05.03.2012

LEBENSLÄUFEFrau im Sturzflug

Melitta Gräfin von Stauffenberg galt bisher als eine der wenigen am Widerstand gegen Hitler beteiligten Frauen. Eine neue Biografie stellt genau das in Frage.
Sie setzte ihr Leben ein, dauernd, setzte es ein, als wäre es nichts. Bis zu 15-mal am Tag hob sie ab und riss, wenn sie hoch genug war, die Spitze ihres Flugzeugs Richtung Boden, stürzte senkrecht hinab und schwang sich in der letzten Sekunde wieder hinauf.
Der menschliche Körper kann solche Sturzflüge kaum aushalten, meistens reagiert er mit dem Verlust des Bewusstseins. Melitta Klara Schenk Gräfin von Stauffenberg aber beruhigte die Leute, die sich um sie sorgten, und sagte, sie verliere ihr Bewusstsein ja immer nur für kurze Zeit.
War es Wahnsinn? Mut? Ehrgeiz? Erkenntniswille? Und wer war diese Frau, die so etwas tat?
Melitta Stauffenberg, geboren 1903, gestorben im April 1945, nachdem ein Flugzeug sie abgeschossen hatte, war Pilotin und Ingenieurin. Mit ihren Sturzflügen wollte sie herausfinden, wie die Maschine technisch verbessert werden konnte.
Sie war die zweite Frau, die in der NS-Zeit den Titel Flugkapitän verliehen bekam. Dass sie das schaffte und noch mit militärischen Orden ausgezeichnet wurde, ist fast nicht zu verstehen. Denn nach den Nürnberger Rassegesetzen galt sie als "jüdischer Mischling" - niemand, den der NS-Staat vorzeigen wollte.
Vielleicht haben sich bisher nur wenige eingehender mit diesem Leben befasst, weil das so schwer zu begreifen ist und weil sich dieses Leben ohnehin gegen Einordnungen sperrt.
Doch eigentlich war es fahrlässig, sich nicht genauer mit Melitta Stauffenberg zu beschäftigen, denn das Spärliche, was schnell über sie zu erfahren ist, wirkt ungeheuerlich: Sie, die die Schwägerin von Claus Schenk Graf von Stauffenberg war - ebenjenem Mann, der am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler verübte -, habe von dessen Plänen gewusst und den Auftrag gehabt, ihn nach dem Attentat von Ostpreußen nach Berlin zu fliegen.
So ist es nachzulesen in der wichtigen Claus-Stauffenberg-Biografie des Historikers Peter Hoffmann. Und so heißt es auch in der bisher einzigen Melitta-Stauffenberg-Biografie von Gerhard Bracke. Aus diesen Plänen sei nichts geworden, trotzdem wäre Melitta Stauffenberg somit eine der wenigen am 20. Juli aktiv beteiligten Frauen.
Ein echter Engel also, der da aus dem Himmel gestürzt kam?
In einer Biografie, die am Freitag dieser Woche erscheint, wird ihr Fall neu bewertet(**1). Der Autor ist der Publizist Thomas Medicus, 58. Er bezweifelt, dass Melitta Stauffenberg beim Hitler-Attentat am 20. Juli eine Rolle gespielt hat. Aber er entwirft das Porträt einer schwierigen, hochinteressanten Frau. Was sie tat und wie sie war, lässt Rückschlüsse zu auf die Widersprüche und Schlupflöcher des fürchterlichen Systems, in dem sie lebte.
Melitta Klara Schenk Gräfin von Stauffenberg wurde bürgerlich geboren, ihr Vater war Baurat, konvertierte vom Judentum zum Protestantismus. Früh zeigte sich, dass sie begabt war, vor allem in der Physik. Sie war auch sportlich, forderte sich bis an alle Grenzen. Als junge Frau aß sie wenig. Heute würde sie vielleicht als magersüchtig gelten.
Eine Süchtige - so will es Medicus - wird sie bleiben. Auch das Fliegen wird zur Sucht, sie konnte nicht anders, begab sich immer an den Rand des Todes.
