12.03.2012

UNTERNEHMENSpur nach Indonesien

Der Ferrostaal-Konzern bemühte sich nach der Schmiergeldaffäre um ein sauberes Image. Nun rückt ausgerechnet ein Mann an die Spitze, gegen den ermittelt wird.
Sollte sich je ein Fahnder den Spaß machen, Top-Ten-Listen aufzustellen, mit den besten Ausreden oder den besten schauspielerischen Leistungen in der Geschichte der Kriminalistik, dann hätte Klaus Lesker einen Platz verdient. In der Kategorie "Bester Satz im Moment der Verhaftung".
Von Lesker ist der Stoßseufzer überliefert: "Nicht schon wieder!"
Klang das entsetzt? Genervt? Oder einfach routiniert? Jedenfalls fiel der Satz, als Münchner Staatsanwälte am 24. März 2010 in Leskers Vorstandsbüro bei der Essener Ferrostaal AG einmarschierten. Schon im Juli 2009 hatte der Manager unangemeldeten Staatsbesuch bekommen, auch damals wegen Korruptionsverdacht. Und schon damals saß er kurz darauf ein erstes Mal in U-Haft; später wurde das Verfahren eingestellt, Lesker zahlte eine Geldbuße von 240 000 Euro.
Bis heute laufen zwei Ermittlungsverfahren gegen ihn, eines in München, eines in Essen. Umso überraschender, dass nun ausgerechnet "Nicht schon wieder"-Lesker an die Spitze des Anlagenbauers mit mehr als 4000 Mitarbeitern rückt. Schließlich kämpft das Unternehmen schon seit fast zwei Jahren mit den Folgen einer gewaltigen Korruptionsaffäre.
Mit dem Aufbau einer riesigen Anti-Korruptionsabteilung sollte seitdem der ramponierte Ruf wieder aufgebessert werden. Und erst kürzlich hat sich der Konzern mit der federführenden Staatsanwaltschaft München geeinigt, für alte Sünden 140 Millionen Euro Geldbuße zu zahlen.
Vergangene Woche übernahm der Hamburger Investor MPC Industries die Ferrostaal. Damit kommt auch ein alter Bekannter zurück, Lesker, der nach der letzten Verhaftung seinen Posten in Essen auf Druck des Aufsichtsrats räumen musste - und anschließend bei MPC angeheuert hatte. Er wird einer der beiden führenden Vorstände der Ferrostaal, die in eine
GmbH umgewandelt wird. Eine riskante Personalie, denn die Essener Staatsanwaltschaft lässt mitteilen, sie stecke noch tief in den Ermittlungen gegen Lesker. Worum es geht, zeigt ein konzerninterner Geheimbericht von 2011, in dem bisher unbekannte Vorwürfe auftauchen. Auch gegen Lesker.
Die Spur führt nach Indonesien: Im Jahr 1996 sollte Ferrostaal dort mit zwei anderen Firmen einen Windkanal für 152 Millionen Dollar bauen. Das Geschäft zerschlug sich, doch dem Konsortium blieb ein Anspruch auf sechs Millionen Dollar, für die eine indonesische Staatsfirma geradestehen sollte. Die aber stellte sich taub. Jahrelang forderte das Konsortium das Geld, jahrelang rührte sich nichts.
2006 ging dann alles plötzlich ganz schnell. Im Oktober verkaufte die Tochtergesellschaft Ferrostaal Singapur die scheinbar aussichtslose Forderung. Sie landete für nur zehn Prozent ihres Wertes, rund 600 000 Dollar, bei einer Briefkastenfirma, die erst einen Monat zuvor gegründet worden war. Schon im Dezember zahlten die Indonesier an diese Adresse die erste Hälfte der Außenstände, den Rest gab es ein Jahr später.
Gegenüber ihren Konsortialpartnern verschwieg die Ferrostaal-Führung, dass man immerhin 600 000 Dollar erhalten hatte. Aber um diese kleine Sauerei geht es für die Ermittler eher am Rande. Sie interessieren sich mehr dafür, warum die Indonesier plötzlich doch zahlten und wo die restlichen 5,4 Millionen Dollar blieben.
Es gebe Hinweise, dass sich Ferrostaal-Angestellte die Beute mit indonesischen Regierungsmitgliedern geteilt hätten, heißt es in dem Konzernbericht. Die hätten zuvor dafür gesorgt, dass die Staatsfirma ihre Blockade aufgab. Eine Tochter des früheren Diktators Suharto soll den krummen Deal eingefädelt haben. Und Lesker steht im Verdacht, das alles gedeckt zu haben.
"Das für Indonesien zuständige frühere Vorstandsmitglied" - Lesker - war "klar und direkt daran beteiligt", stellten die Konzernermittler fest. Dafür spreche: Lesker habe einen Repräsentanten der Briefkastenfirma schon seit Jahren gekannt, habe sich außerdem über den Fortschritt der Verhandlungen und die Zahlungen auf dem Laufenden halten lassen.
Unterdessen ermittelt München weiter wegen "Bestechung im geschäftlichen Verkehr". Der Manager soll noch von mehr dubiosen Zahlungen gewusst haben. "Ich habe mir nichts vorzuwerfen", sagt dagegen Lesker und zeigt sich überzeugt: "Zu dieser Ansicht wird auch die Staatsanwaltschaft kommen." Und die MPC, neue Herrin im Haus Ferrostaal, stellt ihm das dazu passende Leumundszeugnis aus: "Wir kennen Dr. Lesker seit vielen Jahren, in denen wir uns von seiner integren Persönlichkeit überzeugen konnten", beteuert MPC-Gesellschafter John Benjamin Schroeder, der sich künftig die Ferrostaal-Führung mit ihm teilt. Die laufenden Ermittlungen würden sicher bald eingestellt.
Diesen Optimismus teilt bislang allerdings weder die Staatsanwaltschaft Essen noch die in München.
(*) Mit den MPC-Gesellschaftern Axel und John Benjamin Schroeder im Juli 2008.
Von Jürgen Dahlkamp und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 11/2012
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