mit ihr die Versprechen mancher Manager wie Unternehmer. Selbst der Hunger der Kleinanleger wuchs. Es folgten Bilanzskandale, Pleiten und Prozesse: Worldcom, Enron, in Deutschland Flowtex oder EM.TV. Dessen Gründer Thomas Haffa kam am Ende langwieriger Verfahren mit einer Geldstrafe davon und betreibt heute eine exklusive Airline.

Seither geht es vor deutschen Gerichten immer wieder um Tatbestände wie Betrug, Insolvenzverschleppung, Insiderhandel, Steuerhinterziehung oder Untreue. Staatsanwälte ermitteln hier und durchsuchen dort. Viele Vorbilder von gestern sind heute keine mehr. Und das Geld ist meist mit schuld daran: ob als Gewinnaussicht der Manager oder als Aktienkurs, als Köder oder Druckmittel.

Thomas Middelhoff baute den Kaufhauskonzern Arcandor so lange um, bis das Unternehmen kurz nach seinem Abschied Insolvenz anmelden musste. Er selbst bekam noch einen finalen Bonus von 2,3 Millionen Euro. Trotzdem wird es allmählich eng für ihn.

Seine Yacht, eine Mangusta 108, kostet ihn 730 000 Euro. Miete. Jährlich. Jüngst jammerte er vor Gericht, allein sein Familiensitz in Bielefeld verschlinge 20 000 Euro an Personalkosten. Monatlich. Schön ist das Interieur trotzdem nicht - obwohl oder weil Middelhoffs Gattin Cornelie als Innenarchitektin tätig war, mag man nicht beurteilen.

Und Post-Chef Klaus Zumwinkel hinterzog in Liechtenstein eine Million Euro Steuern und wurde dafür zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Es gibt übrigens etliche Reiche, die finden, dass Zumwinkel zwar Unrecht getan hat, aber ihm auch Unrecht getan wurde. Dass die Staatsanwälte ihn vorgeführt hätten.

Es gruselt sie, wenn sie sich vorstellen, dass auch bei ihnen morgen früh die Steuerfahnder klingeln könnten, während auf der anderen Straßenseite schon die Kameras klicken. Alles wegen einer lächerlichen Million? Es geht ja hier wie anderswo nicht um das Geld, das Zumwinkel gar nicht nötig hatte. Wegen des Verkaufs einer Familienfirma war er schon vor seinem Post-Job ein unabhängiger Mann. Es geht um Symbolkraft. Der Konzernchef Klaus Zumwinkel hat den Staat betrogen, der zugleich Großaktionär der Post ist, also sein Arbeitgeber.

Er war noch frecher als Georg Funke, früherer Chef der Hypo Real Estate, der die Bank erst in ein Milliardengrab verwandelte und nach dem Rausschmiss noch Gehalt und Pension einklagte. Und er war unanständiger als ein Bundespräsident, der in der mallorquinischen Villa seines "Freundes" Maschmeyer Urlaub machte. Man tut bestimmte Dinge einfach nicht.

Aber das Geld, das so billig geworden ist, hat eben auch manche moralische Maßstäbe verschoben, wenn auch nicht bei allen. Die Extreme bleiben haften.

Ein besonders kraftvolles Symbol für einen irgendwie verkorksten Kapitalismus wurde dabei das Bild des Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann, als er vor dem Düsseldorfer Landgericht die Finger zum Victory-Zeichen spreizte. Er war damals nur Zeuge in einem Prozess, und Ackermanns Kommunikationsstrategen haben seither alles versucht, den harmlosen Hintergrund der Geste zu erklären. Dummerweise sind Bilder umso mächtiger, je klarer sie eine bereits vorhandene Stimmung illustrieren. Ackermann wurde der Prototyp des arroganten Bankers.

"Die Leute akzeptieren auch Ungleichgewichte, wenn sie zugleich den Eindruck haben, dass nach oben eine gewisse Durchlässigkeit gewährleistet ist", sagt dann wieder Gerhard Cromme. "Auch dieser Glaube hat in den letzten Jahren gelitten - und zwar zu Recht. Die Lage der deutschen Mittelschicht wird immer prekärer. Welche Familie mit zwei, drei Kindern in der Ausbildung kann denn heute noch von einem Gehalt alleine leben?"

Wer die Augen schließt, könnte jetzt fast glauben, einem Occupy-Anhänger zuzuhören, nicht Mister Deutschland AG: "Oben werden sie immer reicher, unten herrscht im günstigsten Fall Stagnation. Ich glaube fest an das Solidarprinzip unserer Gesellschaft. Dazu müssen auch die Besserverdiener ihren Beitrag leisten."

So ein Satz wird nicht dadurch falsch, dass er in einer Hightech-Lounge unterm Dach eines der größten Konzerne der Republik fällt. Oder dadurch, dass ihn jemand ausspricht, der als Aufsichtsrat die Gagen vieler Vorstandschefs mitbeschlossen hat. Aber auch Cromme weiß, dass es in der Wirtschaft nicht nur Schwarz und Weiß gibt, nicht nur die Bösen und die Guten. Es dominieren Grautöne in allen Schattierungen.

Als Cromme, damals noch Krupp-Chef, den Standort Rheinhausen schließen wollte, bewarfen ihn die Arbeiter mit Eiern. Monatelang stand eine Mahnwache der IG Metall vor seiner Haustür. Als Chef einer Regierungskommission hat er dann Regeln für bessere Unternehmensführung mitverfasst. Darin empfahl er zum Beispiel, dass Vorstandschefs nach ihrem Abschied nicht direkt in den Aufsichtsrat wechseln sollten, wo sie dann ihre eigenen Nachfolger kontrollieren. Cromme selbst war zuvor vom ThyssenKrupp-Vorstand direkt an die Spitze des Aufsichtsrats gewechselt. Zuletzt hat er sich dafür starkgemacht, dass auch Kontrolleure wie er mehr Geld bekommen. Er findet das nur fair. Cromme erhielt im Jahr 2010 für seine drei Aufsichtsratsmandate bei Allianz, Siemens und ThyssenKrupp 915 400 Euro - rund 15 Prozent mehr als im Jahr davor.

Dem Image der Eliten in Deutschland hilft vielleicht auch das nicht unbedingt, wobei man fairerweise sagen muss: Die Karikaturen und Inszenierungsprofis sind glücklicherweise nicht typisch, die Rebellen und Wohltäter leider nicht, die Abzocker, Trickser und Kriminellen beruhigenderweise nicht. Sie alle aber bestimmen die öffentliche Wahrnehmung von Reichtum, was schlimm genug ist für jene, die viel eher repräsentativ sind, aber dabei still statt schrill.

Lesen Sie im nächsten Heft:

Zu Besuch bei der Unterschicht der Oberschicht, einem Konzernchef und einem Selfmade-Milliardär

SERIE REICHE (II) Die Reichen werden weltweit reicher. Der französische Sozialist François Hollande kündigte vergangene Woche eine 75-prozentige Steuer auf Einkommen ab einer Million Euro für den Fall an, dass er die Präsidentschaftswahl gewinnt. Und hierzulande? Wer sind "die Reichen" überhaupt? Wie sehen sie den Rest der Republik? Auf der Suche nach Antworten will der SPIEGEL im Rahmen einer vierteiligen Serie weder Sozialneid-Parolen schüren noch Hymnen anstimmen, sondern sich kritisch auseinandersetzen mit den Ansichten von Top-Managern, Unternehmern, Erben und Stars.


DER SPIEGEL 10/2012
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