1931 lernte sie ihren späteren Mann Alexander kennen, einen älteren Bruder von Claus Stauffenberg und angehenden Professor für Alte Geschichte. Das Paar konnte bei der Hochzeit 1937 noch verhindern, dass die jüdische Herkunft der Braut aufflog, aber 1940 fanden die NS-Beamten es heraus. Melitta Stauffenberg ging in die Offensive, beantragte, "Deutschblütigen" gleichgestellt zu werden. Das war riskant. Der Rassenwahn verschärfte sich zu dieser Zeit.
Melitta Stauffenberg aber kannte die wichtigen Leute im Luftfahrtministerium, und die setzten sich für sie ein. NS-Deutschland war angewiesen auf die Fortschritte in der Luftfahrt.
Per Dekret erklärte man sie für "deutschblütig", sie galt nun als "Ehren-arierin". 1943 bekam sie das Eiserne Kreuz II. Klasse, das ihr Luftfahrtminister Hermann Göring überreichte. "Urgemütlich" sei der Empfang bei ihm zu Hause gewesen, notierte sie. Sie wollte die Nähe zu diesen Leuten, weil sie fliegen wollte. Die Sucht war stark.
1944 das Attentat auf Hitler. Medicus belegt auf mehreren Seiten, dass Melitta Stauffenberg gar nicht in die Pläne eingeweiht gewesen sein konnte. Er glaubt, dass derjenige, der das behauptet hatte - ihr Kollege Paul von Handel -, sich nur wichtig machen wollte. Schon im Mai oder Juni 1944, so Handel, hätten der Attentäter und seine Schwägerin über die Flugstrecke Wolfschanze-Berlin gesprochen - da allerdings war noch gar nicht klar gewesen, dass das Attentat im Führerhauptquartier Wolfschanze stattfinden könnte.
Wie alle näheren Familienangehörigen kam auch Melitta Stauffenberg nach dem gescheiterten Attentat ins Gefängnis, wurde aber nach sechs Wochen entlassen, denn sie galt als "kriegswichtig".
Es scheint, als habe die Haft sie gelehrt, welchem Regime sie diente. Nun setzte sie alles daran, ihren verhafteten und in Deutschland verstreuten Verwandten beizustehen. Es war nicht leicht herauszufinden, wo die Stauffenbergs sich aufhielten, und dass sie zu ihnen vorgelassen wurde, ist erstaunlich.
Manchmal kreiste sie nur mit ihrer Maschine über dem KZ Buchenwald und zog dann wieder davon. Sie wollte zeigen, dass sie da war, aufpasste. Manchmal aber landete sie auch und besuchte ihren Mann, so erzählten Zeugen. Nun war ihre "Nächstenliebe so radikal wie alles, was sie in ihrem Leben angepackt hatte", schreibt Medicus. Bei einem Flug, am 8. April, einen Monat vor Kriegsende, wurde sie wahrscheinlich von einem US-Flieger abgeschossen und starb.
"Wenn sich ein Leben gegen moralische Vereindeutigung sperrte, dann ihres", schreibt Medicus. Ihre Existenz stehe eher für die "Antimoral eines gefährlichen Lebens, dem es weniger darauf ankam, etwas Bleibendes zu hinterlassen, als sich ebenso schonungs- wie restlos an sich selbst zu verbrauchen".
Vielleicht stimmt das. Und doch steht Melitta Stauffenbergs Einsatz für die Häftlinge für sich. Dass sie ihnen nur helfen konnte, weil sie über gewisse Kontakte verfügte, zeigt, dass die Lehren, die aus der Vergangenheit zu ziehen wären, nicht so einfach zu haben sind.
So oder so weist ihr Fall durchaus über sich selbst hinaus. Denn ein Regime, das eine Frau zuerst zum "Mischling" und dann für "deutschblütig" erklärt und dieselbe Frau noch dafür belohnt, dass sie sich den herrschenden Rollenbildern verweigert, führt sich schon am Beispiel dieser einen Person ad absurdum.
(*1) Im Führerhauptquartier Wolfschanze am 15. Juli 1944.
(**2) Thomas Medicus: "Melitta von Stauffenberg. Ein deutsches Leben". Rowohlt Berlin Verlag, Berlin; 416 Seiten; 22,95 Euro.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 10/2012
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